Mittwoch, 12. Februar 2020

Arbeitsstimmung

Hier schreibt und denkt eine Übersetzerin und Dolmetscherin, derzeit in Berlin. Ich arbeite aber auch in Paris, Brüssel, Köln und dort, wo Sie mich brauchen. Ich bin räumlich einigermaßen viel auf Achse. Dabei erlebe ich viel Schönes.

Zum Haareraufen sind hier nur die schwierigen Themen
Neu­lich sitze ich, be­vor der Ein­satz los­geht, an­dert­halb Stun­den bei der Auf­trag­ge­be­rin mit im Chefbüro. Der Hin­ter­grund ist ein­fach: Bei der aktu­el­len Un­zu­ver­läs­sig­keit der Bahn reise ich nicht mehr  eine Zugverbindung vor der eigentlich pas­senden, son­dern zwei bis drei Züge früher. Und prompt ist die Bahn mal wieder pünkt­lich.

Ein Mit­ar­beiter mit kran­kem Kind ruft an, was ich aus dem spä­te­ren Kom­men­tar dieser Chefin er­fahre. Das Ge­spräch ist nicht sehr lang, die Dame hört zu, fasst zusammen und ent­wickelt gleich drei mög­li­che Lösungen. Am Ende lacht sie, am anderen Ende der Leit­ung scheint auch je­mand zu lachen.

Als Zusam­men­fassung sagt sie, mit einem Augen­zwinkern vor­ge­bracht: "Spre­chen­den Menschen kann immer geholfen werden."

Ich finde das großartig. Da ich frei­beruflich arbeite und Hierar­chien immer von au­ßen beob­achte, habe ich den Satz notiert.

Wenig später schaut ein weiterer Mitarbeiter kurz zur Tür herein, sagt in Richtung Chefin: "Oh, sie ist ja schon da!" Dann ent­schul­digt er sich in meine Richtung, dass er über mich in der 3. Person Sin­gular spricht. Exakt so, in die­sen Worten! Und er fragt uns, ob es uns etwas aus­machen würde, wenn wir früher an­fangen würden.

Kurz darauf sitzen alle im Be­spre­chungs­raum und beginnen eine Stunde vor Termin mit der Arbeit. Die Stim­mung ist ko­ope­ra­tiv, gelöst, zu­ge­wandt. Wir kom­men gut voran mit der Ta­ges­ord­nung und sind ent­spre­chend früher fertig. Zwei der Mit­ar­bei­ter bieten mir unabhängig von­ein­an­der an, mich zum Bahn­hof zu fahren.

Es gibt Fir­men in diesem Land, da stimmt so einiges. Und ich bin froh, dort mit­hel­fen zu dürfen.

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Foto: C.E. (Archiv)

Montag, 10. Februar 2020

Am Montag zum Beispiel

Was und wie Kon­fe­renz­dol­metscher und Übersetzer (und Dolmetsche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen) arbeiten, darüber berichte ich auf diesen Blogseiten im 13. Jahr. Noch sind wir vor der Konferenzhochsaison.

Draufsicht auf Holztisch mit Kaffee und Zimtschnecke
Gegen das Grau draußen: Tulpen, Zimtschnecke und Kaffee
Nach meinen Abendeinsätzen der letz­ten Woche bin ich noch im Jetlag — und zwar ganz ohne Flugzeug. Die in­nere Uhr zeigt mir Ortszeit Mon­te­vi­deo an. Eine mor­gend­li­che  Te­le­fon­kon­fe­renz per Video-Chat um 8.00 Uhr ist ... naja, nen­nen wir's "eine sport­li­che Her­aus­for­de­rung". Nach der „Visio“ (la vi­sio­con­fé­ren­ce) ist an Wei­ter­schla­fen nicht zu denken.

Der Nachbar bekommt einen Schrank, irgendjemand im Haus eine neue Wand (so klingt es jedenfalls, die alte muss zuvor raus), Müll wird abgeholt, ein Fla­schen­samm­ler klin­gelt wie je­den Mon­tag ("Gu­ten Mor­gen, ich bin's, der Flaschenmann!"), dann kommt der Gasmann zum Ablesen und Frau Müller aus dem Erdgeschoss bringt der Paketbote mal wieder neue Schuhe.

OK, Termine klären: Ich sitze eine Stunde am Schreibtisch, und ich habe keine Se­kun­de zu früh damit angefangen. Eine Konferenz heute verlängert sich um einen größeren Block, und weil mit der Bahn diesen Mon­tag ja nicht mehr gerechnet wer­­den kann, bekomme ich einen Abendeinsatz von einer Kollegin, muss dafür mor­­gen einen Vormit­tags­einsatz an eine andere Kollegin geben.

Das muss ich jetzt nur noch vermitteln. Ich kom­mu­ni­zie­re mit En­gels­zun­gen in alle Rich­tungen, bis sich alle freuen. Dann noch Angebote rausschicken für April 2021, Mai 2021. Das sind Zahlen, die sich ungewohnt anfühlen, jetzt, wo ich endlich nicht mehr 2019 schreibe.

Inzwischen knurrt der Magen. Die Apfel-und-Wasser-Diät vor der mor­gend­lichen Vi­deo­kon­ferenz war vielleicht doch nicht aus­rei­chend kalorien­haltig. Wir schreiben respek­table 13.00 Uhr, also ab zum Bäcker. Dort lieber nur ein Käffchen, single shot, ich optiere an­schlie­ßend für eine Siesta. Dann weiterlernen für heute Abend. Dieser Abend­einsatz und ein anderer, in einigen Tagen bin ich nochmal abends "auf Sendung", werden meinen "Konfe­renz­dol­met­scher­jetlag" verlängern. Ich werde das Wochenende nutzen, mich wieder auf MEZ einzupegeln.

Sonst auf dem Schreibtisch: Groß­kü­chen­bau­antrag, Frauenrechte im Maghreb, Ur­he­ber­recht, Stadt-und Raumplanung, Filmwirtschaft, neue psychotherapeutische Ansätze.

Aber an diese Themen ist im Café nicht zu denken. Dort sitze ich ein­ge­klemmt zwi­schen So­zio­lo­gie und Krankenhaus­­ma­­na­­ge­­ment. Vier Frauen arbeiten in zwei Sprachen links und rechts von mir beim kleinen Bäcker, wo man sich an die großen Tische ein­­fach hin­zu­setzt. Mein Problem: Das Dol­met­­scher­­hirn hört immer mit. Im­mer. Ich könnte Zu­sam­­men­­fas­­sun­gen schreiben. Der Grund: Das alles könnte ja gleich im Einsatz rele­vant werden, wenn ich gebeten werde, die Ver­dolmet­schung zu über­neh­men. Wir sind schon komisch gepolt. OK, dann ver­suche ich‘s mal mit Kon­zen­tra­tion auf leeres Hirn, Zimtschnecke essen, lieber doch keinen Kaffee, den be­kommt der Kol­le­ge, dann Siesta.

Der Arbeitstag endet schließlich nach netto neun Stunden Arbeitszeit, von denen ich drei Stunden lang im "On" war, je zur Hälfte im Solo und im Duo. Die Ver­gü­tung: zwei ver­kürz­te Tages­sätze. Grund: Rah­men­ver­tragskunde (am Vor­mittag) sowie Kul­tur­bran­che (mit nach­voll­zieh­ba­rem akutem Geldmangel). Morgen bin ich nur einen halben Tag im Büro, dann darf ich (einige Tage lang ohne Ex­tra­ver­gü­tung) zu Diens­tag in einer Woche pauken und mich vor­be­rei­ten, da habe ich wie­der einen Kon­fer­enz­tag, allerdings in einem neuen Wis­sens­ge­biet.

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Foto: C.E.

Dienstag, 4. Februar 2020

Klickworker (II)

Mitten in ei­nen Blog aus der Ar­beits­welt sind Sie rein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Hier stehen kurze (anonymisierte) Episoden aus meinem mit­un­ter sehr vielseitigen Alltag, Gedanken zu Kultur und Sprache sowie Hinweise zu meinen Arbeitsfeldern.

Heute bereite ich meine Vokabelliste von letzter Woche nach. Dazu höre ich auch eine Radio­sendung, die noch auf meiner Liste war. Dabei werde ich überrascht.

Clickworking ist heute keine Nische mehr, es betrifft bis zu zwei Prozent der Be­schäf­tigten Deutsch­lands. Für viele handelt es sich um einen Nebenverdienst; die Anzahl jener, die versuchen, damit ihren Lebens­unterhalt zu gestalten, nimmt zu. Fach­leute rechnen damit, dass sich in­ner­halb von einigen Jahren der Anteil der über Web­sei­ten kurz­fristig Be­schäf­tigten verzehnfachen wird.

Lange haben solche Beschäf­tigungs­verhältnisse unterhalb des Radars von Ge­werk­schaf­ten und Arbeitsmarktpolitikern gelegen. Die unternehmerischen Ri­si­ken müs­sen die sogenannten Selbständigen selbst tragen, sie arbeiten oft mit ei­ge­nem "Werk­zeug". Schutz durch das Arbeitsrecht, soziale Errungen­schaften: Meis­tens Fehl­an­zeige. Hier ent­steht ein neues Pre­ka­riat.

Clickworking umfasst unqualifizierte Tätigkeiten (das Klassifizieren von Fotos zum Beispiel), aber auch hochqualifizierte Aufgaben wie Online-Nachhilfe­unterricht, Design von Webseiten oder Program­mie­rungs­aufträge.

