Freitag, 13. Januar 2012

Lebenswege, die Erste!

Willkommen auf den Seiten einer Französischdolmetscherin. Ich lebe in Berlin, und bis zum Beginn der hiesigen Filmfestspiele antworte ich an dieser Stelle immer freitags auf Antworten. Heute Annika: "Wie sieht eigentlich so ein Weg zur freiberuflichen Dolmetscherin aus? Kannst Du vielleicht mal ein bisschen über Deinen Werdegang bloggen? Und ist es am Anfang unumgänglich, dass man quasi auch kleinere Jobs für solche Übersetzungsportale wie Textking etc. mit annimmt? Oder gibt es auch andere Berufseinstiege?"

Liebe Annika, hier der erste Versuch einer Antwort. Die Frage ist komplex. Ich hoffe, Dir ein paar sinnvolle Hinweise geben zu können ... In acht Tagen folgt der 2. Teil.

Arbeitsort Dolmetscherkabine für die Grundlagen
Schon als Teenager wollte ich eines Tages fließend und akzentfrei Französisch sprechen. Meine Familie ist über Generationen mit Frankreich verbunden, ich konnte mich bei diesem Ziel der Unterstützung durch die Eltern sicher sein. Wichtig war für mich also schon in der Schule, gute Lehrer zu finden. So wechselte ich z.B. nach der 11. Klasse auf eine (viersemestrige) Oberstufe in eine Klasse, die Französisch als erste Fremdsprache hatte, nachdem ich diese Sprache auf einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium als zweite Fremdsprache (und über Jahre mit weniger Stunden) gelernt hatte.

Damit hatte ich mein Ziel klar im Blick, auch, wenn meine Schulnoten erstmal schlechter wurden. Den Schulwechsel erleichtert haben mir Feriensprachkurse an einer französischen Universität, zu denen ich als Teenager in den Sommerferien fuhr. Ich war in der Schule kein Streber, sicher in allen geisteswissenschaftlichen Fächern überdurchschnittlich, aber phasenweise auch faul und ich pflegte meine unglückliche Liebe zur Mathematik und derlei. (Die Schulwahl hatte sich zunächst daraus ergeben, dass besagtes Gymnasium damals das einzige vor Ort war. Zur neuen Schule fuhr ich mit der Eisenbahn in die übernächste Kreisstadt.)

Ich habe nach dem Abi in Frankreich studiert, anfangs wieder mit schlechten Noten ... und kann sagen, dass mich immer eine Mischung aus Dickköpfigkeit, Fleiß, System und Zielstrebigkeit vorangebracht hat. Fleiß: Ich besitze noch heute die Schuhkartons voller Vokabelkarteien. System: Früh habe ich bewusst alle Sinne zum Lernen verwendet, seit ich 14 wurde, lief in meinem Zimmer die ganze Zeit "France Culture", was ich in Schwaben an der Grenze zu Frankreich sogar (nur leicht verrauscht) im "UKW-Band" hören konnte. Das ist heute mit dem Internet viel leichter und viel schwerer zugleich. Es gibt mehr Auswahl und dadurch auch mehr Zerstreuungsmöglichkeiten.

Das Bonbon: Auf der Berlinale
Parallel zum Fachstudium (Französische Literatur und vergleichende Landeskunde, Kultur- und Politikwissenschaft) machte ich meine ersten Berufserfahrungen als Assistentin, Sprecherin, Reporterin ... anfangs oft als Praktikantin. So rutschte ich in mein erstes Berufsleben rein. Als im ersten Job, ich war Fernsehredakteurin, die Unzufriedenheit wuchs, studierte ich weiter, inzwischen in Berlin: Interkulturelle Fachkommunikation.

Rückblickend sieht das geradlinig aus, denn schon mit 21 Jahren habe ich an der Pariser IHK das Diplom zur Fachübesetzerin für Wirtschaft und Handel abgelegt (das es heute leider nicht mehr gibt, es war die gemeinsame Übersetzerprüfung der Handelskammern von Paris und Düsseldorf).

