Dienstag, 10. Juni 2014

Reisezeiten

Ab­sicht­lich oder zu­fäl­lig ha­ben Sie mei­nen Blog an­ge­steuert. Hier schreibe ich re­gel­mä­ß­ig über mei­nen Berufsalltag als Dolmetscherin und Übersetzerin, aber auch ganz all­ge­mein über die Arbeit von Sprachmittlern.

Wir Dolmetscher arbeiten im­mer dort, wo wir gebraucht werden. Das ist mit An­fahrts­we­gen verbunden. Bei Kon­fe­renz­ta­gen in Berlin und Pots­dam sind diese Fahrtzeiten in der Regel mit dem Ta­ges­ho­no­rar abgegolten. Bei Einsätzen außerhalb des Ber­li­ner Groß­raums kann es vorkommen, dass ich untätig ver­brach­te Zeit berechnen muss.

Zum Beispiel in der Regel dann, wenn ich für einen Tageseinsatz ganze zwei Ta­ge un­ter­wegs bin, denn in der Reisezeit kann ich ja keine anderen Aufträge an­neh­men.

Manchmal arbeite ich an längeren Übersetzungen und kann diese allerdings un­ter­wegs fortführen. Dadurch reduziert die untätig verbrachte Zeit ent­spre­chend, ich be­rechne sie dann auch nicht. Das sowie der Umweltaspekt ist ein Grund da­für, warum ich für viele Strecken, zum Beispiel nach Köln, lieber den Zug nehme als das Flugzeug. Hier kann ich ununterbrochen arbeiten, sitze gerne im Spei­se­wa­gen und freue mich, nicht ständig Schlange stehen und Koffer, Tasche etc. durch­leuch­ten lassen zu müssen.

Denn wenn ich (wie es öfter mal vorkommt) mit einem Kof­fer vol­ler Dol­metsch­tech­nik reise, darf ich ihre Funktionsweise schön regelmäßig den Zoll- und Si­cher­heits­be­am­ten vorführen, was das erste Dutzend Mal noch lustig war.

Und keine Regel ohne Ausnahme: Für Kulturvereine, deren Mitglied ich bin, für et­li­che NGOs und kleine, aber spannende Projekte, die zum Beispiel ge­ra­de der Film­hoch­schu­le entwachsen sind, reise ich immer wieder auch ohne, dass ich dabei auf die Uhr sehe. Da sind dann natürlich auch die Honorare andere, als für Industrie- und Medienkunden.

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Foto: C.E. (Archiv)

Sonntag, 8. Juni 2014

Abendstimmung

Will­kom­men beim ersten Blog Deutsch­lands, der in der Dol­met­scher­ka­bine ent­­steht. Hier den­ke ich (an man­chen Ta­gen auch vom Über­setzer­schreib­tisch aus) über un­se­ren All­tag als Sprach­mittler nach. Sonn­tags wer­de ich privat.

Der Berliner Stadtteil Kreuzberg hat seine beschaulichen Seiten, seine Bewohner und Gäste gehen regelmäßig im Freien schönen Abendbeschäftigungen nach.
Dazu hier meine Sonntagsbilder.

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Fotos: C.E. (Die Collage lässt sich, in ein zweites
Fenster geladen, durch Doppelklick vergrößern.)

Freitag, 6. Juni 2014

Heute mach ich blau ...

Hallo! Sie haben zu­fäl­lig oder ab­sicht­lich eine Seite meines digitalen Ar­beits­ta­ge­buchs aufgeschlagen. Ich bin Dolmetscherin und Übersetzerin für Politik, Wirt­schaft, Me­dien, Soziales und Kultur. Jeden Tag denke ich über mei­ne Spra­chen nach, auch frei­tags nach eins.

Ein Holztisch und -stuhl steht inmitten quietschgrünen Blattwerks
Lauschiges Plätzchen im Grünen
Heute mach' ich blau. Ach nein, ich mach' grün. Die Re­dens­ar­ten in di­ver­sen Fremd­spra­chen, die von Farben handeln, fin­de ich be­son­ders lie­bens­wert. Wer blaumacht, bleibt dem Arbeitsplatz fern. Wer blau ist, hat zuviel Al­ko­hol ge­nos­sen. Wenn bei­des zu­sam­men­trifft und die Ge­schich­te auf­fliegt, kann er oder sie sich am En­de grün und blau ärgern.

Oder aber sie ärgern sie sich schwarz. A propos schwarz wie die Nacht, wenn Fran­zo­sen einmal nachts partout nicht schlafen konnten, war diese une nuit blan­che, eine wei­ße Nacht, selbst wenn man sich im dunklen Schlaf­zim­mer wie ei­ne Tur­bi­ne im Bett gedreht hat. Wer aus den USA stammt und eine white lie vor­bringt, eine weiße Lüge, der hat eine Notlüge ver­wen­det, die niemandem wirklich wehtut. Wer eine rosarote Brille trägt, die oder der trällert in Frankreich la vie en rose. Das ist das Gegenteil von schwarz sehen, auf Französisch broyer du noir, nur Schwarzes vermahlen.

Dass ich heute blaumache is not a white lie, ich verlege nur später den Ar­beits­platz nach au­ßer­halb des Arbeitszimmers, je vais me mettre au vert, ich begebe mich ins Grüne.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 5. Juni 2014

Mal wieder: Faktor Zeit

Will­­kom­­men, bien­­ve­­nue & hel­lo beim ersten deut­­schen Web­­log aus dem In­­ne­­ren der Dol­­met­­scher­­ka­­bine. Hier denke ich über unsere Arbeit nach.

Leseecke mit gemütlichen Sitzgelegenheiten, vielen Büchern im eingebauten Holzregal, angeschnitten ein Kamin
Leseidylle
"Wie machen Sie das nur? Sie wussten ja, was ich sagen wollte, noch ehe ich fer­tig­ge­spro­chen hatte?" Das war der Eindruck eines meiner Kunden vorgestern. Diesen Satz kennen wir in allen Variationen. Wir freuen uns jedes Mal sehr.

Mit uns freut sich derjenige, für den wir dolmetschen. Ich sollte ihn vielleicht nicht "Kunde" nennen, sondern Klient, um das andere Wort frei zu haben. Hier der Ver­such der Ausdifferenzierung: Der Klient ist jener, mit dem ich die meiste Zeit ver­brin­ge, der Kunde derjenige, der am Ende zahlt. (Das Gleiche gilt natürlich für die Kli­en­tin, die Kundin usw., der ein­fa­che­ren Lesbarkeit wegen variiere ich sparsam.)

Oft weiß der Kunde nicht, was im Raum mit dem Klienten stattfindet. Das ist schade. So kommt es zu Anfragen wie dieser, die ich gerade auf dem Schreibtisch liegen habe. Dolmetschen soll ich ein längeres Interview, das ein Journalist im Auftrag eines renommierten Verlags führen wird. Der Verlag steht sehr gut im Geschäft, die Publikation ist erfolgreich.

Mir wird für das zweistündige Gespräch ein Honorar von 100 Euro angeboten. Der Ort, an dem das Gespräch stattfinden soll, ist ein kleines, feines Luxushotel im Grunewald. Für eine Strecke dorthin gibt mir die digitale BVG-An­fra­ge ei­ne durch­schnitt­li­che Reisezeit von 68 Minuten an. Mit dem üblichen Puffer auf dem Hinweg rechne ich 30+136, also knapp drei Stunden Fahrtzeit. Ich rech­ne wei­ter: Vor­ge­spräch mit dem Interviewer (so erbeten): 15-20 Minuten, plus anderthalb Stunden Interview, ich bin jetzt bei 273,50 Minuten.

Dazu kommt noch das Buch, um das es gehen soll, das mir der Verlag kostenfrei zuschicken wird. Konservativ geschätzt brauche ich 15 Stunden, um es zu lesen und zu verarbeiten. Zum Glück kenne ich frühere Werke der zu interviewenden Persönlichkeit. Trotzdem würde ich vorher noch das eine oder andere kurz zur Hand nehmen, also sagen wir mal 2,5 Stunden lang.

Ich lande bei einem Gesamtaufwand 22,06 Stunden. Rechne ich großzügig 100 Euro durch 20 Stunden, dann komme ich auf grandiose 4,42 Euro pro Stunde. Fürstlich. Logisch, das Luxushotel im Südwesten der Stadt will ja auch bezahlt sein. Und im Grun­de ar­bei­te ich ohnehin nur zum Zwecke meiner Allgemeinbildung, warum soll dafür ein Groß­ver­lag aufkommen? 

Ach so, noch ein O-Ton des Kunden: "Sie müssen das Buch doch nicht le­sen, Durch­blät­tern reicht völlig." Ob das der Klient weiß? Hm, viel­leicht ist die Dif­fe­ren­zie­rung Kli­ent/Kunde auch nicht sinnvoll, die Begriffe sind zu nah, können zu rasch verwechselt werden und derlei Differenzierung kennen Anwälte und Psychologen nicht. Der Text hier ist ein Versuchsballon, vielleicht fällt ja einer Leserin oder einem Leser ein besserer Begriff ein. Die Diskussion ist eröffnet.

