Montag, 26. Juli 2010

Deutsch-französische "faux amis"

Heute prä­sen­tie­re ich ei­nen Gast­bei­trag, der mir gut ge­fal­len hat. Viel Spaß beim Lesen wünscht: C.Elias Dolmetscherin in Berlin      
                                                             .
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in Frankreich beim Hotelfrühstück und haben gerade Zichorienkaffee bestellt, weil der Urlaub so entspannt ist, dass Sie kein Koffein brauchen. Dazu haben Sie in Ihrem Wörterbuch nachgeschlagen - und für "Schikoree" hatte dies "endive" vorgeschlagen. Die Chancen stehen gut, dass Sie daraufhin kein Getränk serviert bekommen, sondern Gemüse. 


Denn „endive“ bedeutet Schikoree. Dagegen wird man Ihnen wahrscheinlich kein Gemüse auftischen, wenn Sie nach „chicorée“ fragen. Denn dies ist wiederum die Übersetzung für Zichorienkaffee.

Eine Reise nach Frankreich ist also immer für eine Überraschung gut, nicht nur wegen der französischen Küche oder der Sehenswürdigkeiten – auch die Sprache kann Unerwartetes auslösen.

So sollten Sie auch aufpassen, wenn Sie einen Franzosen fragen, ob er einen „
Rat“ möchte. Er könnte möglicherweise denken, dass Sie ein Tierfan sind, ein „Rat“ bzw. „rat“ ist nämlich eine Ratte. Und wenn Sie mit Ihren neuen französischen Freunden ein Foto machen, dürfen Sie nicht denken, dass die Franzosen sehr merkwürdige Fotoapparate haben: Aus dem Apparat wird keine Flasche auftauchen – „flash“ bedeutet ganz einfach Blitzlicht.

Solche Worte, die zwar sehr ähnlich sind, aber grundverschiedene Bedeutungen in beiden Sprachen haben, nennt man „faux amis“ (falsche Freunde). Um Fehler und Missverständnisse zu vermeiden, kann es nützlich sein, die folgende Liste immer parat zu haben.


Deutsch
Französisch
Französisch
Deutsch
Art
manière (f)
art (m)
Kunst
Baiser
meringue (f)
baiser (m)
Kuss
Brille
lunettes (pl)
briller
glänzen
Chicoree (Salat)
Endive (f)
Chicorée (f)
Zichorienkaffee
Delikates-se
plat exquis (m)
délicatesse (f)
Feinheit
Demon-stration
manifestation (f)
démonstration (f)
Beweis
Ebene
plaine (f)
ébène (m)
Ebenholz
Erbe
héritage (m)
herbe (f)
Gras
Flasche
bouteille (f)
flash (m)
Blitzlicht
Flexion
déclinaison,
conjugaison (f)
flexion (f)
Beugung
Folie
film plastique (m)
folie (f)
Wahnsinn
Glas
verre (m)
glace (f)
Eis
Gosse
caniveau (m)
gosse (m)
Kind
groß
grand
gros
dick
Kappe
casquette (f)
cape (f)
Umhang
Kiste
grosse boîte (f)
kyste (m)
Zyste
Klavier
piano (m)
clavier (m)
Tastatur
Kompass
boussole (f)
compas (m)
Zirkel
Konkurs
faillite (f)
concours (m)
Wettbewerb
minus
moins
minus (m)
Dussel
Mitte
milieu (m)
mite (f)
Motte
Motto
devise (f)
moto (f)
Motorrad
Pate
parrain (m)
pâte (f)
Nudel
Pedant
pointilleux (m)
pédant (m)
Besserwisser
Pointe
essentiel (m)
pointe (f)
Spitze
Rat
conseil (m)
rat (m)
Ratte
Regal
rayon (m),
étagère (f)
régal (m)
Schmaus
rein
propre
reins (mpl)
Lenden
rot
rouge
rot (m)
Rülpser
Sekret
sécrétion (f)
secret (m)
Geheimnis
Stille
silence (m), tranquillité (f)
style (m)
Schreibart
Urteil
jugement (m)
orteil (m)
Zehe

______________________________
Über die Autorin: Sarah Dick kommt aus Frankreich und arbeitet in Hamburg für das Sprachportal bab.la. 
bab.la bietet ein digitales Wörterbuch, Sprachtests, Sprachspiele und Vokabeltrainer an.

Foto: Caroline Elias

Sonntag, 25. Juli 2010

Five a day

1989 ist nicht nur das Jahr des Mauerfalls, sondern auch das Jahr, in dem die American Heart Association das Programm "five a day" startete. Seither preist die Organisation im Rahmen von Kampagnen den täglichen Verzehr von fünf Portionen Obst und Gemüse als gesundliche Vorsorge.

Die in der Folge entstandene Ernährungpyramide ist inzwischen auch hierzulande den meisten bekannt.

Das Konzept "jeden Tag fünf" lässt sich leicht aufs Vokabellernen übertragen. Fünf neue Worte täglich ist ein direkter Weg zum Erfolg. Wer das noch mit fünfzehn Minuten konzentiert verbrachten Sprachlernminuten kombiniert, legt den Turbo ein.

Als Dolmetscherin sind es in der Regel zwar deutlich mehr Minuten täglich, die ich sehr bewusst mit meinen Sprachen verbringe, aber das mit dem fünf und fünfzehn beherzige ich sogar im Urlaub! Und fünfzehn Minuten wiederum sind schick, weil man sich zu denen immer irgendwie aufraffen kann (es werden oft automatisch mehr draus).

