Dienstag, 28. April 2026

Museum der Wörter (47)

Hal­lo! Wie auch im­mer Sie hier ge­lan­det sind, Sie le­sen in mei­nem vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buch. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin und sit­ze in der Fran­zö­sisch­ka­bi­ne. Eng­lisch ist manch­mal die Aus­gangs­spra­che, Deutsch bei Tex­ten die Ziel­spra­che. Ich ar­bei­te auf Kon­fe­ren­zen und De­le­ga­ti­ons­rei­sen, bei Ver­an­stal­tun­gen und po­li­ti­schen Hin­ter­grund­ge­sprä­chen. Und ich be­trach­te mit wa­chen Au­gen un­se­re Zeit.

Die Be­glei­tung der Kin­der, von Oma und Opa und On­kel und Tan­te, wenn sie Hil­fe brau­chen, aber auch von Jan­nis und Kurt, An­ni­ka und Hül­ya, Mal­colm und Mus­ta­fa sind kein Lu­xus. Die Na­men hier ste­hen für Men­schen, die von der Ge­samt­ge­sell­schaft an der all­täg­li­chen Teil­nah­me be­hin­dert wer­den, weil es vie­le Trep­pen­stu­fen oder kei­ne ver­ständ­li­che An­spra­che gibt, weil von der iden­ti­schen An­pas­sungs­fä­hig­keit al­ler aus­ge­gan­gen wird, die es nicht gibt, denn wir sind Men­schen, kei­ne Ma­schi­nen.

Auf vol­le Teil­nah­men hat­ten sich un­se­re Zi­vi­li­sa­tio­nen ver­ab­re­det, und die­ses in Ge­set­ze ge­gos­se­ne Ziel ist noch nicht er­reicht. Und was macht un­se­re Re­gie­rung in der Kri­se? Stellt das nicht nur in­fra­ge, son­dern legt Kür­zungs­plä­ne auf den Tisch, die sich so le­sen, als wä­re In­klu­si­on ein Lu­xus­gut. In an­de­ren Wor­ten: Wer aus ei­ner ver­mö­gen­den Sip­pe stammt, wird nicht bald wie­der vor ver­schlos­se­nen Tü­ren ste­hen. Die an­de­ren: … pfffft!

Da­bei ist Teil­ha­be ein Men­schen­recht. Das müss­te auch für men­schen­wür­di­ges Woh­nen und ge­sun­de Grund­nahrungs­mit­tel gel­ten, fa­mi­liä­re und freund­schaft­li­che Be­zie­hun­gen, Kul­tur und auch: Er­ho­lung. Rich­tig! So­zi­al­hil­fe­emp­fän­ger:in­nen frü­he­rer Zei­ten stand so­gar Ur­laub zu. Wer weiß, wie wich­tig es ist, von Zeit zu Zeit aus dem Hams­ter­rad he­raus­zu­kom­men, wird auch hier zu­stim­men.

Die Axt wird schon län­ger an das So­zi­al­le­ben ge­legt. Das geht mit der Spra­che los. Ich hän­ge an die Wand des Mu­se­ums der Wör­ter heu­te die­sen Be­griff:

              
             
sozial Schwa­che

Wir müs­sen ihn durch „wirt­schaft­lich Schwa­che“ er­set­zen. War­um ist das nicht schon lan­ge ge­sche­hen? Über öko­no­misch Schwa­che oder Ge­schwäch­te zu spre­chen, wür­de zu­gleich ei­ne Fra­ge auf­wer­fen, und zwar: War­um ist das so?
Bei „so­zi­al schwach“ schwingt im­mer ein we­nig ei­ne Mit­schuld mit.

Wör­ter ge­stal­ten un­ser Den­ken und Den­ken ge­stal­tet un­se­re Welt.

Die Re­gie­rung will nun „spa­ren“, und zwar in fol­gen­den Be­rei­chen: Ein­schrän­kun­gen beim Wahl­recht und beim Woh­nen, durch die Zu­sam­men­le­gung von Leis­tun­gen, die dann meh­re­ren Men­schen gleich­zei­tig zu­gu­te kom­men sol­len, Kür­zun­gen bei Hilfs­mit­teln, Ab­bau von Fahr­diens­ten und das Aus­set­zen in­di­vi­du­el­ler Schul­as­sis­tenz. Die Re­de ist von Men­schen, die Un­ter­stüt­zungs­be­darf ha­ben, weil sie nicht so leis­tungs­fä­hig sind wie der Durch­schnitt der Be­völ­ke­rung.

Eben­falls auf dem Tisch: ein er­schwer­ter Zu­gang zu Pfle­ge­gra­den, die Er­hö­hung der Zu­zah­lun­gen bei der (schon jetzt kaum be­zahl­ba­ren) Pfle­ge und ver­mut­lich die Bei­be­hal­tung der größ­ten Pfle­ge­hemm­nis­se: Bü­ro­kra­tie und star­re Re­geln, auch für uns pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge.