Und für alle, denen die Pointe noch unklar ist: Dolmetschen lebt von Vorbereitung. Die Zeiten, in denen wir sichtbar sind, können wie hier einen Bruch­teil des Ge­samt­auf­wan­des darstellen. Und ich bin natürlich nicht in den Grunewald gefahren. Stattdessen habe ich mein Abo bei besagtem Periodikum gekündigt. Ich lese es lieber in der Beiz um die Ecke, da hat wenigstens auch die heimische Wirtschaft was davon.


P.S.: Mein Kostenvoranschlag sähe anders aus. Ich würde alles zu 100 % rechnen, auch die Fahrtzeiten, aber die Lesezeit nur zur Hälfte, denn ich kann Lesearbeit einschieben, wenn ich sonst Leerlauf habe, es blockiert keine gut­be­zahl­ten Ka­bi­nen­ta­ge. So komme ich auf einen Gesamtaufwand von 12,56 Stunden.

Da wir als Konferenzdolmetscherinnen in der Regel sechs Stunden pro Tag dol­met­schen, komme ich hier auf zwei Tage. Einen "Mengenrabatt" kann ich für gu­te Kun­den schon ab dem zweiten Tag geben, so dass ich mit 1400 Euro zu ver­han­deln an­fan­gen und nicht unter 1200 gehen würde, denn mein Output ist ja zur Ver­öf­fent­li­chung bestimmt, im Grunde müsste ich eine Urheberver­gü­tung von min­destens 25 % aufs Honorar draufschlagen. (Notiz an mich: Das so als Rechnung mit einem hö­he­ren Grund­ra­batt auszuweisen, ist sicher psychologisch kein schlech­tes Ar­gu­ment.) Korrekturlesen vor Drucklegung würde ich mit 75 Euro die Stun­de be­rech­nen. Das sind realistische Preise, die im obe­ren Mit­tel­feld des Marktes liegen.
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Foto: C.E. (Hotelbibliothek in Schwerin)

Mittwoch, 4. Juni 2014

Weiter im Text

Uhr und Miniatureiffelturm auf dem SchreibtischBonjour! Sie haben eine Seite meines digitalen Arbeitstagebuchs angesteuert. Als Dolmetscherin und Übersetzerin bin ich in Berlin, Paris und (fast) überall dort tätig, wo meine Kunden mich hin­schicken. Wir blicken gleich noch einmal auf meinen Schreibtisch.

— Zwei Kostenangebote schreiben.

Wahlurne, Umschlag, Hände— Fremdsprachige Korrespondenz und weiterführende Recherche zu einem Dokumentarfilm, der für Arte entsteht.

— Korrekturlesen der Übersetzung einer Kollegin (PPT für einen Kongress).

— Nachbereitung des langen Wo­chen­en­des, das ich mit Architekten in Berlin verbracht habe.

Umlaufakte Ministerium plus Kopfhörer einer mobilen Dolmetschanlage— Lesen zu Fragen des Wahlrechts. Gewisse Persönlichkeiten mit Dop­pel­wohn­sitz in Europa haben mehrfach gewählt, man spricht von 8000 Stimmen, die Wahl könnte angefochten werden.

— Wiedervorlage: Sozialpoolitik.

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Fotos: C.E. (Archiv)

Morgenroutine

BBC 4 ON AIR NOWBienvenue auf mei­nen Blog­sei­ten. Hier schreibe ich als Über­setzerin und Dol­met­scherin über meinen oft sehr bunten Alltag und ge­wäh­re Einblicke in die Arbeitsfelder und -weisen.

Dolmetscher lesen viel. Bei mir geht's los mit Radio, oft sogar schon im Bett.

Mein englischer Lieblingssender ist BBC 4. Ich höre oft noch im Halbschlaf, so sau­ge ich am besten neue Vokabeln auf. Wirtschaftssendungen und Hör­spie­le spei­che­re ich auf meinem MP3-Player und höre sie beim Joggen oder in der U-Bahn. Beim zweiten Anhören notiere ich Vokabeln und weiterführende Literatur (bei den Themensendungen).  

I'm a content-driven girl, Inhalte interessieren mich sehr. Vor vielen Jahren hätte ich eher abgebrochen mir anzuhören, was auf Deutsch ein "Feature" genannt wird, ei­ne um­fang­rei­che­re Reportage, als das, was auf Eng­lisch ein feature heißt, ein dra­ma­tur­gisch bearbeitetes Stück. Heute ist es an­ders­he­rum. Auf dem mobilen Gerät habe ich die Auswahl auch aus vielen französischsprachigen Sendungen zu meinen Fach­ge­bie­ten. Die Morgenroutine geht dann nach dem Frühstück mit dem Aufschreiben von Vokabeln und dem Nachschlagen eines grammatikalischen Problems weiter.

gezeichnetes Krokodil mit zerhäckselter Schnauze
Arbeitet immer mit dem Schutz
Mindestprogramm selbst in vollgepackten Wochen ist das Anhören der Nach­rich­ten. Da ich Nachrichten auch in an­de­ren Sprachen höre (und lese), geschieht das Vokabellernen wie von allein.

Heute habe ich das Wort 'Sumpf' gelernt. Mich hat fol­gen­de Redewendung erfreut: draining the swamp, not bea­ting the crocodiles.

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Illustrationen: BBC / C.E.

Dienstag, 3. Juni 2014

Fast schon Rewriting

Was Dol­­­met­­­scher und Über­­­setzer ma­­­chen, ist der brei­­­ten Öf­­­fent­­­lich­­­keit oft nicht ge­­nau be­­kannt. Hier schrei­­be ich da­­rü­­ber. Heute: Blick auf den Schreibtisch.

What rules the world
Mit Kol­legen tau­sche ich Kor­rek­tur­le­sen, denn vier Au­gen se­hen mehr als zwei. Manch­mal kom­men auch kur­ze Tex­te rein, die ver­bes­sert wer­den dür­fen, hier: das Miet­­min­­de­­rungs­­schrei­­ben eines Buch­ladens.

Entwurf: Wie Sie wissen be­steht seit ei­nem hal­ben Jahr auf dem Grund­stück ...stra­ße ... ei­ne Bau­­stel­­le.

Auf­grund der da­raus fol­gen­den stän­di­gen Staub­ent­wickvlung, Lärmbelästigung, die dazu führen, einerseits die Kunden abzuschrecken und andererseits normale Be­ra­tungs- und Ge­schäfts­gespräche zu führen, sowie der ein­ge­schränk­ten Mög­lich­kei­ten unseren Laden zu fin­den bzw. zu erreichen und der dem­ent­spre­chen­den Re­du­zie­rung der Laufkundschaft und der daraus folgenden Umsatzeinbüßen, die wir erleiden, möchten wir Sie davon in Kenntnis setzen, dass wir ab dem ...  bis zum Ende der Belästigung die Miete um 25% mindern werden. 

Ich musste sehr lachen, als ich das las. Ich sah vor meinem inneren Auge ei­ne Bau­stel­le, in der die Luft so staubbelastet ist, dass die Kunden den Eingang nicht finden — und so­gar die Buch­händ­ler das nur mit Mü­he schaffen. Die Sache ist tragisch und ernst für den Laden. Meine Kollegin meinte trocken, dort sähe es aus wie auf dem Filmset, Motiv: Berlin, am Morgen nach dem Bombeneinschlag. Zum Glück war ich kurz zuvor zufällig dort vorbeigelaufen und hatte eine va­ge Vor­stel­lung vom Desaster.

Ergebnis: Wie Sie wissen, wird seit einem halben Jahr auf dem Grundstück neben unserem Ladengeschäft ein Neubau errichtet. 

Diese Baustelle ist nicht nur sehr laut, sie ist auch mit hoher Staubentwicklung verbunden. Das beeinträchtigt den Geschäftsverkehr zweifach: Gelingt es mal wieder einem Kunden, unsere Buchhandlung am Rande der Baustelle (und hinter Baustellenfahrzeugen und Materiallager) zu finden und trotz sie aller Widrigkeiten auch heilen Fußes zu erreichen, erschwert bis verhindert der Lärm jedes normale Beratungs- und Geschäftsgespräch. Die Laufkundschaft ist ent­sprechend zu­rück­ge­gan­gen. Ab dem ... werden wir deshalb bis zum Ende der Be­hel­li­gung die Brut­to­kalt­mie­te um 25% mindern.

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Foto: Jeremy Lynch

Montag, 2. Juni 2014

Architekturfranzösisch

Ab­sicht­lich oder zu­fäl­lig ha­ben Sie mei­nen Blog an­ge­steuert. Hier schreibe ich re­gel­mä­ß­ig über mei­nen Berufsalltag als Dolmetscherin und Übersetzerin, aber auch ganz all­ge­mein über die Arbeit von Sprachmittlern. Ich kehre gerade von einer Stu­dien­rei­se zurück, ihr Ziel war ... mein derzeitiger Wohnort Berlin!