Samstag, 24. Juli 2010

Filmland Frankreich vs. Murnau-Land

Filmland Frankreich - dieser Ausdruck klingt plausibel. In jenem Lande ist es indes um die Kenntnis der Filmkultur der Nachbarn nicht immer zum besten bestellt. Das sehen wir Dolmetscher aus Berlin natürlich kritisch.


Ein Regal im französischen Medienkaufhaus: links cinéma d'Afrique - afrikanisches Kino. Dann kommen Murnau-Land und Fritz-Lang-Land. Zwischendurch wird noch Wim Wenders abgelegt.

Und basta, das war's schon mit "Schland" in einem Kulturkaufhaus der französischen Provinz. Auch die Kinematografien des afrikanischen Kontinents haben mehr zu bieten als das magere Fächlein da vermittelt.

Kommentar verkneif ich mir lieber, es ist Sonntag, ich will mich nicht aufregen.

______________________________
Foto: Danke, Tobias Mosig, fürs
Leihen Deines Fotoapparats!

Freitag, 23. Juli 2010

Link der Woche: Pausen machen produktiv

Pausen sind das zweitschönste an der Arbeit. Das empfinde ich nach einer turbulenten Arbeitswoche als Dolmetscherin und Übersetzerin wieder einmal sehr deutlich, wobei in diesen Wochen auch eigene Autorentätigkeit hinzugekommen ist.                       Berlin Dolmetscher Berlin Konferenz Film Medien

Wie Pausen kreativ machen, beschrieb gestern ein Artikel auf Spiegel Online. So, wie im Sporttraining die "Regeneration" inzwischen ein produktives Moment der Leistungssteigerung ist, so geht es auch mit unseren geistigen Kapazitäten. Umso wichtiger sind Wochenenden im Arbeitsrhythmus - die im Filmbereich, für den wir ja oft arbeiten, auch mal mitten in der Woche liegen können, eben abhängig vom ersten Arbeitstag.

Und ganz so, wie das Gehirn Schlaf braucht, um Informationen zu verarbeiten, so braucht der ganze Körper Zeiten wachen Müßiggangs, um die Themen des Alltags zu verarbeiten und um wieder kreativ zu werden. "Entschleunigung" ist für viele mehr als nur ein Modewort, und dass asiatische Entspannungsübungen en vogue sind, hat auch seine Gründe. Denn auch beim Nichtstun geschieht im Hirn eine ganze Menge ...

Dennoch ist es wie bei Pippi Langstrumpf, die nur deshalb in die Schule gehen will, weil sie Ferien bekommen will: Im Wechsel liegt das Geheimnis. Geistige Aktivität, so berichtet Spiegel-Autorin 
Cinthia Briseño weiter, schütze neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge vor Alzheimer. 


Hier geht's zu meinem Link der Woche: klick.

______________________________ 

Foto: Pause! Wer serviert jetzt Kekse und Tee?

Donnerstag, 22. Juli 2010

... hat zwei Ohren!

Gestern, kurze Pause bei der dreisprachig geführten Sitzung: Die einzelnen Untergrüppchen rauchen, trinken Kaffee, verhandeln auf dem Flur weiter. Die Dolmetscherinnen erzählen sich Privatschnacks.


So zum Beispiel Stef. Vorauszuschicken ist noch, dass wir's zuvor unter uns vom dolmetschertypischen "Multitasking" hatten ... Stefs zwei Brüder seien von Kindesbeinen an Monotasker gewesen, erzählt die Kölner Kollegin, sie selbst habe als einzige bewusst immer mitbekommen, was um sie herum geschehe. Die Brüder habe dies aufgeregt, weil sie sich belauscht gefühlt hätten. Ihre beiden Neffen seien wie die Brüder - aber diese wüssten um das Multitaskingtalent ihrer Tante.

Neulich sei sie mit ihrer Mutter quatschend in der Küche gewesen, da sei einer der Neffen reingeplatzt und habe ungeduldig, wie Kinder, die stets wenig Zeit haben, nun einmal sind, reingequatscht und ihr eine kurze Info zukommen gelassen. Ihre Mutter habe daraufhin den jungen Mann zurechtgewiesen, er möge bitte warten, bis die Großen zuende gesprochen hätten. Darauf der Mini gelassen: "Ach Oma, Stef hört schon, was ich sage, sie ist schließlich Dolmetscherin, sie hat zwei Ohren!"

______________________________
Foto: Blick in unsere Englischkabine.

Mittwoch, 21. Juli 2010

Mundbeatmete Propaganda

Immer häufiger lese ich einen Begriff, der dennoch nicht richtig ist. Wie eben, als mich ein eine Marketingmail erreichte: Mir wurde für tausende von Euronen einige Aktionen angeboten, die eine "Mund-zu-Mund-Propaganda" für mich als Berliner Dolmetscherin in Schwung bringen könne.


So nett ich manchen Gedanken finde, der ansteckend wirken soll - vielleicht ist das eine Richtung, in die virales Marketing übersetzbar ist -, diese Idee finde ich ebenso ungut wie das nebulös gehaltene Angebot und den Preis. Mund-zu-Mund kenne ich aus meinen drei Erste-Hilfe-Kursen von der gleichnamigen Beatmung (ja, ich habe drei Anläufe für den Führerschein genommen und ihn am Ende doch nicht fertiggemacht!) Wie wandern die Nachrichten per Mund-zu-Mund-Propaganda weiter? Mit Kuss und Kuss von Mensch zu Mensch? Oder so, wie die Vögelchen ihre Brut pflegen - von Schnabel zu Schnabel?

