Mittwoch, 15. April 2026

Vielschichtigkeit

Herz­lich will­kom­men auf den Sei­ten ei­ner Dol­met­sche­rin, auf de­nen ich über Spra­che und Wör­ter schrei­be und über das, was zwi­schen den Zei­len steht. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin, ar­bei­te bei Kon­fe­ren­zen, auf Mes­sen und be­glei­te De­le­ga­ti­ons­rei­sen. Heu­te: KI-Mitt­woch!

Vogelperspektive: runder Konferenztisch
Hier geht's rund!
Auf Fran­zö­sisch bin ich une in­ter­prè­te, wört­lich: ei­ne In­ter­pre­tin. Nein, kei­ne Schau­spie­le­rin, da­für wird der Be­griff im Fran­zö­si­schen üb­ri­gens auch ge­braucht (ne­ben ac­tri­ce).
Und schon sind wir mit­ten im The­ma. Heu­te geht es um Sprach­- und Si­tua­tions­viel­falt. Ich in­ter­pre­tie­re, was ich hö­re, wäh­le in der Men­ge der mög­li­chen Be­grif­fe je­ne aus, die Sinn er­ge­ben in dem je­wei­li­gen Kon­text, bei der je­wei­li­gen Per­son, die die­se oder je­ne Sprech­ab­sich­ten hat, im­mer ab­ge­si­chert durch mein In­for­ma­ti­ons- und Vor­be­rei­tungs­ma­te­ri­al.

Denn 80 Pro­zent un­se­rer Ar­beit hängt von der Vor­be­rei­tung ab. Hier ent­steht Qua­li­tät, le­ge ich die Grund­la­gen für Aus­wahl, Ge­wich­tung, An­ti­zi­pa­tion.

Ja, aber die Ma­schi­nen wüss­ten al­les, hö­re ich Zwei­fler:in­nen an mei­nen Wor­ten ein­wen­den. Sie ha­ben al­le In­for­ma­tio­nen der Welt zur Ver­fü­gung, al­so dürf­ten sie sich doch nicht groß ver­tun! Und so­wie­so: Die Ma­schi­nen wür­den je­den Mo­nat, ja je­de Wo­che bes­ser! Es wä­re nur ei­ne Fra­ge der Zeit, und ich wä­re ar­beits­los!

Dass Com­pu­ter­sys­te­me schon sehr bald ge­spro­ch­ene und ge­schrie­be­ne Spra­che per Knopf­druck über­tra­gen kön­nen, wird min­des­tens seit den 1950-er­n geschrieben. So alt ist je­den­falls das äl­tes­te Buch über Com­pu­ter­lin­guis­tik in un­se­rer Bi­blio­thek.

Die Ma­schi­nen er­sau­fen in zu viel In­fo, jetzt kom­men auch noch die Kom­men­tar­tex­te der aso­zia­len The­men hin­zu so­wie die Aus­wür­fe der Ma­schi­ne, die sie selbst bis­her pro­du­ziert hat, denn die Mas­se des ge­schrie­be­nen Wor­tes soll welt­weit ein­mal ab­ge­gras­t sein, so­weit di­gi­tal ver­füg­bar. Und ge­nau das ist das ei­ne Pro­blem: Zu viel, zu we­nig Kon­text­dif­fe­ren­zie­rung, zu schlecht. Dann das an­de­re: Ma­schi­nen kön­nen Re­le­vanz nicht ei­gen­stän­dig de­fi­nie­ren, son­dern nur aus Trai­nings­mus­tern ab­lei­ten. Und ge­nau da kippt es in spe­zia­li­sier­ten, sen­si­blen und neu­en Zu­sam­men­hän­gen. Und wo­zu wer­den Events ver­an­stal­tet, wenn nicht für das Neue, das Be­son­de­re?

Ne­ben dem Kon­text stö­ren auch noch grund­le­gen­de Ei­gen­schaf­ten der Spra­che, zum Bei­spiel ih­re Viel­fäl­tig­keit. Beim Un­ter­ti­teln hilft uns un­se­re All­ge­mein­bil­dung, das rich­ti­ge Wort her­aus­zu­pi­cken. Wer sich mal ei­ne Wei­le mit You­Tube-Ti­teln be­fasst hat, merkt das Di­lem­ma der Ma­schi­nen, die häu­fig Ho­mo­ny­me neh­men und in Ti­tel ein­bau­en. Aber Ho­mo­ny­me klin­gen eben nur ähn­lich, be­deu­ten in der Re­gel et­was ganz an­de­res.

Kurz: Die Ma­schi­ne greift oft auf im Kon­text voll­kom­men sinn­lo­se Wör­ter zu­rück. Ist das ein Sub­stan­tiv, wird dann ger­ne auch das Nach­ste­hen­de voll­kom­men ver­frem­det, dann kip­pen die Sät­ze in Se­rie um wie die Do­mi­no­stei­ne und rei­ßen den Rest mit in den Ab­grund.

Die Tech­nik kann oft auch nicht mit Pau­sen um­ge­hen, die wir Men­schen ma­chen, mit Nach­denk- oder Blick­pau­sen, win­zi­gen Zwi­schen­fäl­len, dem War­ten auf den Po­wer­Point, mit be­son­de­ren Be­to­nun­gen. Dann kol­la­bie­ren manch­mal die Be­zü­ge, ent­ste­hen Lö­cher, legt die KI-Stim­me kurz ICE-Tempo ein, um dann in ge­mäch­li­chem Re­gio­nal­zug­tem­po wei­ter­zu­ma­chen, wenn ich die­ses als Stan­dard für die Nach­voll­zieh­bar­keit set­ze. Und na­tür­lich fällt beim Stak­ka­to In­halt weg bzw. wird ver­stüm­melt.

