Montag, 23. Januar 2012

Sprengstoff und Silikon

« Bienvenue !» Sie sind auf den Arbeitstagebuchseiten einer Berliner Übersetzerin gelandet, die daneben auch als Französischdolmetscherin für Kino, Filmwirtschaft, Medien, Politik und Wirtschaft arbeitet.

Nein, unter der Überschrift "Sprengstoff und Silikon" folgt jetzt kein Kommentar zu den Brustimplantaten französischer Fertigung, die, weil sie unter Verwendung von Industriesilikon gefertigt wurden, aus manchem "Holz vor der Hütt'n" einiger vermeintlicher "sex bombs" ... naja, Sprengstoff machen. Aua, was für ein Anfang, schön politisch unkorrekt und vermutlich nur möglich, weil hier eine Frau schreibt.

Oft mahnen wir an dieser Stelle an, dass gute Übersetzung Zeit braucht. Wie die Webzeitung "heise onlinegestern vermeldete, hat Zeit neulich an herausragender Stelle gefehlt: Bei der gerade in einer Auflage von 250.000 Exemplaren erschienen Übersetzung der Biografie des vor kurzem verstorbenen Apple-Vaters Steve Jobs. Sechs Übersetzer teilten sich den Jobs-Job (sorry, musste sein!) und lieferten anscheinend eine Arbeit ab, der man ansieht, dass aus Zeitgründen auch noch die Schlussredaktion gekürzt oder gestrichen worden war.

So wurden, wie der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) in Sachsen gerade vermeldet hat, etliche Übersetzungsfehler in das Buch eingebaut.
Beispiele gefällig?
„Für Steve Jobs beginnt der Aufstieg zum strahlenden Olymp der Erfinder mit dem Bericht über zwei Elternpaare und die Kindheit in einem Tal, das gerade lernte, wie man Silikon in Gold verwandelt“.
Nicht Silikon ist gemeint, hier haben wir wieder unsere Sprengstoff-Implantante, sondern die Substanz, die "Silicon Valley" seinen Namen gab: Silizium. Das Wortpaar silicone und silicon erweist sich hier nicht unbedingt als schlüpfrig, was die Gedanken der Übersetzer möglicherweise gewesen sein mögen, sondern nur als rutschig. (Pikanterweise gibt es in Kalifornien eine ironisch silicone valley genannte Gegend, in der sich vor allem die Pornoindustrie angesiedelt hat.)

"heise online" zitiert eine zweite Buchstelle:
Über 700 Seiten ...
"Einmal brachten wir unter dem Stuhl unserer Lehrerin Mrs. Thurman Sprengstoff an. Das hat sie wirklich fertiggemacht." (One time we set off an explosive under the chair of our teacher, Mrs. Thurman. We gave her a nervous twitch.) 
Naja, auch Knallfrösche sind in den USA explosives, das schien sich dem/der Übersetzer/in im Moment der Übertragung entzogen zu haben. Konsequent weitergedacht wäre die Lehrerin nach dem "Aussitzen" von Sprengstoff endgültig "fertig" gewesen.

Was passiert eigentlich, stellt sich mir da die für Sekundenbruchteile aufblitzende Frage, mit explodierenden Silikonbrustteilen? Nee, zu unkorrekt, derlei zu schreiben, das geht gar nicht, nicht mal für eine Frau.

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Foto: Bertelsmann

Kommentare:

Alexander hat gesagt…

So berechtigt derlei Kritik sein mag, so schwer tue ich mich mit derart öffentlicher Kritik. Hätte nicht ein Brief an den Verlag erst mal gereicht?

caro_berlin hat gesagt…

Das Thema rauscht derzeit durch die Gazetten und Bertelsmann ist ja nun mal kein armer Kleinstverlag, der im Wettlauf mit einem anderen Buchstart durch rasche Herausbringung des einen Topsellers ums Überleben kämpft ... die Kosten für ein gutes Korrektorat hätte dieser Großverlag (der, als ich das letzte Mal nachsah, eines der neuntgrößten Medienunternehmen weltweit war) nicht mal gespürt. Sorry, aber nee, nee, das musste leider sein.

André hat gesagt…

Und es geht noch schlimmer!

Man sehe sich nur die neue Blanvalet-"Neuübersetzung" von Game of Thrones an....