Damit verbunden sind andere Beschäfti­gungen der Plattformökonomie wie zum Bei­spiel Bringdienste für Essen oder Haushaltstätigkeiten, sowie Tätigkeiten, die es vorher nicht gab, Mystery Shopping oder das Dokumentieren der Sauberkeit von Au­to­bahn­rast­stät­ten.

Auch wir Sprach­arbei­terinnen und Sprachar­beiter sind längst in den Fokus der An­bie­ter geraten. Ich habe hier wiederholt über Pseudo-Agen­tu­ren ge­schrie­ben.

Graffiti-Auge
Augen auf in der Arbeitswelt!
Problem: Die offerierten Ho­no­rare reichen bei fast allen nicht zum Le­ben und füh­ren gerade bei Aka­de­mi­kern zu einer sol­chen Un­ter­­be­­zah­­lung, dass für sie die Ar­beit nicht wirt­schaft­lich ist. Makro­öko­no­misch be­trach­tet ist die­ses Modell nur kurz­fris­tig mög­lich, denn so rückt nie­mand mehr nach.

Kein Mensch wird lange Studien- und Ausbildungs­zeiten in Kauf nehmen, um am Ende weniger Ein­kom­men zu haben als ein Müll­mann.

Hier der Link zu einer Radiosendung, an der ich letztes Jahr teilgenommen habe, das war mein Über­ra­schungs­mo­ment, ich hatte es fast ver­ges­sen: Digitale Tage­löh­ner­ / Aus­beutung durch Crowdworking, Platt­form­öko­nomie und Startups, DLF, vom 27.4.2019. (Ich spreche ab 18'28'' vom Ende her be­tra­chtet, da der DLF-Player die verbleibende Zeit anzeigt. Merksatz für mich selbst: Beim Interview soll­te ich mir künftig (wie sonst beim Dol­met­schen) direkt zuhören, denn nur so spre­che ich alle Sil­ben aus und ins­ge­­samt etwas lang­­samer.)

Und ja, ich denke, dass es auch in fünf bis zehn Jah­ren noch Über­setzerinnen und Dolmetscher (und Dolmetscherinnen und Übersetzer) geben wird, denn Sprache ist zu komplex für Bits & Bytes.

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Foto: C.E.

Montag, 3. Februar 2020

Auf dem Schreibtisch (LX)

Guten Tag, bon­jour & hel­lo auf mei­nen Blog­sei­ten aus der Ar­­beits­­welt! Hier ver­öf­­fent­­li­che ich kurze Episoden aus meinem All­tag, mache mir über Sprache so meine Gedanken sowie über die Zeitläufte.

Stehpultaufsatz, Computer, Tastatur, Notizen
Stehpult = rückenaktivierendes Arbeiten
Der Blick auf den Schreibtisch mit Beispielen aus meiner Be­rufs­praxis:
⊗ Aktuelle Politik
⊗ Filmherstellung/Film­ver­leih
⊗ Klimafreundliche Land­wirt­schaft
⊗ Großküche: Bauantrag
⊗ Videoarchivmaterial zu einem Pariser Kulturthema
⊗ Eigene Schreibprojekte (Kinderbuch)

In viele weitere Bereiche habe ich mich in den letzten Jahren eingearbeitet und bin immer wieder gespannt auf Neues.

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Foto: C.E. (Archiv)

Freitag, 31. Januar 2020

Klickworker

Bonjour, welcome, guten Tag! Hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin. Was wir arbeiten, wie das geschieht und wie wir anzusprechen sind, ist für Au­ßen­ste­hen­de oft ein Buch mit sie­ben Sie­geln. In meinem Blog gebe ich kurze Ein­- und Drauf­blicke. 

So richtig geht die Saison erst im April oder Mai los. Wir erleben derzeit einen kleinen Saisonstart, und so hatte ich nach meinem Grippewochen denn auch die ersten beiden öffentlichen Einsätze.

Laptops, Mikros und Kopfhörer auf eienm Tisch vor einer Glasscheibe
Gleich geht's los
Am Don­ners­tag­abend ging es um "Klick­worker" und damit um die zuneh­men­de Tendenz in der Ar­beits­welt, Aufga­ben in immer klei­ne­re Teile zu zer­tei­len, um sie auf immer mehr Men­schen zu über­tra­gen, denen sich die Firmen immer weniger verpflichtet fühlen. Diese Klickworker erledigen sogenannte "Micro-Jobs", Kleinstaufträge, und erhalten dafür "kleines Geld".

Die Vergü­tun­g dieser prekären Arbeit rei­cht weder zum Leben noch zum Ster­ben. Manche Berufe laufen Gefahr, in die Hände derartiger "Ar­beit­ge­ber" zu fallen, die eigentlich "Ar­beit­weg­neh­mer" sind: Fahr­rad­ku­rierin, Rei­ni­gungs­kraft, Nachhil­fe­leh­rer und Lektorin, um nur einige Bei­spie­le zu geben.

Soziologen sprechen von der "Uberisierung (*) der Wirtschaft", sie beschreiben ei­ne regelrechte "Plattform­ökonomie", bei der sich die Geldströme zu den im Netz prä­sen­ten An­bie­tern bewegen, die ihrerseits dann jene, die die Arbeit machen, mit Cent­beträgen abspeisen. Hier entsteht ein neues Proletariat, das Cybertariat.

création de valeur — Wertschöpfung | cybertariat — Cybertariat | cybertravail — e-work | dare-dare — schnurstracks | dégradation des conditions de travail — Verschlechterung der Arbeitsbedingungen | détenteurs des algorithmes — Eigentümer der Algorithmen | distribution très inégalitaire des revenus — höchst ungleiche Verteilung des Einkommens | éboueur du net — Müllwerker des Internet | économie collaborative, l’économie du partage ou l’économie circulaire — kollaborative Wirtschaft [+++], die Wirtschaft des Teilens [+++] oder die Kreislaufwirtschaft | emploi formel —offizielle Beschäftigung | enceintes connectées — angeschlossene Lautsprecher (ans Internet) || enquêtes empiriques approfondies — vertiefte empirische Untersuchungen | entériner —  befürworten
Ransprung an den Monitor (in ein zweites Fenster laden)
Die Fran­zo­sen haben sogar ei­nen Ober­be­griff für die Vor­gänge geprägt, la tâ­che­ron­ni­sa­tion du monde du tra­vail, was wir mit "die Ver­ta­ge­löh­ne­rung der Arbeitswelt" wie­der­ge­ben könnten. Wir su­chen noch ei­nen Begriff, der ein­gän­gi­ger ist. Auch in der Lexik rechts sind einige Be­grif­fe nur Platz­hal­ter (mit +++ be­zeich­nen wir, was vor­läu­fig ist).

Dabei beobachten wir immer wieder mit großem Interesse, wie Begriffe entstehen, und damit Ent­wick­lun­gen durch die Möglichkeit, sie zu benennen, überhaupt erst an­greif­bar wer­den. In Frankreich gibt es auch einen zusammenfassenden Begriff für die großen Internet­firmen, die meistens in den USA beheimatet sind, und die sich durch die Kom­bi­nation bestehender Steuer­tricks groß­teils bis gänz­lich um die Entrichtung von Steuern drücken. Auf Französisch, diese Sprache liebt Ab­kür­zun­gen, werden sie les GAFAM genannt, manchmal auch nur les GAFA, die Firmen à la Google-Amazon-Facebook-Apple-Microsoft. Auf deutschen Konferenzen haben wir "Big Five der IT" gehört.

Wir Übersetzer- und Dolmetscher/innen kennen übrigens die Be­dro­hung durch mo­dernes Tagelöh­nerwesen auch. Letzten Don­ners­tag habe ich wie in einem schlech­ten Film auf dem Weg in die Dolmet­scher­kabine nicht nur die Fachtermini me­mo­riert, son­dern gleich ver­wendet. Es geht um einen ziemlich krassen Fall von Platt­form­öko­no­mie, wo Übersetzern im Rahmen von Film­her­stellung verglichen mit dem, was Sender direkt zahlen, an die 96 % des Honorars vom Flaschenhals "Agen­tur" gestoh­len werden.

Ich kann das nur mit diesem eindeutigen Begriff des Diebstahls be­le­gen; dem­je­ni­gen, der die Arbeit macht, nur noch Krüm­el vom Brot an­zu­bieten, ist tatsächlich nichts anderes, hier liegt kein Fall von kas­ka­dier­ter Un­ter­ver­ga­be vor. Der An­ge­le­gen­heit werde ich weiter nach­gehen. Da ich an einem früheren Be­rufs­le­ben Jour­na­lis­tin war, schreibe ich ein Film­ex­po­sé dazu. Und habe jetzt auch den Vergleich: vier Prozent sind fast noch gut, verglichen mit den 0,5 Prozent, die eine Näherin in Bangladesh für die Arbeit bekommt. Achtung, Ironie! (Wir akade­mi­schen Klick­wor­ker mit ei­ge­ner Tech­nik ...)

Und der etwas alter­tümliche Begriff vom Tage­löhner be­kommt hier sein Pen­dant: Sol­che Fir­men, die ei­nen nicht un­er­heb­li­chen An­teil ihrer so ent­stan­de­nen Ge­win­ne in aggres­si­ves Mar­ke­ting und Wer­bung stecken, um z.B. bei den GA­FAM gut da­zu­ste­hen, sind di­gi­ta­le We­ge­la­ge­rer. (Ich weiß, das sind jetzt schon Kampf­be­grif­fe.)