Für angehende Dolmetscher ist eine grundlegende Eigenschaft sicher ebenso wichtig wie für künftige Journalisten: Das Interesse an der Welt. Ich bin offen, neugierig, gehe auch auf Berühmtheiten locker mit Fragen zu, hake nach, frage nach Vokabeln, wenn sich mir etwas entzieht. Ich lerne täglich. Ich habe die wirtschaftliche Sicherheit der Redaktion gegen eine manchmal etwas bedrohliche Freiheit ausgetauscht. Jene, mit denen ich einst zeitgleich ins Berufsleben startete, haben mich teilweise (mitunter mit unlauteren Mitteln) überholt. Anstatt mich zu sehr zu ärgern, arbeite ich mit viel Hingabe auch weiter für kreative Projekte und mit den Menschen, die wirklich wichtig sind, selbst dann, wenn am Ende das Geld mitunter nicht stimmt.

Ab und zu TV-Arbeit, hier: Kanzlerinterview für France 2
Kurz: Unerschütterlicher Optimismus ist für uns Freiberufler wichtig. Nur an der Geduld arbeite ich noch.... und daran, den Verwaltungsaufwand kleiner zu halten, aber das hängt ja leider nicht von mir ab, denn es gibt da stets viele Regeln und Gesetze zu beachten. Dieser letzte Punkt wäre für mich am ehesten ein Ausstiegsgrund. Noch einen zweite sehe ich: in den letzten Jahren scheint Qualität weniger zu zählen. Da finden immer mehr Diskussionen auf simplified facebook english statt und nicht nur die Englisch-Mutterspracher sind verärgert; da nölen Leute ohne Sprechausbildung und zum Teil ohne kulturelles Fundament in den Medien rum oder nahezu Wildfremde fragen uns mit Sätzen an wie: "Wir haben vergessen, die Kosten für Ihre Arbeit zu kalkulieren, können Sie uns einen Freundschaftspreis machen?" ... und zahlen dann erst nach der 3. Mahnung. (Das könnte mich am Ende vielleicht doch in eine Festanstellung treiben, die dann aber wohl weniger von Kultur geprägt ist.)

Résumé: Wem als Schüler also das Ziel wichtiger ist als der Numerus Clausus, wer in den Ferien und im Studium Sprache lieber im Ausland einatmet, als sie zu Hause zu pauken, wer mit Energie, Aufopferungsbereitschaft, Optimismus und Leidensfähigkeit ausgestattet ist, darf eventuell mit einer Sprachmittlertätigkeit mit kulturellem, sozialem und politischem Schwerpunkt liebäugeln. Grundsätzlich gilt, ein Fachstudium auszusuchen, mit/von dem sich ansonsten auch leben ließe. Ich empfehle viel Sorgfalt bei der Auswahl des Studiums und Berufs in dem Sinne, dass wir Menschen ja mehr Zeit mit dem Broterwerb zubringen als mit dem/der Liebsten ...

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Fotos: CE und privat (Archiv)

Kommentare:

Diplom-Dolmetscher hat gesagt…

Ihre wohlgemeinten Ratschläge in Ehre. Mittlerweile ist wohl auch in den entlegendsten Bildungseinrichtungen angekommen, dass Sprachen lernen vor Ort wesentlich effektiver ist, als das Pauken zuhause. Leider kann sich nicht jeder regelmäßige Auslandsaufenthalte leisten, geschweige denn ein Studium in Paris. So manch einer ist auch auf den Numerus Clausus und das "Streben" angewiesen, um sich mit der nötigen Förderung diese Wünsche zu ermöglichen.
Was die Studienwahl betrifft, so ist es natürlich sehr wahr, dass diese sorgfältig durchdacht werden sollte.
Dem Grundsatz, ein "Fachstudium auszusuchen, mit/von dem sich ansonsten auch leben ließe" muss ich widersprechen. Was für den Journalistenberuf zutrefen mag, stimmt für die Sprachmittlertätigkeit so nicht. Sicher gibt es viele begnadete und "geborene" Dolmetscher und Übersetzer, aber es handelt sich nicht um klassische Quereinsteigerberufe. Wie sie wissen, ist für die Sprachmittlung eine Dolmetscher- bzw. Übersetzerkompetenz nötig, und die lässt sich nicht einfach mit Sprach- oder Kulturkompetenz gleichsetzen. Diese kann - und sollte  man - auch nur in der dafür vorgesehenen Dolmetscher- bzw. Übersetzerausbildung erwerben, um einen hohen Standart der eigenen Arbeit zu gewährleisten und diesen Berufsstand zu schützen. Wesentliche Eigenschaften,  die einen ausgebildeten Sprachmittler zusätzlich ausmachen sollten, wären beispielsweise auch Verschwiegenheit und Loyalität zum Kunden.

caro_berlin hat gesagt…

Lieber Diplom-Dolmetscher (oder liebe Diplom-Dolmetscherin),

natürlich verfechte ich gerne das Dolmetscherstudium, nur wird dies immer öfter vor allem als Master angeboten. Die Studierenden, die mir seit der Umstellung des Hochschulsystems begegnen, sind oft verzweifelt, weil sie im Spracherwerb auf sich allein gestellt sind. Daher wäre ein grundständiges Fachstudium im Zielland mein Ratschlag ... so habe ich es gemeint, und möglicherweise habe ich mich missverständlich ausgedrückt.