Die Franzosen nennen die Sache mit dem Ruf, der sich wie von allein verbreitet, de bouche à l'oreille, vom Mund zum Ohr, das will mir anatomisch doch stimmiger erscheinen.

Die Chose mit der Mail war noch schlimmer: Mund-zu-Mund-Propaganda - der Erfolg ist vorprogrammiert! Werter Autor dieser Zeile, haben Sie schon mal was nachprogrammiert? Etwas, zu programmieren bedeutet doch, im Vorfeld etwas zu tun, damit anschließend etwas eintritt, oder?

Und um die Mundpropaganda kümmere ich mich schon selbst, danke!


P.S.: 234.000 Ergebnisse vermeldet Google zu diesem Wort. Dumm gelaufen ...

Ein Text ist kein Auto!

Kaum bin ich wieder im Büro, treffen akkurat im Abstand von fünf Minuten Mail und Anruf eines möglichen Kunden aus Paris mit der sehr dringenden Bitte bei mir ein, ich möge ich mich doch eines bereits übersetzten Texts annehmen. Der Kunde war mit der geleisteten Arbeit durch einen Übersetzer seiner Stadt nicht zufrieden. Ein kurzer Blick auf den Text genügt: hier reichen die angefragten "Reparaturarbeiten" nicht.

Mich belustigt der Ausdruck "Text reparieren", aber die Freude ist nur von kurzer Dauer. Ein Text ist doch kein Auto! Kunden das zu vermitteln, ist nicht immer so einfach. Denn immerhin stelle ich offen ihre Mitarbeiterwahl infrage, selbst wenn das Ergebnis keinen Zweifel lässt. Gelegentlich bin ich verlockt sie zu fragen, ob sie mit |ihrem Wagen| ihrer Karre auch zu einem windigen Schrauber gehen würden, der möglicherweise Ersatzteile von einem ganz anderen Gerät einbaut, weil er eigentlich einen ganz anderen Beruf ausübt.

Dass derlei Anfragen häufiger im Büro eintrudeln als noch vor ein paar Jahren, wundert mich nicht. Billiganbieter wittern schnelles Geld und treffen mitunter auf Kunden, denen die Problematik des Übersetzens auch nicht bewusst ist. Manche dieser selbstberufenen Übersetzer verstehen oft sogar eine ganze Menge von Ausgangs- und Zielsprache, haben vielleicht studiert - und finden überraschenderweise auch immer wieder die eine oder andere gute Lösung in der anderen Sprache. Aber um über die Runden zu kommen trotz ihrer niedrigen Preise, müssen sie sehr schnell arbeiten, und das geht dann ein zweites Mal auf Kosten der Qualität.

Unterhalb eines bestimmten Preises können Profis nicht arbeiten, das sollten sich Kunden immer wieder selbst sagen, wenn sie ein verlockendes Preisangebot bekommen. Am Ende ist der Text Schrott, dann war's eben wirklich nur
billig, und damit alles andere als besonders günstig.

Montag, 19. Juli 2010

Spannungsabfall

Heute nur eine Frage: "Könnte bitte mal einer herkommen und den Spannungsabfall runtertragen?"

Seit ich aus Frankreich wiedergekommen bin, habe ich an den ersten zwei Tagen (und Nächten) mit kurzen Unterbrechungen durchgeschlafen.


______________________________
Foto: Fürs zweite Um-die-Ecke-denken.
Gefunden am Heinrichplatz in Berlin-Kreuzberg.

Sonntag, 18. Juli 2010

Reise, Reise

Ich weiß nicht, was anstrengender ist, bei größter Hitze zu dolmetschen oder klimaanlagenunterkühlt zu reisen. In Marseille war's heiß, 31-34 Grad Celsius, dazu wehte leichter Wind vom Meer. (In Berlin war's heißer, 35-40 Grad und kaum Wind. Wir sind aus dem heißen Berlin ins kühle Südfrankreich geflohen, komischer Satz.)
Egal ob in der U-Bahn oder im alten Lichtspieltheater, Fächer waren in Südfrankreich überall im Einsatz. Wir saßen die meiste Zeit im Schatten oder im Kino. Anders als der alte Festivalpalast - außerhalb des Festivals ist das Haus 'nur' Theater - hatte der Spielort für die Wiederholungen eine Klimaanlage. Fächer sowie Strickjacke und Pashmina gehörte also zur Ausstattung weiblicher Festivalgäste. So war die Sache erträglich.
Wirklich gelitten habe ich nur auf der Rückfahrt. Nach dem Vorbild der russischen Puppen hatte ich den (Dolmetscher-)Koffer in den (Reise-)Koffer gepackt und Packtaschen drumherum drapiert.
Damit ich das 25,4 Kilogramm schwere Koffermonstrum nicht so viele Treppen würde schleppen müssen, nahm ich den Zubringerbus Marseille-Flughafen Nizza. Der pfiffige Büffel, wie der französische Verkehrsdienst heißt, sah dieser Tage rot, also nahm ich sicherheitshalber einen Bus früher, was bei dieser Linie drei Stunden (!) früher bedeutete. Im Bus las und lernte ich noch.
Am Flughafen drohte ich einzuschlafen, frischer Orangensaft konnte mich gerade noch so wach halten.
Im Flugzeug und Taxi hatte ich auf Autopilot gestellt. Der Flug war zu allem Überfluss verspätet. 12 Stunden nach Verlassen des Tagungshauses kam ich zuhause an — mit bösen Schluckbeschwerden. Habe ich schon gesagt, dass ich zu kalt eingestellte Klimaanlagen hasse?