Der zweite Dolmetscheinsatz war nicht weniger brisant, es ging um die Kli­ma­ka­tas­tro­phe und wie am besten damit um­zu­gehen ist.

Licht, Technik, Wasserflasche und Gläser, Dolmetscherin
Konzentrierte Vorbereitung
Zu einzelnen Teilen dieser Ver­an­stal­tung plane ich in der nächsten Zeit noch etwas zu schrei­ben. Ich denke noch nach. Wir saßen bei dem Ein­satz nicht in einer Dol­met­scher­ka­bine, sondern am Ran­de der Bühne, wo wir prompt vor Fotoobjektive geraten sind.

Hier sitze ich hoch­kon­zen­triert (noch blass und mit Augenringen von der Grippe) und stu­diere die letzten Stich­punkte von Redebeiträgen.

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Foto 30.1.:
C.E.
Foto 31.1.: WRB 2020-01
(*) nach dem Fahrdienstanbieter "Uber"

Montag, 27. Januar 2020

Arbeitsverhinderung

Hier bloggt seit vie­len Jah­ren eine Dolmetscherin. Manch­mal besteht unsere Ar­beit leider aus dem Umgang mit Arbeits­ver­hin­de­rung. Wie kommt das? Einerseits schei­nen immer mehr Berufe abgewertet und zu "Jobs" zu werden, au­ßer­dem nimmt das Wissen um die Be­­son­­der­­hei­­ten von Sprach­berufen merklich ab.

Anfrage: 450.000 An­schläge Prä­sen­ta­tion einer Serie und die ers­ten drei Folgen flugs ins Deutsche, am besten binnen Wochenfrist, der Grafiker brau­che die Texte schnell, dann müsse es zum Drucker, damit alles vor der Ber­li­nale recht­zeitig fer­tig wird.

Moment mal! Warum die Eile? Die Berlinale beginnt erst in vier Wochen. 

Handschriftlicher Text mit Änderungen auf Tastatur
Qualität braucht Zeit
Die Übersetzerin soll innerhalb von ei­ner Woche etwas übertragen, was dann drei Wochen lang von Grafik und Druck bearbeitet wird? Wisst Ihr ei­gent­lich, dass Übersetzen mit Nach­den­ken ver­bun­den ist? In­tel­lek­tu­ell an­stren­gend?

Gut, natürlich braucht auch Grafik ihre Zeit, aber Schrift- und Farbauswahl so­wie das Platzieren von Fotos wird keine zwei Wochen beanspruchen! Oder ist das Drucken für die Maschinen derlei geistig ermüdend, dass es nicht binnen einiger Tage zu er­le­digen ist? Zu­mal die Auflage nicht in die Millionen geht. Der Kunde sitzt in Berlin, am lan­gsamen Post­versand wird's nicht liegen.

Verkehrte Welt. Denn so ein Dreh­buch ent­stand nicht in einer Woche — und Zeit ist auch für uns Über­set­zer eine wichtige Res­sour­ce. Hier zu meinem "Merkblatt Drehbuchübersetzung" aus dem Jahr 2014: klick! (Siehe 2. Hälfte des Blogposts.)

Andere Episode, ähnliches Ungemach: Letzten Freitag durfte ich auf Sender­kosten einen Tag lang einen Schnei­de­raum blockie­ren, leider mit keinem Ergebnis. Nun, Ho­no­ra­re wer­den fließen und sind geflossen: Ein TV-Team ist nach Nord­afrika geflogen, um dort Inter­views zu machen. Es ging um Flucht­routen und die Sahara. Mehr sage ich jetzt nicht, denn das Team wird ein weiteres Mal auf­bre­chen müssen.

Bei der ersten Dreh­reise hatte man sich auf den Chauffeur verlassen, der zugleich Quartiers­macher, Reise­führer und "Über­setzer" war. Das gedrehte Material war allerdings nicht zu schneiden. Es strotzte bei den Antworten nur so von Stellen wie "Wie ich vorhin schon sagte ist es genau so ...", "Also, die Frage ist gut formuliert, das stimmt, genau ...", "Exakt das, und was die Sache noch schlimmer macht ist, dass wir ja wie eben bespro­chen, versucht haben, also im Rahmen der Mög­­lich­­kei­ten, naja einfach war's nicht, aber der Onkel des Bürger­meisters sitzt ja im Par­la­ment, und der kennt wiederum ..."

Floskeln, Sprüche und An­spie­lun­gen auf das Vorge­spräch sind leider am Ende in einen stringenten Beitrag nicht ein­zu­fügen. Wir haben keinen Satz gefunden, der ohne mehrere Zwi­schen­­schnitte funktio­niert hätte, bei dem die Inter­view­ten ein­deu­tig auf Ort und Umstände einge­gangen wären, der Zeu­ge Stel­lung bezogen hät­te. Die erwarteten Aus­­sagen wurden leider nicht wie­derholt.

Kurz: Im Mate­rial war nichts Sende­fähiges drin, nüscht, nada, niente. Das Thema ist hoch­politisch, das Ganze sollte juristisch wasserfest sein.

Und weil vom deutschen Team niemand Französisch sprach und sich alle auf eine eigerlegende Wollmilchsau verlassen haben, die alles andere als ein Sprachprofi war und auch nichts von Film wusste, ist der sicher sehr teuere Dreh jetzt für die Tonne.

Hier wurde an der falschen Stelle gespart.

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Foto: C.E. (Archiv)

Freitag, 24. Januar 2020

Les Misérables ("Die Wütenden")

Hier schreibt und denkt eine Übersetzerin und Dolmetscherin, derzeit in Berlin. Ich arbeite aber auch in Paris, Brüssel, Köln, Cannes und dort, wo wir gebraucht werden. Und so kann es sein, dass wir in einem Münchener Palais sitzen, uns the­ma­tisch aber in der Pariser Banlieue befinden.

Reisen stehen in meinem Beruf ständig auf dem Programm. Einerseits in­halt­lich, es gibt kein Thema, das Über­set­zer und Dol­met­scher nicht schon mal bearbeitet ha­ben.

Interviewsituation
Das Mikro wird angesteckt
Bei mir geht das von Agrar­fra­gen bis zur Zer­le­gung des Lichts im Kino über Themen der Energie- oder Ge­bäu­de­tech­nik. Oft unterstütze ich gro­ße Kon­­fe­­­ren­­zen oder reise mit De­le­ga­tio­nen durchs Land, um Neu­bauten, Fa­bri­ken usw. ken­nenzu­­­­ler­­nen. Dabei bin ich nicht nur in Deutsch­­land un­ter­wegs, auch in die Pa­­ri­­ser Ban­lieue ging's schon mal be­rufs­be­dingt.

Dieses Thema kam nach Jahren Pause für mich wieder auf die Tagesordnung, die­ses Mal in einem Fernsehinterview. Zum Film "Die Wütenden", auf Französisch Les Misérables, der diese Woche ins Kino gekommen ist, durfte ich einige Ge­sprä­che dolmetschen. Das ging im Sommer am Rande des Münchener Filmfests los, die letzten fanden Mitte Dezember in Berlin statt. Bei manchen Journalisten muss ich allerdings nur einige Begriffe übertragen oder die eine oder andere Frage nach­jus­tie­ren.

Den Film "Die Wütenden", der in Montfermeil angesiedelt ist, dort, wo auch Victor Hugos Les Misérables zum Teil gespielt haben, kann ich nur empfehlen. Sogar Prä­si­dent Macron soll ihn gesehen und befunden haben, die Politik möge doch etwas für die Menschen in den Vororten ma­chen. Für das ZDF wurde letzten Sommer in einem ele­gan­ten Mün­che­ner Salon mit grünen Vorhängen gedreht. Später durfte ich das In­ter­view noch für den Schnitt übersetzen.

Screenshot des Interviews
Screenshot des Beitrags
Dafür habe ich in Form eines Transkripts an die 30 Minuten Interviews übertragen, habe also immer den Beginn und das Ende der jeweiligen Ant­wor­ten markiert und die Fragen zusammengefasst.

Die Markierung erfolgt nor­ma­ler­wei­se, indem wir die Zäh­ler­kenn­zif­fern der je­wei­li­gen Film­stel­len mit auf­schrei­ben, die "Time­codes".

Hier geht's entlang zum Onlinevideo des Berichts von Sabine Schultz (verfügbar bis zum 20.01.2021).

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Fotos: C.E. und ZDF

Donnerstag, 23. Januar 2020

Offline

Guten Tag, bon­jour & hel­lo auf mei­nen Blog­sei­ten aus der Ar­­beits­­welt! Hier ver­öf­­fent­­li­che ich kurze (anonymisierte) Episoden aus meinem viel­sei­ti­gen All­tag, Gedanken zu Kultur und Sprache sowie Hinweise zu unserer Art und Weise des Arbeitens.

Klausurtagung offline
Wir Dolmetscher übertragen mehr als Wör­ter. Wir haben nicht nur im Vorfeld die Vo­ka­beln des jewei­ligen Bereichs einge­hend stu­diert, sondern uns auch die Inhalte an­ge­le­sen. Wir kennen kul­tu­relle Beson­der­heiten der Länder un­se­rer Spra­chen, wis­sen um den Sinn des Treffens, die Absicht der Veran­stalter, und wir können daher auch spezifi­sche Begriffe und Rede­wen­dun­gen übertragen.