Natürlich gibt es viele sprachmittlertypische Arbeitstechniken, die nur in den entsprechenden Studiengängen bzw. Instituten gelernt werden können, wie z.B. am leider amputierten Berliner Studiengang "interkulturelle Fachkommunikation", an dem weiterhin Kurse in uni- und bilateralem Dolmetschen, Übersetzen usw. angeboten werden. Dort werden nicht zuletzt auch die Grundlagen der Berufsethik vermittelt, oft nicht immer sehr erfolgreich, wie ich leider in Anbetracht mancher Absolventen feststellen muss. Vielleicht wären hier die Berufsverbände mehr gefordert.

Zum Thema Auslandsaufenthalte, Studium in Paris, NC usw. bin ich wohl anderer Meinung als Sie. Es gibt weiterhin die Möglichkeit, als Au Pair im Ausland anzufangen, auch mit verringerten Stundenverpflichtungen ('halbes Au Pair'), und dann im zweiten Auslandsjahr zu studieren (wobei da natürlich auch viel "Streben" = Pauken nötig ist). Eine Hochschulausbildung im Heimatland kostet auch Geld; eine Grundfinanzierung durch Familie, Semesterjobs oder Bafög vorausgesetzt können die Studierenden von heute ebenso das machen, was uns im letzten Jahrhundert möglich war, ohne nachher von irgendwelchen "Personalern" scheel angesehen zu werden. Wer ein Ziel hat und es zielstrebig verfolgt, kann auch andere Wege gehen. Ich denke da an einen (aus armen Verhältnissen stammenden) Kollegen, der seinen Zivildienst in Italien machte, neben der Klinik befand sich eine Segelschule, dort heuerte er anschließend als Hilfskraft an, immatrikulierte sich nach zwei Semestern Fernstudium an einer italienischen Hochschule, ging mit dem Ingenieurdiplom in der Tasche nach England, um dort Dolmetschen zu studieren und ist heute ein gefragter Kollege, der nicht nur für die wichtigsten nautischen Betriebe Italiens arbeitet (leider ein Beispiel von fragwürdiger Aktualität).

Kolleginnen und mir, die wir nicht in der Hauptsache Englisch anbieten, fällt derzeit auf, dass die Nachfrage an Sprachdienstleistungen stark schwankt, was auch daran liegt, dass "unsere" Franzosen heutzutage besser Fremdsprachen lernen. Auch daher meine Empfehlung eines Fachstudiums, zumal der Trend immer mehr Richtung Fachdolmetscher geht.

Last but not least suchen sich die Sprachendienste der großen europäischen Institutionen am liebsten (von Hause aus) mehrsprachige Absolventen von Fachstudiengängen aus, die sie dann selbst in Sprachmittlerdingen ausbilden. Wer nicht als Kind in eine mehrsprachige Familie hineingeboren wurde, kann durchaus später noch Weichen stellen. Nur jeder 3. Studierende verbringt mindestens ein Semester im Ausland, und oft sehen diese "Erasmussemester" so feierlastig aus wie im Film "L'Auberge espagnole" von Cédric Klapisch. Meine Zeilen sollen jene ermutigen, denen ein Auslandssemester oder -jahr im Hauptstudium als zu wenig, zu spät oder zu standardisiert erscheint. Voilà !

Müller hat gesagt…

Die Studierenden von heute haben den Eindruck, mit 23 ihren Master und zwei Auslandssemester und drei Praktika hinter sich gebracht haben zu müssen, am besten noch begleitet mit gesellschaftlich relevantem Ehrenamt. Doch lassen sich Lernprozesse und Lebenserfahrungen nicht über die Maßen beschleunigen. Wir befinden uns da gesamtgesellschaftlich auf dem Irrweg, denn Scheitern, Versuchen und Suchen sind Teil wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse, die heute oft gar nicht mehr vermittelt werden. Wie Frau Elias zu mehr Gelassenheit und Eigenverantwortung zu gemahnen, ist die beste Antwort.
M. Müller

caro_berlin hat gesagt…

D'accord, Monsieur Müller ! Und Danke ...

