Freitag, 19. September 2008

Theater der Worte

Warum ich so gerne Drehbücher übersetze, sollte ich gestern erklären, als ich beim deutsch-französischen Stammtisch war. Das ist alles ganz einfach einfach: Drehbücher sind eine Bühne, die Worte sind Requisiten oder Figuren, die auftreten, und das Ganze ist im besten Falle wunderbares, großes Sprachtheater.

Zu allererst werden im Drehbuch die Orte genannt, nüchtern, ohne schmückendes Beiwerk. VILLA AM STEINWEG beispielsweise, INNEN-TAG. Das löst bei mir schon eine ganze Welt aus, die Villa am steinigen Weg - ist auch der Stein, aus dem das Gebäude errichtet wurde, sichtbar? Ist er gar unverputzt sichtbar, wie auf der Insel Stein im Wörlitzer Park? Oder ist es roter Ziegelstein, dem Stuckverzierungen etwas von der Strenge nehmen? (Selbstkritik: Ich bin noch nicht wach und übertreibe, lasse ein Wort hier auf das nächste abfärben, denn der Weg ist ein "Steinweg", die Villa ward nicht näher beschrieben!)

Dann kommt der nächste Ort, dessen Nennung meine Phantasie auf Trab bringt: IM WINTERGARTEN IST DIE FRÜHSTÜCKSTAFEL GEDECKT. Es ist "DER" Wintergarten, der zur Villa 'Nichtstein' gehört, und das bedeutet: nicht EIN Wintergarten, nicht irgendeiner. Die Villa ist möglicherweise alt, der Wintergarten hoch, die Glasfront in metallene Rahmen gefasst, die dunkelgrün gestrichen sind und den Raum mit regelmäßigem Rhythmus in der Horizontale durchschneiden (offenbar sehe ich eine Kamerafahrt). Vom gleichen Dunkelgrün sind die Palmen, der Tisch dazu ist mit weißem Leinen und Silber gedeckt, eine Tafel eben.

Mein Kopf arbeitet vor sich hin, dann lese ich weitere Beschreibungen, knapp gehaltene Worte, die entweder zu meinen Ideen passen - oder sie in eine andere Richtung lenken. Wie ein Haiku steht hier nur das Wichtigste, das, was für die Erzählung relevant sein wird. Die dampfende Teekanne aus Meißener Porzellan steht für eine eigene Lebenswelt, ebenso die Sorte der Blumen und das, was vielleicht noch an (vermeintlich) Nebensächlichem erwähnt wird. Hier schaffen Worte Gegenstände auf einer Bühne, die eben noch die berühmte weiße Seite war.
Claude Chabrol, den ich regelmäßig auf Filmfestivals dolmetsche, erzählte mal, dass er das, was er zuerst erwähne, auch oft als erstes in Bildern zeige. Also erst das Nomen für einen Gegenstand, dann das Adjektiv, das ihm sein Hinterland gibt, dann noch ein Ding: der erste Bezug stellt sich her. Chabrol nimmt in seinen Texten durch die Interpunktion schon die spätere Hierarchie der Bilder vorweg, Kommata sehen im Bild später anders aus als Punkt, Semikolon oder Ausrufezeichen im Text.

Und ein Absatz war ein Schnitt, cher maître? Ich glaube mich so zu erinnern. Ich war als Dolmetscherin mit von der Partie, schrieb also nicht mit, und trotz meiner Bitten um Zusendung der Tonaufnahme habe ich von den Journalisten im Raum später nie etwas erhalten. (Falls das jetzt einer zufällig liest: Mir würde der Mitschnitt auch heute noch Freude bereiten.)

Zurück zur Drehbuchseite. Auf die Szenenbeschreibungen folgen die Rollennamen, mittig auf dem Papier. So stehen sie auch auf der Mitte der Bühne ... und in Klammern darunter folgt etwas über die Befindlichkeit der Figuren.

Und wenn sie sprechen, höre ich sie. Dann schreibe ich 'nach Diktat'. Alles ganz einfach eben.

Über die gesprochene Filmsprache gern später einmal mehr.
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Foto: Drehbuchtheorie - eine kleine, zufällige Auswahl, denn ich lese dazu alles, was mir in die Hände kommt. Meine Empfehlung gilt dem Buch "Der Publikumsvertrag" von Roland Zag. Und der Carrière ist höchst anekdotenreich.

Mittwoch, 17. September 2008

Fremddeutsch

"In San Francisco gibt es kabelloses Internet vierundzwanzig Stunden lang", berichtet eine deutsche Journalistin, die seit vielen Jahren in Paris lebt, im Radio des französischen Auslandssenders RFI. Wie, nur 24 Stunden lang? Und danach? Was passierte anschließend mit dem W-Lan?

Wer lange im Ausland lebt, wird zunehmend von der Sprache des neuen Heimtlandes beeinflusst, vorausgesetzt, er oder sie lässt sich überhaupt auf das neue Idiom ein. Im Falle von RFI, das in 19 Sprachen sendet, darunter auch auf Deutsch, gebiert das immer wieder nette Stilblüten. Die Deutsch-Muttersprachler der Sendung sprechen nicht selten eine Art Fremddeutsch, das vom 'Parfum' des Gastlandes durchzogen ist. Manchmal kommt es nur ein bisschen eigentümlich daher, aber wenn's schlimm läuft, ist es schlicht falsch und unverständlich.

Hier einige Beispiele mit Kommentar:

- "Eine "Adaptation" des klassischen Kinderbuchs von Saint-Exupéry", sagt der Reporter über den Film "Der kleine Prinz". Nein, auf Deutsch ist es knapper, Adaption ist das richtige Wort, zumindest im Filmbereich.
Fremdworte auf –tion sind gerne mal tricky. Noch ein Beispiel: Akklimatisierung und nicht Akklimatation.

- “Der vestimentäre Stil“... ist irgendwie verständlich, klingt aber wie “agrarische Gerätschaften”, wenn jemand eigentlich Rechen und Harke sagen will.
Besser also: sein Kleidungsstil, der Stil seiner Kleidung.

- "Inzwischen hat einer von vier Immigranten einen höheren Bildungsabschluss, so die Statistik". Auf Französisch heißt es un immigré sur quatre, 'jeder Vierte' oder die auf Deutsch die viel geläufigeren 25 % der Einwanderer.

- "Auf der Eins druckt “Le Monde” ...", im Original: à la Une du "Monde" wird korrekterweise indes zu: "Le Monde macht mit ... auf". Oder: "Die Schlagzeilen von Le Monde gelten" ...
"La Croix öffnet ebenfalls mit Fotos von Blauhelmsoldaten ..." wird zu: "La Croix macht ebenfalls mit Fotos von Blauhelmsoldaten auf". Auf Deutsch ist "der Aufmacher" der wichtigste Artikel auf Seite Eins.

- "kapitale Strafe" – geht auf Deutsch gar nicht für Todesstrafe. Das Kapital, so heißt ein Buch von Karl Marx, derzeit fehlt viel Kapital in der Kultur, alles andre ist analog zum kapitalen Hirsch kein kapitaler Bock, den man schießen könnte, sondern kapitaler Bockmist.

- "paranoisch" – klingt wie ein deutsches Wort, ist aber falsch. Das dem Französischen sehr ähnliche paranoid ist richtig. Oder klingt das wie panamaisch wie irgendwie weit weg, ja?

- franko-kubanische Beziehungen für "die Beziehungen zwischen Frankreich und Kuba" ... das “franko” ist auf Deutsch nicht für etwas, das mit Frankreich zu tun hat, eingeführt. Im schlimmsten Falle denken die Menschen an Spanien, an Franco. Wie, was hat der jetzt mit Fidel zu tun, oder nur, weil beides mit ‘F’ losgeht!??

