Willkommen auf den Seiten einer Französischdolmetscherin. Ich lebe in Berlin, und bis zum Beginn der hiesigen Filmfestspiele antworte ich an dieser Stelle immer freitags auf Antworten. Heute Annika: "Wie sieht eigentlich so ein Weg zur freiberuflichen Dolmetscherin aus? Kannst Du vielleicht mal ein bisschen über Deinen Werdegang bloggen? Und ist es am Anfang unumgänglich, dass man quasi auch kleinere Jobs für solche Übersetzungsportale wie Textking etc. mit annimmt? Oder gibt es auch andere Berufseinstiege?"
Liebe Annika, hier der erste Versuch einer Antwort. Die Frage ist komplex. Ich hoffe, Dir ein paar sinnvolle Hinweise geben zu können ... In acht Tagen folgt der 2. Teil.
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| Arbeitsort Dolmetscherkabine für die Grundlagen |
Schon als Teenager wollte ich eines Tages fließend und akzentfrei Französisch sprechen. Meine Familie ist über Generationen mit Frankreich verbunden, ich konnte mich bei diesem Ziel der Unterstützung durch die Eltern sicher sein. Wichtig war für mich also schon in der Schule, gute Lehrer zu finden. So wechselte ich z.B. nach der 11. Klasse auf eine (viersemestrige) Oberstufe in eine Klasse, die Französisch als erste Fremdsprache hatte, nachdem ich diese Sprache auf einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium als zweite Fremdsprache (und über Jahre mit weniger Stunden) gelernt hatte.
Damit hatte ich mein Ziel klar im Blick, auch, wenn meine Schulnoten erstmal schlechter wurden. Den Schulwechsel erleichtert haben mir Feriensprachkurse an einer französischen Universität, zu denen ich als Teenager in den Sommerferien fuhr. Ich war in der Schule kein Streber, sicher in allen geisteswissenschaftlichen Fächern überdurchschnittlich, aber phasenweise auch faul und ich pflegte meine unglückliche Liebe zur Mathematik und derlei. (Die Schulwahl hatte sich zunächst daraus ergeben, dass besagtes Gymnasium damals das einzige vor Ort war. Zur neuen Schule fuhr ich mit der Eisenbahn in die übernächste Kreisstadt.)
Ich habe nach dem Abi in Frankreich studiert, anfangs wieder mit schlechten Noten ... und kann sagen, dass mich immer eine Mischung aus Dickköpfigkeit, Fleiß, System und Zielstrebigkeit vorangebracht hat. Fleiß: Ich besitze noch heute die Schuhkartons voller Vokabelkarteien. System: Früh habe ich bewusst alle Sinne zum Lernen verwendet, seit ich 14 wurde, lief in meinem Zimmer die ganze Zeit "France Culture", was ich in Schwaben an der Grenze zu Frankreich sogar (nur leicht verrauscht) im "UKW-Band" hören konnte. Das ist heute mit dem Internet viel leichter und viel schwerer zugleich. Es gibt mehr Auswahl und dadurch auch mehr Zerstreuungsmöglichkeiten.
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| Das Bonbon: Auf der Berlinale |
Parallel zum Fachstudium (Französische Literatur und vergleichende Landeskunde, Kultur- und Politikwissenschaft) machte ich meine ersten Berufserfahrungen als Assistentin, Sprecherin, Reporterin ... anfangs oft als Praktikantin. So rutschte ich in mein erstes Berufsleben rein. Als im ersten Job, ich war Fernsehredakteurin, die Unzufriedenheit wuchs, studierte ich weiter, inzwischen in Berlin:
Interkulturelle Fachkommunikation.
Rückblickend sieht das geradlinig aus, denn schon mit 21 Jahren habe ich an der Pariser IHK das Diplom zur
Fachübesetzerin für Wirtschaft und Handel abgelegt (das es heute leider nicht mehr gibt, es war die gemeinsame Übersetzerprüfung der Handelskammern von Paris und Düsseldorf).
Für angehende Dolmetscher ist eine grundlegende Eigenschaft sicher ebenso wichtig wie für künftige Journalisten: Das Interesse an der Welt. Ich bin offen, neugierig, gehe auch auf Berühmtheiten locker mit Fragen zu, hake nach, frage nach Vokabeln, wenn sich mir etwas entzieht. Ich lerne täglich. Ich habe die wirtschaftliche Sicherheit der Redaktion gegen eine manchmal etwas bedrohliche Freiheit ausgetauscht. Jene, mit denen ich einst zeitgleich ins Berufsleben startete, haben mich teilweise (mitunter mit
unlauteren Mitteln) überholt. Anstatt mich zu sehr zu ärgern, arbeite ich mit viel Hingabe auch weiter für kreative Projekte und mit den Menschen, die wirklich wichtig sind, selbst dann, wenn am Ende das Geld mitunter nicht stimmt.
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| Ab und zu TV-Arbeit, hier: Kanzlerinterview für France 2 |
Kurz: Unerschütterlicher Optimismus ist für uns Freiberufler wichtig. Nur an der Geduld arbeite ich noch
.... und daran, den Verwaltungsaufwand kleiner zu halten, aber das hängt ja leider nicht von mir ab, denn es gibt da stets viele Regeln und Gesetze zu beachten. Dieser letzte Punkt wäre für mich am ehesten ein Ausstiegsgrund. Noch einen zweite sehe ich: in den letzten Jahren scheint Qualität weniger zu zählen. Da finden immer mehr Diskussionen auf
simplified facebook english statt und nicht nur die Englisch-Mutterspracher sind verärgert; da nölen Leute ohne Sprechausbildung und zum Teil ohne kulturelles Fundament in den Medien rum oder nahezu Wildfremde fragen uns mit Sätzen an wie: "Wir haben vergessen, die Kosten für Ihre Arbeit zu kalkulieren, können Sie uns einen Freundschaftspreis machen?" ... und zahlen dann erst nach der 3. Mahnung. (Das könnte mich am Ende vielleicht doch in eine Festanstellung treiben, die dann aber wohl weniger von Kultur geprägt ist.)
Résumé: Wem als Schüler also das Ziel wichtiger ist als der
Numerus Clausus, wer in den Ferien und im Studium Sprache lieber im Ausland einatmet, als sie zu Hause zu pauken, wer mit Energie, Aufopferungsbereitschaft, Optimismus und Leidensfähigkeit ausgestattet ist, darf eventuell mit einer Sprachmittlertätigkeit mit kulturellem, sozialem und politischem Schwerpunkt liebäugeln. Grundsätzlich gilt, ein Fachstudium auszusuchen, mit/von dem sich ansonsten auch leben ließe. Ich empfehle viel Sorgfalt bei der Auswahl des Studiums und Berufs in dem Sinne, dass wir Menschen ja mehr Zeit mit dem Broterwerb zubringen als mit dem/der Liebsten ...
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Fotos: CE und privat (Archiv)