Samstag, 17. Juli 2010

Kinosterben

Als Filmdolmetscherin liebe ich Kinos. Wenn in Berlin am Kudamm ein Kino schließt, und das ist in den letzten Jahren sehr oft passiert, boykottiere ich die danach in den Gewerberaum einziehenden Klamottenläden nach Kräften — inklusive ihrer Filialen anderswo.


In Marseille — jetzt ist das Geheimnis gelüftet, wo ich mich die letzten Wochen aufgehalten habe — haben manche dieser Gewerberäume keine Nachmieter gefunden. Zur Erinnerung an die Geschichte des Orts malten Künstler Kinoplakate, die über die zugemauerten Eingänge gehängt wurden. Bei "Derrick" reagierte ich zunächst mit Protest: "das ist ja Fernsehen!" Julia, Filmkritikerin aus München, wusste aber von einem Spielfilm gleichen Titels, der vor etlichen Jahren ins Kino kam.

Ansonsten ist Mister D. ja wohl einer der bekanntesten "lebenden" Deutschen. Einst interviewte ich für die Deutsche Welle einen nordafrikanischen Musiker, der mir dann off the record die Vorzüge der Polygamie erklärte und mir stante pede den vielleicht schrägsten Heiratsantrag meines Lebens unterbreitete. Als ich wenig später von dannen schritt, nicht ohne dem Manne meine Ablehnung ebenso freundlich wie bestimmt begründet zu haben, trug er mir noch Grüße an Mister Derrick auf. Er meinte ganz im Ernst, dass wir deutschen Medienleute uns ja alle kennen würden ;-)

Link der Woche: Das Löwchen

Heute präsentiere ich beim Link der Woche einen Klassiker: Das durch die Beteiligung seiner Nutzer wachsende Online-Wörterbuch LEO. Leo kommt von link everything online und ist ein Dienst, der aus der Ludwig-Maximilians-Universität München hervorgegangen ist. Neben Deutsch-Englisch, -Französisch, -Spanisch, -Italienisch und -Chinesisch wird seit April 2010 auch Deutsch-Russisch angeboten.

Donnerstag, 15. Juli 2010

Ablage!

Will­kom­men auf den Sei­ten ei­nes vir­­tu­­el­­len Ar­­beits­­­ta­­­ge­­buchs aus der Welt der Sprachen. Ich bin Dol­met­scherin und Übersetzerin für die französische Sprache und aus dem Englischen. Hier denke ich über unseren Berufsalltag nach.

Der Beginn der auf­trag­schwachen Som­mer­wo­chen gilt dem Büro: Ab­lagen sor­tie­ren und ausmisten.

Dabei folge ich folgendem Farbschema für Ad­min­istra­tives, Projektmappen und Dokumentationsmaterial:rot, orange und bordeauxsind meine Arbeitsbereiche,blau — es muss fließen wie Was­ser — alles Finanzielle, weiß der Verwaltungskram, der über allem schwebt, grün die Pro­jekte der Zukunft, denn hier muss es wachsen.

Grau, lieber Freund, ist alle Theorie, also Wissenschaft und die entsprechenden Veröffentlichungen, gelb wie die Sonne ist alles Private und Familie, denn ohne das geht gar nichts, schwarz, durchsichtig etc. könnten projektbezogen definiert werden.

Voilà !

Mittwoch, 14. Juli 2010

Wohltemperierter Bastille-Day

Der vierzehnte Juli ist der französische Nationalfeiertag, bastille day nennen ihn englischsprachige Menschen. Gestern ließ ich mit Kollegen, Freunden und Teilnehmern den letzten Tag eines Filmseminars in einer Stadt am Mittelmeer ausklingen - und gönnte mir am Nachmittag noch einen Kinofilm, während die anderen in der Sonne brutzelten.

Ich habe leider eine Sonnenallergie, bin als große Freundin des Schattens also tagsüber keine Strandbesucherin - und träume ohnehin ständig vom Kino. So auch am 14. in nämlicher Stadt. Das Kino ist voll, die Klimaanlage funktioniert anständig. Ich sehe einen französischen Film.

"Die Tournée" schrieb und inszenierte Mathieu Amalric ausgehend von einigen Notizen der französischen Schriftstellerin Colette. In Amalrics Werk reist ein ausgestiegener TV-Produzent mit einer Gruppe exzentrischer Cabaret-Tänzerinnen durch die französische Provinz. Überall, wo er hinkommt - Hotel, Restaurant, Bar - bittet er darum, die Musik auszustellen oder leiser zu machen. "Ich denke, das wird schwierig" (ça me paraît compliqué), lautet stets die Antwort auf die erste Bitte, auf die zweite folgen nichtssagende Antworten wie "... weil die Musik auf einem bestimmten Niveau eingestellt ist" (parce que la musique est réglée à un certain niveau).

Die wiederkehrende Akustikmacke der Hauptfigur macht sie mir sympathisch (diese erste Frage stellte ich bereits mit sechzehn im Reisebus beim Schüleraustausch). Ja, es gibt Berufe, de zur Folge haben, dass es jenen, die sie ausüben, schwieriger wird, wegzuhören. (Der Rest ist wohl Veranlagung.)