Dabei tragen wir stets eine große Ver­ant­wor­tung. Denn es geht ja nicht nur um das Gesagte, auch das Un­ge­sagte nehmen wir wahr, be­ob­ach­ten und interpretieren (oft un­be­wusst) Gestik und Mi­mik, Stimm­la­ge und Sprech­ge­schwin­dig­keit.

Mancher Redner, manche Rednerin stehen unter Stress. Von solcher Hektik dürfen wir uns auf Veranstaltungen nicht mitreißen lassen. Diese Coolness hat ihren Preis. Wir brauchen intensive Vorbereitungs-, aber auch Ruhephasen. Und wir benutzen Hilfsmittel: Vokabellisten, Text- und Audioquellen für die Vor­bereitung, das Ma­te­rial vom letzten Einsatz einer ähn­li­chen The­matik, sofern wir das be­hal­ten durf­ten, Wörterbücher auf Papier und na­tür­lich als elektro­ni­sche Dateien.

Entsprechend wichtig ist es oft, dass wir Zugang zum Internet haben, um noch schnell etwas nach­zuschlagen. Das ist nicht immer gegeben. Es gibt Klau­sur­ta­gun­gen, bei denen sind wir von der Außenwelt abgeschnitten. Das ist nicht immer bequem.

Für potentielle Kunden: Daher kann es manchmal einen bis zwei Tage dauern, bis wir Ihnen ein Kostenangebot zumailen können.

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Foto: C.E. (Archiv)

Freitag, 17. Januar 2020

Zum Zvieri

Herzlich willkommen auf den Sei­ten des ersten deut­schen Web­logs aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bi­ne. Hier schreibt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­metscherin über ihre Einsätze in Ber­lin, Paris, Cannes und anderswo. Derzeit sind wir in der Win­ter­pau­se. Heute denke ich über Cross­over oder Multi­kulti in der Küche nach.

Häuslich zu sein erlaubt uns das Pflegen von Ritualen: Widme ich mich jetzt dem leckeren Apfelkuchenrezept oder gibt es etwas sächsischen Stollen mit Orangentee und Hafermilch oder Zitrone?

Sächsischer Stollen
Stollen habe ich jetzt noch im Brot­fach. Ganz klas­sisch wird er hier nicht im Herbst ge­kauft und ge­ges­sen, sondern erst zu Win­ter­be­ginn an­ge­schnitten. His­to­ri­scher­wei­se sind das die Extra-Ka­lo­rien für den Win­ter und auch eine Art und Wei­se, Le­bens­mit­tel zu kon­ser­vie­ren. Das Ap­fel­ku­chen­re­zept klingt allerdings wun­derbar. Es stammt aus der Schweiz.

Es kam mit dem Hinweis "zum Zvieri". Für alle im Post­zustel­lungs­bereich au­ßer­halb der Schweiz sei mir als Linguis­tin eine kleine Übersetzung erlaubt: Das Zvieri ist die nachmit­täg­liche Zwischen­mahlzeit, etwa: „zu vier Gegessenes".

Franzosen würden le goûter dazu sagen, in Deutschland wä­re das "Kaf­fee und Ku­chen", wenn auch die Be­griffe aus der Schweiz und aus Frank­reich, ohne Koffein, mehr aus dem Fa­mi­lien­le­ben mit Kindern stam­men.

So, mal schauen, was es heute in Berlin bei uns zum Zvieri gibt!

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Foto: C.E.

Donnerstag, 16. Januar 2020

Piff-paff-bumm

Was und wie Kon­fe­renz­dol­metscher und Übersetzer (und Dolmetsche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen) arbeiten, darüber berichte ich hier im 13. Jahr. Im Winter fin­den kaum Konferenzen statt. Derzeit erhole ich mich von einer Grippe und denke übers Leben nach.

Krank zu sein macht dankbar, bescheiden und auf­merk­sam für die Dinge um uns he­rum. "Als hättest du derlei nötig!", wider­spricht mir mein Inneres. Ich lese die Zei­tung und be­kom­me schlechte Laune. Warum muss ich immer an Albert Ein­stein denken, der der­mal­einst sagte: "Die reinste Form des Wahnsinns ist es, al­les beim Alten zu las­sen und gleich­zeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert."

Privates Silvesterfeuerwerk
Die­ser Diagnose zufolge weiß ich, was ich der­zeit von Politik und weiten Kreisen der Wirt­schaft halten darf. Selbst dann, wenn ver­meint­lich Neues gedacht wird, verläuft es in alten Bah­nen. Wenigstens hören wir in­zwi­schen immer lauter Kritik; sie wird auch von den Medien wie­der­ge­ge­ben.

Nach­trag zu Silvester (was ich zum Teil ver­schlief. Da aber in Kreuz­berg vom 30.12. gegen Mittag bis in die ers­ten Tage des neu­en Jah­res dau­er­ge­knallt wird, konnte ich es nicht ver­pas­sen): Schätzun­­gen zufolge sollen die Böller, mit denen das neue Jahr begrüßt wurde, allein in Deutsch­land 133 Mil­lio­nen Euro gekostet haben. Was für eine  Geld­ver­nich­tung!

Menschen mit Atem­wegs­er­kran­kungen wie ich haben sich zudem über die Erhöhung des Fein­staubs gefreut. Dem Bundes­umweltamt zufolge wurden zum Jahres­wechsel 16 Prozent der Menge in die Luft geblasen, die der Straßen­verkehr pro Jahr frei­setzt. Doch nicht genug. Freunde von mir, die den Krieg in Aleppo knapp überlebt haben, Teile ihrer Fa­milie kamen darin um, verlassen in diesen Tagen nicht das Haus. Die Kinder sind dann wie verstört. Ja, sie wissen sehr genau, was die Knal­lerei hier bedeutet. Aber die Erin­ne­rungen sitzen tief.

Ich kann sie verstehen. Auf manchen Berliner Straßen wirkt Silvester fast wie ein (vergleichsweise gemä­ßigter) Bürger­krieg. Mein Schafpelz­mantel, der mich viele Winter schon zuverlässig er­freut, das Geschenk einer Freun­din, davor hatte die Jacke sie gewärmt, hat an der Unterseite des linken Ärmels einen Ster­nen­nebel aus­ge­brann­ter Stellen. Da haben vor einigen Jahren einige Idioten auf dem Geh­weg Knaller auf mich geworfen, ich hob den Arm zum Schutz, meine Haare fin­gen Feuer, mein Be­glei­ter hat hel­den­haft sei­nen Schal geopfert.

Seitdem vermeide ich zum Jahres­wechsel auch in gesun­dem Zu­stand den Gang nach drau­ßen. Lässt es sich partout nicht vermeiden, trage ich Ohrstöp­sel. Denn die Gefahren sind groß. Ein Bekannter trug in einer Silvester­nacht einen Hör­scha­den davon, weil Idioten in der U-Bahn mit Böllern um sich warfen. Er war frü­her Or­chester­mu­si­ker und ist heute Musiklehrer. (Auch bei uns Dolmetschern zählt das Gehör zum Berufs­kapital.)
 
Krankenhäuser vermelden in Zusammenhang mit dem Feuerwerk schwerste Ver­let­zungen, Verstüm­me­lungen und Tote. 2019/20 starben den Medien zufolge vier Kin­der unter zehn Jahren. Solche Minis können noch gar keine Gefah­ren ab­schät­zen, weshalb sie ja sogar auf dem Geh­weg fahr­rad­fah­ren dür­fen. Aber die Eltern lassen sie mit Feuerwerkskörpern "spielen" bzw. diese sind auch für Lüt­te be­schaf­fbar ...
 
Dann ist da noch das liebe Vieh: Haus- und Wildtiere leiden in der Nacht zu Neu­jahr Todes­ängste oder sterben in Feuers­brünsten wie die Insassen des Affenhauses im Krefelder Zoo. Das alles ist ebenso vermeid­bar wie die Tot­ge­burten in Ställen von Tierzüchtern. Einer befreun­de­ten Tier­ärztin zufolge gibt das um Silvester ein Drittel mehr Fälle als sonst.

Böllerdreck, in Berlin bis in den Februar vorzufinden
Zum Glück ist Rau­chen in öf­fent­li­chen, ge­schlos­se­nen Räumen heute verboten. Vor über 20 Jahren, zu Be­ginn mei­nes 1. Berufs­le­bens, wur­de in Ge­mein­schafts­büros noch ge­raucht.
Mit mei­nen empfind­li­chen Lun­gen war ich des­halb oft krank. Das hat mir da­mals die Karriere im Sender erschwert, denn der/die Abwe­sen­de hat nie­mals recht.

Den letzten Satz habe ich jetzt gröblich dem Französischen entlehnt, l'absent(e) a toujours tort, "der/die Abwesende ist immer im Unrecht", so das Sprichwort. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, hätte es diese doofe Qualmerei nicht gegeben!

Um nicht miss­ver­stan­den zu werden: Gegen ein zentrales Sil­ves­ter­feu­er­werk habe ich wenig einzuwenden. Ich bin mir aber sicher, dass wir uns in 15 Jahren über die private Knal­lerei von heute im Nach­hin­ein ge­na­uso wundern werden wie über die Rau­che­rei in der Bahn, in Restau­rants, Flugzeugen, Büros und Lehrerzimmern von vor 20, 30 Jahren.

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Fotos: C.E. (Archiv)

Mittwoch, 15. Januar 2020

Lesezeit! Gutes Neues!