"Die französische Sprache ist poetischer, die deutsche konkreter, technischer", sagt Tankred, ein junger Architekt aus Deutschland, der in Frankreich lebt, "so ist es mit den Übersetzungen nicht immer einfach." Ich nicke und flüstere Regina, einer zweiten deutschen Architektin, die in Frankreich lebt, rasch zu, was Holzpellets auf Französisch heißt, les granulés de bois, denn sie sucht nach der Vokabel, bevor sie mit einem Teil der französischen Gruppe einen Heizkeller besichtigt.

Sonst bin ich diejenige, die ständig Vokabeln nachfragt, denn ich bin ein ver­län­ger­tes Wochenende lang mit Architekten, Ingenieuren und anderen Baufachleuten auf Erkundungstour. Mal dominieren Fragen der Technik, es geht um Wände aus Leicht­be­ton (béton allégé) oder in Lehmbauweise (le pisé) gebaut, ein andermal liegt der Fokus auf Re­no­vier­ung und Umbau, wir besichtigen die Hufeisensiedlung und ein ehe­ma­li­ges Kran­ken­haus ("Am Urban").

Immer wieder wird bei der Art des gemeinschaftlichen Zusammenlebens nach­ge­hakt. Wir denken über genossenschaftliches Wohnen ebenso nach wie über in­di­vi­du­el­le Situationen und Baugemeinschaftsprojekte, Baugruppen genannt, die an­schlie­ßend eine mehr oder weniger in­ten­si­ve Form gemeinschaftlichen Zu­sam­men­le­bens anstreben.

Begriffliche Abgrenzungen beschäftigen uns bis in die Mittagspausen hinein. Ge­mein­sam mit einer Pariser Journalistin loten wir diese unterschiedlich intensiven Formen sprachlich aus und stellen fest, dass der bislang verwendete Begriff ha­bi­tat groupé, Gemeinschaftswohnen, allenfalls als Überbegriff taugt. Hier ist noch viel terminologische Arbeit zu leisten.

Ein schönes Beispiel gemeinschaftlichen Bauens und Wohnens in seiner "vollen Aus­prä­gung" besichtigen wir dann in Johannisthal: Hier wird nicht nur gemeinsam Wär­me produziert, auch die Autos und den Garten mitsamt Festsaal nutzen alle. Und einige ältere Menschen, die schon im Ruhestand sind, kümmern sich als Wahl­ver­wandte mit um die Kinder der Be­rufs­tä­ti­gen.

Dann wenden wir uns wieder Fragen der Wärmedämmung zu. Meine Kritik der Wärmedämmverbundsysteme mit Styropor (im Baubereich: polystyrène expansé) trifft auf Zustimmung. Ich kenne jetzt Alternativen.

Weiter geht's im Text. Heute bereite ich weiter ein Arte-Projekt vor. In den kom­men­den Wochen folgt täglich eine Stunde lang die Nachbereitung dieser Bil­dungs­tour. Ziel ist die Erstellung einer Fach­wör­ter­liste sowie einer Sammlung von Texten und Links für die Kolleginnen. Die nächste Konferenz oder Stu­dien­rei­se zum Thema kommt bestimmt.


Vokabelnotizen
Das deutsche Wort Farbe ist nicht immer leicht zu übertragen.
die Farbe (Material) — la peinture
die Farbe (Farbton) — la couleur
Für Geländer gibt es auf Französisch Begriffe mit fließenden Ab­gren­zun­gen.
das Geländer — le garde-corps 
das Geländer — la balustrade
die Brüstung — la rambarde
der Handlauf — la main courante
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Collage: C.E. (Merci beaucoup à bâtir sain)

Sonntag, 1. Juni 2014

Bunker

Herz­­lich will­­kom­men beim Dol­­met­sch­web­­log. Hier be­­rich­­te ich von mei­­ner Ar­­beit als Dol­metscherin und Über­setzerin für Kun­den aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Bildung. Sonntags ist hier immer Platz für das Sonn­tags­bild, gerne auch im Plural.

In Berlin und Brandenburg gibt es viele Ecken, die Bände über die Geschichte erzählen. Der Zweite Weltkrieg hat besonders Berlin gezeichnet. Und auch noch nach vielen Jahres des Lebens in der deutschen Hauptstadt stolpere ich hier über Über­bleib­sel, von denen ich nicht einmal geahnt habe. Heute: Der Vatikanische Bunker. Den Eingang schmückt ein Tympanon, mir kam das doch reichlich obszön vor.

Wer weiß, an welcher Adresse dieser Bunker noch heute zu finden ist? Das Wort "finden" ist hier wörtlich zu nehmen; er liegt sehr versteckt.


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Foto: C.E. (Merci beaucoup à bâtir sain)

Donnerstag, 29. Mai 2014

Museum der Wörter 5

Hallo, hier bloggt eine Spracharbeiterin. Ab und zu erinnere ich an Begriffe, die wir den jüngeren Generationen heute erklären müssen, heute speziell zum "Her­ren­tag".
            
          H
errenausstatter, Bartbinde, möblierter Herr.

   

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Idee: H.F.

Dienstag, 27. Mai 2014

Schreibpausen

Guten Tag oder guten Abend! Sie lesen auf den Seiten des ersten deutschen Web­logs aus dem Inneren der Dolmetscherkabine. Oft stehen wir aber auf dem Podium di­rekt neben jenen, die wir vertonen. Hier ein Alltagsmoment aus dem kon­se­ku­ti­ven, also zeitversetzten Dolmetschen.

Der Mann links neben mir spricht oh­ne Punkt und Kom­ma. Er ist sichtlich erbost über das, was er zu sagen hat. Er sieht nur das Thema, sein Pub­li­kum, viel­leicht gerade noch die Was­ser­fla­sche vor sich. Mich aber sieht er nicht. Ich mache mir No­ti­zen.
Immer, wenn er gedanklich ein Ende anstrebt, hoffe ich, jetzt auch mal dran zu sein.

Er wird langsamer, jetzt weist der Moderator rechts von mir auf mich, die Dol­met­scher­in in ihrer Mitte. Der Gast aus dem Ausland schaut in meine Richtung, aber er nimmt mich nicht wahr. Daher sieht er auch nicht, dass ich heftig nicke, ihn an­se­he und noch den letzten Gedanken aufschreibe.

Und während eine kleine Pause entsteht und ich noch zwei Stichworte no­tie­re, da­mit ich meinen Einsatz nicht gleich versemmele, holt links von mir der Mann (der auch eine Frau sein kann) tief Luft und beginnt erneut zu sprechen.

Erst als das Publikum unruhig wird, komme auch ich zu Wort. Die Beiträge, die ich heute Abend übertragen darf, werden alle sehr lang sein. Jetzt bekomme ich aber erst mal Szenenapplaus. Der Verdolmetschte begreift, was los war. Er strahlt mich an, beglückwünscht mich, bittet um Entschuldigung, fängt wie­der an zu sprechen.

Und während der Moderator sein Amt offenbar schon aufgegeben hat, redet der andere neben mir weiter, ohne Punkt und Komma, sichtlich enerviert vom Thema. Er nimmt nicht wahr, was um ihn herum geschieht. Auch mich hat er wieder aus den Augen verloren.

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Foto: C.E.

Montag, 26. Mai 2014

Auf dem Schreibtisch

Bien­­ve­­nue und will­­­kom­­­men! Sie le­­sen hier No­­ti­­zen aus dem Sprach­mitt­­ler­­be­­rufs­­all­­tag. Als Dol­­met­­scherin und Über­setzerin ar­bei­te ich in Paris, Berlin, Toulouse, Köln und überall dort, wo ich gebraucht werde. Meine Ar­beits­sprachen sind Fran­­zö­­sisch, Deutsch und Englisch (hier nur als Ausgangssprache).

Draußen ist das Wetter noch schön, aber einfach so rausgehen und genießen ist nicht, denn der Schreibtisch ist voll. Mich beschäftigt:

— Schlussredaktion einer Untertitelung zu einem digitalen Medienthema;
— Kollegenanfrage und Er­stel­lung eines Kostenvoranschlags zu einem Dol­metsch­ein­­satz Anfang Juli;
— Recherche zu einem Dokumentar­film­dreh in Paris: Ich suche über fran­zö­si­sche Jour­nalisten die Adressen ver­zo­ge­ner Interviewpartner;
— Lesen der Berichterstattung zur Eu­­ro­­pa­wahl; Ergänzen der eigenen Lexik und Textsammlung;
— Nachbereitung des Pro bono-Ein­satzes zum Thema Entwicklungshilfe vom Wochen­ende, ehe Stichworte und Er­­kennt­­nis­se verblassen.