- “Wie man die Verringerung der Bibliothek des Pariser Goethe-Instituts auch motiviert ...” Was ist denn da los? Der Buchbestand des Goethe-Instituts wurde verringert, die Bibliothek verkleinert. Die Motive der Täter liegen im Dunkeln. Hier geht’s um: Gründe. So dass der Satz so besser klingt: "Wie man die Verkleinerung der Bibliothek auch immer begründet ..."

- "Der Konflikt mit der Jugend ist steril." - Nein, steril sind Tiere oder Menschen, die sich nicht mehr reproduzieren können. Operationsbesteck sollte steril sein. Der Politiker meint das Gegenteil von fruchtbar ... also führt der Konflikt zu nichts, führt ins Leere, hat keinen fruchtbaren Dialog zur Folge gehabt ...

- "Der Politiker, der sich noch nicht als Kandidat deklariert hat ..." - Variablen, Parameter oder Klassentypen werden auf Deutsch deklariert. In Zeiten der Ölkrise neigen die Hersteller von Autos dazu, den Benzinverbrauch von Neuwagen nicht mehr zu deklarieren. Man kann aber auch versuchen, nicht alle Waren beim Grenzübertritt zu deklarieren, weil man sonst Zoll zahlen müsste. Die Inhaltsstoffe der Cremes oder neuer Medikamente müssen aber deklariert werden.
Der gesuchte Ausdruck im vorliegenden Fall: ... der seine Kandidatur noch nicht offiziell angemeldet hat. oder: der sich noch nicht als Kandidat aufstellen ließ.

Ich höre weiter kritisch zu und lerne aus diesen Fehlern von Muttersprachlern, die ein massives "DAF"-Problem haben - DAF steht für Deutsch als Fremdsprache. Ich schalte nur gelegentlich ein, denn zum Glück haben wir den Sender RFI hier "sieben auf sieben", wie ein Journalist der deutschen Sendestunde letztens wieder sagte - sept sur sept oder "7/7" - die ganze Woche hindurch, und das ist gut so, denn ich mag den Sender.

Sonntag, 14. September 2008

Einige Referenzfilme

Eine Referenzliste verschicken wir gern auf Nachfrage. Hier nur rasch die Antwort auf eine regelmäßig wiederholt gestellte Bitte um Information:
Für welche Filme wurdet Ihr in letzter Zeit als Übersetzer tätig?
Zum Beispiel ...

... 'Mr. Nobody' von Jaco van Dormael, 'Es kommt der Tag/Le jour viendra' von Susanne Schneider, 'Sourire/Lächeln' von Maggie Peren, 'The true nature of Lothar' von Raphaël Nadjari und Vincent Poymiro, 'Une journée/Ein Tag' von Jacob Berger, 'Sarah und die Suppenkasper / Sarah et les Marmitons' von Enrique Sánchez Lansch, 'Bienvenue à Bataville / Willkommen in Bataville' von François Caillat, 'Small World' von Bruno Chiche (nach einem Roman von Martin Suter).

Wir stehen keiner Produktionsfirma oder Filmfördereinrichtung besonders nahe, arbeiten wie bei Aufträgen aus der Politik 'überfraktionell' und sind an das Gebot der Diskretion gebunden.
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Foto: Schlusslektorat einer Drehbuchübesetzung, abends nach 21.00 Uhr

Mittwoch, 10. September 2008

Kollateralschäden

Gerne sehe ich ab und zu bei meiner Nachbarin fern, denn privat habe ich keine Glotze mehr. Die Nachbarin ist hochgradig frankophil, weshalb wir gerne französische Filme sehen. Nein, nicht auf Arte, hier kommen die meisten Filme zwar Mono-Ton auf beiden Stereospuren, aber oft ist auf ihnen ein- und dasselbe zu hören: Lästiger deutscher Synchronton.

Nein, wir sehen einen anderen Sender, der dankenswerterweise viele französische Filme untertitelt anbietet, so dass jede von uns auf ihre Kosten kommt. Nur mit der Webseite hat es dieser Sender nicht so, den ich aus Gründen der Höflichkeit jetzt mal nicht namentlich erwähne. Immerhin bietet er auch eine deutschsprachige Fassung seiner Seite an - oder besser gesagt in Teilen. Vieles, was für die deutschen Leser übersetzt wurde, klingt denn auch übersetzt, oder aber es fehlen der Übersetzerin/dem Übersetzer die richtigen Worte.

Beispiel: "Für Margot und Victor läuft alles am besten in der besten aller Welten", das ist fast wörtlich "pour Margot et Victor, tout va pour le mieux dans le meilleur des mondes" und raschelt einfach nur nach Papier. Weiter: "Sie (...) spinnen die perfekte Liebe." - " ils filent le parfait amour" verstehen deutsche Leser nur durch den Kontext. Die beiden arbeiten in ein- und derselben Firma, einer von ihnen klettert die Karriereleiter hoch und "im Leben vereint, findet sich das Paar trotz ihm plötzlich in einem harten Wettbewerb". "Trotz ihm", das ist malgré lui, ohne, dass es geplant wäre, ohne eigenes Zutun.
Und die Filmankündigung endet mit: "Bienvenue dans un monde impitoyable : celui du travail et de ses dommages collatéraux... ", anfangs ordentlich übersetzt mit "Willkommen in einer unbarmherzigen Welt", gefolgt von "in der Welt der Arbeit und ihrer Nebeneffekte..." Woraus ich schließe, dass die Übersetzerin/der Übersetzer nicht in Deutschland lebt oder lange nicht gelebt hat, denn Kollateralschäden sind einfach mal auch auf Deutsch Kollateralschäden.

Merke: Übersetzungen dürfen nicht nach Übersetzungen klingen, daher der Ausdruck: "es raschelt nach Papier" für "das ist keine gesprochene, sondern (bestenfalls) geschriebene Sprache". Die Franzosen sagen dazu übrigens: "ça sonne téléphoné", in etwa: 'das klingt telefoniert, wie per Telefon durchgegeben'.
Den beschriebenen Film werden wir uns morgen trotzdem ansehen. Es spielt Scali Delpeyrat mit, den ich 2006 bei einem tunesischen Fernsehfilmfestival gedolmetscht habe.

Dienstag, 9. September 2008

Luft! Nichts! Kleinigkeiten!

Oft entscheiden Kleinigkeiten darüber, ob wir etwas richtig verstehen oder nicht.

Zum Beispiel die richtige Verwendung des Gedankenstrichs.
Bei der Suche nach einer Telefonnummer der französischen Botschaft gab mir Google im folgende Seite an:
"Deutsch - Französische Botschaft in Berlin"? Ich stutze. Nicolas Sarkozy ist ja doch ziemlich reserviert Deutschland gegenüber, und jetzt wurde der Perrault-Bau am Pariser Platz kurzerhand in eine deutsch-französische Botschaft umverwandelt? Seit wann das?

Bei genauerem Hinsehen erkläre ich mir das "Deutsch" mit "deutsche Fassung" und stelle fest, dass ich schon so sehr an Fehler gewöhnt bin, denen ich immer öfter begegne, dass ich auf richtigen Gebrauch des Deutschen falsch reagiere. Die Amerikanisierung der deutschen Sprache führt dazu, dass der Bindestrich vom Aussterben bedroht ist, von der staatlich verordneten Getrenntschreibung befördert. Und das färbt bei mir ab, führt dazu, dass der Gedankenstrich weniger geläufig ist, zumal er oft fälschlicherweise dort eingesetzt wird, wo ein Bindestrich hingehört, selbst bei der ZDF-Sendung "Frontal21" habe ich das schon gesehen.