Bonjour, hier bloggt seit mehr als ei­nem Dut­zend Jah­re eine Über­set­ze­rin und Dolmetscherin. Ich arbeite in Paris, Lyon, Köln, Berlin, Marseille, Brüssel, Erfurt, München und dort, wo Sie mich brauchen. Im Januar pausiert das all­ge­mei­ne Kon­fe­renz­ge­sche­hen.

Pause ist auch sonst das Stichwort: Zu Jah­res­en­de wird es immer still, zwischen den Jahren ist nicht viel los, und zu Jahres­an­fang kommen nur wenig Anfra­gen. Also plane ich das, was in der dunklen Jahres­zeit ohne­hin die beste Sache ist: lesen.

Aller­dings bin ich diesen Winter, bevor ich richtig losle­gen konnte mit dem Lesen, krank geworden. Dieses Mal hat mich kein grip­pa­ler Infekt erwischt, sondern eine echte Grippe. Die letzte hatte ich 2008, ich musste mich drein­finden, was nicht einfach war. Und war dann erst­mal so schlapp, dass ich nicht mal daran denken konnte, zum Buch zu grei­fen.

Altes Foto: Junge Dame mit Buch und Zeitschrift
Stille Leserin

So sind meine Neu­jahrs­wün­sche an Sie, liebe Leserin, lieber Leser dieser Zeilen, auch ein Nach­trag: Für 2020 wünsche ich alles Gute, Gesund­heit und Gelassen­heit in den wichtigen Lebenslagen! Und natürlich viel Zeit für gute Bücher!

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Foto: Eigenes Archiv

Mittwoch, 18. Dezember 2019

Berlin am Meer

Herzlich willkommen beim Web­log aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bi­ne. Hier schreibt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­metscherin über ihre Einsätze in Ber­lin, Paris, Lille und anderswo. 

Pflanzen vor und Möwen hinter dem Fenster
Möwen im Doppelkastenfenster
Jetzt beginnen die Tage au­ßer­halb der Ka­bi­ne: Ver­wal­tungs­kram steht an, Vo­ka­bel­lis­ten sind zu er­gän­zen, und das ein­ge­sam­mel­te Ma­te­rial landet gro­ßenteils in den Reißwolf. Die Beine sind im Büro, der Kopf plötzlich am Meer.

Berlin kann so schön sein. Gerade füt­tert wieder je­mand am Ufer die Möwen (was eigent­lich nicht so toll ist fürs Ka­nal­was­ser). Das beschert uns hier eine Klang­land­schaft, als wohnten wir am Hafen, als würden eben die Fisch­kutter von hoher See zu­rück­keh­ren. Ich schmecke das Jod der See­luft und spüre Sand zwi­schen den Ze­hen. Das hat was: Berlin-sur-mer (siehe Titel dieses Blogposts). Und gleich fällt mir Tucholsky ein.

Kurt Tucholsky
DAS IDEAL

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn —
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer — nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve —
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) — 
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad — alles lenkste
natürlich selber — das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen —
alte Weine aus schönem Pokal —
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten —
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.

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Foto: C.E.  
Gedicht von 1927

Dienstag, 17. Dezember 2019

Paris

Hier schreibt und denkt eine Übersetzerin und Dolmetscherin, derzeit in Berlin. Ich arbeite aber auch in Paris, Brüssel, Erfurt, Cannes und dort, wo Sie mich brauchen. Auch in turbulenten Zeiten gehen Dolmetscherinnen und Dolmetscher ihrer Arbeit nach.

Jeden Tag beschäftigen wir Dolmetscherinnen und Dolmetscher uns aufs Neue mit ge­sell­schaftlich relevanten Themen, dazu gehö­ren auch Theorien und erste Praxis­versuche einer anderen Art des Wirt­schaftens, von sozialer und soli­da­ri­scher Öko­no­mie bei­spiels­weise, die meiner Mei­nung nach noch nicht genug Beach­tung fin­den. Unsere Länder müssen mehr Geld für Um­welt­schutz einsetzen, für den Um­bau der Ökonomie, für Bil­dung, Bil­dung, Bil­dung und natürlich für So­ziales. Die an­ste­hen­de nach­haltige Transi­tion wird  ohne sozia­le Gerechtigkeit nicht mög­lich sein. Und von so­zia­ler Gerech­tig­keit sind wir in vie­len Län­dern der­zeit weit ent­fernt — das ist weder ökolo­gisch noch sozial oder christ­lich.

A propos christlich und die an­ste­hen­den Feier­tage: Interessant eine Initiative in München. Dort gehen eine Hochschwangere und ein Handwerker gerade ebenso pres­se- wie pub­li­kums­wirk­sam auf Woh­nungs­suche, das Ganze hübsch inszeniert als Protest­ak­tion gegen Wohnraum als Spekulationsobjekt (Link zum SZ-Artikel).

Buntstiftzeichnung: Absperrung durch die Polizei (ganz in Schwarz)
Baudenkmal hinter schwarzer Wand







Oder eben Paris: In der Stadt meines zweiten Wohn­sitzes geht es derzeit hoch her. Der Weg zur Arbeit ist müh­se­lig. Wir Dol­met­scher streiken nicht, ha­ben indes Ver­ständ­nis für Ar­beits­käm­pfe und Aus­ein­an­der­set­zun­gen um soziale Standards, sind unter­schied­li­che Mei­nun­gen und das Aus­ver­han­deln doch Teil der De­mo­kratie; das Gleiche gilt für die immer drin­gender wer­dende Fra­ge nach der Nachhal­tigkeit un­se­rer Le­bens­wei­se.

Aber mir macht die Entwick­lung derzeit Angst. All­zu oft schla­gen etli­che dort über die Strän­ge, Steine­wer­fer auf der einen, aber auch Vertreter der Staats­­macht auf der anderen Seite, die, fast kom­plett schwarz ge­kleidet, mit Hel­men und Schil­­den eher wie Robo­­cops wirken als wie unser "Freund und Helfer". Es kam in den letzten Monaten zu schrecklichen Ver­stüm­­me­­lun­gen Demons­­trie­render und Pas­san­ten und sogar zu Toten. Diese Staatsmacht lässt mit Gummi­­ge­schos­sen auf Men­schen schie­ßen.

Die schwarze Wand vor Bau­denk­­malen finde ich beäng­sti­gend. Beim Vor­bei­ren­nen zum Einsatz spüre ich die dräuende Wut bei­der Seiten fast physisch. Schnell weg hier, fort zum Ter­min und nachher durch den Hin­ter­­ein­gang raus und auf Um­wegen zu Fuß nach Hause.

Warum Dol­met­scher nicht streiken, dürfte klar sein: Der Aus­­tausch zwischen den verschie­denen Akteu­­ren der diversen Länder ist unsere Arbeit; aber auch Rück­spra­chen, wis­sen­schaft­­li­­che Be­glei­tung der gesell­schaft­li­chen Entwicklung ebenso wie das Nach­den­ken diverser Grup­pen über Lösungen und anstehende, wei­ter­ge­hen­de Fra­gen. Wir Dol­met­scher sind da ähnlich wie Ärzte oder Feu­er­wehr­leute.

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Illustration: C.E.

Montag, 25. November 2019

Frische Luft!

Willkommen beim Blog aus der Arbeitswelt. Wie Dolmetscher und Übersetzer ar­beiten, ist oft nicht gut bekannt. Darüber schreibe ich hier sowie über an­gren­zen­de Berufe — zwi­­schen Hirnforschung, Ghostwriting und Tontechnik. Diese Berufe haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Daher werfe ich auch manchen nicht ernstgemeinten Blick zurück.

Luft ist wichtig für die kleinen grau­en Zel­len. Ich liebe alte Bü­ros und dort die Mög­­lich­keit, die Fenster aufreißen zu können — wie hier bei dieser Bau­haus­fas­sade aus den 1920-ern. Wir sehen zwei Mit­ar­bei­ter eines High-Tech-Labors der da­ma­li­gen Zeit; hier werden Mi­kro­fo­ne getestet. Die Mit­ar­bei­te­rin schaut sich zwi­schen­durch Ver­gleichs­er­geb­nis­se auf ihrem Smart­phone an.

Arbeitswelt in den 1920-er Jahren
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Foto: Eigenes Archiv (zum Vergrößern
in ein zweites Fenster laden)

Sonntag, 24. November 2019

Koffein

Was und wie Über­setzer und Dol­met­scher arbeiten, können Sie hier mitlesen. Die meis­ten von uns sind selb­stän­dig, sie ar­beiten selbst und ständig. Gerade jetzt im Herbst bleiben oft kaum Pausen im Konferenzbetrieb. Sonntagsbilder!

Kaffebohnen, -mühle und -kocher
Draufsicht im Licht der morgendlichen Glühbirne
Bis Frei­tag­abend war ich im Ein­satz, Sams­tag dann Er­ho­lungs- und Haus­halts­tag, Sonn­tag wird wei­ter­ge­lernt, weil ab Mon­tag neue Kon­fe­ren­zen und De­le­ga­tio­nen und Pres­se­in­ter­views an­ste­hen. Wie schön, dass wir un­se­re le­ga­len Sti­mu­lan­tien ha­ben. Mor­gens trinke ich ger­ne Kaf­fee, dann mu­tiere ich ab dem spä­ten Vor­mit­tag zur Tee­trin­ke­rin.

