Donnerstag, 24. September 2026

Wort des Jahres (1)

Bon­jour, hello und gu­ten Tag! Im 20. Jahr kön­nen Sie hier Epi­so­den aus dem All­tag ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­scher­in mit der Mut­ter­spra­che Deutsch le­sen. Meis­tens sit­ze ich in der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne, dol­met­sche manch­mal aus dem Eng­li­schen ins Fran­zö­si­sche. Au­ßer­dem über­set­ze ich Tex­te ins Deut­sche und lek­to­rie­re. Als Dol­met­scher­in den­ke ich oft über Spra­che nach.

Sind die jetzt alle durch­ge­dreht? Die Bou­le­vard­pres­se schäumt, die bür­ger­li­che Pres­se macht mit: ein­zel­ne, schlim­me Kon­tak­te von We­ni­gen zu Men­schen mit an­ti­jü­di­scher Hal­tung und kri­mi­nel­lem Hin­ter­grund wer­den auf­ge­bauscht. 

über­füll­te Stra­ße
Den Au­tos ge­hört die Stadt
Der Bay­ern­chef droht so­gar mit dem Aus­set­zen des Län­der­fi­nanz­aus­gleichs. Ich spre­che von der Wahl in Ber­lin, in der Die Lin­ke auf­grund der Mie­ten­ka­ta­stro­phe mit 25,7 Pro­zent Stim­men­an­teil ge­punk­tet hat, wäh­rend al­les ru­hig ist, was die Wahl von er­wie­se­nen oder mut­maß­li­chen Ver­fas­sungs­fein­den an­geht, ich spre­che von Sach­sen-An­halt und 43,8 Pro­zent, wo der glei­che Mi­nis­ter­prä­si­dent den Vor­schlag, den bin­nen­deut­schen Geld­trans­fer zu dros­seln, als ‚an­ti­de­mo­kra­tisch‘ ge­gei­ßelt hat­te.
Das ist schon schräg ...

Die­ses Schäu­men hat­ten wir schon mal. Das war, als Frau­ke Bro­si­us-Gers­dorf zur Ver­fas­sungs­rich­te­rin ge­wählt wer­den soll­te. Das ist ein Jahr her. Ihr eil­te der Ruf vor­aus, dem Prüf­ver­fah­ren für ein Ver­bot der Rechts­ex­tre­men nicht ab­ge­neigt zu ha­ben. Die­ses Schäu­men hat­ten wir auch, als der Grü­nen­chef als Ban­dit mit auf dem „Spie­gel“-Co­ver ab­ge­bil­det war, wie er ge­ra­de eine Gas­ther­me zer­trüm­mert hat: Die Zeich­nung war eine Va­ri­a­ti­on von „Ha­becks Heiz­ham­mer“.

Heu­te wis­sen al­le, dass das eine drei­ste Lü­ge war; Wär­me­tau­scher fin­den rei­ßen­den Ab­satz, so­gar für schlecht iso­lier­te Ge­bäu­de, und al­le be­dau­ern, dass auch un­ter Mit­wir­kung der ak­tu­el­len Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­en die So­lar­wirt­schaft in Deutsch­land zer­stört wur­de.

Ich wer­de hier sel­ten po­li­tisch und bin es auch heu­te hier nicht. Das sind Fak­ten.

Na­tür­lich schimp­fen jetzt vie­le an der Tank­säu­le. Aber wir wis­sen aus der Sta­tis­tik, dass je­ne, die am häu­figs­ten lan­ge Stre­cken fah­ren, in der Re­gel zu den Ver­mö­gen­den zäh­len und häu­fi­ger in ver­brauchs­in­ten­si­ven Au­tos sit­zen. Der „Tank­ra­batt“ ist die be­rühm­te Gieß­kan­ne, er „hilft“ den Fal­schen. Er sub­ven­tio­niert auch die Öl­kon­zer­ne, die be­reits wie­der­holt be­wie­sen ha­ben, dass sie den Preis­nach­lass nur zum Teil an die Ver­brau­cher:in­nen wei­ter­rei­chen. Kon­zer­ne, die die­ses Jahr schon ex­tre­me Ge­win­ne ge­macht ha­ben und de­nen von der ak­tu­el­len Po­li­tik kei­ne Über­ge­winn­steu­er droht.

Au­ßer­dem ist eine Pro­dukt­sub­ven­ti­on das fal­sche Si­gnal. Der Stoff ist knapp und wir müs­sen deut­lich we­ni­ger ver­brau­chen, weil das Ver­bren­nen von Fos­si­lem öko­lo­gisch schäd­lich ist. Der Som­mer hat uns ge­zeigt, dass wir mit­ten in der Kli­ma­ka­ta­stro­phe ste­cken. Das 1,5-Grad-Ziel ist ab­seh­bar schon ge­ris­sen. Wir müs­sen so­fort an­fan­gen zu ret­ten, was noch zu ret­ten ist. Und statt­des­sen die an­de­ren Sub­ven­tio­nen von Schäd­li­chem lang­sam ab­bau­en.

Al­so: Die Sub­ven­ti­on an der Zapf­säu­le ist öko­no­misch, so­zi­al und öko­lo­gisch ein De­sas­ter — und auch po­li­tisch, denn sie wirkt hilf­los und setzt ein schlim­mes Zei­chen. Das war schon beim 1. Mal falsch, beim 2. Mal ein Irr­sinn, für das 4. Mal feh­len so­gar mir als Dol­met­scher­in die Wor­te. 

Spie­gel-Co­ver 2023
„Heiz­ham­mer“ war nicht 
das Un­wort des Jah­res 2023
Lö­sun­gen gibt es: ein „En­er­gie­geld“ für al­le, die es brau­chen. Wir hat­ten die­se „Ant­wort“ be­reits zu Co­ro­na, als ge­ziel­te Hil­fen nicht „zu­ge­stellt“ wer­den konn­ten, weil die Re­gie­rung ge­sagt hat: Sor­ry, aber wir ha­ben Eu­re Kon­to­ver­bin­dun­gen nicht. Wie lan­ge ist das gleich her?

Letz­ter Punkt: Die Noch-Re­gie­rung in Ber­lin will der­zeit Rad­we­ge ab­bau­en und Bäu­me fäl­len, schnell noch Fak­ten schaf­fen (Link zur Pe­ti­ti­on), be­vor es even­tu­ell zum Re­gie­rungs­wech­sel kommt. 

In Zei­ten von Ver­kehrs­wen­de und Hit­ze­wel­len, die nächs­te ist an­ge­kün­digt, zu­min­dest für den Sü­den Deutsch­lands, ist das viel­leicht nicht ganz die rich­ti­ge Ent­schei­dung.

Ich kom­me zu­rück zum An­fang mei­nes Tex­tes: Wä­re das Land Ber­lin un­ter ei­ner Koa­li­tions­re­gie­rung mit den Lin­ken, wären die Mehr­heits­ver­hält­nis­se im Bunde­srat an­de­re; auch die zwei­te deut­sche Kam­mer könn­te das Ver­fah­ren zum Ver­bot der Rechts­ex­tre­men an­sto­ßen. 

Die­ser Auf­schlag muss­te sein. Dem­nächst wird das Wort des Jah­res ge­wählt. Wird es das Wort  „Ver­kehrs­wen­de“ sein oder  „Tank­ra­batt“? Ich schät­ze, es wird das, was in den Köp­fen der Men­schen der­zeit nur als Kür­zung ver­stoff­wech­selt wird: „Re­form“.

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Bil­der:
KI-Zu­falls­fund; DER SPIE­GEL

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