Bonjour, hello und guten Tag! Im 20. Jahr können Sie hier Episoden aus dem Alltag einer Konferenzdolmetscherin mit der Muttersprache Deutsch lesen. Meistens sitze ich in der Französischkabine, dolmetsche manchmal aus dem Englischen ins Französische. Außerdem übersetze ich Texte ins Deutsche und lektoriere. Als Dolmetscherin denke ich oft über Sprache nach.
Sind die jetzt alle durchgedreht? Die Boulevardpresse schäumt, die bürgerliche Presse macht mit: einzelne, schlimme Kontakte von Wenigen zu Menschen mit antijüdischer Haltung und kriminellem Hintergrund werden aufgebauscht.
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| Den Autos gehört die Stadt |
Das ist schon schräg ...
Dieses Schäumen hatten wir schon mal. Das war, als Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin gewählt werden sollte. Das ist ein Jahr her. Ihr eilte der Ruf voraus, dem Prüfverfahren für ein Verbot der Rechtsextremen nicht abgeneigt zu haben. Dieses Schäumen hatten wir auch, als der Grünenchef als Bandit mit auf dem „Spiegel“-Cover abgebildet war, wie er gerade eine Gastherme zertrümmert hat: Die Zeichnung war eine Variation von „Habecks Heizhammer“.
Heute wissen alle, dass das eine dreiste Lüge war; Wärmetauscher finden reißenden Absatz, sogar für schlecht isolierte Gebäude, und alle bedauern, dass auch unter Mitwirkung der aktuellen Wirtschaftsministerien die Solarwirtschaft in Deutschland zerstört wurde.
Ich werde hier selten politisch und bin es auch heute hier nicht. Das sind Fakten.
Natürlich schimpfen jetzt viele an der Tanksäule. Aber wir wissen aus der Statistik, dass jene, die am häufigsten lange Strecken fahren, in der Regel zu den Vermögenden zählen und häufiger in verbrauchsintensiven Autos sitzen. Der „Tankrabatt“ ist die berühmte Gießkanne, er „hilft“ den Falschen. Er subventioniert auch die Ölkonzerne, die bereits wiederholt bewiesen haben, dass sie den Preisnachlass nur zum Teil an die Verbraucher:innen weiterreichen. Konzerne, die dieses Jahr schon extreme Gewinne gemacht haben und denen von der aktuellen Politik keine Übergewinnsteuer droht.
Außerdem ist eine Produktsubvention das falsche Signal. Der Stoff ist knapp und wir müssen deutlich weniger verbrauchen, weil das Verbrennen von Fossilem ökologisch schädlich ist. Der Sommer hat uns gezeigt, dass wir mitten in der Klimakatastrophe stecken. Das 1,5-Grad-Ziel ist absehbar schon gerissen. Wir müssen sofort anfangen zu retten, was noch zu retten ist. Und stattdessen die anderen Subventionen von Schädlichem langsam abbauen.
Also: Die Subvention an der Zapfsäule ist ökonomisch, sozial und ökologisch ein Desaster — und auch politisch, denn sie wirkt hilflos und setzt ein schlimmes Zeichen. Das war schon beim 1. Mal falsch, beim 2. Mal ein Irrsinn, für das 4. Mal fehlen sogar mir als Dolmetscherin die Worte.
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| „Heizhammer“ war nicht das Unwort des Jahres 2023 |
Letzter Punkt: Die Noch-Regierung in Berlin will derzeit Radwege abbauen und Bäume fällen, schnell noch Fakten schaffen (Link zur Petition), bevor es eventuell zum Regierungswechsel kommt.
In Zeiten von Verkehrswende und Hitzewellen, die nächste ist angekündigt, zumindest für den Süden Deutschlands, ist das vielleicht nicht ganz die richtige Entscheidung.
Ich komme zurück zum Anfang meines Textes: Wäre das Land Berlin unter einer Koalitionsregierung mit den Linken, wären die Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat andere; auch die zweite deutsche Kammer könnte das Verfahren zum Verbot der Rechtsextremen anstoßen.
Dieser Aufschlag musste sein. Demnächst wird das Wort des Jahres gewählt. Wird es das Wort „Verkehrswende“ sein oder „Tankrabatt“? Ich schätze, es wird das, was in den Köpfen der Menschen derzeit nur als Kürzung verstoffwechselt wird: „Reform“.
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Bilder: KI-Zufallsfund; DER SPIEGEL


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