Während das Internet aus technischen Gründen die Zusammenschreibung fördert, erschwert die Getrenntschreibung die Rezeption. Die Luft zwischen den Worten führt ja dazu, dass die Worte eigentlich auch anders betont werden. So dass inzwischen laut Duden als richtig gilt, was mich stutzen lässt. In der ZEIT von letzter Woche:


Schon schön, dass solche Teilchen Ihre Forscher jetzt mit Namen begrüßen. Was das Elementarteilchen nachher gesagt hat, ist nicht überliefert.

In der gesprochenen Sprache sind Pausen an der falschen Stelle und die daraus resultierende andere Betonung regelmäßig Auslöser für Nicht- oder Missverstehen. Heute Abend wurde in Kulturzeit (3Sat) Budd Schulberg zitiert, der Autor des Buches "Was treibt Sammy an?", das einen Studioboss aus der Zeit der großen Hollywood-Mogule darstellt:

"Mit einem gewissen Leben ist, wie mit angezogener Handbremse fahren."

Wieder braucht es einen kurzen Moment, bis mein Kopf zurückgespult und alles nochmal durchgescannt hat (wobei ich mich bremsen muss, es nicht gleich zu übersetzen). Es lautet richtig: "Mit einem Gewissen leben ist, wie mit angezogener Handbremse fahren." Ist ja man gut, das die obersten Sprachwächter nicht gleich die Großschreibung mit abgeschafft haben.

Peanuts!

Dienstag, 2. September 2008

Plansequenz

Dass ich auch unterrichte, schrieb ich bereits. Letztens meinte doch einer der Studenten bei einer Filmanalyse zu mir, das Wort "Plansequenz" komme daher, dass für den Dreh dieser langen Einstellungen, in denen "eine abgeschlossene Handlung ohne Schnitt gezeigt wird" (Wikipedia), so ausgiebig lange geplant werden müsse. Das hätte er im Internet gelesen.

Nun steht ja bekanntlich auch viel Stuss im Netz. Auf einer eher lustlosen Recherche fand ich eben diese falsche Fährte als charmante Fehlinterpretation vorgestellt und erläutert. Denn im Grunde ist "Plansquenz" eine unglücklich gewählte Übersetzung aus dem Französischen. Natürlich heißt 'die Sequenz' hüben wie drüben so und 'die Einstellung' "le plan".
"Le plan-séquence
" ist also eine Einstellung, die eine lange Spielsequenz beinhaltet. Auf der Suche nach zitierbaren Plansequenzen fand ich einen kurzen Film: Vier Minuten und fünfundzwanzig Minuten dauert der Music-Clip "University LipDup #1" in Form einer solchen langen Einstellung, der darüber hinaus, wie der Titel verspricht, mit dem Thema Lippensynchronizität spielt. Hier haben die Studis der Uni Furtwangen für ihre extralange Einstellung hart geplant und gearbeitet - bravo! Das Resultat ist sehr sehenswert!

Und wo ich gerade Komplimente verteile, mag man mir verzeihen, dass ich ganz unbescheiden ein Kompliment zitiere, das dem Weblog, welchen Sie gerade lesen, gemacht wurde. Auf jener Seite, die mit der Fehlinterpretation des Begriffes aufmacht - sie trägt den poetischen Namen "Partikelfernsteuerung" -, steht als weiterführende Referenz: "Dolmetscher-Berlin ist ein wunderbarer Anekdoten-Blog über, genau: deutsch-französisches Übersetzen in der Filmbranche."

Danke für diese Empfehlung!

Montag, 1. September 2008

Am Wegesrand aufgelesen

Eine neue Kategorie ist fällig: Am Wegesrand Aufgelesenes werde ich hier gelegentlich anpinnen, sofern es zum Thema 'Übersetzer- und Dolmetscheralltag' passt.

Am Sonntag habe ich bei der Arbeit im Haushalt noch lange über das Besondere des Übersetzens und auch über die Unübersetzbarkeit von Lyrik nachgedacht und -geblättert, denn darüber hatte ich am Samstag hier etwas geschrieben.

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834) zum Beispiel hielt Übersetzen für ein hoffnungsloses Unterfangen, denn Übersetzer sollten sich eine vollständige Genesis der beiden Sprachen zum Ziel setzen. Doch zieht er es vor, dem Ausgangstext auch in der Übertragung seine kulturelle und sprachliche Eigenarten zu belassen auf die Gefahr hin, dass der übersetzte Text bei den Lesenden ein „Gefühl des Fremden“ evoziert, kurz: den Eindruck, "dass sie Ausländisches vor sich haben."

Mittags dann gekocht. Und was kredenzt die Übersetzerin bei Sommergrippe? Buchstabensuppe natürlich!
Dabei an Robert Frost (1874-1963) gedacht und an seine Definition von Übersetzung, die in etwa so lautet: Poesie ist, was in der Übersetzung verloren geht. Da muss ich an die Goethe-Übersetzung denken, die hier steht und der einen Poetik eine andere gegenüberstellt.

Nach der einfachen Suppenmahlzeit durften die Gesunden danach noch ins Kino. Auf dem Weg fiel mir auf der einen Straßenseite das Ladenschild einer Eisdiele auf. Wenige Meter weiter, auf der anderen Straßenseite, der passende Kommentar, wieder in Form eines Ladenschildes ...

Dass mir diese Ladenschilder optisch geradezu entgegenspringen, kann ich nur augenzwinkernd mit der eigenen Berufsverbildung erklären, auch déformation professionnelle genannt!

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Fotos aus der Körtestraße in Kreuzberg

Samstag, 30. August 2008

Übersetzer, Dolmetscher und Hochverrat am Text

Liebe Leserin/lieber Leser aus Wien,

die/der Sie gestern über Google etwas zum Thema "dolmetscher ist ein verräter" gesucht haben und sich dann eine Viertelstunde bei uns umsahen. Mit dem größten Vergnügen liefern wir Ihnen nach, was Sie möglicherweise suchten, denn unsere Webseitenstatistik besagt auch, dass viele von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, gerne wiederholt hier vorbeischauen.

Sie suchten vermutlich das italienische Sprichwort "traduttore, traditore". Das heißt auf Deutsch in etwa: "Übersetzer ist gleich Verräter". Legen wir das französische Wort für 'Dolmetscher' zugrunde, interprète, und interpretieren wir: "Der Übersetzer betreibt bei Ausübung seiner Arbeit stets Verrat am Ausgangstext."

Denn zu 100 % kann kein Text in einer anderen als der ureigensten Sprache des Textes wiedergegeben werden. Immer sind es andere Laute, aus denen die Worte der Übersetzung bestehen, beziehen sich die Begriffe auf andere Fakten, die vom jeweiligen kulturellen Kontext bestimmt sind, bilden die Sprachen andere Erfahrungen, Sichtweisen oder eben auch Interpretationen ab, besonders bei den sogenannten 'stehenden Redewendungen'. Also "traduttore, traditore" - auch als Illustration für den rhetorischen Begriff 'Paronym', denn die Begriffe klingen im Italienischen sehr ähnlich, darauf fußt das Sprichwort.

Wie lösen wir Übersetzer nun diese schwierige Aufgabe? Beim Übersetzen von Literatur ist es erlaubt, wenn ein mitschwingendes Bild nicht sofort übersetzt werden kann, bei später im Text vorkommenden Begriffen auf Worte zurückzugreifen, die durch ihren Kontext vielleicht diese Anspielungen aufgreifen. Ich habe das konkrete Beispielgedicht vergessen, wo das französische "danger de mort" richtig mit "Lebensgefahr" übersetzt war, nur, dass eben auf Französisch es die Gefahr des Zutodekommens ist, wörtlich: "Gefahr des Todes". Die Übersetzerin ins Deutsche hatte später im Text, wo sich einige beschreibende Adjektive häuften, immer die auch zur Wahl stehende düstere Variante gewählt, um das Gefühl, den der Originaltext auslöste, zu wahren.