Teekannen auf Stövchen
Grün- und Schwarztee im Nachmittagslicht
Dazu ge­nie­ße ich ab und zu fast ro­he Scho­ko­la­de, sehr hoch­pro­zen­ti­ge, die die Kof­fe­in­do­sis wun­der­bar er­gän­zen kann.
Pro­gramm heu­te: Ein we­nig gärt­nern, et­was nä­hen, ein My Mu­se­um, dann Über­set­zungs­be­spre­chung mit ei­nem bil­den­den Künst­ler für spä­ter im Jahr, Vo­ka­bel­ler­nen und Vor­trä­ge vor­be­rei­ten. Ein völ­lig nor­ma­ler Sonn­tag!

Andere Dro­gen sind für das Gros der Dol­metscher tabu. OK, also ab und zu etwas Wein oder Bier. Und Sport, was eine Droge sein kann, und Luft und Lie­be. Dol­met­schen ist ein in­tel­lek­tu­el­ler Hoch­leis­tungs­sport. Wir füh­ren das Le­ben von Leis­tungs­sportlern. Aber nur mit le­ga­lem Doping.

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Fotos: C.E.

Donnerstag, 21. November 2019

Ausschreibungsarithmetik

Willkommen beim Blog einer Spracharbeiterin. Über die Welt der Übersetzer und Dolmetscher berichte ich hier. Ich arbeite in den Bereichen Politik-, Kultur- und Modewelt, Industrie und Handwerk. Hier schreibe ich über meinen Alltag.

Kiesel mit weißen Adern
Meditationsobjekte
Aus­schrei­bungen sind in viel­facher Hin­sicht nervig. Meistens kosten sie viel Zeit, in­des sind die Chancen, den Zu­schlag zu be­kom­men, nicht einmal grob ab­schätz­bar. Dabei sind die Regu­larien von Land zu Land unter­schiedlich. In Kanada wird der Zweit­bil­ligste genom­men, in der Schweiz der Mittel­wert aller Ange­bote er­rechnet und dann be­kommt dasjenige den Zu­schlag, das am nächs­ten dran liegt.

So ist diese Aufgabe manch­mal dem Lot­to­spie­len ähnlich. Mit bes­se­ren Ge­winn­chan­cen na­tür­lich. Anstren­gend wird es, wenn wir nicht einmal die po­ten­tiel­len Kun­den be­fra­gen kön­nen, wo­rauf genau in wel­cher Wer­tung ge­ach­tet wird.

Denn die Ent­schei­dungs­fin­dung hand­habt hier­zu­lan­de je­der an­ders. Al­so ha­be ich mal wie­der ei­nen Tag nur mit Aus­schrei­bungen ver­bracht. No risk, no fun. Wobei die Ch­ose ja gar nicht ris­kant ist. Der größ­te Ver­lust, den ich einge­hen kann, ist die ei­ge­ne Zeit.

Zwischen­durch, und das mag ich am Arbeiten im heimi­schen Arbeits­zimmer, habe ich mich Haus­halts­themen gewidmet. Und über Ordnung nach­gedacht. Un­ord­nung ist Ma­terie am falschen Ort, habe ich mal wo gehört. Die wei­ßen Adern dieser Stei­ne zeich­nen eine Li­nie, die keinen geschlossenen Kreis bilden. Das Be­trach­ten von Kie­seln ist mit­un­ter genauso ziel­füh­rend wie die Be­tei­li­gung an Aus­schrei­bun­gen. Auf jeden Fall be­ru­hi­gen­der.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 20. November 2019

Auf dem Schreibtisch (LIX)

Guten Tag, bon­jour & hel­lo auf mei­nen Blog­sei­ten aus der Ar­­beits­­welt! Hier ver­öf­­fent­­li­che ich kurze (anonymisierte) Episoden aus meinem viel­sei­ti­gen All­tag, Gedanken zu Kultur und Sprache sowie Hinweise zu meinen Arbeitsfeldern.  

Arbeitsplatz
Im Morgenlicht
Heute wieder: Blick auf den Schreibtisch, was mich in den nächsten Wo­chen er­war­tet. Man­che Vor­be­rei­tung ist län­ger­fris­tig. Weil immer kurzfristig etwas reinkommt, steht an 1. Stelle:

⊗ Aktuelle Politik
... gefolgt von:
⊗ Sozialer Dialog in D'land (für eine ME­NA-De­le­ga­tion)
⊗ Französische Vorstadt im Kino­film
⊗ Bauhaus-Jubiläum
⊗ Agrarökologie im Senegal
⊗ Kongo: Demokratie und Pers­pek­ti­ven
⊗ Entwicklungsprojekt in Re­gen­wald­zonen
⊗ Großküche: Flächenaufteilung
⊗ Eigene Schreibprojekte (Kinderbuch)


Das sind Themenbeispiele aus der Praxis. In viele weitere Bereiche habe ich mich in den letzten Jahren eingearbeitet und bin immer wieder gespannt auf Neues.

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Foto: C.E. (Archiv)

Dienstag, 19. November 2019

Terminhassle (2)

Was und wie Kon­fe­renz­dol­metscher und Übersetzer (und Dolmetsche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen) arbeiten, darüber berichte ich auf diesen Blogseiten im 13. Jahr. Wir sind mitten in der Hochsaison der Konferenzen.

Neu­lich bin ich ja tat­säch­lich zu einem Wieder­se­hens­ter­min nach 20 Jah­ren einen Monat zu früh im Café erschienen. Auf die 20 Jahre bezogen ist es fast pünkt­lich. Aber eben leider doch vor­bei.

Lampenfuß, Kalender, Eiffelturm, Monitor, kleine Metalltruhe (Büroklammern)
Sekretär im Mittagslicht
Für einen an­deren Ter­min, zu dem ich am 21.11. gebucht bin, suche ich jetzt schon län­ger Infor­mations­material, weil über den Kol­legen, über den das läuft, so gar nichts rein­kommt. Da­bei schwant mir so lang­sam, dass der Ter­min gar nicht 2019 statt­fin­den könnte, sondern 2020.

Auch für Juli 2020 steht schon ei­ni­ges im Ka­len­der.

OK, calm down. Nach die­sem Ver­such der Selbst­be­ruhi­gung räum ich mal weiter den Schreib­tisch auf. Der hat's nach den tur­bu­len­ten Kongress­wo­chen näm­lich nö­tig. Dabei ist das gerade nur eine klei­ne Ver­schnauf­pause.

EDIT: Der Termin dieses Jahr war nicht zustandegekommen. Eine französische "Lange Nacht der Philosophie" findet in Berlin frühestens am 21.11.2020 statt. Dann habe ich ja ein weiteres Jahr, um mich einzuarbeiten. Auch schön.

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Foto: C.E.

Montag, 18. November 2019

Buchungsaufwand

Bonjour, welcome, guten Tag! Hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin. Was wir arbeiten, wie das geschieht und wie wir anzusprechen sind, ist für Au­ßen­ste­hen­de oft ein Buch mit sie­ben Sie­geln. Dabei ist es ganz einfach.

Freiberufliche Dolmetscher stellen in unserer Branche den Premium­markt dar. Wir haben fünf bis sieben Jahre studiert, auch im Aus­land, oder ha­ben nicht selten be­rufs­be­dingt mehrere Wohnsitze.

Bei Klas­sen­tref­fen treffen wir gelegentlich die Mit­schü­ler von einst, die viele Jahre vor uns ins Berufsleben eingetreten sind. Unsere festan­gestellten Alters­ge­nossen erhalten nicht nur Urlaubs-, Kranken- und Weihnachts­geld, sie dürfen künftig mit der gesetz­li­chen Rente rechnen, bis dahin trägt ihr Arbeitgeber die an­fal­len­den Kosten für Arbeits­­­platz und Fortbildungen.

Wir Dolmetscher erwirtschaften das selbst. Das ist der Grund dafür, dass unsere Ho­no­rar­sätze einigermaßen hoch sein müssen. Heute sind sie zu niedrig. Im Zuge der allgemeinen deutschen Lohn­zu­rück­hal­tung wurden sie in den letzten 25 Jahren knapp an die Inflation an­ge­passt. Mit dem steigenden Arbeitsaufwand halten sie auch nicht Schritt. Denn wo wir früher drei, vier Tage lang für einen Kon­gress ge­dol­­metscht haben, wer­den wir heute oft nur noch einen, manchmal zwei Tage ge­bucht. Die Sessions sind dichter und kürzer geworden, die Tage länger.

Daher sind unsere Kunden gut beraten, uns Sprach­dienstleister direkt zu buchen. Denn werden wir Dolmetscher über den Zwischenhandel angefragt und als Sub­un­ter­neh­mer verpflichtet, fehlt das Geld für diese Rücklagen, die anderswo unter "Arbeitgeberanteile" und Sozialabgaben fungieren.

Für mehrtägige Einsätze, gerne auch mit mehreren Sprachen, ist es sinnvoll, eine Kol­le­gin/einen Kol­legen als be­ra­ten­de(n) Dolmetscher/in zu verpflichten — und die­sen Aufwand auch gesondert zu vergüten. Wir buchen, wen wir aus eigener Er­fah­rung kennen. Und wer selbst in der Ka­bine sitzen wird, achtet bei den Kol­le­gin­nen auf hohe Qualität.