Das gilt auch für zu schnell ge­spro­che­nen In­hal­te, wo wir Men­schen dank der Vor­be­rei­tung wis­sen, was das We­sent­li­che des Vor­trags ist, auf das wir das Ge­sa­gte run­ter­metz­gern. Die­ses Mal ist der ICE am Spre­cher­pult.

Das wa­ren jetzt ei­ni­ge Sy­mbo­le für Wor­te in Be­we­gung. Ja, die Tech­nik ist dy­na­misch. Und durch­aus, das Ma­schi­nen­kau­der­welsch ver­bes­sert sich je­des Jahr ein My. Aber es geht lang­sam, alles, was mit der Es­senz von Kom­mu­ni­ka­tion zu­sam­men­hängt, Emo­tio­nen, kul­tu­rel­le Be­zü­ge, Hu­mor, wer­den die LLMs nicht ler­nen. Das Problem derzeit ist, dass Menschen, die die an­de­re Spra­che nicht ken­nen, die Feh­ler aber nur dann auf­fal­len, wenn es kom­plett ab­surd wird. Das Va­ge oder ei­ni­ger­ma­ßen Ver­ständ­li­che führt be­son­ders in die Ir­re.

Wel­che Kon­fe­renz­ver­an­stal­ter:in­nen möch­ten mit Un­ge­fäh­rem ar­bei­ten, wel­che Mes­se­stand­lei­tun­gen ei­ne Bla-Bla-Kom­mu­ni­ka­tion ha­ben, die nicht zum Nach­fra­gen bei den Men­schen vor Ort an­regt?

Ne­ben Ho­mo­ny­men schla­gen auch Ak­zen­te zu: Ich muss rasch an die Kol­le­g:in­nen im EU-Par­la­ment den­ken, die auch Bay­nglisch oder Schwäng­lish meis­tern, oh­ne in La­chen aus­zu­bre­chen. Vor al­lem schaf­fen sie dar­über hin­aus, auch noch den In­halt rü­ber­zu­wup­pen. (Als ich das ers­te Mal Öt­tin­ger-Eng­lisch ge­hört ha­be, ha­be ich Trä­nen ge­lacht und muss­te die Ka­bi­ne ver­las­sen. Aber so­gar dieses Idiom kön­nen wir Men­schen ler­nen.)

Ach, wenn das jetzt nur al­les wä­re! Sehr oft ver­has­peln sich Men­schen, star­ten ei­nen Satz neu, spre­chen in An­deu­tun­gen oder nu­scheln. Der ei­ne hat ei­ne Ha­sen­schar­te, die an­de­re ist kom­plett ver­krampft (und knö­delt), ist vol­ler Iro­nie oder ver­greift sich im Be­griff (was wir Men­schen kor­ri­gie­ren dür­fen und kön­nen, vor­aus­ge­setzt, wir ha­ben im Vor­feld aus­rei­chend Vor­be­rei­tungs­ma­te­ri­al er­hal­ten). Kurz: Wir Zweibeiner und un­se­re Spra­che sind viel zu viel­fäl­tig und feh­ler­be­haf­tet, da­mit kom­men die Bits und Bytes nicht klar.

Ei­ne Kon­fe­renz, ei­ne Verh­and­lung, ei­ne De­le­ga­tions­rei­se sind zudem keine Si­tua­tio­nen, in de­nen „wah­rschein­lich rich­tig“ aus­reicht. Da braucht es je­man­den, der not­falls ein­greift, glät­tet, nach­fragt, ent­schei­det. Ge­nau die­ser Mo­ment, das ak­ti­ve Ein­grei­fen, ist etwas, das Ma­schi­nen struk­tu­rell fehlt.

Die KI schei­tert manch­mal an der Spra­che, häufig an Si­tua­tio­nen.

An­ders­rum ge­sagt: Wenn al­le Wör­ter ei­nen ein­deu­ti­gen Sinn hät­ten und nicht kon­text­ab­hän­gig wä­ren, wenn Ma­schi­nen Sin­ne hät­ten, füh­len könn­ten und vor die­sem Hin­ter­grund nicht her­um­rät­seln müss­ten, son­dern ent­schei­den könn­n­ten, wenn un­se­re Ar­beit nicht ver­trau­lich wä­re, wenn die KI in sol­chen Mo­men­ten nicht hal­lu­zi­nie­ren wür­de, wenn die KI von den Lip­pen ab­le­sen und Kör­per­spra­che er­ken­nen könn­te und zu Iro­nie fä­hig wä­re, wenn die gro­ßen Ma­schi­nen nicht den Tech-Fa­schis­ten ge­hö­ren wür­den, die mit Sprach­ver­bo­ten für Ver­zer­rung sor­gen, wenn die KI nicht im­mer al­les auf das ma­the­ma­tisch wahr­schein­lichs­te Mit­tel run­ter­pe­geln müss­te, wenn die KI auch oh­ne Wlan und Strom­ka­bel ar­bei­ten könn­te, ja, dann wür­de die KI uns er­set­zen, nun, éven­tuel­le­ment (nicht: even­tual­ly).

Zu­ge­spitzt könn­te ich sa­gen: Beim Dol­met­schen durch die KI stö­ren ers­tens die Spre­cher:in­nen und zwei­tens die Zu­hö­rer­schaft. Sonst läuft al­les per­fekt! Al­so fast, aber bald, mög­li­cher­wei­se, viel­leicht!

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Gra­fik: Pixlr.com (Zu­falls­fund)

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