Ab morgen soll es wieder schlechter wer­den, prompt wird dann der Tisch etwas leerer sein. So viel zum Thema: "Ihr Frei­be­ruf­ler könnt Euch aus­su­chen, wann ihr arbeitet!"

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Fotos: C.E. (Untertitelung, Subs Factory)

Sonntag, 25. Mai 2014

Bilder einer Ausstellung

Willkommen beim einzigen Blog Deutschlands, das in der Dolmetscherkabine ent­steht. Hier denke ich (an manchen Tagen auch vom Übersetzerschreibtisch aus) über unseren Alltag als Sprachmittler nach. Sonntags werde ich privat.

Vor 18 Jahren durfte ich Gisèle Freund bei einem Arte-Interview dolmetschen. Es war bereits das 2. Mal, denn als Studentin hatte ich bereits einmal das Glück, da­mals war ich als Journalistin für den Sender Freies Berlin tätig.

Auf meine Frage, wie ob sie im damaligen Berlin die Stadt von einst wie­der­er­ken­nen würde, sagte sie mir in etwa das Folgende: Es gibt drei Momente, da weiß ich genau, wo ich bin. Wenn ich in der Nähe der Gedächtniskirche bin und die Augen schließe, klingt es doch sehr ähnlich. Ich finde Berlin auch in der U- und S-Bahn wieder. Letztes Moment: Berlin im Regen riecht so, wie keine andere Stadt riecht.

Damals fuhren noch alte Wagen im Untergrund, und in meinen ersten Berufsjahren bin ich in der Holzklasse mit der S-Bahn nach Babelsberg gereist. Sounds und Re­gen­ge­ruch sind geblieben.

Hinweis: Ausstellung "Gisèle Freund. Fotografische Szenen und Porträts", 23. Mai bis So, 10. August 2014, Hanseatenweg 10, dienstags bis sonntags 11 – 19 Uhr, hier noch der Link zum Flyer.


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Fotocollage: C.E.

Samstag, 24. Mai 2014

Glossare im Netz

Hallo beim 1. Web­log Deutsch­lands aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bi­ne. Heute folgt mein "Link der Woche", dieses Mal gleich im Plural.

Nein, ich will mir nicht vorstellen, wie unsereiner in Zeiten vor dem Internet ge­ar­bei­tet hat. Oder andersrum: Als es mit dem Netz losging, war ich noch Jour­na­listin und habe parallel zum Studium ordentlich das Recherchehandwerk gelernt. Das hilft mir noch heute. Und daneben durfte ich einmal für eine Studienkollegin eine Unfallschadensmeldung übersetzen. Das technische Wörterbuch in der Uni­bib­li­o­thek war bald erschöpft, also ging ich in eine KFZ-Werkstatt. Die Herren dort, die ich mit meinen Fragen vom Arbeiten abhielt, fanden das lustig, vor allem aber, weil ich von Technik so gar keine Ahnung habe. Die Sache ging gut aus, Glück ge­habt.

Nachschlagewerke im Regal
Der Handapparat wird weiter täglich genutzt
Heute gibt es viele Glossare im Netz, auch einsprachige, die auch sehr nützlich sind.

Hier eine kleine, höchst sub­jek­tive Auswahl.

Passend zu den aktuellen Wahlen beginne ich mit einer französischsprachigen Vo­ka­bel­liste zur Europäischen Union, die letztes Jahr von Le monde diplomatique ver­öf­fent­licht wurde.

Bauingenieur Wilfried Kunze aus Wiesbaden bietet eine Liste von Fachbegriffen aus der Baubranche an. Zu den Wörtern werden, wenn es passt, kleine Ge­schich­ten erzählt, so gefällt mir das, hier werde ich auch ohne konkreten Auftrag ab und zu mal vorbeischauen. Beispiel: Der Waalweg. Der Autor geht bei der Bezeichnung für Bewässerungsrinnen bis ins Jahr 1333 zurück und argumentiert auch mit geo­gra­fischen Kenntnissen. Einige Wörter kannte ich schon lange, die Spundwand ge­hört dazu, oder die Kommunwand (Ge­bäu­detrennwand zwischen Doppel- oder Rei­hen­häu­s­ern).

Ein besonderes Glossar besteht aus Lernkarten, mit denen sich eine Lern­wör­ter­kar­tei simulieren lässt. Hier: Gerichtsvokabular Englisch. Nur die Aussprache, die aufgerufen werden kann, klingt oft reichlich künstlich.

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Foto: C.E.
Danke für die Hinweise, Mesdames, 
merci beaucoup à Giselle, Lise et Daniela!

Donnerstag, 22. Mai 2014

Weiterbildung

Auf den Seiten meines Blogs begrüße ich Sie herzlich. Hier schreibe ich re­gel­­ß­ig über mei­nen Berufsalltag als Dolmetscherin und Übersetzerin, aber auch ganz all­ge­mein darüber, was die Arbeit von Sprachmittlern auszeichnet.

Im Plenarsaal der Akademie (*)
Langsam trudeln die ersten Aufträge für die freigehaltene Zeit rein. Rückblende für die Nicht-Stammleserinnen und -leser: Eigentlich sollte ich ge­rade in Frankreich am Film­set dolmetschen und einen deutschen Schauspieler in Aussprachefragen beraten. Leider wurde alles wegen höherer Gewalt verschoben. Daher stehe ich jetzt mit leeren Auftragsbüchern da.

Denn im Vorfeld der geplanten siebenwöchigen Abwesenheit hatte ich alle Bu­chungs­an­fra­gen weitergereicht. In meiner Büroarbeit fühle ich mich dieser Tage bei meinen Rückmeldetelefonaten wie eine Berufsanfängerin. Ich trete auch mit Altkunden wieder in Kontakt und freue mich über schöne Gespräche und von Wertschätzung geprägtes Mitdenken.

Sonnenuntergang am Pariser Platz
Also: Demnächst bin ich einen halben Tag in einer Botschaft, es geht um auf­ent­halts­recht­liche Dinge, werde nächsten Monat einige Tage mit einem Do­ku­men­tar­film­team in Paris unterwegs sein und Tex­te im Rahmen einer dramaturgischen Be­ra­tung, die zwischen Deutschland und Frankreich hin- und hergehen sollen, sind auch avisiert.
Dann heißt es, die Nase in aktuelle The­men zu stecken. TTIP und was das Frei­han­dels­ab­kom­men für die Kultur be­deu­tet, war Dienstag Thema in der Akademie der Künste am Pariser Platz. Die dort ge­führ­te Diskussion wird bald vom Radio ge­sen­det. Die Links zu den Terminen folgen, sobald ich sie ha­be.

Gestern habe ich nachgelesen, was an Hinweisen zitiert worden ist, Begriffe für eine Lexik notiert, Beispieltexte zum Thema herausgesucht. Damit befand ich mitten im von mir regelmäßig beackerten juristischen Feld Urheberrecht.

Schattenmänner im Gespräch
Vor zwei Wochen habe ich beim filmkunstfest Mecklenburg-Vor­pommern moderiert; den 2. Teil meines Schwerin-Rückblicks wollte ich dieser Tage bringen, da warte ich noch auf einige Fotos. Andere Zeitvertreibe sind das Schreiben von Kosten­vor­an­schlä­gen oder das Löschen von Spams, darunter Mas­sen­mails anonymer Agenturen, denen unsereiner gerade mal ein Taschengeld wert ist.

Beispiel: Wer für 10 Stunden Arbeit an einem Eilauftrag schlappe 100 Euro zah­len möch­ten, den betrachte ich als Spam. Derlei "Agenturen" werden in Über­setzer­krei­sen "Umtüter" genannt. Sie versuchen, Arbeit billig einzukaufen und mit 100, 200 oder mehr Prozent Aufschlag weiterzuverkaufen, haben selbst von den je­wei­li­gen Spra­chen und Themen kaum eine Ahnung, sitzen gerne in Asien, oder aber die Makler sind unter jungen, frechen Computernerds zu finden. 

Raimund Franken — rmc medien consult
Sollten Sie Übersetzer oder Dolmetscher suchen: Wenden Sie sich an hochqualifizierte Einzelkämpfer. Wir stecken fast alle in Netzwerken von Fachleuten, die mit gleich hohen Qualitätsansprüchen arbeiten. Wer Qualität lie­fert, bildet sich regelmäßig fort. Daher galt der Mitt­woch­abend mal wieder dem The­ma Filmwirtschaft bzw. Film­ver­leih.

Wir saßen in einem geschlossenen Raum, während draußen der Sommer 2014 eine erste Generalprobe gab. Mehr noch: Natürlich bezahlt unsereiner sein Wissen nicht nur mit Freizeit, sondern auch mit Geld, denn seit Jahren bin ich in einigen Ver­ei­nen und Verbänden stilles oder engagiertes Mitglied. So, jetzt geht's an die Nach­be­rei­tung.