Wer die Ent­wür­fe zu den Kür­zun­gen liest, den oder die be­schleicht das Ge­fühl, dass hier wie­der von „wert­vol­lem“ und „we­ni­ger wert­vol­lem“ Le­ben aus­ge­gan­gen wird. Vom „un­wer­ten“ Le­ben der Na­zis ist das nicht weit ent­fernt.

Wir wis­sen, wo­hin das ge­führt hat. Die Ge­schich­te zeigt, wie schnell ei­ne Ge­sell­schaft be­ginnt, Men­schen nach ih­rem „Wert“ zu sor­tie­ren und wie rasch dar­aus töd­li­che Kon­se­quen­zen er­wach­sen kön­nen. Die in der Ber­li­ner Tier­gar­ten­stra­ße Nr. 4 ge­trof­fe­nen Ent­schei­dun­gen ste­hen da­für: Aus Ein­wei­sun­gen und Zu­sam­men­le­gun­gen wur­den sys­te­ma­ti­sche Ver­bre­chen. Es war der Test­lauf für die in­dus­tri­el­le Mord­ma­schi­ne, die dann von deut­schen Hän­den er­rich­tet und be­trie­ben wur­de, und da­für, wie die All­ge­mein­heit re­agiert.

Wenn ei­ne sol­che Po­li­tik die Grund­stim­mung in dem Land spie­geln soll, hat die Ge­sell­schaft nichts aus der Ver­gan­gen­heit ge­lernt.

Ein­schub: Ich schrei­be das in dem Be­wusst­sein, selbst dem neu­ro­di­ver­gen­ten Spek­trum an­zu­ge­hö­ren, aber eben mit ei­ner leich­ten Au­tis­mus­form, je­ner Va­ri­an­te, die Zir­kus­pferd­qua­li­tä­ten hat und zu par­ti­el­len Höchst­leis­tun­gen be­fä­higt. (Fürs Dol­met­schen prak­tisch, in an­de­ren Fel­dern fin­de ich mich im Feld all­ge­mei­ner Grund­dumm­heit wie­der!) Ich war da­mit schlicht so, wie vie­le Kin­der sind: nicht ei­ner Norm ent­spre­chend, manch­mal auf­fäl­lig, manch­mal un­sicht­bar. Ich hat­te Glück mit dem El­tern­haus, dem Jahr­zehnt mei­ner Bil­dungs­grund­la­gen, dem Bun­des­land, und ich ken­ne Men­schen, die mir ähn­lich sind, die aber ein star­res, hoch­se­lek­ti­ves Sys­tem früh ins Ab­seits ge­stellt hat. Ein­schub­en­de.

Das The­ma der nicht norm­ge­rech­ten Leis­tungs­fä­hig­keit ist bei uns ein Ta­bu. Ich hof­fe, dass die Plä­ne der Re­gie­rung, soll­ten sie um­ge­setzt wer­den, von den Ge­rich­ten rasch kas­siert wer­den. Ich se­he auch die Stim­mung in der Ge­ne­ra­ti­on mei­nes Zieh­sohns, wo sich aus ver­schie­de­nen Grün­den über­ra­schend vie­le schon jetzt ge­gen Nach­wuchs ent­schie­den ha­ben. Mer­ke: Kei­ne Kin­der, kei­ne Wirt­schaft.

Unterschiedlichste Menschen, unterschiedlichste Faktoren
Nur gemeinsam kann Gesellschaft gelingen

Man­che Men­schen brau­chen auch die­ses Ar­gu­ment ei­ner Be­kann­ten: Sie ar­bei­tet als In­klu­si­ons­be­glei­te­rin und sagt, nur drei Pro­zent der Men­schen mit Be­ein­träch­ti­gun­gen sei­en so ge­bo­ren. Den meis­ten wi­der­fährt Schlim­mes im Lau­fe des Le­bens, Krank­heit, Un­fall ... Knapp neun Pro­zent der deut­schen Be­völ­ke­rung leben mit Ein­schrän­kun­gen, wel­cher Art auch im­mer. Die­se Be­kann­te meint üb­ri­gens, der Staat sei zu­sätz­lich auch auf die In­klu­si­ons­hel­fer:in­nen „scharf“, die soll­ten end­lich et­was „Sinn­vol­les“ ma­chen, hei­ße es un­ter der Hand. Mir feh­len die Wor­te. Und das ist sel­ten.

Schluss­vol­te: Menschen, die sich an den Schwächs­ten der Ge­sell­schaft ver­greifen, er­weisen sich als die wirk­lich so­zi­al Schwa­chen.

Wenn Sie die Pe­ti­ti­on der Le­bens­hil­fe an den Bun­des­tag mit­zeich­nen möch­ten, hier ent­lang: LINK.

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Grafik:
Pixlr.com (Zufallsfund)

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