Oder aber die Berufe führen dazu, dass diese (wir) Menschen schlicht Angst ums eigene Gehör haben. Das Feuerwerk zum Nationalfeiertag wird im alten Hafen angezündet, wir wollen es gemeinsam von den (sicheren!) Anhöhen am Stadtrand aus sehen. Nach dem Kino schicke ich einige SMS, denn fürs Telefonieren ist das Netz zu überlastet. Keine Antwort. Dann genieße ich den Sonnenuntergang am alten Hafen. Noch immer hab ich kein Netz. (Die SMS zur Verabredung werden spät in der Nacht endlich "durchkommen".) Am Hafen wird es dunkler, die ersten Teenagergruppen werfen Knaller in die Menge (beängstigenderweise sind es immer nur Jungs, die zu solch |einem Mist| einer Granatensauerei fähig sind).

Kurz - ich fliehe dahin zurück, wo ich herkomme, ins Kino. Das Feuerwerk kann mir gestohlen bleiben. Es gibt dort nur ein Problem: Die Klimaanlage, die einsam vor sich hinrödelt. Und ein zweites: Ich bin allein. Kurz drauf kommen noch drei Leute, wir sind zu dritt. Mehr werden wir aber nicht.

Ich gehe zur Kasse, frage, ob es möglich ist, die Kühlung auszuschalten. Ich spüre, dass er gleich kommen wird, der Das-wird-schwierig-die-ist-auf-das-Niveau-fest-eingestellt-Blick und hebe zu einem Slapstick an. Obwohl es außerhalb des Kinos siedendheiß ist, reibe ich mir die Oberarme, zittere und sage: Die Klimaanlage im Kinosaal ist mindestens auf minus drei Grad Celsius eingestellt - als würden 280 fieberkranke Leiber dort eng auf eng sitzen. Wenn uns niemand rettet, überleben wir die Vorführung im Gefrierschrank nicht!

Der Kinomitarbeiter muss lachen, ich habe gewonnen. Und sehe wohltemperiert mit "L'autre monde" einen gut gemachten (und leider irgendwie ständig absehbaren) Film über junge Erwachsene und eine Parallelwelt im Internet. Das überraschende Moment ist allerdings hier, dass die Haupthandlung des Films in der gleichen Stadt spielt, in der ich mich noch wenige Stunden aufhalte. Das versöhnt mich dann doch mit dem vergeigten Treffen zum Feuerwerk.

Vertonung

Augenzwinkernd sage ich manchen Delegationsreisenden oder Einzelkunden machmal, dass ich sie "synchronisiere". Das passt zu einer Unschärfe, die Worte wie "simultan" und "synchron" im Zusammenhang mit dolmetschen, übersetzen und vertonen betrifft. Um's mit einem Beispielsatz zu "entfitzen" (sächsisch für entwirren): "Die Simultandolmetscherin öffnet die Tür ihrer Kabine, verlässt die Konferenz und geht ins Kino, wo sie einen untertitelten Klassiker sieht, denn sie hasst synchronisierte Filme."


Gestern bekam ich direkte Rückmeldung zu einem Arbeitseinsatz. Eine Namenscousine sagte mir in etwa das Folgende: Ich bin überrascht, dass du dem Originalton immer nur ein Wort hinterher bist. Und manche Leute dolmetschst du immer in der gleichen Stimmlage, das betrifft zwei oder drei aus der Gruppe. Da muss ich gar nicht von den Notizen aufblicken und weiß gleich, wer jeweils spricht.

Diese zweite Bemerkung hat mich sehr gefreut, weil ich das nicht wusste. Es geschieht unbewusst. Die Festivalarbeit, konkreter: das simultane Einsprechen von noch nicht untertitelten Filmen, dürfte daran 'schuld' sein. Wobei ich mich im Kino davor hüten muss zu schauspielern, denn das ist der Job der Leute auf der Leinwand. Um auf unsere Arbeitsgruppen zurückzukommen, liebe Namenscousine Caroline, waren es Milena und Swen, die ich in anderen Stimmlagen verdolmetscht habe? Die beiden liegen eindeutig am oberen bzw. unteren Ende der Tonleiter ... Für den dritten Namen hab ich keinen Tipp, da bin ich auf mehr Infos gespannt.

In einer anderen Runde kam heute prompt jene Milena auf das Phänomen zu sprechen. Sie sagte, dass sie einen weiteren Teilnehmer, Bertram, so wahrnehme, als höre sie ihn im direkten O-Ton, allerdings in einer Sprache, die sie auf wundersame Weise plötzlich verstehe, und: "Für mich hat Bertram eine weiche, warme Frauenstimme!" Bertram wiederum ergänzte, dass ich mich wohl in die Sprechenden hineinversetzen würde, dass ihm meine Arbeit manchmal vorkomme, als sei ich eine Schauspielerin.

Und "ein Wort hinterher" als Beschreibung des Abstands zwischen Original und Übersetzung stimmt manchmal - mitunter bin ich sogar früher fertig, wenn etwa der Verlauf einer Redewendung absehbar ist, wenn jemand spricht, der die Neigung hat, die Dinge zu reformulieren oder ich das (französische) Verb bereits kenne, weil es früher im Satz kommt als auf Deutsch. Ich kann aber auch zwei Sätze hinterherhinken, das hängt ganz davon ab, was wie gesagt wird.

Merci beaucoup, Caroline, Bertram et Milena, rentrez bien ! 
Et merci Audrey pour la photo !

______________________________
Foto: Eric Vidal, Jeremy Gravayat,  die Autorin
dieser Zeilen, David Perrin (angeschnitten)

Montag, 12. Juli 2010

Verzichte!