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Fotos: C.E.
(*) Auch Hans-Jürgen Urban spricht gestenreich

Montag, 19. Mai 2014

Pech zum Quadrat

Bon­jour, bon­soir, gu­ten Tag oder gu­ten Abend auf den Sei­ten mei­nes di­­gi­­ta­­len Log­buchs. Hier schrei­be ich als Über­setzerin und Dolmetscherin für die fran­zö­sische Sprache (sowie aus dem Englischen) über meinen Berufsalltag, der oft sehr hek­tisch ist. Erstens kommt es anders,

Goldene Palme-Preisträger im Interview (mit Filmteam)
Dolmetschen beim TV-Interview
... zweitens als man denkt. Die abgelaufene Woche war für mich eine Schaltwoche. Nach dem Film­fest ist vor dem Film­fest, schoss es mir durch den Kopf, als mich vor drei Wo­chen eine Hiobs­bot­schaft er­reich­te: Ein ab dem 16. Mai ge­plan­ter grö­ße­rer Dreh wur­de we­­gen der Er­­kran­­kung ei­nes der Haupt­­dar­stel­­ler um un­­be­­kannte Zeit ver­scho­ben.

So hatte ich kurz mit dem Gedanken gespielt, nun doch noch zum süd­fran­zö­si­schen Groß­er­eignis der Filmwirtschaft zu reisen. Bei den verschobenen Film­dreh­ar­beiten hätte ich bis Ende Juni als Set-Dolmetscherin einen deutschen Schau­spieler in Fran­k­reich coachen und für ihn dolmetschen sollen, die Optionszeit (für eventuelle Nachdrehs) reichte bis in die erste Juliwoche.

Solche Filmaufnahmen werden lange im Voraus geplant, also hatte ich meine Cannes-Akkreditierung nicht groß betrieben, aber auch nicht eindeutig abgesagt, on ne sait jamais, you just never know! Ich hätte also noch kurzfristig zusagen können, denn zwei der von mir in den letzten Jahren sprachlich betreuten Filme laufen auf dem A-Festival.

Dann schien sich alles zu fügen: In der Ferienwohnung von Freunden in Cannes war plötzlich ein Kämmerlein frei ge­wor­den. (Hotels sind dort in der Zeit des Film­festivals unbezahlbar und Spontaneität ist das Ge­gen­teil der südfranzösischen Stadt.) Sogar eine Mitfahrt bot sich über Kollegen an, Zufälle gibt es, zwei Teil­strecken mit Boxenstopp und Job. Denn ein Job zwischendurch ist besser, als kei­nen offiziellen Job am Zielort zu ha­ben.

In Cannes gibt es schon lange keine Verdolmetschungen ins Deutsche mehr, bis vor einigen Jahren wurden auch dort die Filme simultan verdolmetscht. Leider laufen dort seit langem auch keine deutschen Filme mehr im Wettbewerb (höchstens Strei­fen, die mit deutschem Geld entstanden sind). Bei meinen letzten Cannes-Auf­ent­hal­ten war denn auch das spontane Dolmetschen von Ko­pro­duktions­ge­sprä­chen die Haupt­auf­gabe. (Die Interviewverdolmetschung übernimmt seit Jahren meistens ein öf­fent­lich-rechtlicher Journalist als Koppelungsgeschäft.)

Am Ende kam alles nochmal anders — eine Magen-Darm-Grippe schlug zu, daher auch die kleine Sendepause, die hier eintrat. Das ist Pech zum Quadrat, wie meine kleine Großmutter gesagt hätte, die ihrer körperlichen Erscheinung wegen den Spitznamen Omaus trug. (Wer den nur er­fun­den hat!? Ich weiß es nicht mehr. Das war nicht abschätzig gemeint, sondern die größtmögliche Liebesbezeugung zu einer von zwei weltbesten Großmüttern!)

Diese Omaus hat mich auch für die Krankheitsphasen gestärkt. Als Kind hatte ich oft Bronchitis, Grippe oder was Dr. Spocks "Handbuch der Säuglings- und Kin­der­pfle­ge" so hergab. Aus dieser Zeit weiß ich, wie wichtig es ist, immer selbst­ge­koch­te (Bio-)Hühnerbrühe im Tiefkühlfach zu haben. Dazu kommen viel Wasser und viel Schlaf, auch diese Fähigkeit habe ich mir von Kindertagen erhalten: Ich drehe mich zur Seite und spätestens nach einer Woche sieht die Welt wieder besser aus.

Licht, Folienkoffer, Molton, "Franzosenarm" etc.
Am Set
Das waren stille Tage. Als der Kopf wieder länger wach wur­de, wandte ich mich Hör­büchern zu, Klassikern, die von wunderbar sonoren Stim­men vorgelesen wur­den. 100 % Kopfkino ist weniger an­stren­gend als Filme zu sehen. Die Zeit wird an­ge­hal­ten.

Ab Donnerstag geht's hier nor­mal weiter.


Aktuelle Lesetipps zum Thema Dolmetschen
—  Link: "Fehlerlesen", Zeit-Magazin (Online-Beitrag datiert auf den 13. Mai 2014)
— Analog (oder hinter der Paywall): "Richtig gehört? Was politische Dolmetscher erleben" von Norbert Heikamp, "Die Zeit" N° 21 vom 15.05.14.
Der Artikel bezieht sich auf die Glosse Lost in Translation, "Die Zeit" N° 19/2014. (Die Pointe, die sich erst durch Heikamps Antwort erschließt: Hier war je Sprache nur jeweils ein Dolmetscher verpflichtet worden.)
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Archivbilder: C.E., Interview dolmetschen
(oben links: Laurent Cantet)

Sonntag, 18. Mai 2014

Mal wieder: Englisch

Hallo und will­kom­men auf den Sei­ten des ersten Web­logs Deutsch­lands aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bine. Am Wochenende fasse ich mich gerne kurz: Link und Foto der Woche.

Original und stark vereinfachte Kopie
Neulich in Schwerin: Menschen aus meh­reren Ländern kommen miteinander nach einer Filmvorführung ins Gespräch. Die Begriffe fliegen hin und her und ich als Wortjongleuse stehe mittendrin, immer eine Tonspur im Mund, eine im Ohr und eine im Kopf, so ungefähr funktioniert Dol­met­schen. (Ich sehe die Spuren plötz­lich ver­stoff­licht wie Tonbandstreifen, einstmals "Senkel" genannt, die mir an Mund, Ohr und Hinterkopf kleben.)

Am Ende bedanken sich alle Beteiligten und bringen ihre Freude darüber zum Aus­druck, dass ihnen "Denglisch" erspart wur­de. Dieses Idiom ist in Deutschland leider viel zu weit ver­brei­tet.

Mit Grausen erinnere ich mich an die mit einer Schnellbleiche für Grund­schul­eng­lisch in den Schulalltag entlassenen Russischlehrer, die im Berlin der Nuller Jahre allen Ernstes Plurale wie "handies" und "mouses" bildeten. Denn gute Eng­lisch­kennt­nisse waren im Osten so weit verbreitet, wie die Champs Elysées nah waren, pas du tout. (Und so konnte in der DDR der "Dispatcher" seinen "Gold­broi­ler" mit "Jus" genie­ßen, das war's dann.)

Und weil ich als Dolmetscherin die Kommunikation absichern durfte, konnten sich alle auch in Details ergehen, drauflossprechen, wie ihnen die Schnäbel gewachsen waren, nachhaken und einander Zeit lassen. Das war wieder eine schöne Erfahrung und kein Austausch in einem Kleiner-gemeinsamer-Nenner-Idiom, bei dem sich nie­mand in Verästelungen wagt aus Angst, ihnen sprachlich nicht gewachsen zu sein.

Rasch dazu meine "Links der Woche": Jürgen Trabant, Emeritus der FU Berlin, be­schreibt in einem FAZ-Interview, wie die Perspektiven, die Sprachen in­ne­woh­nen, unsere Sicht auf die Dinge verändern und wie Englisch unsere Gesellschaften be­ein­flusst. Der Beitrag ist "Der sprachliche Provinzialismus gefährdet das Denken" überschrieben.

Wer praktisch mit der Rettung der deutschen Sprache fortfahren möchte, kann hier Deutsch retten. (Mein Tipp: Ton vorher ausschalten.)

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Foto: C.E. (gesehen in Schwerin;
immerhin wird da etwas versucht)

Mittwoch, 14. Mai 2014

Schwerin: Erster Rückblick

Will­­­kom­­­men beim Blog aus der Dol­­­met­­­scher­­­ka­­­bi­­­ne. Heu­te sitze ich nicht in die­ser knapp zwei Qua­drat­me­ter kleinen Box, son­­dern am Schreib­tisch — und sortiere Papiere, Bücher und Fotos. Letzte Woche war ich in Mecklenburg-Vorpommern beim filmkunstfest.

