Dienstag, 17. Dezember 2019

Paris

Hier schreibt und denkt eine Übersetzerin und Dolmetscherin, derzeit in Berlin. Ich arbeite aber auch in Paris, Brüssel, Erfurt, Cannes und dort, wo Sie mich brauchen. Auch in turbulenten Zeiten gehen Dolmetscherinnen und Dolmetscher ihrer Arbeit nach.

Jeden Tag beschäftigen wir Dolmetscherinnen und Dolmetscher uns aufs Neue mit ge­sell­schaftlich relevanten Themen, dazu gehö­ren auch Theorien und erste Praxis­versuche einer anderen Art des Wirt­schaftens, von sozialer und soli­da­ri­scher Öko­no­mie bei­spiels­weise, die meiner Mei­nung nach noch nicht genug Beach­tung fin­den. Unsere Länder müssen mehr Geld für Um­welt­schutz einsetzen, für den Um­bau der Ökonomie, für Bil­dung, Bil­dung, Bil­dung und natürlich für So­ziales. Die an­ste­hen­de nach­haltige Transi­tion wird  ohne sozia­le Gerechtigkeit nicht mög­lich sein. Und von so­zia­ler Gerech­tig­keit sind wir in vie­len Län­dern der­zeit weit ent­fernt — das ist weder ökolo­gisch noch sozial oder christ­lich.

A propos christlich und die an­ste­hen­den Feier­tage: Interessant eine Initiative in München. Dort gehen eine Hochschwangere und ein Handwerker gerade ebenso pres­se- wie pub­li­kums­wirk­sam auf Woh­nungs­suche, das Ganze hübsch inszeniert als Protest­ak­tion gegen Wohnraum als Spekulationsobjekt (Link zum SZ-Artikel).

Buntstiftzeichnung: Absperrung durch die Polizei (ganz in Schwarz)
Baudenkmal hinter schwarzer Wand







Oder eben Paris: In der Stadt meines zweiten Wohn­sitzes geht es derzeit hoch her. Der Weg zur Arbeit ist müh­se­lig. Wir Dol­met­scher streiken nicht, ha­ben indes Ver­ständ­nis für Ar­beits­käm­pfe und Aus­ein­an­der­set­zun­gen um soziale Standards, sind unter­schied­li­che Mei­nun­gen und das Aus­ver­han­deln doch Teil der De­mo­kratie; das Gleiche gilt für die immer drin­gender wer­dende Fra­ge nach der Nachhal­tigkeit un­se­rer Le­bens­wei­se.

Aber mir macht die Entwick­lung derzeit Angst. All­zu oft schla­gen etli­che dort über die Strän­ge, Steine­wer­fer auf der einen, aber auch Vertreter der Staats­­macht auf der anderen Seite, die, fast kom­plett schwarz ge­kleidet, mit Hel­men und Schil­­den eher wie Robo­­cops wirken als wie unser "Freund und Helfer". Es kam in den letzten Monaten zu schrecklichen Ver­stüm­­me­­lun­gen Demons­­trie­render und Pas­san­ten und sogar zu Toten. Diese Staatsmacht lässt mit Gummi­­ge­schos­sen auf Men­schen schie­ßen.

Die schwarze Wand vor Bau­denk­­malen finde ich beäng­sti­gend. Beim Vor­bei­ren­nen zum Einsatz spüre ich die dräuende Wut bei­der Seiten fast physisch. Schnell weg hier, fort zum Ter­min und nachher durch den Hin­ter­­ein­gang raus und auf Um­wegen zu Fuß nach Hause.

Warum Dol­met­scher nicht streiken, dürfte klar sein: Der Aus­­tausch zwischen den verschie­denen Akteu­­ren der diversen Länder ist unsere Arbeit; aber auch Rück­spra­chen, wis­sen­schaft­­li­­che Be­glei­tung der gesell­schaft­li­chen Entwicklung ebenso wie das Nach­den­ken diverser Grup­pen über Lösungen und anstehende, wei­ter­ge­hen­de Fra­gen. Wir Dol­met­scher sind da ähnlich wie Ärzte oder Feu­er­wehr­leute.

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Illustration: C.E.

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