Dienstag, 29. September 2026

Disruptionen

Bon­j​our, hel­lo, gu­ten Tag! Sie ha­ben die Sei­te ei­ner Über­set­ze­rin und Dol­met­sche­rin für die fran­zö­si­sche Spra­che an­ge­klickt. Wenn ich nicht ge­ra­de Dreh­bü­cher oder Fi­nan­zie­rungs­plä­ne von Fil­men über­set­ze, in der Ka­bi­ne sit­ze oder mit Kun­den Fa­bri­ken be­sich­ti­ge, be­rei­te ich mich auf die Ter­mi­ne vor. Le­sen und ler­nen ist die zwei­te Haupt­be­schäf­ti­gung von Sprach­ar­bei­ter:in­nen.

Brücke, die auseinandergebrochen ist
Dis­rup­tio­nen durch­füh­ren und dann die Fol­gen be­kla­gen
Die ak­tu­el­le Po­li­tik emp­fin­de ich der­zeit als be­las­tend.
Wir er­le­ben ei­ne Zeit, in der es un­ter ak­ti­ven Po­li­ti­ker:in­nen nicht mehr mög­lich zu sein scheint, für Feh­ler ge­ra­de­zu­ste­hen und al­les dar­an­zu­set­zen, sie wie­der aus­zu­bü­geln, sau­ber zu kom­mu­ni­zie­ren, auf die Ge­fahr hin, dass es ei­nem erst ein­mal um die Oh­ren fliegt.

Wenn das Pub­li­kum doch nur län­ger hin­hö­ren wür­de als ei­ni­ge Se­kun­den ...

An­statt pro­gres­si­ve Po­li­tik zu ge­stal­ten, lie­fern et­li­che Par­tei­en oft in­halt­li­che Vor­schlä­ge aus der Klam­ot­ten­kis­te des letz­ten Jahr­hun­derts, z. B. das Ver­bren­nen von Fos­si­lien, das über­pro­por­tio­na­le Her­an­zie­hen är­me­rer und durch­schnitt­lich ver­die­nen­der Schich­ten zur Staats­fi­nan­zie­rung im Ver­gleich zu den Ver­mö­gen­den, die sich auf­grund der Ge­set­ze arm rech­nen kön­nen, wenn sie nicht bei sehr gro­ßen Ver­mö­gen kom­plett „ge­schont“ wer­den.

In die­sem Zu­sam­men­hang wird oft die „Ross-Ap­fel-The­o­rie“ er­wähnt. Sie kommt in­zwi­schen fast nur noch als „Trick­le-Down-The­o­rie“ vor, weil der Mas­se viel­leicht ein­leuch­ten könn­te, dass sie hier als Spat­zen darge­stellt wird, die ihr Fut­ter aus Fä­ka­li­en pi­cken dür­fen. Zu die­ser The­o­rie ist nur ei­ns zu sa­gen: Die Wirk­lich­keit hat wie­der­holt be­wie­sen, dass sie nicht funk­tio­niert.

Die Ver­mö­gens­steu­ern wur­den einst vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ge­kippt, weil Im­mo­bi­li­en­ei­gen­tum noch nach den Ein­heits­wer­ten von 1936 oder ir­gend­wel­chen an­de­ren Mo­del­len be­wer­tet wur­de. Das war En­de letz­ten Jahr­hun­derts. In­zwi­schen ha­ben wir aber wie­der ein ak­tua­li­sier­tes, funk­tio­nie­ren­des Im­mo­bi­li­en­be­wer­tungs­sys­tem. Der Aus­set­zungs­grund ist be­ho­ben. Wo bleibt die Wie­der­ein­füh­rung der Ver­mö­gens­steu­er?

Und nein, ich ver­lan­ge kei­nen Kom­mu­nis­mus, wie man­cher in der ver­kürz­ten Po­li­tik­de­bat­te jetzt 'ar­gu­men­tie­ren' wür­de, son­dern le­dig­lich die Wie­der­her­stel­lung von Steu­er­ver­hält­nis­sen, wie sie un­ter Hel­mut Kohl üb­lich wa­ren.

Ich über­set­ze Zei­tungs­aus­schnit­te für ei­ne Kor­res­pon­den­tin. Es ist nicht leicht, auf Nach­fra­gen im­mer wie­der sa­gen zu müs­sen: „Ja doch, das stimmt so.“ Dass die Bahn in Deutsch­land ein Pro­blem ist, hat die Da­me in­zwi­schen selbst be­merkt. Dass sie kei­ne Aus­nah­men er­lebt hat, war ihr schwer zu ver­mit­teln.