Altstadtimpressionen Schwerin
Altstadtimpressionen Schwerin (*)
Neben dem Ler­nen kann ich rich­tig da­bei zu­se­hen, wie meine Le­bens­geister zu­rück­keh­ren. Knapp 20 Ein­sätze in sieben Tagen hatte ich, wobei das Mo­de­rie­ren von Ge­sprä­chen nur we­nig an­stren­gen­der ist als sie zu ver­dol­met­schen, für mich je­den­falls. Soweit meine schnelle Bilanz.

Zum Nach­hau­se­kom­men zählt auch, die vielen Fotos durch­zu­ge­hen, denn beim Knip­sen er­ho­le ich mich am besten.

Das ist mein subjektiver Stadteindruck. Es gibt einige wunderbare und mit viel Fin­ger­spitzengefühl sanierte Altbauten. Etliche ästhetisch verirrte Neubauten al­ler­dings, die nach der Wende zu schnell in der In­nen­stadt aus dem Boden gestampft wur­den, habe ich erst gar nicht aufgenommen. Solche Gebäude sind nach dreißig Jahren abgeschrieben und in ihrer Substanz auch so marode, dass sie Platz schaf­fen könnten für die Bauwerke einer nachfolgenden Ar­chi­tek­ten­ge­ne­ra­tion, die endlich wieder Sinn für Schönheit und Gespür für menschliches Maß sowie nach­hal­ti­ge Materialien besitzt.

Auch für Alt­bau­restauratoren ist hier noch viel zu tun. Derzeit sieht manches alte Haus so aus, als hätte man gerade mal die Fassade konserviert. Als pot­em­kin­sche Ku­lis­sen­bau­weise gilt das auch für denkmalgeschützte Bereiche, hinter deren Ein­gangs­tü­ren sich zeitgenössische Gebäude verstecken.

Demnächst folgt noch ein Bilderteppich mit Arbeitssituationen.

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Collage: C.E.
(*) Vergrößerung des Bildes durch
Öffnen in einem zweiten Fenster.

Dienstag, 13. Mai 2014

Museum der Wörter 4

Hallo, hier bloggt eine Spracharbeiterin. Ab und zu erinnere ich an Begriffe, die wir den jüngeren Generationen heute erklären müssen.
            
          L
öschwiege, Laufmaschendienst, Telefonzelle.

   

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Idee: H.F.

Montag, 12. Mai 2014

Ein Sack Deutsch

Hallo und herzlich willkommen auf den Seiten meines virtuellen Ar­­beis­ta­ge­buchs. Als Dol­met­scherin für die französische Sprache und aus dem Englischen arbeite ich in Berlin, Schwerin, Paris, Cannes und überall dort, wo man mich braucht.

Büroroutinen: Die gelernten Vokabeln sor­tieren, Fachtermini ins Glossar ein­pflegen, Hin­ter­grund­ma­terial für den nächsten Ein­satz recherchieren, mit dem Lesen und Lernen anfangen. Das gilt auch für einen neu hinzugekommenen Großeinsatz im Juni.

Derzeit arbeite ich zu den Themen
— Filmkultur als Wirtschaftsfaktor
— Agrarpolitik (*)
— Europawahlen

Dieser Tage geht es nur kurz nochmal "auf Schicht", dann kann ich meinen "Sack Deutsch" wie­der schultern und lostraben.

Denn leider wurde ein größerer Filmdreh, der mich ab Freitag beschäftigt hätte, we­gen Krankheit eines der zentral Beteiligten verschoben. Zu spät, um noch zum Filmfestival nach Cannes zu fahren, und auch zu spät für die in der Zwischenzeit abgesagten Projekte, um die sich jetzt die Kolleginnen kümmern. Eines kam zu­rück, denn auch woanders ergaben sich Terminänderungen.

Die kleine Liste, liebe Leserin, lieber Leser, dürfen Sie also gerne verlängern. Ich freue mich auf Ihre Anfrage und erstelle gerne (natürlich kostenfrei) ein Angebot.


(*) Nachtrag: Die Mitbewerberin um diesen Job ist Bauerntoch­ter und hat schon viel in dem Be­reich ge­dol­metscht. Ich fin­de, sie soll den Auf­trag über­neh­men. So ha­be ich je­den­falls die Ver­an­stal­ter der De­le­ga­tions­rei­se be­ra­ten. Um ihren Stand ei­ni­ger­ma­ßen zu er­rei­chen, müss­te ich die nächsten vier­zehn Ta­ge je­den Tag vier Stun­den pau­ken, denn es han­delt sich um sechs ver­schie­de­ne The­men­be­rei­che, die in­ner­halb von zwei Tagen je­weils für 45 Mi­nu­ten zur Spra­che kom­men.
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Foto: C.E.

Sonntag, 11. Mai 2014

filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern

Bien­ve­nue — wie schön, dass Sie auf den Sei­ten mei­nes Blogs ge­lan­det sind. Hier schrei­be ich, wie der Sprach­be­ruf, ich bin Über­setzerin und Dol­met­sche­rin, den All­tag verändert. Oft bin ich un­ter­wegs, in der letzten Woche war ich in Schwerin.

Beim 24. filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern habe ich dieser Tage moderiert und gedolmetscht. Nur am Rande konnte ich ein wenig die Stadt er­kun­den, was nicht am Wetter lag.

Die Müdigkeit ist zu groß, um jetzt mehr zu schrei­ben. Es war wunderbar, und in den Worten von Hanna Schygulla: "Ein kleines Festival ist oft viel schöner als ein großes".

Merci beaucoup an alle!






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Fotos: C.E., "Schirmkinder", ein Brun-
nen von Stephan Horota /1973)

Freitag, 9. Mai 2014

"Meck-Pomm"

Bonjour, Moin und gu­ten Tag! Hier bloggt eine Übers­etzerin und Dol­met­scherin für die französische Sprache und aus dem Englischen. 

Während in Berlin die Mitbewohnerin die Balkonblumen gießt, bin ich in Meck­len­burg-Vorpommern, dem Wahlkreis der Kanzlerin. Die Luft schmeckt hier leicht salzig, der Wind fühlt sich anders an als in Berlin.
Jetzt muss ich aber leise sein, später darf ich sprechen. Die Staatschefs Frank­reichs und Deutschlands sind auch hier oben.

Da das Auswärtige Amt festangestellte Dolmetscher hat, sind diese für solche Ein­sätze zuständig. Ich berichte am Sonntag mehr über meine Reise.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 8. Mai 2014

Wiederbeschaffungszeitwert

Hallo! Sie haben zu­fäl­lig oder ab­sicht­lich eine Seite meines digitalen Ar­beits­ta­ge­buchs aufgeschlagen. Ich bin Dolmetscherin und Übersetzerin für Politik, Wirt­schaft, Me­dien, Soziales und Kultur. Daneben übersetze ich auch im Team, denn vier Augen sehen mehr als zwei.

Lesen Sie das Nachstehende bitte einmal laut vor, schließen Sie darauf die Augen und erklären Sie sich den Inhalt selbst. Sie müssen als einzige Voraussetzung wissen, dass dem Käufer einer Industrieanlage garanierte Gewinnsummen in gleichbleibender Höhe zustehen.
In Bezug auf den gezahlten Kaufpreis entsprechen die Ge­winn­abführungen jährlich mehr als 7% insbesondere ab 2003 nach der Än­de­rung der Kalkulation der Ab­schrei­bun­gen im Tarif von AFA auf Anschaffungswerte auf AFA auf Wiederbeschaf­fungs­zeit­wer­te.
So erleben wir Dolmetscher manche Rede. Die müssen wir uns dann im Geist erst "übersetzen", bevor wir sie in eine andere Sprache übertragen können. Besteht eine Rede nur aus solchen, in Windeseilen abgelesenen Sätzen, kann von "Rede" nicht mehr gesprochen werden. Komplexe, theoretische Textgebilde werden genauso transformiert, wie sie entstanden sind: Langsam, am Schreibtisch, mit Handapparat und Internetanschluss.

Gut, ich lese den Text nochmal.

Der Käufer hat eine Rendite, die über den erwarteten 7 % liegt, weil 2003 die Ge­setze zur steuerlichen Abschreibung geändert worden sind, denn nicht mehr der Kaufpreis wird als Grundlage für die Berechnungen genommen, sondern der Rest­wert einer Industrieanlage.

Das heißt, der Wert an sich verringert sich (mit der Zeit). Da die Summen der Ent­nah­men die gleichen bleiben, das war ja in einem früheren Passus festgeschrieben, müssen diese Entnahmen prozentual zum Gesamtwert immer größer werden.

Ich stutze und lese alles nochmal durch. Habe ich das jetzt richtig "übersetzt"? Und wenn ja, warum wird das nicht einfach so gesagt? Oder vielleicht noch einfacher?

Vokabelnotiz

valeur de remplacement des actifs après déduction des amortissements — Wiederbeschaffungszeitwert

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Foto: C.E.

Mittwoch, 7. Mai 2014

Wählen Sie unabhängige Spracharbeiter!