Money makes the world go round
Diese Be­ra­tung be­rechnen auch die seriösen Agen­­­tu­ren extra. Ich durf­te in­zwi­schen ei­ni­ge we­ni­ge ken­­nen­­­ler­nen.
Einmal haben wir in drei Sä­len jeweils fünf Ka­bi­nen bes­challt, Ex­kur­sio­nen kamen noch hin­zu. Wir waren froh, dass da jemand nur für un­se­re Ab­lauf­planung zustän­­dig war. Auch hier erfolgte die Kol­le­gen­aus­­wahl über un­se­re konkreten Em­pfeh­lungen.

Sie buchen also, wen sie vom Hören­sagen kennen. In der Regel sind diese Agen­tur­mit­ar­beiter aber keine Dolmetscher.

Blind bucht die dritte Kategorie auf dem Markt, die zahlreichen Fir­men, die eine "Agentur" si­mu­lieren. Hier sind Gän­se­füßchen durchaus angebracht, denn Stock­fotos und Brief­kas­ten­adresse sind genauso schnell im Internet gekauft wie eine Domain. In der Folge erleben wir Spracharbeiterin­nen keinen Mehr­wert durch diese Makler, die aber für den er­schwer­ten Kontakt zum Kunden — unsere Fragen nach Vor­be­reitungs­­material ver­hallt zumeist ungehört — einen nicht unerheblichen Pro­zent­satz unserer Ho­no­rare beanspruchen, das können schon mal 35, 50 oder mehr Prozent sein. Für solche Makler arbeiten erfahrene Kolle­ginnen eher nicht. Damit ist die Buchung über solche Sprach­dis­counter immer ein Vabanquespiel für die Kunden.

Damit schaden derartige Firmen den Kunden und der ganzen Bran­che, denn sie ha­ben oft vom Dolmet­schen recht wenig Ahnung, weil sie vor allem Kauf­leute sind. Deshalb beraten sie Kunden auch nicht zu selten falsch. Zwei bis drei Stunden Prä­sen­­ta­­tio­­nen und Diskus­sions­beiträge verdolmetscht auf Konfe­renz­niveau nie­mand von uns ohne Kollegin oder Kollegen.

Dol­met­schen ist Team­arbeit und äußerst for­dernd für das Gehirn. Sollte Ihnen ein Un­terneh­men eine Solo-Kollegin (*) anbieten, handelt es grob fahr­läs­sig. Denn eine der­ar­ti­ge neu­ro­lo­gi­sche Über­­for­de­rung kann unter Um­stän­den ir­re­ver­si­ble Schäden auslösen, für die der End­kunde dann haftbar wäre. Ich deute nur an: Ein britische Kol­legin sitzt nach einem bei solcher Über­an­spru­chung erlittenen Aneu­rysma im Roll­stuhl.

Also Augen auf bei der Buchung! Als Teil verschiedener Netzwerke kann ich sagen: Wir beraten Sie gerne.

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Foto: Jeremy Lynch
(*) oder einen Kollegen

Freitag, 15. November 2019

Schlagfertig (1)

Was Kon­fe­renz­dol­metscher und Übersetzer (und Dolmetsche­rin­nen und Über­set­ze­rin­nen) so umtreibt, davon können Sie hier einen kleinen Eindruck er­hal­ten. Im 13. Jahr blogge ich über meinen höchst sprachbetonten All­tag. 

Gestern, am Rande meines Einsatzes in einem Fünf-Sterne-Hotel, als ich eine hoch­ran­gige Persön­lichkeit gedolmetscht habe, fragt doch ein deutscher In­dus­tri­el­ler: „Was kostet denn so ein Abend­essen mit Dol­metscherin?“ Ich: „Von 800 Euro an aufwärts.“ Er: „Das ist ja teu­rer als mit einem Escort-Girl!“ Ich: „Dafür gibt‘s hier mehr Auf und Ab — und mehr Zun­gen­fertigkeit!“ Er: „Und mehr Schlag­fer­tig­keit!“ Ich: „Sie sagen es.“

Abgedroschen heißt das "eine Luxusherberge"
Oder hätte ich andere Schlag­fer­tig­keit be­weisen und den Herrn ohr­feigen sollen? Auf jeden Fall ist es schade, dass man­che Menschen nichts aus den Me too-Debatten gelernt zu haben scheinen. Und die Ver­­samm­­lung war ins­ge­samt so, dass ich die Ansprache: "Meine Da­­men und Herren" ruhig als "Mei­ne Her­ren" hätte dol­met­­schen können.

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Bild: Wikicommons, Unbekannter Grafiker,
Central-Hotel, Friedrichstraße, Berlin.

Montag, 11. November 2019

Der Schneemann in der Sonne

Hier schreibt und denkt eine Übersetzerin und Dolmetscherin, derzeit in Berlin. Ich arbeite aber auch in Paris, Brüssel, Erfurt, Cannes und dort, wo Sie mich brauchen. Heute: Das mnemotechnische Pausengespräch.

Ein Fachgespräch irgendwo im Regierungsviertel. Der Weg zur Toilette führt uns ins Treppenhaus, zurück geht es nur mit Türcode. Der steht auf einer Wandtafel: 8340.

Ein Kollege verkneift sich den Klo­gang. Er sagt, er könne sich keine Zah­len mer­ken. Hej, das ist doch mein Satz!, denke ich. Er war es lange.

Wir sind in der Kaffeepause. Ich gebe den Code aus der Er­in­ne­rung wie­der: "8340. Ist doch ein­fach." Für den Kol­legen über­set­ze ich ihn kurz in ein Bild: "Ein ganzer Schnee­mann sitzt mit einem halben Schnee­mann auf dem Stuhl und schmilzt in der Son­ne."

Als Kind hatte ich große Prob­leme mit Zah­len. Ich bin Linkshänderin, wurde aber "umge­schult" auf rechts. Natür­lich ging das gut, Gehirne sind plastisch. Lei­der ha­be ich seit­dem eine leichte Rich­tungs­störung. Wo ist rechts, wo ist links? Da mein Vater die­sel­ben Schwierig­kei­ten kennt, wurde in der Fa­milie mit den Achseln ge­zuckt und zur Tages­ordnung über­ge­gangen.

Diese Symbole stehen für eine Jahreszahl
Also war ich alleine mit den Problemen. Sechs und neun, Kreis mit Schwänz­chen dran, einmal hoch, einmal runter. Welcher ist mehr wert? Die Drei ist ein in Spie­gel­schrift ge­schrie­benes Schreib­schrift-E, au­ßer­dem als Symbol eine halbe Acht, aber mathe­matisch nicht. Der Onkel hatte einen digi­talen Wecker, die Zahl vier sah aus wie ein Stuhl, der auf dem Kopf steht. Ich fing an zu sammeln.

Null — Sonne, Eins — Kerze, Zwei — Schwan, Drei — halber Schneemann, Vier — Stuh, Fünf — Handschuh, Sechs — Schnecke (Haus unten), Sieben — Fahne, Acht — ganzer Schneemann, Neun — Lupe (Griff unten)
Grundlage für Bildergeschichten

Da ich nicht mit den Fingern rechnen sollte, die Pädagogik der 1970er Jahre fand das nicht empfehlenswert, habe ich mir Symbole ausgedacht. Und Jahrzehnte später bin ich überrascht, dass das nicht alle gemacht haben.

In Berlin-Mitte geht der Kollege dann doch aufs Klo. Es klappt auch ohne Code, denn er hat ja uns in Sichtweite fürs Türeöffnen.

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Illustrationen: C.E.

Samstag, 9. November 2019

Der blaue Wintermantel

Bonjour, hello, guten Tag. Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin (Schwerpunkt DE und FR). In meinem Arbeitstagebuch schreibe ich über Sprache, Länder und Leute. Heute: Wie ich beinahe den Mauerfall verpasst hatte, obwohl ich damals als Pariser Studentin den Novemberanfang in Berlin verbracht habe.

Mauer in Kreuzberg, September 1989
Plötzlich hing er an einem Klei­der­stän­der auf der Stra­ße, der tauben­blaue Man­tel aus dicker Wolle mit Kasch­mir mit wun­derbar großen Knöp­fen und einem brei­ten Kragen zum Hoch­schla­gen.
Er wirkte ebenso zeitlos wie modisch. Auf den ersten Blick schien er mir trotz­dem unpas­send und zu winterlich für den Herbst zu sein.

Denn seit Wochen war es für die Sai­son zu warm ge­we­sen. In Leip­zig und auch Ber­lin gingen Menschen­mas­sen auf die Straße, die vielleicht bei schlechten Wit­te­rungs­be­din­gun­gen weniger groß gewesen wären.

Eigentlich brauchte ich so ein dickes Möbel nicht. In Paris, wo ich da­mals studiert habe, waren die Winter milder. Aber wer wusste denn schon, wie sich das Wet­­ter in die­sem No­vem­ber ent­wickeln würde. Auf dem Weg ins Literatur­haus in der Fa­sa­nenstraße war die Preis­re­duk­tion von 200 auf 49 DM schließlich aus­schlag­ge­bend.

Damals habe ich im vierten Jahr in Paris studiert und steckte in einer Phase, in der ich nur mit halbem Tempo studiert habe. Seit meinem Berufs­prak­ti­kum Sommer 1988 war ich eine der jüngs­ten freien Mitar­beiterinnen des Sen­der Freies Berlin (wenn nicht die jüngste). Im Som­mer die­ses Jahres hatte ich offiziell als Kul­tur­kor­res­pon­den­tin aus Paris über die Zwei­hun­dert­jahr­feiern der Franzö­sischen Re­vo­lu­tion berichtet.