Dabei besteht natürlich auch immer die Gefahr der Überinterpretation oder dass sich eine Übersetzerlösung wie von Zauberhand verändert, weil die Wortbestandteile mit der Zeit andere Bedeutungszusammenhänge bekommen. Ein einfaches Beispiel aus dem amerikanischen Englischen: Die Zahlenfolge 911 - gesprochen 'nine eleven' - ist seit 2001 mit Wolkenkratzern und Flugzeugen konnotiert. Bis zum 10. September 2001 dachten bei dieser Zahl alle an den Telefonnotruf, "Polizeiruf 110" gewissermaßen. Oder aber der Übersetzer ist ein so ausgezeichneter Verräter, dass er die falschen Komplimente erhält, was dann auch irgendwie peinlich ist: Jemand versteht beide Sprachen und findet am Ende die Übersetzung viel besser als das Original ... (Alles schon erlebt!)

Ebenso böse wie das italienische Zitat ist diese Redensart da: "Eine Übersetzung ist wie eine Frau: Entweder, sie ist schön, oder aber sie ist treu."

Wir können derlei Verunglimpfungen natürlich überhaupt nicht gutheißen, freuen uns aber immer wieder über das politisch hochgradig Unkorrekte ...

Die besten Wochenendgrüße,
Caroline
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Bild: "Handwerkszeug eines Verräters" (ein kleiner Teil davon)
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Donnerstag, 21. August 2008

Drehbuchübersetzung

Was kostet die Übersetzung eines Drehbuchs pro Seite?" — diese Frage wird hier über Suchmaschinen oft gestellt.

Wie schon in meinem Blogeintrag über Preise geschrieben, führen wir keine Listenpreise, der Preis variiert je Schwierigkeitsgrad des Buches, Länge und eingeräumtem Zeitraum zwischen 2.500 und 5.000 Euro, denn oft kommen ja noch weitere Texte hinzu wie Regiekonzept, Syn­opsis, Relevanz des Stoffes etc. Der Endpreis hängt von diesen Faktoren ab — und unsere Kosten­vor­an­schlä­ge sind selbstredend kostenlos.

Da uns immer häufiger sehr lange Bücher zur Übersetzung innerhalb weniger Tagen angeboten werden, hier einige Eckdaten für Sie, damit Sie in Ruhe den oder die zu Ihrem Projekt passenden Übersetzer finden können.

Doch vorab einige grundsätzliche Gedanken zu unserem Beruf. Übersetzer gibt es viele am Markt. Medien gelten als schick, weshalb immer wieder Nachwuchskräfte ohne Vorkenntnisse in der Hoffnung auf weiterführende Kontakte Aufträge über­neh­men, die unterfinanziert sind. (Zu den Folgekosten könnte ich einen extra Blogeintrag schreiben.) Daneben gibt es viele erfahrene, als Freiberufler tätige Übersetzer, die gelegentlich für Film arbeiten, zum Teil mit exzellenten Kennt­nis­sen, zum Teil gänzlich ohne. Am stärksten am Markt präsent sind große Agenturen, die heute Bilanzen, morgen Politikerreden, übermorgen mal kurz ein Drehbuch "machen". Für die Vermittlung behalten die Agenturen bis zu 40 % des Honorars ein, suchen dann Subunternehmer auf dem freien Markt und lesen gegen — nach bestem Wissen und Gewissen.

Nach bestem Wissen und Gewissen arbeiten auch wir. Der Unterschied besteht darin, dass wir als Fachübersetzer mit den Jahren im Netzwerk viel Fach­kom­pe­tenz angesammelt haben. Wir sind ein loser Verbund von Übersetzern, Dol­met­schern, Filmemachern, Regieassistenten, Schauspielern und Pro­duktions­leu­ten, die im Haupt- oder Nebenberuf übersetzen. Dabei bilden wir uns gegenseitig fort, auch, aber nicht nur, beim Gegenlesen und Lektorieren der Arbeit der anderen.


Merkblatt Drehbuchübersetzung

– Weniger ist mehr:
Ermitteln Sie bitte die Länge ihres Dokuments (wenn Sie nicht wissen, wie das geht, klicken Sie hier). Wir legen die Anzahl der Zeichen inklusive Leerzeichen zugrunde. Ein Übersetzer schafft in guter Qualität bei anspruchsvollen Texten 10-12.000 Anschläge täglich, bei einfacheren Texten bis zu 15.000. 'Übersetzt' bedeutet das: zwischen 10 und 15 Seiten eines in Final Draft erstellten Dokuments. Hier gilt: Jeden Tag konzentriert weniger Zeilen zu übertragen ist besser als Akkordarbeit.

– Vier-Augen-Prinzip: Idealerweise arbeiten immer zwei Kollegen an einem Pro­jekt, und zwar jeweils ein "native speaker" für die Ausgangs- und die Ziel­spra­che. Der Muttersprachler der Zielsprache ist federführend bei der Übersetzung, der andere liest gegen, leitet das Projekt und ist Ihr Ansprechpartner. Kommen mehr Sprachen im Drehbuch vor, erhöht sich entsprechend die Anzahl der Mitarbeiter.

– Internes Lektorat: Korrektoren und/oder Fachleute lesen gegen — diesen Service bieten nur wenige an, fragen Sie deshalb bitte nach. Möglicherweise können aber auch Mitarbeiter Ihrer Firma diese Aufgabe übernehmen, dann müssen Sie sie nicht extern einkaufen.

– Talent und Sachkenntnis: "Nicht jeder kann ein Drehbuch schreiben". Dieser Satz ist für Sie vermutlich eine Selbstverständlichkeit. Aber nicht jeder kann auch ein Drehbuch übersetzen. Die beschreibenden Passagen sind oft von literarischer Qua­li­tät, die erhalten werden muss.

Gesprochene Sprache darf nicht nach raschelndem Papier klingen, weder im Original noch in der Übersetzung.

– Erfahrung: Fragen Sie nach der Vorerfahrung. Besteht keine, haken Sie bitte nach, ob eventuell jemand mit Fachkenntnis den Nachwuchs 'an die Hand nimmt'.

– Gute Zeitplanung: Ihr Drehbuch entstand nicht in einer Woche — Zeit ist auch für den Übersetzer wichtig, siehe den ersten Punkt. Gefragte Leute sind oft aus­ge­bucht, und wenn's auf den Dreh einer internationalen Koproduktion zugeht, tritt jedes Projekt nochmal kurz in die "heiße Phase" und bindet Kräfte. Also fragen Sie bitte rechtzeitig an, damit die Übersetzer ihren 'Workflow' planen können.

Wenn Sie weitere Fragen haben, sind wir gerne für Sie da. Bitte wenden Sie sich direkt über Mail an uns.

Donnerstag, 7. August 2008

Guten Tag! Welcome! Bienvenue !

Im Sommer läuft das Dolmetscherarbeitsleben auf halben Touren bzw. im Wechsel sind wir verreist. Dennoch beobachten wir, wer Sie sind, liebe Leser dieses Weblogs. Eine Software verrät uns, wo Sie wohnen und welche Seiten Sie wie lange betrachtet haben. Auch ihre Google-Suchworte kennen wir anschließend. Keine Angst, mehr Informationen erhalten nicht, wir machen uns auch für Datenschutz im Netz stark.

