Mittwoch, 28. September 2011

Berufseinstieg

« BONJOUR! » Keine Angst, hier geht es nicht auf Französisch weiter! Sie sind auf eine Seite des öffentlich geführten Arbeitsjournals einer Dolmetscherin und Übersetzerin mit Wohnsitz Berlin gestoßen. Hier gewähre ich Einblicke in unseren Arbeitsalltag — und bemühe mich, auch Fragen der geneigten Leserschaft so gut ich kann zu beantworten.

Auf eine Leserfrage in den Kommentaren geht meine Recherche in der Frage zurück, wie Nachwuchsdolmetscher heute am besten ihre freiberufliche Karriere starten. Ich schrieb einige Nachwuchsleute an und muss zugeben, dass ich leider bislang nur Antworten von geringer Vielfalt erhalten habe, weshalb dieser Eintrag noch auf sich warten lässt.

Dolmetschen auf der Messe scheint noch immer eine Option zu sein, schrieb mir ein Nachwuchsdolmetscher, aber eine weniger oft genutzte als noch vor einigen Jahren, wie meine Marktbeobachtungen ergaben, was allerdings am Angebot liegt: Die Geiz-ist-geil-Mentalität hat hier offenbar die Sitten und Gebräuche etwas verdorben.

Eine andere junge Frau, Absolventin eines Dolmetscherstudiengangs, hat sich von einer Institution festanstellen lassen, in der sie nun mit konkreten Verwaltungsaufgaben ihre Sprachen täglich anwendet. Etwas Ähnliches beobachte ich bei Idiomen mit weniger Nachfrage, wenn eine Übersetzerkollegin zum Beispiel für die Öffentlichkeitsarbeit einer Botschaft verantwortlich zeichnet. Nicht zielführend, aber vermutlich aussagekräftig für die derzeitige Stimmung, waren Mails mit süßen Anhängen: Die Absenderinnen befinden sich (in mindestens einem Fall deutlich früher als geplant) in der Elternpause und zeigten stolz ihre Babies vor. Eine andere Kollegin blieb noch einige Jahre länger in der Dolmetscherausbildung ... als Dozentin.

Die Absolventen der renommiertesten Ausbildungsstätten finden, so hörte ich, weiterhin bei den europäischen Institutionen rasch Anstellung oder Gelegenheit zur freiberuflichen Mitarbeit. Hier werden auch von Hause aus mehrsprachige Akademiker anderer Fächer ausgebildet, z.B. Agrarwissenschaftler, Juristen, Verwaltungswissenschaftler etc.

Gerne würde ich an dieser Stelle ausführlicher über dieses Thema schreiben. Wenn Sie in dieser Situation sind oder jemanden kennen, die/der sich gerade mitten im Berufseinstieg befindet, würde ich mich über eine Nachricht (hier oder als Mail) sehr freuen. Ich kann Ihnen zusichern, nur nach Rücksprache, anonymisiert und in Auszügen aus Ihren Zuschriften zu zitieren.

Vorab ein Rechercheergebnis: Hier stehen Überlegungen zu Ausbildung und Arbeit von Dolmetschern im Justizbereich.

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Illustration: Interpreting for Europe

Kommentare:

Matthias Haldimann hat gesagt…

Schon seit geraumer Zeit verfolge ich die Tagebucheinträge der Dolmetscherin in Berlin mit großem Interesse. Zum Post über den Berufseinstieg habe ich nun auch endlich etwas Wesentliches beizutragen: Ich bin selbst Berufseinsteiger und habe gerade damit begonnen, diese Erfahrung gemeinsam mit einem weiteren Absolventen aus Heidelberg in einem Blog festzuhalten. Im ersten Eintrag beschreibe ich, wie ich zu meinem ersten Auftrag gekommen bin. Vorläufiges Fazit für den Berufseinsteiger: Suche dir ein Dolmetschinstitut mit guten Dozenten für deinen Arbeitssprachen. Konzentriere dich nicht nur aufs Dolmetschen, sondern versuche auch zu lernen, wie man sich auf dem Markt verhält (http://2interpreters.tumblr.com).
Ich freue mich auf viele weitere Einblicke in die Berliner Dolmetschpraxis.
Matthias

caro_berlin hat gesagt…

Lieber Matthias,

Glückwunsch zum Abschluss und zu der Idee eines gemeinsamen Blogs! Ihr habt eine neue Leserin gewonnen, auch und gerade, weil es erst einen Eintrag gibt. Da werde ich nun alles Weitere als eine Art "Hebamme" (welch' Ehre!) sehr genau beobachten!
Hier rasch Euer Link auch anklickbar: 2interpreters

Toi, toi, toi ... und jetzt bitte nicht das sagen, was wohlerzogene Menschen gemeinhin darauf antworten; da ich auch eine Filmersozialisation habe, darf ich Euch mitteilen, dass dieses Milieu ein wenig ... naja, zum Aberglauben neigt und dass derlei Höflichkeit als implizite Vorwegnahme des guten Ausgangs kein Glück bringen soll ... ;-)

Gruß nach Heidelberg,
Caroline

Matthias Haldimann hat gesagt…

Liebe Caroline,

Zum Glück bin ich nicht zu wohlerzogen, sondern habe eine ausreichende Theatersozialisation hinter mir, um darauf zu sagen: Schaumamaaal, wird schon schief gehn!

Es ist uns natürlich eine Ehre, Dich als Leserin gewonnen zu haben. Auf einen fruchtbaren Austausch!

Grüße nach Berlin,
Matthias

Anonym hat gesagt…

Liebe Bloggerin,

vielen Dank für diesen Eintrag - darauf habe ich seit meiner Anfrage in den Leserkommentaren schon gespannt gewartet :)

Solche Blogs sind goldwert für die berufliche Orientierung!

Letztendlich erscheint es mir sinnvoll, sich zuerst ein Fachgebiet und breites Allgemeinwissen anzueignen (leider wird bei dem hektischen Bolognastudium dieser Aspekt oft außer Acht gelassen) und sich dann um einen Masterstudienplatz im Dolmetschbereich zu bemühen.

Die Messeoption, die Sie hier ja auch anführen, ist und bleibt wohl der Klassiker für den Einstieg in die Dolmetschpraxis.

Zu den Dolmetschinstituten und guten Dozenten: die Qualität kann man ja von außen nicht begutachten – daher ist man auch über jeden Erfahrungsbericht froh!!

Lieben Gruß

Anonym hat gesagt…

Danke für diesen Eintrag! Gruß aus Paris von Anna
... aus dem Potsdamer Seminar 2007!