Auf den Seiten meines Blogs begrüße ich Sie herzlich. Hier schreibe ich über mei­nen Berufsalltag als Dolmetscherin und Übersetzerin, aber auch ganz all­ge­mein darüber, was die Arbeit von Sprachmittlern auszeichnet.

Über Agenturen habe ich hier schon wiederholt berichtet.

Das Wort WARE auf einen Sockel gesprayt
Leider gibt es zu viele Fach­frem­de, die programmieren können und die sich von der Marge bei den Sprach­dienst­leistern was abschneiden möchten." Problem: Das "Was" kann bei 20 bis 30 Prozent liegen, in einigen selbst­er­leb­ten und im Kollegenkreis kol­por­tierten Fällen kamen al­ler­dings Abzüge von 50 bis 70 % vor.

Die Sprachenbranche ist nicht reguliert, und was anderswo ausbeuterischer Wu­cher wäre, wird von diesen Firmen, die genauso gut Dachpfannen oder Matratzen ver­kaufen könnten, als "normal" betrachtet.

Da verwundert es nicht, wenn ein Agenturbetreiber einer Kollegin schreibt, die aufgrund eines schwierigen Textes einen hohen Preis veranschlagt:
Es gibt keine schwierigen Texte oder Sprachkombinationen. Es gibt le­dig­lich Übersetzer, die sich in bestimmten Fachbereichen weniger gut auskennen, bzw. die sich anmaßen, in die Fremd­sprache zu übersetzen, und deshalb diese Bereiche oder diese Sprachkombination in eine Fremdsprache als schwieriger empfinden. Das Ergebnis solcher Über­setzungen ist in der Regel trotz höheren Aufwandes qualitativ schlech­ter. Diesen höheren Aufwand versuchen diese Übersetzer pa­ra­dox­er­wei­se mit einem höheren Preis zu kompensieren, statt umgekehrt für das qualitativ schlechtere Ergebnis einen niedrigeren Preis zu ver­an­schla­gen. (...) An eine Lieferung qualitativ min­der­wer­ti­ge­rer Texte, sei es, dass sie als besonders schwierig empfunden werden oder dass sie aus der Muttersprache in die Fremdsprache übersetzt wurden, sind wir, selbst gegen entsprechende Preissenkung, nicht interessiert.
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, solche Fuzzis sollten wir einfach aushungern lassen. Die haben keine Ahnung und machen Euch zu Galeerensklaven.

Kopf auf einen Sockel gespraytLiebe Investorin, lieber Investor, schauen Sie genau hin, wem Sie ihr Ven­ture capital anvertrauen. Die Idee, Über­setzer könnten für Minigagen Bruch­stück­texte übersetzen ist genau bescheuert wie der Gedanke der schnellen, billigen, guten Te­le­fon­dol­met­scher.
Im Netz gibt es tatsächlich Firmen die be­haup­ten, Dol­met­scher könnten per Handy zum Beispiel für Kran­ken­hau­spatienten übersetzen und die Start up, die dieses anbietet, wäre dafür die ideale Mak­ler­fir­ma. Sie würde von den Betroffenen einen Euro die Minute nehmen und den Sprach­mittlern 30 Cent zahlen: Hohe Rendite garantiert!

Mit Verlaub, diese Idee ist schlecht, denn ohne Vorbereitung läuft nichts. Das gilt für uns wie für die meisten inhaltsbasierten Berufe wie Lehrer, Anwälte oder Un­ter­nehmensberater. Vor Ort gibt es ständig Gesprächssituationen, die geklärt wer­den müssen, ein Teil der Informationen kommt über den schmalen Telefonkanal schlicht nicht durch. (Beispiel: Stammt der Patient aus einer Kultur, in der Männ­lein wie Weiblein über den eigenen Schmerz nicht sprechen dürfen, sind Aussagen wir I'm OK hinfällig. Wenn ich den Sprecher aber nur höre, kann ich nichts ein­schätzen.) Abgesehen davon, dass vertrauliche Gespräche grundsätzlich in ge­schlos­senen Räumen geführt werden sollten.

Wenn sich dann nämliche Start up, als sie merkt, dass die eigene Idee vielleicht doch nicht so viele hunderttausend Euro erwirtschaftet wie gehofft, auf das Kon­fe­renzgeschäft schmeißt, kann es passieren, dass Dolmetschtage, die Sie, lieber Endkundin, liebe Endkunde, mit 900 Euro bezahlen, beim den Sprach­mittlern als 300-Euro-Tage aufgerufen werden. Meinen Sie, dass die famose Start up so die Besten der Branche findet?

Merke: 80 % der Agenturen sind Makler. Bitte wählen Sie stattdessen lieber ein Dolmetschnetzwerk oder einen in einem solchen engagierten Sprachmittler. Fragen Sie nach einschlägigen Erfahrungen der Dolmetscher zu Ihrem Bereich, Lebensläufe usw. Bei Netzwerken engagieren "beratende Dolmetscher" nur jene Kollegen, mit denen sie auch persönlich zusammenarbeiten möchten. Das ist ein Garant für Qualität.

Zurück zur Frage, ob es schwierige Übersetzungen gibt oder nicht. Da darf ich gleich an meine Fast-pro-bono-Arbeit (*) aus der Woche vor Ostern denken: Reden zum 69. Jahrestag einer KZ-Befreiung waren ins Deutsche zu übertragen. Da schrieb jemand von der "Erlebensgeneration" (so heißt die wirklich) eine feierliche Gedenkstundenrede mit lauter Querverweisen von damals zu heute, wo jedes dritte Wort eine ganze Welt mitschwingen ließ. In einer zweiten Rede für den Folgetag erklärt der Zeitzeuge Schülern den Alltag in einem Außenlager, das ein Straflager mit Fabrik war. Da musste ich nicht nur die deutsche und eu­ro­päi­sche Geschichte permanent mitdenken, die Fachtermini des kalten Krieges drauf­ha­ben (und großenteils vermeiden), sondern auch die Honoratioren am Sonntag und die Schüler am Montag vor Augen haben. Das war vielleicht ein Gefriemel! Veranschlagte Zeit: Fünf Stunden. Damit verbrachte Zeit: das Dreifache, wobei ich an vier Tagen immer wieder neu angesetzt habe.

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Fotos: C.E. (gesehen in Kreuzberg)
(*) Es gibt einen Zuschuss für die Drucke, den Toner
und die Amortisierung des Gerätes oder so.

Dienstag, 6. Mai 2014

Wechsel

Willkommen auf den Seiten des ersten deutschen Blogs aus dem Inneren der Dol­­met­­scher­ka­bine.

Pharmacie: In Frankreich ein grünes Kreuz
Jetzt muss ich meine Stamm­apo­theke wechseln. Und zwar die in Berlin, nicht ir­gend­wo in Frankreich, wie das Foto ver­muten lässt.
Ich bin von fran­zö­sisch­spra­chigen Menschen umgeben, sogar in Neukölln. Etliche ha­ben eine dunkle­re Haut­far­be. Sie oder ihre Eltern kommen aus Afrika, Haiti, Frank­reich oder aus Unna.

Wir hatten gerade das Haus verlassen um spazieren zu gehen, da zog sich ein Be­such­sgast am eigenen Autoschlüssel, der plötzlich an einer Stelle einen scharf­kan­ti­gen Grat aufwies, eine kleine Verletzung zu. Wir strebten also die nächs­tge­le­ge­ne Apotheke an, um eine akute Verletzung zu versorgen. Schon die Art und Weise, wie die­ser Freund angeschaut wurde (und dann ich), verschlug mir den Atem. Wider­wil­lig wurde uns dann eine Packung Pflaster verkauft, und Desinfektionsspray sei gerade "aus", beschied man uns. Es fiel kein Wort, alles lag in Blicken und Gesten, aber die Botschaft war klar. Hatte ich schon erwähnt, dass dieser Freund keinen weißen Teint hat?

Ein Düsseldorfer Strafverteidiger beschrieb eine weitaus heftigere Parallelszene: Mitte April, ein Mann wirft abends einen Umschlag in den Briefkasten des Bun­des­ver­fas­sungs­gerichts. Er wird daraufhin von einem Polizisten angesprochen, der wis­sen will, was er da eingeworfen habe. Der Einwerfende soll darauf ge­ant­wor­tet haben: "Das geht Sie nichts an." Wenig später findet er sich am Boden in Hand­schel­len wieder. Der Einwerfende ist Jurist, er hat dunkle Hautfarbe.

Zurück in die Apotheke. Mir reichen Blicke und Gesten. Hätte ich mir den Finger an­geritzt, der Apotheker hätte mir (wie bereits einmal geschehen) höchst­per­sön­lich aus dem "Hausapothekenbestand" seines Unternehmens etwas auf die Wunde gesprayt und mir ein Pflaster geschenkt. Zu den bösen Blicken kam die totale Ab­wesenheit jeg­li­cher Hilfsbereitschaft.

In Frankreich heißt das einzige, dessen sich dieser Freund und der Jurist schuldig gemacht haben, un délit de sale gueule, ein Schmutzige-Fresse-Delikt.