Sie erreichen uns in den Sommerwochen am besten mobil. Und wir freuen uns darüber, dass wie Sie dank des Weblogs auch so informieren können: In der Wortkombination "spotting untertitel definition" fand ein Leser offenbar Antworten auf seine Fragen, kam wieder und las insgesamt vier Seiten. Mehr als eine halbe Stunde hat sich gestern ein Dortmunder auf unserem Weblog mit der Fragstellung "interview dolmetschen" auseinandergesetzt (durch Anklicken der markierten Worte gelangen Sie zum Artikel), ein Berliner hat sich über die Thematik "dolmetscherkabine ideal" informiert. Einer von Ihnen, liebe Leser, fragt nach Preisen für und Besonderheiten des Untertitelns. Auch wiederholt recherchiert: Die "Obama-Dolmetscher", zu denen ich lediglich einen kurzen Vergleich der Wirkung schrieb. Nicht zu vergessen die "Französische Filmwoche" in Berlin, die Fotostrecke ist bislang von 170 Leuten gesehen worden.

Ungefähr 25 Leser sind Sie derzeit hier etwa täglich, das sind 10-15 Leser weniger als außerhalb der Ferienzeit (der Durchschnitt lag zuletzt bei 38 Lesern, die jeweils drei Seiten in insgesamt etwa acht Minuten lesen). So viel können wir Ihnen mündlich gar nicht erklären, so viele Stunden sind das :-)

Schöne Sommertage wünsch' ich allerseits!
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Foto: Der Himmel über Kreuzberg

Dienstag, 5. August 2008

Wir suchen Dolmetscher für die Messe

Wir suchen Dolmetscher für die Messe" steht in der Suchzeile von Google, klick, los geht's! Der vierte gefundene Eintrag nach der bezahlten Werbung ist dieser Weblog hier ...

Das haben Sie vorhin so erlebt, lieber Mitarbeiter oder Chef eines Unternehmens aus Chemnitz mit Reiseziel Messehallen. Aufgrund Ihres Sucheintrags, der Sie zu uns führte, weiß ich leider nicht, ob die Berliner Messehallen gemeint sind. Erlauben Sie mir, Ihnen hier einige Infos zur Arbeit mit Dolmetschern auf der Messe zu geben.

Zunächst stellt sich die Frage, wofür Sie eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter suchen? Sind allgemein informierende Kundengespräche geplant, erwarten Sie Vertragsverhandlungen oder ist gar beabsichtigt, ein neues Produkt unter großer Anteilnahme der Branche im Ausland auch vor den Medien zu platzieren?

Hier leisten Dolmetscher wertvolle Hilfe. Je nach Bedarf hat der/die Gesuchte möglicherweise ein anderes Profil - im ersten Fall wäre die Kollegin mit erster Berufserfahrung ideal, die Sie für die gesamte Messelaufzeit zu einem günstigeren Preis anheuern können als die langjährig Erfahrene, mein zweites Beispiel. Denn für knifflige Vertragsverhandlungen sollten Sie auf eine Fachkraft zurückgreifen, die auch in diesen Momenten völlig souverän ist. Wenn Sie mit ihr zusammenarbeiten möchten, sollten Sie früher mit der Suche anfangen, denn auch in unserer Branche wird langfristig geplant. Medienerfahren sollte darüber hinaus jene Kollegin sein, mit der Sie vor die Presse treten wollen, denn das stellt Dolmetscher vor besondere Herausforderungen.

Wenn Sie nun Ihre Dolmetscherin gefunden und vertraglich gebunden haben, wünscht sich diese möglichst rasch eine große Auswahl an Dokumenten, mit denen sie sich vorbereiten kann. Denn jeder Auftrag ist mit neuen Vokabeln verbunden, und die zu lernen braucht den entsprechenden Vorlauf.

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Foto: Die Autorin dieser Zeilen auf einer Messe in Frankreich
bei der Nachlese des Messebesuchs (zweite von rechts)

Sonntag, 3. August 2008

Preise

Was kostet die Arbeit einer Dolmetscherin und Übersetzerin?" - diese Frage wird hier über Suchmaschinen oft gestellt.

Listenpreise gibt es bei uns nicht, weshalb wir gern mit Ihnen ins Gespräch kommen möchten. Aber ich kann Ihnen vorab hier ein paar Gedanken zur Preisgestaltung geben.

Als Akademikerin mit Berufserfahrung kostet meine Arbeitsstunde um die hundert Euro. Hierin sind enthalten: der reine Honoraranteil, Vorbereitung, Nachbereitung, das Management des eigenen Büros, Netzwerkarbeit, diverse Nebenkosten - und zum Teil eben auch die Rentabilisierung der Investition, die eine mehrjährige Ausbildung darstellt.

Daher ist der Preis variabel, je nachdem, ob Sie mich für einen kleinen oder einen großen Auftrag buchen. Die Vor- und Nachbereitungszeit für eine oder für acht Stunden ist meist identisch, weshalb alle Dolmetscher Mindestsätze berechnen. Bei sehr komplexen Themen ist das dann ein ganzer Arbeitstag. Bei Aufträgen aus meinem Spezialgebiet biete ich bei einer Mindestauftragsanzahl im Jahr auch halbe Tage an, hier bezahlen Sie nur die zusätzliche Vorbereitung, Verwaltung und einen reduzierten Anteil für die Ausbildungsinvestition.

Als Übersetzerin kann ich mir die Zeit frei einteilen, was auch wieder für eine kleine Preisreduktion spricht, wenn die Übernahme Ihres Auftrages mir Spielraum für lukrativere Einsätze lässt, die zu festen Terminen stattfinden. Texte, die's eilig haben, sind ebenso teurer wie schwere, denn sie erfordern mehr Recherche.

Last but not least gibt's da noch meine eigenen Interessen. Für Dreharbeiten bin ich leichter zu begeistern als für zu beglaubigende Dokumente. Je nach Qualität des Filmprojekts (und dessen Finanzierung) könnte das auch ein Grund für einen Preisnachlass sein. Da es gut und weniger gut finanzierte Filme gibt, setze ich auch immer auf die Ehrlichkeit meines Gegenübers, dass ich am Ende auf ein Honorar komme, dass einem hochspezialisierten Filmmitarbeiter dieser Produktion entspricht.

Résumé: Die Variablen bei der Preisgestaltung sind 'Aufwand', 'Dauer des Auftrags', 'Regelmäßigkeit der Beauftragung', 'Flexibiltät', 'Interessen der Übesetzerin/Dolmetscherin'.

So reicht meine Preisspanne von Null Euro für ein Studentenfestival bis zu 1200 Euro für eine Ko-Moderation und Dolmetschen bei einer festlichen Filmpremiere mit Preisübergabe.

Donnerstag, 31. Juli 2008

Akustik in der Freizeit

Hello, guten Tag, bonjour ... beim Dolmetscherblog aus Berlin, dem ersten virtuellen Arbeitstagebuch über Dolmetschen und Übersetzen aus dem Inneren der Kabine bzw. vom Übersetzerschreibtisch Deutschlands. Hier denke ich über unseren Berufsalltag nach — und wie er sich aufs Privatleben auswirkt.

Mit Freunden im Club, es ist ein lauer Sommerabend. Der Club verfügt über einen Pool unter freiem Himmel, die Akustik verflüchtigt sich also zum Teil nach oben. Dennoch sind die drums & beats präsent, die Stimmen vom Nebentisch ebenso, das Glucksen des Wassers und zwei oder drei Gespräche in der Gruppe, mit der ich gekommen bin. Ich merke, wie ich immer angestrengter werde ob der vielen konkurrierenden Geräusche. Sie machen mich nervös. Die anderen scheint die Aktustik nicht zu stören. Ja, ich denke, meine Empfindlichkeit hängt mit dem Beruf zusammen.