Erneut erhielt ich von Sehnsucht gefärbte Mails mit Anfragen von Abiturientinnen, die am besten ab September für große Filmstars dolmetschen möchten. Offenbar war ich nicht eindeutig genug. Viele Jahre Studium und Berufserfahrung, am besten auch im Bereich der Spezialisierung, wenn es sich um eine so eigenständige Welt wie die des Kinos handelt, sind zwei klitzekleine Voraussetzungen.

Der Rest ist Verzicht. Um zu meinen mehrstündigen Einsätzen am Set, auf Festivals, bei Pressekonferenzen oder bei Seminaren überhaupt fähig zu sein, bringe ich manches Opfer. Ich bin auf vielen Festivals — und sehe ganz und gar nicht querbeet jeden Film, auf den ich Lust habe, weil ich mich vorbereiten, arbeiten oder ausruhen muss. Ich mache jeden Tag Gymnastik, muss auch sonst zum Ausgleich sportlich sein. Ich rauche nicht (u.a. wegen der Stimme), trinke nur ab und zu einen Schluck Alkohol zum Essen, kurz: Drogen sind tabu.

Die meisten Parties sowieso. Ich bin oft die erste, die geht. In Diskos/Clubs war ich in meinem Leben zweikommafünf Mal, auf drei Rockkonzerten, zu Jazz und Klassik gehe ich nur mit professionellen Ohrenstöpseln, die mich vor zu großer Lautstärke schützen.

Also bitte keine glänzende Augen bei der Erwähnung von großen Namen! Die Chose hat wenig mit Pailletten, gar nichts mit Exzessen zu tun (von übertrieben langen Dolmetschsitzungen mal abgesehen), dafür mit vielen Verzichten, Askese, ruhiger Lebensführung und Regelmäßigkeit.

Diese Prägung hat auch ihr Gutes. Wenn ich in Stress gerate zu Hause oder unterwegs, über etwas nachdenken muss, das Gefühl habe, nicht bei mir persönlich 'angedockt' zu sein, bringt mich nichts so schön wieder "runter", wie eine Runde Wortfeldarbeit, Grammatik oder Übersetzung (sofern ich Zeit dafür habe). Mein Medienkonsum geschieht oft unter dem Vorwand "Arbeit", ich sehe, höre, lese in mehreren Sprachen Nachrichten und halte mich über das Aktuelle auf dem Laufenden. Manchmal gebe ich mich |schnöder| schöner Unterhaltung hin — und es hat was mit Arbeit an der Sprache zu tun, sofern ich es in der Fremdsprache tue.

Dolmetschen für Medien, Kultur und Politik hat so, wie ich es betreibe, mehr mit Sport und Berufung zu tun als mit Glamour und Jobs. Voilà ! ... das musste mal gesagt sein!

Flow

Eine Erfahrung, die Sie sicher auch kennen, ist typisch fürs Dolmetschen. Wenn die vorab erhaltenen Informationen zu dem passen, was bei der Veranstaltung stattfindet, wenn ausreichend Zeit für die Vorbereitung vorhanden war und der Ablauf normal (Sprechgeschwindigkeiten, Arbeitssituation) ist, erleben wir Dolmetscher oft einen Flow. Der Begriff kommt aus dem Englischen und bedeutet ursprünglich fließen, rinnen oder strömen.
Im Flow verschwindet mein Zeitempfinden, dann vergesse ich mich selbst in der Arbeit. Das Erlebnis, vollständig das leisten zu können, was gefordert wird, es mit Eleganz zu meistern, es sogar zu beherrschen, ohne beherrscht zu werden, ist erfüllend. Es ist das Gegenteil von Langweile oder Routine. So muss sich ein 100-Meter-Läufer beim Wettkampf fühlen, wenn er nach hartem Training als erster über die Zielgerade läuft.

Der "Flow" setzt Glückshormone frei. Unsere Arbeit wirkt dann leicht, anstrengungsfrei, erfrischend, wie ein Bad im Meer. Ich merke es deutlich, wenn ich in einer solchen Situation bin. Ich werde wahrgenommen, werde angelächelt. Am Ende des Tages wird sie sich als eine Spur weniger ermüdend erweisen.

Stimmen die Rahmenbedingungen nicht, ist es nur harte Arbeit, sonst nichts. Wenn wir und gründlich vorbereiten, Veranstalter oder Redner nerven, indem wir regelmäßig um Hintergrundinfos oder ein Vortragskonzepte bitten, dann geschieht das eigentlich nur aus dem Wunsch heraus, am Ende wieder auf der Welle des Glücksgefühls schwimmen zu dürfen.

Wird uns das versagt oder werden bei Veranstaltungen nur die üblichen Floskeln ausgetauscht, droht Über- oder Unterforderung. Indes, auch aus dem Bewältigen von Überforderung entstehen Glückshormone, es fühlt sich aber irgendwie anders an.

______________________________
Foto: Am Mittelmeer

Sonntag, 11. Juli 2010

ˈpʌblɪk ˈvju:ɪŋ

2006 hat sich der Begriff in Deutschland etabliert: "Public viewing", was das öffentliche Anschauen von Livesendungen bezeichnet.


Das klingt wie ein englischer Ausdruck - also müsste "public viewing" auch in englischsprachigen Ländern verstanden werden. Wird es auch, nur anders. "Public viewing" bedeutet dort Leichenschau oder öffentliche Aufbahrung einer Leiche.

Seit 2007 steht der der bewusste Begriff sogar im Duden ... 