Und jetzt ti­telt auch die in­ter­na­tio­na­le Pres­se gar­sti­ges Zeug über un­se­re Re­gie­ren­den. Wer will es ihr ver­den­ken? Ich ha­be ei­ne Re­por­ta­ge­se­rie ge­se­hen, in der ein Nach­wuchs­po­li­ti­ker, der in sei­nem Le­ben bis­lang nichts als Po­li­ti­ker war, durchs Kanz­ler­amt schwebt mit den Al­lü­ren ei­nes roy­alen Thron­fol­gers. Kör­per­spra­che und Wort­wahl wa­ren der­art ka­ri­ka­tur­haft, dass ich am An­fang ge­dacht ha­be: „Wow, was die KI schon kann, ist ja ab­ar­tig!“ (Hier der Link zu „In­side CDU“ von De­ni­se Ja­cobs und Stef­fen Haug im ZDF.)

Eu­ro­pa | Merz­däm­me­rung | Fried­rich Merz, der Zom­bie-Kanz­ler Er kann nicht mehr auf die Bei­ne kom­men, aber nie­mand will ihm den Rest ge­ben — noch nicht
Merz­däm­me­rung — auf Deutsch im Ti­tel

Ein „Zom­biekanz­ler“ über­schrieb die nord­ame­ri­ka­ni­sche Zei­tung The Eco­no­mist ei­nen Bei­trag (Link). Ich le­se in an­de­ren Ar­ti­keln, dass er der Kanz­ler ei­ner Par­tei ist, die in Deutsch­land ge­ra­de da­mit Schlag­zei­len macht, dass ei­ni­ge ih­rer Ver­tre­ter dem nord­ame­ri­ka­ni­schen Au­to­kra­ten da­zu gra­tu­lie­ren, wie schnell die­ser sein Land um­baut. Ein an­de­rer Po­li­ti­ker der Kanz­ler­par­tei wird zum wie­der­hol­ten Mal bei fet­ten Lü­gen er­tappt. Die an­de­ren po­li­ti­schen La­ger sind ge­schwächt. In der Mit­te der zer­frans­ten Par­tei­en­land­schaft klafft ein gro­ßes Loch.

Da­bei bräuch­ten wir en­ga­gier­te Leu­te, die an­pa­cken. Das wür­de mit der Ana­ly­se los­ge­hen, dass es ein Feh­ler war, im Rah­men der Glo­ba­li­sie­rung gan­ze Fer­ti­gungs­stre­cken in Billig­lohn­län­der zu ver­la­gern. Die Leu­te dort sind nicht doof, sie ha­ben Tech­nik wei­ter­ent­wi­ckelt und die deut­sche In­ge­nieurs­kunst, so, wie sie über­haupt ran­ge­las­sen wird, über­holt. Die Au­to­her­stel­lung ist ein klei­nes Bei­spiel; die Tech­nik der Nach­hal­tig­keit das nächs­te.

Un­se­re Ge­sell­schaft wird im­mer äl­ter, im­mer nach­wuchs­feind­li­cher, und die plat­ten "Lö­sun­gen" ge­wis­ser Grup­pie­run­gen wer­den die La­ge wei­ter ver­schlim­mern. Hin­zu kommt ei­ne weit ver­brei­te­te ne­ga­ti­ve Stim­mung, die ich üb­ri­gens in vie­len Un­ter­neh­men aus­drück­lich NICHT wie­der­fin­de. Die Kla­ge sei des Kauf­manns Gruß, heißt es dort ach­sel­zu­ckend.

Psy­cho­lo­gie ist ein am stärks­ten un­ter­schätz­tes For­schungs­ge­biet, wenn es um Wirt­schaft und Po­li­tik geht. Für die Kun­din le­se ich jetzt Li­te­ra­tur über die Zwan­zi­ger und Drei­ßi­ger Jah­re des letz­ten Jahr­hun­derts.

Ich weiß aus an­de­ren Ein­sät­zen um die kri­ti­sche La­ge der Kli­ma­kipp­punk­te, se­he täg­lich die ra­sant schwin­den­de Bio­di­ver­si­tät, die dras­tisch ab­neh­men­de Hu­mus­men­ge und lau­ern­de Ex­tre­mis­ten, die mir oft eher vor­kom­men wie Mit­glie­der von Sek­ten als wie auf­ge­klär­te Wahl­bür­ger:in­nen.

Ja, es sind schwie­ri­ge Zei­ten.

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Gra­fik:
Die Aben­teu­er des Prin­zen
Ach­med (Lot­te Rei­ni­ger)

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