Es ist eine Sommernacht, noch ist es recht hell, ich übe weiter mit dem neuen Digitalfotoapparat. Arbeite konzentriert, lerne neue features kennen, sorge für veschwommenere Hintergründe (aus der Ferne fotografieren und ranzoomen verkürzt den Schärfebereich), entdecke, dass es einen "soft flash" gibt, den ich aber genauso wenig mag wie den anderen Blitz, weiß jetzt, wie die Automatik auszustellen geht bzw. so zu überlisten, dass auch gewünschte Artefakte auf die "belichteten" Pixel kommen, wie hier, wo es mir um die Stimmung geht und nicht um die abgebildeten Personen. Dann suche ich, wie das Geräusch der Verschlussklappe (l'obturateur) ausgestellt werden kann, bei mechanischen Geräten reiben sich viele kleine Klappen aneinander und sorgen für das schnarrende Geräusch, das hier ebenso digital ist wie die Körnung. Nicht, dass es mich hier auf der Party störte, aber ich will ja auch in der Dolmetscherkabine knipsen. (|Wer eine Lösung fürs Stummschalten weiß, es ist eine Casio Exilim 10.1 ...| Danke für den Tipp!)

Ich lerne aber auch die Grenzen des Möglichen kennen, als es Nacht wird.

Und plötzlich ist die ganze Akustik wieder da, unverändert, lauttönend und aufmerksamkeitsheischend. Es ist kein entspanntes Chillen für mich, und so geht es weiter an den Strand der Spree, wo auch nette Lokale sind, sich der Lärm aber besser verteilt.

Mittwoch, 23. Juli 2008

Sommergedanken

Bienvenue auf der Seite einer Spracharbeiterin. Ich biete an: Dolmetschen und Übersetzen — und da ich im Nebenberuf Autorin bin, auch Rewriting und Moderation. Französisch ist meine zweite Arbeitssprache, Englisch meine "passive" Sprache.

In den Sommermonaten sind Dolmetscherin und Büro nur einen bis zwei Tage in der Woche aktiv. Sie erreichen uns wie gewohnt mobil, wir helfen wie immer gern weiter, auch im Sommer ist das Netzwerk für Sie da.

Währenddessen überlegen in Berlin die Fernsehleute, ob sie Barack Obama an der Siegessäule live untertiteln sollen oder doch lieber dolmetschen. Und die Kanzlerin, die anders als ihr Vorgänger simultane Verdolmetschung bevorzugt, macht sich weiter modische Gedanken über ihre Frisur, darüber schrieb die Süddeutsche. Abgesehen vom verzeihlichen Fehler, dass der Autor des Artikels den Unterschied zwischen Übersetzern und Dolmetschern nicht kennt, ist sein Artikel höchst amüsant. Die 'Première Dame' Deutschlands sei "ein Fan von Simultanübersetzung - das jedoch bringt den Nachteil von Kopfhörern mit sich. Die zerstören bekanntermaßen die Frisur." Angela Merkels Trick gibt's hier. Über das gender mainstreaming von Konferenztechnik machen wir uns ab Herbst wieder Gedanken, Anlässe gibt's dafür genug. Ich denke nur an den Diskussionsleiter, der am Ende der Konferenz die Gäste bittet, doch bitte alle "am Ende des Tages die Dolmetscher auf den Tisch zu legen".

So, und für alle Kollegen und Studenten, die letzten Sommer die wunderbare France Culture-Reihe zur Filmschichte verpasst haben, hier noch der Hinweis auf eine Sommerserie über US-amerikanische TV-Serien und indirekt über die amerikanische Gesellschaft (täglich bis 22.8.), hier geht's zur Hörfunkreihe (und zum Podcast).

P.S. vom Donnerstag, als Obama in Berlin war:

Wie die Rede vor Ort übertragen wurde, weiß ich noch immer nicht, denn ich saß bei Freunden am TV und verglich die Dolmetscher von ARD und ZDF. Die Hochschulen zeichnen derlei für eine spätere Analyse sicher auf, ich habe nur immer dann von ZDF auf ARD geschaltet, wenn eine Pause eintrat, der Kollege vom ZDF war nämlich immer "näher dran" am Originalton (O-Ton). So konnte ich immer noch das Ende der ARD-Verdolmetschung hören. Und hörte:

- eine Schande für uns alle (ZDF) | belastet unser Gewissen (ARD)
- Mauern niederreißen (ZDF) | Mauern einreißen (ARD)
- Kampf mutiger Menschen, der die Apartheit abgeschafft hat (ZDF) | wo der Kampf eines Volkes die Apartheit niederrang (ARD)
- diesen Geist hochhalten zu müssen (ZDF) | diesen Geist neu zu beleben (ARD)
- als dass wir ihnen dort den Rücken kehren dürften (ZDF) | um dort auszusteigen (ARD)
- die diesen gazen Kontinent transzendiert und umspannt (ZDF) | die sich über diesen Kontinent ersteckt (ARD)
- Botschaft aussenden (ZDF) | Botschaft schicken (ARD)
- dass dieser Krieg beendet wird (ZDF) | diesen Krieg seinem Ende zuzuführen (ARD)
- das Kind der Armut entreißen (ZDF) | das Kind aus der Armut befreien (ARD)
- Sinn verleihen (ZDF) | Bedeutung zumessen (ARD)

Diesem Vergleich ist nur schwer "Bedeutung zuzumessen", ohne in den O-Ton reinzuhören. Ich kann aber einen Eindruck äußern, so, wie er auch bei unbelasteten Zuhörern entstehen mag. Ohne Rückgriff auf den Ausgangstext habe ich die mitgekritzelten Verdolmetschungen verglichen und die jeweils moderner klingende Lösung kursiv gesetzt, wie gesagt, es ist rein subjektiv. Meistens ist es der Kollege, der für die ARD dolmetscht, der auf mich in seinem Ausdruck moderner, schlichter und weniger präsidial wirkt. Liegt es an der Rede Obamas? Liegt es am Alter oder an der Vorerfahrung der Dolmetscher? Wurde im politischen Kontext bereits die Leistung der Dolmetscher auf ihre Wirkung auf die Wählerschaft bewertet?

Für uns scheinen diese Fragen auf den ersten Blick irrelevant. In den USA-Vorwahlen ziehen die Kandiaten aber mit Dolmetschern durch die Lande. Nach dem Wettkampf Clinton/Obama veröffentlichten diese ihre Finanzberichte: Hillary Clinton gab 6.244 Dollar für Dolmetscher aus, Barack Obama fast 25.000 Dollar, da er besonders um die spanischsprachigen Wähler geworben hat.
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Merci, Martine Delahaye ! (Le Monde)

Freitag, 11. Juli 2008

Im Sommer ruht das digitale Bordbuch (das Büro indes nicht)

Willkommen beim digitalen Arbeitstagebuch einer Dolmetscherin und Übersetzerin mit Wohnort Berlin. Sie interessieren sich für Dolmetschen und Übersetzen? Dann sind Sie hier richtig. Als Dolmetscher arbeiten wir mündlich, als Übersetzer schriftlich, oft für Wirtschaft, Politik, Literatur und Kino. Übber das Jahr bestimmen Termine unseren Alltag, jetzt ist Zeit für eine Pause.

Am Abend und am Tag nach großen Dolmetscheinsätzen bin ich immer geistig unter Wasser. Eindeutig sichtbar und vorhanden, aber nur zum Teil auch mit dem Kopf. Und nach einer Grillparty mit den Dolmetscherkollegen weiß ich: Das geht den meisten so.

Diese "Halbpräsenz" irritiert jene in unserem jeweiligen Umfeld, die davon nicht wissen. Erschwerend kommt hinzu, dass nie vorhersehbar ist, in welchen Bereichen der Betreffende jetzt "voll dabei" ist und wo der Kopf mir nichts, dir nichts abschaltet. Das ist der Grund, weshalb ich direkt nach ein- bis mehrtägigen Einsätzen nur höchst ungern an anspruchsvollen gesellschaftlichen Terminen teilnehme.