Oft erinnert mich das Abfragen von Wissensständen beim Bachelor an ein FH-Studium. Deutsche FHs sind und waren weltweit anerkannt, warum musste das BA-/MA-System das Alleinstellungsmerkmal der Universitäten, die nicht umsonst so heißen, aufweichen? (Was keine Argumente gegen straffere Curricula und die einen oder anderen berufsbezogenen Scheine sein soll. Ich bin auch nicht für den Elfenbeinturm.)
Gruß, C.E.

P.S.: Diplom-Dolmetscher schrieb: "Wesentliche Eigenschaften, die einen ausgebildeten Sprachmittler zusätzlich ausmachen sollten, wären beispielsweise auch Verschwiegenheit und Loyalität zum Kunden."

Ich hoffe, dass das nicht als Kritik gemeint ist, vielleicht doch. Um die Sache klarzustellen: Problematische Momente löse ich in der Regel von Kontext und Ort und schreibe darüber ohne jeglichen zeitlichen Zusammenhang, wobei ich mich auf Rahmenbedingungen der Arbeit beschränke, denn Berufsgeheimnisse heißen zurecht Berufsgeheimnisse.

Manchmal packe ich auch zwei Erfahrungen in einer Beschreibung zusammen. Meine Loyalität zum Kunden ist 100%-ig. Was die mitunter unkorrekten Arbeitsbedingungen betrifft, fühle ich mich, solange ich allgemein genug bleibe und niemand erkannt werden kann, nicht an Loyalitätsforderungen gebunden.

Anders verhält es sich bei den offiziellen Terminen, wo die Arbeit öffentlich sichtbar ist, Beispiel: Kino- oder Theaterarbeit. Wobei ich hier auch scharf auswähle und Intimsphären schütze. Hier freuen sich meine Kunden und die Auftraggeber über den etwas anderen Blick aufs Geschehen, der zu ihrer medialen Sichtbarkeit beiträgt.

Ulrich Schol hat gesagt…

"Last but not least suchen sich die Sprachendienste der großen europäischen Institutionen am liebsten (von Hause aus) mehrsprachige Absolventen von Fachstudiengängen aus, die sie dann selbst in Sprachmittlerdingen ausbilden." Diese Aussage stimmt nicht uneingeschraenkt. Ich war selbst 26 Jahre Uebersetzer bei der Europaeischen Kommission, und die Zahl der Seiteneinsteiger unter den Ubersetzern haelt sich dort, zumindest in der deutschen Abteilung, in Grenzen. Wer Jurist, Ingenieur oder Arzt ist, hat in seinem erlernten Beruf meistens die besseren Aussichten. Und wer in den Sprachendienst der europaeischen Institutionen will, muss eine Pruefung bestehen, in der einiges an Sprachmittlerkompetenz verlangt wird. Da scheitern die meisten Nichtsprachler (allerdings auch viele ausgebildete Ubersetzer). Ich habe hin und wieder Pruefungsarbeiten zur Korrektur bekommen und festgestellt, dass es der Mehrheit der Bewerber an muttersprachlicher Ausdrucksfaehigkeit fehlt. Die aber muss in ausreichendem Masse vorhanden sein, alle uebrigen erforderlichen Kenntnisse und Faehigkeiten koennen am Arbeitsplatz erlernt werden. Was Sie meinen, ist vermutlich die von den Institutionen vermittelte Ausbildung von Dolmetschern fuer "exotische"Sprachen, d.h. vor allem fuer die Sprachen der zuletzt beigetretenen Laender, fuer die es oft gar keine geregelte Dolmetscherausbildung gibt.

caro_berlin hat gesagt…

Lieber Herr Schol, Danke für die Klarstellung, dann hatte ich mir aufgrund vieler Osteuropa-Kontakte ein falsches Bild von der Sache gemacht. Gruß, CE

André hat gesagt…

Das kann ich nur bestätigen: Ansonst recht gute Leute scheitern immer wieder daran, dass sie in der Muttersprache keine überdurchschnittlichen Sprachfähigkeiten entwickelt haben.