Ein anderer Kumpel, er stammt aus Unna, ist Professor und hat den hellen Teint seiner nord­fran­zösischen Mutter, fährt immer mit einem besonders großen Zeit­puf­fer zum Flug­hafen. Denn jedes Mal wird er besonders genau überprüft. Seinen Namen würde man eher dem arabischen Raum zuordnen. Leider hilft seit nine eleven nicht mehr, wenn er einfach drauf­los­redet, wobei sein Ruhrpottdeutsch schon sehr gut kommt.

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Foto: C.E. (Archiv)

Montag, 5. Mai 2014

Begleitdolmetschen

Guten Tag oder Abend! Sie le­sen in ei­nem Ar­beits­ta­ge­buch. Ich bin Fran­zö­sisch­dol­met­scher­in und spreche für Politiker, Künstler, Wirtschaftsbosse und diverse Ver­tre­ter der Zi­vil­ge­sell­schaft, aber auch für Privatkunden.

"Bulimisches Lernen", nennt das meine Schwester: Rasch alles in sich hin­ein­schau­feln und dann sehr schnell wieder abgeben.

Metallbüchsenaufschrift: Frisch gerösteter Kaffee
Nur nichts anbrennen lassen?
So lassen sich Sonntage auch ver­brin­gen: Vom Brunch mit Freunden weggeholt, an den Schreibtisch geschickt, damit ich ei­nen Tag später Gespräche zur Vor­be­rei­tung einer Messe ver­dol­met­schen kann.

Die Dolmetschart, die hier zur Anwendung kommen wird, heißt Be­gleit­dol­met­schen, oft wird dabei halb simultan, halb kon­se­ku­tiv übertragen. In der Regel arbeiten wir Dolmetscher an solchen Tagen allein, denn zwischen den einzelnen Terminen, die oft nur 30, 40 Minuten lang dauern, gibt es Wege- und Fahrtzeiten, in denen sich das Hirn ausruhen kann. Meistens jedenfalls. (Wenn wir nicht gerade als menschlicher Navi den Chauffeur durch Baustellenberlin lenken.)

Eine Unilehrerin für Englisch nannte dieses Begleitdolmetschen übrigens zu un­se­rem großen "Amüsemang" einst elbow interpreting. Hier interpretieren keine Rönt­gen­är­zte für den Konkurrenzkampf strategisch relevante Körperteile, sondern unsereiner sitzt coude à coude ("Ellenbogen an Ellenbogen") neben dem Kunden.

Der andere englische Begriff brachte auch einige zum Kichern, denn "Be­gleit­dol­met­schen" heißt wörtlich übersetzt escort interpreting. To escort heißt "be­glei­ten", andere Nebenbedeutungen entstehen im Kopf des Lesers und haben mit der Arbeit der Autorin dieser Zeilen nichts zu tun. Wobei ... Zu Be­ginn mei­ner Dol­metsch­tä­tig­keit habe ich meinen Lebenslauf allen möglichen Agenturen geschickt und durfte erstmal Fragebögen ausfüllen. Daraus haben sich etliche Jobs ergeben, bis ich genügend Direktkunden gefunden habe. (Heute arbeite ich im Netzwerk mit erfahrenen Kollegen und höchst selten für Agenturen, da ein Gros von ihnen nur Makler von Dienstleistungen sind und als Fachfremde oder -ferne unsere In­ter­es­sen nicht fördern.)

Damals lud mich eine Agentur zu einem Vorstellungsgespräch ein. Es war eigentlich keine Dolmetschagentur, sondern eine Veranstaltungfirma, die bis heute eng mit einer namhaften Agen­tur aus Berlin verlinkt ist (die sich wiederum leider auf ihren Web­seiten als Netzwerk präsentiert, nach Informationen früherer Mitarbeiter aber keines ist). Zurück zum Vorsprechen. Ich fuhr also ins tiefste Ostberlin und durfte mich bei einer Tasse Kaf­fee fragen lassen, ob ich denn bei Einsätzen z.B. für In­dustriekunden im Aus­land auch ...naja, auch mal offenherzig sei. Auf meinen ent­setzten Blick hin kam et­was à la derlei werde zum Feiern großer Deals erwartet und es werde auch groß­zü­gig vergütet.

Ich weiß leider nicht mehr, was meine Antwort war. Im Zweifelsfall aber erlebte ich meine Schlagfertigkeit frei nach Mark Twain als etwas, das einem einfällt, wenn man den Ort des Ge­sche­hens gerade wieder verlassen hat.

In Sachen harmloserer Grenzüberschreitung hatte ich bislang nur einmal den Fall, dass mich ein (mir zuvor bekannter) Kunde bat, mit ihm auf die Hochzeit seiner Ex zu gehen. Er wollte dort nicht ohne weiblichen Begleitschutz hin und seine Neue, eine Dolmetscherin, hatte ihn gerade verlassen. Da mir der Kunde sympathisch war und die Hoch­zeit völlig außerhalb meiner sozialen und geografischen Kreise statt­fand, habe ich mich darauf eingelassen, drei wunderbare Tage verbracht — und einen guten Be­kann­ten gewonnen. Aber das ist |eine andere Geschichte| ein an­de­res Drehbuch.

Panoramaschwenk über die Pariser Messe
Messe Paris
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Foto: C.E. (Archiv)

Sonntag, 4. Mai 2014

Durchblicke

H­allo! Hier bloggt eine Sprach­arbei­ter­in. Was Fran­zö­sisch­dol­met­scher und -über­setzer umtreibt, wenn ihre Arbeitsschwer­punk­te Wirtschaft, Politik, Soziales und Kultur sind, lesen sie hier. Da­ne­ben arbeite ich auch mit der eng­li­schen Spra­che.

Genaues Hinsehen, neue Einsichten und Erkenntnisse gewinnen und Licht und Farben genießen, kurz: Sonntage stehen für Entspannung und Wissenszuwachs.


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Foto: C.E.

Samstag, 3. Mai 2014

Gerichtsdolmetschen heute

Hallo! Hier lesen Sie täglich außer freitags Neues aus der Dolmetscherkabine, vom Übersetzerschreibtisch und aus der Welt der Idiome ... völlig subjektiv gefiltert von mir, einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache. Samstags veröffentliche ich hier immer meinen "Lieblink". 

Der Landesverband Bayern des Verbandes der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) hat Ende 2013 eine Gerichtsverhandlung simuliert, um die Arbeit der Ge­richts­dol­met­scher zu verdeutlichen. Bei Gericht habe ich nur selten gedolmetscht, und vor allem bei sehr kurzen Befragungen. Kolleginnen und Kollegen nannten den Film sehr realistisch.



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Film: BDÜ e.V.

Freitag, 2. Mai 2014

Zeichen zählen

Willkommen, bienvenue, welcome! Sie lesen in einem elektronischen Ar­beits­ta­ge­buch einer Sprachmittlerin. Ich übersetze und dolmetsche in Berlin, Paris und dort, wo mich meine Aufträge hinführen.

In anderen Ländern werden Über­setzungen meistens nach der An­zahl von Wörtern ab­ge­rech­net. Wir Deutschen lieben wei­ter­hin das Abrechnen nach An­schlä­gen, denn es ist nicht schön, sich vorwerfen lassen zu müssen, man sei im in­ter­na­tio­na­len Vergleich doch recht teuer.
Die Gründe dafür liegen in der deutschen Sprache.

Der "Fußbodenschleifmaschinenverleih" heißt auf Englisch ground floor grinding machine rental und auf Französisch magasin de location de ponçeuses pour sols.

Fußbodenschleifmaschinenverleih: ein Wort, 31 Zeichen Inklusive Leerzeichen. magasin de location de ponçeuses pour sols: sieben Wörter, 42 Zeichen inklusive Leerzeichen
Anschläge inklusive Leerzeichen
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Illustrationen: Wikicommons, Excel

Donnerstag, 1. Mai 2014

Tag der Arbeit

Bon­­jour, hel­­lo und sa­lut ... auf den Sei­­ten die­­ses Blogs. Hier schreibt eine Dol­­met­­scher­­in und Über­­setzer­in über ihren All­­tag in Ber­­lin, Paris, Köln und dort, wo sie gebraucht wird.

Geduld und Kleinteiligkeit zeichnet manche mechanische Aufgabe aus, aber auch das Schleifen an einer Übersetzung. Daher gefiel mir dieser kontemplative Film zum Tag der Arbeit sehr.

Leica hat diesen Meditationsfilm als Werbung ins Netz gestellt. 45 Minuten lang lässt sich hier beobachten, wie ein Alukorpus von Hand geschmirgelt und auf Hoch­glanz gebracht wird. Ganz gewiss weder happy snap (Schnappschuss) noch quick fix (Sofortlösung): 4.700 kleine Bewegungen sind nötig, um so ein Ka­me­ra­ge­häu­se zu bearbeiten.

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Film: YouTube