Dolmetscher, so heißt es immer wieder, hätten bei ihrer Arbeit einen Adrenalinpegel wie Piloten bei Start und Landung und einen Energieumsatz wie Bauarbeiter. Wenn ich mich beobachte, und das mache ich hier ja nunmal erklärtermaßen, dann esse und schlafe ich mehr und länger in aktiven Wochen. Und ich schalte vor Einsätzen bereits auf "Schongang", in den Ruhezeiten dann richtig.

Daher ist in den kommenden zwei Monaten zumindest auf dem Weblog Sommerpause. Einige Termine habe ich noch, andere werde ich darüber hinaus annehmen, eines ist dennoch klar: es geht ruhiger zu im Sommer. Zwischendurch verreisen wir und ich werde mit Besuchsgästen Berlin neu entdecken.

Allen Auftraggebern, Geschäftspartnern, Kollegen und Studenten, die hier mitlesen, wünsche ich einen schönen, erholsamen Sommer 2008! Au revoir en septembre !


P.S.: Auch in der Sommerpause erreichen Sie uns - und sollten wir selbst verhindert sein, sind wir wie immer gern behilflich, Kolleginnen und Kollegen aus dem Netzwerk für Sie zu finden.

Dienstag, 8. Juli 2008

Genauigkeit

Hallo! Sie haben ein digitales Logbuch aus der Welt der Sprachen angesteuert. Hier schreibe ich über meinen Berufsalltag als Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache. Regelmäßig gewähre ich einen Blick auf meinen Schreibtisch. Voilà !

Heute erhalte ich eine Mail, die mir Antworten auf viele Fragen gibt. Vor drei Jahren diskutierten Bettina und ich in Tübingen über Publikumsgespräche im Kino. Bettina, die heute bei einem Filmverleih arbeitet, beschrieb, wie beim Forum der Berlinale eine Frau sehr detailliert konsekutiv gedolmetscht und auch side-kicks übertragen habe. Ohne es zu wissen, beschrieb sie da mich und meine Arbeit, wie wir später feststellten. Nur fand sie leider, es sei alles zu genau gewesen — etwas großzügiger hier und da würde ihr meist besser gefallen.

Hier nun besagte Mail eines Filmjournalisten:
"Liebe Caro, nochmal Danke für Deinen Einsatz neulich! Ich habe, weil ich auf der Fahrt nach Karlovy Vary nichts zu tun hatte, gleich das Interview abgehört und geschrieben. Ich kann Dir jetzt genau sagen, was Deine Qualität ausmacht: die Treue. Bietet der Regisseur mehr Details als nötig an — mancher liefert ja sogar kleine narrative “Stränge” mit, die für sich stehen — ist es unbedingt nötig, diese mit zu übersetzen. Jeder von uns Journalisten sucht sich am Ende "seine" Elemente heraus, damit meine ich, alles, was zur eigenen Argumentation passt. Gekürzt wird später ohnehin noch, das darf nicht beim Übersetzen passieren, auch nicht durch Schwächeln am Ende der Antworten, weil die Sätze zu lang geworden sind. Daher weiß ich jetzt, wie gut es ist, dass Du Dir Notizen machst ... 
Noch was ist wichtig: Das Sprachniveau des Interviewpartners möglichst gut zu treffen und eben nicht sinngemäß die Worte in der eigenen Sprechweise auszudrücken. Und das ist keine Selbstverständlichkeit!
Ich werde also von Deinem netten Angebot, nochmal draufzuschauen, keinen Gebrauch machen müssen. So gut ist mein Schul- und Ferienfranzösisch dann doch, dass ich das einschätzen kann ..."
Lieber Kollege, Danke für die Blumen. Wir bemühen uns um Genauigkeit, aber natürlich kann auch vorkommen, dass wir im Marathon ermüden. Daher steht mein Angebot, nochmal einen Blick auf die verschriftete Fassung zu werfen.

Wenig später hat mir Bettina auf diesen Eintrag hin gemailt:
"Ja, ich erinnere mich an unser Kirchentreppen-Gespräch. War mir ja schon peinlich, dass ich dich nicht wiedererkannt habe — aber ich glaube nicht, dass das unser Verhältnis getrübt hat. Und von deiner souveränen Dolmetsch-Kunst konnte ich mich vor allem damals im Institut Culturel überzeugen ..."
Liebe Bettina, nein, unser Verhältnis hat das nicht getrübt, im Gegenteil, ich bin über kontroverse Meinungen dankbar, weil sie mir weiterhelfen. So wie jetzt hier.
Und was für das Berlinale-Forum richtig ist — da gibt es nämlich meist keine ausgiebigen Presseinterviews, die Journalisten und Festivalmacher und Verleiher sitzen 'normal' im Kino — muss für ein Kleinstadtpublikum in der Tat nicht richtig sein.

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Foto: Interview mit Laurent Cantet, Filmfest München, 2008.
Der Journalist auf dem Bild ist nicht mit dem Autor der Mail identisch.

Samstag, 5. Juli 2008

Fotos von der Französischen Filmwoche 2008

Festivals bestehen aus Filmen und Begegnungen — les festivals sont faits de films et de rencontres. Voici quelques impressions — hier einige Schnappschüsse.





Un des 'lieux du crime' — einer der 'Austragungsorte'








Präsentation des Films / présentation du film "Une journée" (Ein Tag): Catherine Scharf Chevalley (Botschaftsrätin der Schweiz / attachée culturelle de l'Ambassade Suisse), Caroline Elias, Jacob Berger (Regisseur / réalisateur)



Jacob Berger bei / chez Knut Elstermann (Radio Eins)









Benoît Mariage ("Cowboys"), Jörg Taszman (PR-Mitarbeiter und Journalist(e/relations publiques)) & Julien Lamy (Bureau du cinéma) beim Filmgespräch / discutent après la projection





Schauspielerin / actrice Clémentine Beaugrand ("Le premier venu", R.: Jacques Doillon) mit Begleitung / en compagnie d'un bel inconnu







Julien Lamy, Leiter des / directeur du Bureau du cinéma












Anne Vassevière (Bureau du cinéma)










Carole Lunt (Bureau des médias) & stagiaire/Praktikantin (Bureau du cinéma)








La semaine du cinéma français est finie, on remballe tout pour l'année prochaine — die französische Filmwoche ist vorüber, alles wird eingepackt — au revoir en 2009!






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Fotos: Caroline Elias und Andreas Urban (Cinéma Paris)

Donnerstag, 3. Juli 2008

Untertitel

Und wieder sitzen wir im Kino, diskutieren mit Gästen und Kollegen und überlegen hinterher, was wir da eigentlich machen, wenn wir für Festivals arbeiten, während das kleine französische Filmfest in seine Zielgerade geht.

Nicht hier, aber auf der Berlinale werden Untertitel verdolmetscht - es ist also die Übersetzung der Filmdialoge in den Untertitel und aus ihm in eine andere Sprache, eine doppelte Übersetzung demnach. Auch für die einfache Übersetzung gilt: Witze müssen witzig übersetzt werden, sonst lacht nur ein Teil des Publikums. Und, was mindestens genauso schwer ist, der richtige Zeitpunkt will getroffen sein, der technische Begriff fürs Setzen der Zeiten lautet 'spotting', damit alle etwa gleichzeitig lachen. Wird der Witz vorweggenommen oder nachgeliefert oder fehlt er ganz, sieht plötzlich der Zuschauer den Untertitel, ist seine Funktionsweise — lesen und dabei vergessen, dass man eigentlich liest — unterbrochen.