Der Begriff "Public viewing" ist in Frankreich nicht bekannt, die Sache schon. Auf Französisch wird es, wenn überhaupt, umschreibend ausgedrückt: projection publique (non commerciale) / (sur grand écran) - die (nichkommerzielle) öffentliche Aufführung (auf großer Leinwand).

Nachtrag 2012: Das neue Wort für den Vorgang lautet "Rudelgucken".

______________________________
Foto: C.E.

Freitag, 9. Juli 2010

Link der Woche: Verhandlungskultur in Frankreich

Heute möchte ich einen Beitrag empfehlen, den ich Anfang der Woche auf Handelsblatt.com gelesen habe. In der Reihe "Weltspitze - wie Deutsche international Erfolg haben" werden nacheinander verschiedene Länder und ihre Besonderheiten vorgestellt. Dieses Mal ist es also Frankreich - und natürlich kann ich nur unterstreichen, was Autor Sergey Frank über das Verhandeln mit Franzosen schreibt: "Wer (...) zu wenig Französisch beherrscht, sollte bereits im Vorfeld der Verhandlungen Dolmetscher einschalten."
Sehr schön auch die Aufzählung einiger faux amis, 'falscher Freunde'. Der Begriff bezeichnet Worte, die wir zu glauben kennen, die aber in Frankreich ganz anders verstanden werden. So heißt das Wort le concours übersetzt nicht etwa Konkurs, sondern Wettbewerb ... (z.B. bei den großen Hochschulprüfungen und Auswahlverfahren, die gerade zuende gingen).

Hier geht es zum Artikel "Verhandeln zwischen Eleganz und Savoir vivre". Kommenden Montag bringt das Handelsblatt den zweiten Teil seiner Frankreich-Kolumne.

Hirnnebel, die Zweite

Willkommen beim 1. deutschen Weblog aus der Dolmetscherkabine. In den Sommerwochen verlasse ich den stickigen kleinen Raum gerne und mische mich wie in Marseille unter Seminarteilnehmer.

Gestern beschrieb ich den Hirn­nebel, den ich nach intensiven Dolmetscheinsätzen bei mir beobachte. Immer, wenn es möglich ist, ziehe ich mich nach solchen Momenten (kurz) zurück. Die Kon­zen­tra­tion ist als Solo-Dolmetscherin noch intensiver, als wenn wir im Team tätig werden, und ich weiß sehr genau, dass ich sehr gut auf mich aufpassen muss.

Denn wenn ich es hier überspanne, gefährde ich meine Arbeitsfähigkeit für Tage. Daher betreue ich nur dann Seminare und Delegationsreisen ohne Kollege/Kollegin, wenn zwischen den Begegnungen Pausen sind, wenn nicht den ganzen Tag diskutiert wird, sondern Sitzungen mit Besichtigungen oder Filmsichtungen alternieren - und wenn das, was verhandelt wird, meiner Spezialisierung entspricht. (Und dass ich hier alleine aktiv bin, passt zu den Auftraggebern, denn in den Bereichen Kunst, Filmvermittlung und soziokulturelle Arbeit sind oft die Mittel knapp.)

Bei Konferenzen, wo wir zu zweit oder zu dritt in der Kabine sind, fliehe ich gern zwischendurch in den Ruheraum, so es einen gibt. Bei Delegationsreisen frage ich im Bistrot nach einer stillen Ecke - ich schlief schon auf Sani-Bänken, Couches im Lounge-Bereich und auf Chefsesseln in Büros. Glück habe ich, wenn wir oder die ausländischen Gäste im Tagungshaus auch wohnen. Nach und vor sehr intensiven Einsätzen, schlafe ich gerne eine ganze Schlafphase, die bei mir 1,5 Stunden dauert. War/wird der Tag nicht so heftig, reichen dreißig Minuten.

So wie gestern. Ich liege auf dem Bett, mache autogenes Training, sage meinem Körper, der gerade hochgeputscht ist vom Adrenalin, dass Schlaf total unwichtig ist, dass jetzt nur der rechte Arm schön schwer wird. Danach ruckel ich mich kurz zurecht, nun liegt auch die Schulterpartie entspannt und schwer da. Dann greift die Ruhe auf den linken Arm über - und weg bin ich. Und doch nicht. Im Tagungshaus ist es laut, Türen klappern, irgendwo arbeitet eine Bohrmaschine, Taubengurren vermischt sich mit Geschirrklappern auf dem Hof.

Innerhalb von zwanzig Minuten erlebe ich immer wieder kurze Einschlafphasen, dabei kann ich mir beim Träumen selbst zusehen: Eben noch eckige Formen, sind nun runde angesagt, alles à la 70-er Jahre wie die einstige Kantine des SPIEGEL, plötzlich fällt Papier aus einer der bullaugenartigen Luken an der Decke des Raums heraus - ich zucke, bin wieder wach. Inklusive Zucken geht das sechs Mal so. Die Augen, die anfangs geflirrt und sich bewegt haben, als wäre ich mitten in einer REM-Phase (ich unterstütze das willentlich), haben sich beruhigt. Ich stehe auf, erfrischt. Nur die Beine kribbeln noch ein wenig.