Da fand in der Woche ab dem 6. November in Berlin eine Hörspiel­konferenz statt, die "Hörspieltage", ich also hin. In der wunderschönen Litera­tur­haus­villa in Ku­damm­nä­he haben wir den ganzen Tag Hör­spiele gehört und diskutiert. An­schlie­ßend sind wir nicht selten zusammen essen gegangen.

Am Abend hat mich eine Redakteurin im Wagen Rich­tung Kreuz­berg mitge­nommen. Im Autoradio kam etwas mit Ber­lin, Grenze, Öffnung, Menschen­mas­sen ... Wir so: "Och, nicht schon wieder Hör­spiel, davon hatten wir den Tag über genug!" Radio aus.

September 1989, auch Kreuzberg
Als ich der WG ankam, die mich beherbergt hatte, fand ich einen Zet­tel auf dem Kü­chen­tisch vor: "Mauer offen, Tref­fen wir uns an der Hein­rich-Hei­ne-Straße". Damals gab es ja noch kei­ne Mobil­telefone. Im ein­ge­mau­erten Berlin war es möglich, wenn man immer an der Wand ent­lang­ging, ein­an­der ver­ab­re­de­ter­wei­se an einem öf­fent­li­chen Ort zu treffen.

Die halbe Nacht ver­brac­hten wir dort, später ging's ans Brandenburger Tor. Ich erlebte die Nacht zwischen hys­te­ri­schem Lachen und Weinen. Außerdem rat­ter­ten mir wie in einer münd­lichen Geschichts­prüfung sämtliche relevanten Ereig­nisse deutscher Geschichte an neun­ten No­vem­bern durch den Kopf. Dazu kamen drei Tril­lio­nen üble Vorahnungen und mit­ge­fühl­tes Leid über so viele angehaltene, zerstörte, erschwerte Lebens­we­ge. Bis ins späte Frühjahr 1990 hatte ich sogar noch Angst vor einem Putsch der DDR-Ge­heim­dienste.

Der blaue Man­tel hat mich schön gewärmt in dieser Nacht. Einen Tag später saß ein Freund aus dem Osten am Kreuz­berger WG-Tisch und ist mitten im Er­zäh­len ein­ge­schlafen. Aber das ist eine andere Ge­schich­te.

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Foto: C.E. (Archiv)

Freitag, 8. November 2019

Rauswerfer der Woche

Hier schreibt und denkt eine Übersetzerin und Dolmetscherin, derzeit in Berlin. Ich arbeite aber auch in Paris, Brüssel, Erfurt, Cannes und dort, wo Sie mich brauchen. Nach einem grip­pa­len In­fekt hat mich ein ver­dor­be­ner Fisch nie­der­ge­bü­gelt. Jetzt bin ich wieder auf den Beinen und eile sofort an den Ar­beits­platz.

Das Mikro steckt am Kopfhörer, hier: weggedrehtes Pultmikro ...
Und dann sagt der Mo­de­ra­tor tat­säch­lich das sehn­lichst er­war­te­te En­de der Kon­fe­renz an: "Be­vor wir gleich aus­ein­an­der­gehen, legen Sie bit­te noch die Dol­metscher flach auf den Tisch. Neh­men Sie sie nicht mit nach­hause, da wohnt kein klei­ner Mann oder kei­ne klei­ne Frau drin, die sind bei Ih­nen zu­hau­se nicht weiter zu gebrauchen."

Dieser Raus­wer­fer der Woche ver­­schlägt dann erst­mal sogar der Per­son im Saal fast die Sprache, die aus ihrer größten Schwä­che, der großen Ge­sprächig­keit, ihren Beruf gemacht hat. (Also mir.)

Und ja, es soll Fäl­le gegeben haben, wo sich Men­schen die Kopf­hörer mit Em­pfangs­ge­räte ein­ge­steckt haben und an­schlie­ßend ganz ent­täuscht ge­we­sen sein sol­len.

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Foto: C.E. ... sowie Fotograf im Hintergrund

Donnerstag, 7. November 2019

Auf dem Schreibtisch (LIIX)

Mitten in ei­nen Blog aus der Ar­beits­welt sind Sie rein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Hier stehen kurze (anonymisierte) Episoden aus meinem mit­un­ter sehr vielseitigen Alltag, Gedanken zu Kultur und Sprache sowie Hinweise zu meinen Arbeitsfeldern. 

Hier der 58. Blick auf den Schreib­tisch. Dieser Tage geht es um ...

Sekretär, Bilder, Stuhl, Divan
Ein Arbeitszimmer vom Ende des 19. Jahrhunders
⊗ Mau­er­fall (im Ro­man)
⊗ Deutsche in der Résistance
⊗ Konfliktrohstoffe und Elek­tro­mo­bilität
⊗ Regenwasser­ma­na­gement in der Stadt
⊗ Großküchen­pla­nung (Kos­ten­vor­an­schläge)
⊗ Philosophische Grund­kon­flik­te
⊗ Kontrafaktische His­torio­gra­phie (Nach­be­rei­tung)
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Foto: Archiv

Montag, 4. November 2019

Oma Eierschecke

Willkommen beim Blog einer Spracharbeiterin. Ich verdiene meine |Brötchen| Croissants mit Übersetzen und Dolmetschen für Menschen aus der Politik-, Kultur- und Modewelt, Industrie und Handwerk. Hier schreibe ich über meinen Alltag und die Sprache(n).

Windrad, Froschperspektive
Irgendwo in Hessen
Wir sind mitten im Westen, irgendwo im Hessischen, am Fuße einer Wind­kraft­an­la­ge, erst draußen, dann drinnen. Wir, das sind zum einen unsere Gäste aus Tu­ne­sien, die im Bereich Er­neu­er­bare Ener­gien ar­bei­ten, zum anderen ein Be­gleit­team. Die Dele­gation sieht sich auf höchste Einla­dung in Deutschland um.

Wir bekommen erst die Windräder erklärt, dann geht es um Sicher­heits­belange. "Wie wird der Alarm losgelöst?", fragt einer der Gäste. Jetzt folgen Details, die hier nicht relevant sind. Der Gast­geber berichtet und schließt mit den Worten: „Ja, und dann geht bei Löschmeister Was­serhose der Alarm los!“

Das ist eine Anspielung an das Buch "Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt" von Hannes Hüttner (1969). Die (West)-Dolmetscherin mit partieller Ostvergangenheit, also ich, darauf schlagfertig, bevor es kon­se­kutiv ins Franzö­sische geht: „Und bei Oma Eier­schecke wird schon wieder der Kaffee kalt!“ Augen­zwinkern. Stummes Ein­ver­ständnis.

Als Ost-West-Kinder, meine Geschwister und ich sind in den 60ern und 70ern ge­bo­ren, hatten wir fast nur Ost-Kinder­bücher zu Hause, denn der Mindest­um­tausch von den langen Fe­rien­wo­chen in Sachsen musste ja gut an­ge­legt werden. Darun­ter auch ein dickes Vor­lese­buch mit Geschich­ten für den Kinder­garten. Darin stand auch die Ge­sch­ichte von der Feuer­wehr­station. Unser Vater hat uns jeden Abend eine bis zwei Stunden lang vorgelesen, was übrigens DER Tipp für alle Eltern ist.

Dass ich eigentlich im Westen auf­ge­wachsen bin, also außerhalb der Ferien­zeiten, die ich in der DDR oder in Frank­reich war, dane­ben war ich nur ein einziges Mal in Österreich, mehr Ferien­des­ti­na­tionen gab es in unserer Kindheit nicht, habe ich unserem Gastgeber gegenüber beim Heimweg durch den Wald noch aufgelöst. Aber so viele Heimatgefühle in­mit­ten einer tu­nesisch-fran­zö­sisch­spra­chigen Gruppe war schon schräg!

Und heute lese ich diese Ge­schich­ten natürlich selbst vor, wenn sich die Ge­le­gen­heit dazu ergibt.

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Foto: C.E.

Sonntag, 3. November 2019

Allgemeinbildung

Im 13. Jahr beschreibe ich hier meinen sprachbetonten Alltag. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin und Übersetzerin, und sonntags werde ich privat.

Neuköllner Angebot
Mir wür­de es ge­fal­len, ei­ne "monstermäßige Allge­mein­bil­dung" zu haben, soll ich neu­lich in einem In­ter­view gesagt haben. (Ich durfte schon mal rein­schauen, es erscheint nach dem Mau­er­fall­ju­bi­läum, Hinweis folgt.)

Klingt für mein Gefühl nicht so ganz nach mir, viel­leicht hab ich ja "mords­mäßig" gesagt. OK, Hello­ween war ge­ra­de, lassen wir das Monster.

Denn was stimmt, ist die er­schrecken­de und mich selbst manchmal über­ra­schen­de Breite und Vielfalt dieser Allgemeinbildung. Wie ein Monster halt. ("Mordsmäßig" ist ei­gent­lich doof.)

Ich kränkle — wie so viele, seit die Heizperiode losging — und würde statt­des­sen lie­ber auf den Floh­markt gehen.

Dort fand ich neulich Politiker "im Dutzend billiger". "Käufliche Politiker" habe ich jetzt nicht gedacht, natürlich nicht. Und blödes Rumkalauern gehört zum Ge­schäft.

EDIT: Die Redakteurin verwies auf die ex­ak­te Mi­nu­te der Ton­auf­nah­me unseres Gesprächs. Ich habe tat­säch­lich "monstermäßig" gesagt.

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Foto: C.E. (Archiv)