Werden diese Untertitel nun verdolmetscht, weil z.B. die Berlinale als Service französischsprachige Fassungen englischer Filme anbietet, die nur auf Deutsch untertitelt sind, folgen diese 'gesprochenen Untertitel' den Regeln des Untertitelns und nicht denen des Dolmetschens. Ich erkläre mich: Konferenzdolmetscher dürfen in der Kabine nicht fluchen, der mitunter lückenhafte oder unterbrochene Satzfluss 'echter' Menschen wird, falls nötig, immer im Sinne des Sprechers verbessert, Versprecher werden ausgebügelt, wüste Ausdrücke ein oder zwei Sprachniveaus aufgewertet. Kritiker mögen einwenden, damit würden Dolmetscher ihren Kunden untreu - jetzt an das Sprichwort 'traduttore, tradittore' (qui traduit, trahit = der Übersetzer ist ein Verräter) zu denken ist legitim. Der Aufhübschungsreflex der Sprachmittler ist indes Teil ihres Überlebensinstinkts — so lässt sich das Phänomen erklären, vielleicht sogar entschuldigen. (Denn nach beigelegtem Streit will nicht der Dolmetscher wegen angeblich falscher Übertragung Anlass der Auseinandersetzung gewesen sein).

Dennoch: beim Filmdolmetschen ist eben dieses Vorgehen falsch, denn der künstlerische Ausdruck steht im Vordergrund ... und die Treue der Übersetzung. Daher ist es wichtig, mit der originalsprachlichen Fassung des Filmes zu arbeiten, denn "vom Blatt" unter Zuhilfenahme von Untertiteln zu dolmetschen, die ja schon eine Übersetzung sind, programmiert Fehler und Ungenauigkeiten.

Wie der deutsche Untertitel “geht schnell” als Ausgangstext einer Verdolmetschung zu anderen Ergebnissen führen würde als der Rückgriff auf das originalsprachliche no big deal, zeigt das Bild, das aus dem Film “Ballast” von Lance Hammer stammt, der 2008 im Berlinale-Wettbewerb lief. Im Zeitalter der Raubkopierer liegt hier die Krux: Oft erhalten wir heute keine DVD zur Vorbereitung mehr ausgehändigt.

So ist Schnelligkeit nötig — und Filme, die Pausen lassen, sind klar im Vorteil: Nur so bleibt Zeit für Notizen. Zurück zum Filmdialog: Isst Du mit? - Hier wäre auch un petit truc oder une petite bricole möglich gewesen, "'ne Kleinigkeit" eben ... sich auf den Zeitgedanken zu verlassen, den der deutsche Untertitel einbringt, hätte zu einer kleinen Sinnverschiebung geführt.

Einige Filmminuten später fand ich in den deutschen Untertiteln: "Was soll das, Mensch?" In der Vorbereitung hatte ich die Zeile unterkringelt, weil die Worte offenbar in einem Streit fallen und je nachdem, was derjenige, der angesprochen wird, gerade macht, unterschiedlich übersetzt werden müssen. Beim "Probedurchlauf", der Pressekonferenz, schreibe ich mir den ausgangssprachlichen Satz auf: What the fuck are you doin'? Und "finde" spontan als Übersetzung Qu'est-ce que tu fous là ?! Die Bilder danach sind wieder ohne Dialog, so dass mir Zeit bleibt, alles zu notieren. Bei der Galavorführung am Abend merke ich, die Lösung stimmt, nur im Deutschen ist das Sprachniveau nicht ganz getroffen.

Details von Sequenz und narrativem Kontext habe ich heute, ein Vierteljahr später, vergessen. Vorbereitung ohne Sichtungs-DVD ist eben nicht so effizient wie mit. Die Pressevorführung dürfte eigentlich nicht der Probedurchlauf sein, bei dem wir Dolmetscher die Filme selbst zum ersten Mal sehen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mittwoch, 2. Juli 2008

Wer lesen kann ist schwer im Vorteil

Eine kleine Schnurre aus dem Alltag einer Simultandolmetscherin, Ergebnis meiner alltäglichen Introspektion (oder auch: Innenschau) auf der Suche nach Themen für den Weblog.

Auf dem Weg ins Kino nehme ich Altglas mit, habe das Handy in der Tasche und keine Zeit zu verlieren, wenn ich pünktlich sein will. Als ich auf der Treppe bin, ruft eine Freundin aus Paris an. Ich entschuldige mich beim Telefonieren für die Begleitgeräusche (die Tonnen wurden vor nicht allzu langer Zeit geleert, bei einer schlägt Glas auf Glas, bei der anderen Glas auf Plastik).

Wir verabreden uns für später, ich mache das Fahrrad los. Als ich das Rad an den Mülltonnen vorbeischiebe, höre ich Frau B. murmeln: "Da hat schon wieder jemand sein Glas falsch eingeworfen!" Ich unterbreche meinen Weg und prüfe. Nun, Sie können sich denken, wer das war. Im Gespräch auf Französisch, bei dem keine berufliche Übersetzungnotwendigkeit bestand, hatte ich, sagen wir mal, nur auf Primärreize reagiert :-)

So viel zum Thema 'mehrerlei gleichzeitig machen'. Tja, siehe Titel ...

Dienstag, 1. Juli 2008

"Schreiben Sie Steno?"

... diese Frage höre ich auf jedem Festival mindestens ein Mal. Die Antwort ist rasch gegeben: Nein.

In der Dolmetscherausbildung lernen wir eine spezielle Notizentechnik, die aus vielen kleinen Symbolen und Abkürzungen besteht. Letztendlich bleibt es aber jeder und jedem von uns überlassen, wie viel oder wenig auf dem Block landet. Bei mir eher mehr. Und oft gar nicht so, wie es gelehrt wird. Dafür halte ich den Block beim Sprechen häufig von mir weg, dass ich durchaus draufsehen könnte - es aber nur manchmal muss.

Letzten Sonntag schaute Regisseur Vincent Dietschy, Gast der 8. französischen Filmwoche in Berlin, beim Filmgespräch immer neugieriger in meine Notizen, griff dann nach dem Papier und hielt es für mich. Er sah:

I (je/moi ... suis) attaché au mvt - Ich bin der Bewegung verpflichtet, sie ist mir besonders wichtig.
Unterscheidung Kino || TV
Bewegung im Kino: 1. Anfang, 2. Mitte, 3. Ende, so arbeiten dann bei allen Etappen alle - Drehbuch | Schauspieler (Proben) | Dreh

Didine (die Protagonistin mit ihrem peinlichen Spitznamen) ist ohne Alexandrine (die reife Frau, zu der sie am Ende wird) nicht denkbar. (In Klammern: Das wurde vorher im Publikumsgespräch herausgearbeitet.) Ohne Tiefe wäre sie nicht vollständig.

Im TV sind die Körper (der Filmfiguren) meist ohne eigene Bewegung (dramaturgique = hier: narrativ, in der Filmerzählung). Bei den ersten Folgen einer Serie ist das noch anders, Figuren, Plots und Dialoge sind noch "OK" (spannend, tief, entwickelt, ...), mit der Zeit werden sie flacher, die Handlung schlichter, die Figuren folgen einem nach den ersten Episoden entwickelten Persönlichkeitsschema, das danach nur noch reproduziert wird, Ergebnis: das Ganze verliert immer mehr an Lebendigkeit (est de moins en moins vivant). Dass hier kein Missverständnis aufkommt: Ich liebe das Fernsehen, aber es ist eben ein völlig eigenes (anderes = différent) Genre. Bei einem TV-Film wäre meine Protagonistin Alexandrine nicht die Hauptfigur, sondern nur eine Randfigur gewesen.

P.S.: Die Ortographie leidet hier immer, cérie mit "c" ist die schiere Lautmalerei. Ich notiere in der Zielsprache, außer, der Hinterkopf muss noch suchen, um genauer zu werden. Zweideutigkeiten versuche ich auch zu markieren bzw. ich schreibe die jeweilige Variante separat (Beispiel: narr., denn dramat. hätte dramatique oder dramaturgique bedeuten können.)