______________________________
Foto: Axel Lambrette.
Begleitend zum Veranstaltung entstehen Tonaufnahmen für
die Dokumentation des Seminars. Von links nach rechts:
Cécile Tollu-Polonowski, myself, Emmanuelle Choin

Mittwoch, 7. Juli 2010

Hirnnebel *AKTUALISIERT*

Mein Kopf könnte jetzt ein Cumulonimbus sein, eine Formation aus Wassertröpfchen, fetten Regenwolken, Hagelkörnern und Eiskristallen. Diese Wolke zeichnet sich durch ihre gestaute Form mit unscharfen Umrissen aus. Genauso unscharf und kompaktifiziert fühlt sich mein Oberstübchen jetzt an, nur eins stimmt nicht: Die Kühle. Mir ist heiß. Also träume ich lieber von Schneeflocken und Regentröpfchen ...

Nach vier Stunden als Solo-Dolmetscherin sendet mir das dominierende Steuerorgan diffuse Botschaften. Viele Gedanken führt es gar nicht mehr zuende, es vermischen sich Sprachfetzen mit wieder einsetzenden Selbstwahrnehmungen - diese Ebene war während des Dolmetschens deutlich gemindert bis nahezu abwesend. Die Gedankenfetzen gehen in alle Richtungen, aber am Ende immer im Kreise. Es vermischen sich die Sprachen, nicht immer passen die Worte zum eben Verdolmetschten, nicht immer ist das, was mir als Übersetzung eines Wortes einleuchten möchte, beim näheren Hinhören wirklich die anderssprachliche Entsprechung.

Ich fühle mich ein wenig, als riskierte ich gerade einen fetten Sprung in der Schüssel, eine cerebrale Fraktur allererster Güte. Schnell etwas essen im beschatteten Hof, während es draußen siedendheiß ist, dann Siesta für das geplagte Haupt: Zum Glück findet die Veranstaltung dort statt, wo auch unsere Zimmer gebucht sind. Und zum Glück ist die nächste Veranstaltung erst am frühen Abend.

Während mein Kopf um ein- und denselben Begriff frei assoziiert, Hinbruch, bicephale Hernie, Knacks inne Birne, kapitale Schädeldivision ... nehme ich meine Umwelt wie durch einen Schleier wahr.

Der Hirnnebel verzieht sich spätestens nach der Siesta und damit auch die bedrohliche Wolkenformation. Altocumulus, Stratocumulus, Cirrostratus ...


P.S. (Juli 2011): Natürlich arbeiten wir Dolmetscherinnen immer zu zweit. Hier aber bin ich zuallererst als Dozentin dabei, denn ich unterrichte seit Jahren an diversen Hochschulen französische Filmkulturen und Filmwirtschaft. Wir empfehlen gute Fremdsprachenkenntnisse als Voraussetzung zur Teilnahme, setzen diese aber nicht zwingend voraus. Das gleiche gilt für die Seminare und Delegationsreisen mit Menschen aus sozialen Brennpunkten. So dass es dann immer wieder Leute gibt, die kaum Englisch oder Deutsch bzw. Französisch sprechen und für die ich dann einspringe, immer mit viel Pausen und halben freien Tagen. Ein derart intensives Arbeiten ist nur deshalb möglich, weil ich seit Jahren in diesen Bereichen arbeite und mir die Inhalte vertraut sind. (Ich arbeite "von der Festplatte" und nicht "aus dem Arbeitsspeicher heraus", was einen großen Unterschied darstellt.)
______________________________
Foto (kein Cumulonimbus): J. Straßburg

Dienstag, 6. Juli 2010

Neusprech von A bis Z

Der Titel ist keck eine Runde zu großräumig formuliert, ich habe heute nur ein "A" und ein "Z".
Auf Augenhöhe ...

... liegen in den Regalen der Lebensmittelgeschäfte stets die teuersten Produkte. Als Beschreibung der Eigenschaft eines Gesprächs empfinde ich es als diskriminierend. Es schließt jene aus, die von den anderen als nicht ganz "genügend" empfunden werden - und alle Kleinen, Kinder, Rollstuhlfahrer, Gebrechlichen. Weg damit!

Zeitnah ...

... ärgert mich mich doppelt, wenn mir die Bahn im High-Tech-Bummelzug "zeitnahe Auskünfte über Verspätungen und Anschlussmöglichkeiten" verspricht. Die Verbindung eines räumlichen und zeitlichen Begriffs ist völlig unnötig, so sehr sie auch zu Verkehrsmitteln zu passen scheint, denn wir kennen das schöne Wort "bald", das auch noch den Vorteil hat, aus nur einer Silbe zu bestehen. Möge der Zug also bald ankommen!

_______________________________
Foto: Im DDR-Konsum ... aber "Bückware" ist nochmal
etwas anderes.

Montag, 5. Juli 2010

Naturdenkmal

Dolmetschen ist irrsinnig anstrengend, regelmäßige Erholung sehr wichtig.
Ich gehe spazieren, atme tief durch, spüre die Sonne auf der Haut. Es ist kaum zu glauben, wie schnell der Boden im Sommer trocknet, schwer sind die Düfte und Aromen in der Luft, meine Nase vermeldet Genuss. 


Dann entdecke ich diesen merkwürdigen Baum, der aussieht, als wüchse er aus für ein Feuer aufgetürmten Ästen heraus. Es ist eine Art Naturdenkmal. Wer hat es gebaut? Warum? 

Es könnte eine Art Totem sein oder ein modernes, vergängliches Kunstwerk. Ich denke an den britischen Künstler Andy Goldsworthy, der mit Wasser und Steinen arbeitet, wunderbar dargestellt im Dokumentarfilm "Rivers and tides" von Thomas Riedelsheimer (D, 2000).

Und ich bemühe mich, nicht in Worten zu denken, sondern einfach nur auf alle Sinneseindrücke zu achten, und ich freue mich.