Die Begleitung der Kinder, von Oma und Opa und Onkel und Tante, wenn sie Hilfe brauchen, aber auch von Jannis und Kurt, Annika und Hülya, Malcolm und Mustafa sind kein Luxus. Die Namen hier stehen für Menschen, die von der Gesamtgesellschaft an der alltäglichen Teilnahme behindert werden, weil es viele Treppenstufen oder keine verständliche Ansprache gibt, weil von der identischen Anpassungsfähigkeit aller ausgegangen wird, die es nicht gibt, denn wir sind Menschen, keine Maschinen.
Auf volle Teilnahmen hatten sich unsere Zivilisationen verabredet, und dieses in Gesetze gegossene Ziel ist noch nicht erreicht. Und was macht unsere Regierung in der Krise? Stellt das nicht nur infrage, sondern legt Kürzungspläne auf den Tisch, die sich so lesen, als wäre Inklusion ein Luxusgut. In anderen Worten: Wer aus einer vermögenden Sippe stammt, wird nicht bald wieder vor verschlossenen Türen stehen. Die anderen: … pfffft!
Dabei ist Teilhabe ein Menschenrecht. Das müsste auch für menschenwürdiges Wohnen und gesunde Grundnahrungsmittel gelten, familiäre und freundschaftliche Beziehungen, Kultur und auch: Erholung. Richtig! Sozialhilfeempfänger:innen früherer Zeiten stand sogar Urlaub zu. Wer weiß, wie wichtig es ist, von Zeit zu Zeit aus dem Hamsterrad herauszukommen, wird auch hier zustimmen.
Die Axt wird schon länger an das Sozialleben gelegt. Das geht mit der Sprache los. Ich hänge an die Wand des Museums der Wörter heute diesen Begriff:
sozial Schwache
Wir müssen ihn durch „wirtschaftlich Schwache“ ersetzen. Warum ist das nicht schon lange geschehen? Über ökonomisch Schwache oder Geschwächte zu sprechen, würde zugleich eine Frage aufwerfen, und zwar: Warum ist das so?
Bei „sozial schwach“ schwingt immer ein wenig eine Mitschuld mit.
Wörter gestalten unser Denken und Denken gestaltet unsere Welt.
Die Regierung will nun „sparen“, und zwar in folgenden Bereichen: Einschränkungen beim Wahlrecht und beim Wohnen, durch die Zusammenlegung von Leistungen, die dann mehreren Menschen gleichzeitig zugute kommen sollen, Kürzungen bei Hilfsmitteln, Abbau von Fahrdiensten und das Aussetzen individueller Schulassistenz. Die Rede ist von Menschen, die Unterstützungsbedarf haben, weil sie nicht so leistungsfähig sind wie der Durchschnitt der Bevölkerung.
Ebenfalls auf dem Tisch: ein erschwerter Zugang zu Pflegegraden, die Erhöhung der Zuzahlungen bei der (schon jetzt kaum bezahlbaren) Pflege und vermutlich die Beibehaltung der größten Pflegehemmnisse: Bürokratie und starre Regeln, auch für uns pflegende Angehörige.
Wer die Entwürfe zu den Kürzungen liest, den oder die beschleicht das Gefühl, dass hier wieder von „wertvollem“ und „weniger wertvollem“ Leben ausgegangen wird. Vom „unwerten“ Leben der Nazis ist das nicht weit entfernt.
Wir wissen, wohin das geführt hat. Die Geschichte zeigt, wie schnell eine Gesellschaft beginnt, Menschen nach ihrem „Wert“ zu sortieren und wie rasch daraus tödliche Konsequenzen erwachsen können. Die in der Berliner Tiergartenstraße Nr. 4 getroffenen Entscheidungen stehen dafür: Aus Einweisungen und Zusammenlegungen wurden systematische Verbrechen. Es war der Testlauf für die industrielle Mordmaschine, die dann von deutschen Händen errichtet und betrieben wurde, und dafür, wie die Allgemeinheit reagiert.
Wenn eine solche Politik die Grundstimmung in dem Land spiegeln soll, hat die Gesellschaft nichts aus der Vergangenheit gelernt.
Einschub: Ich schreibe das in dem Bewusstsein, selbst dem neurodivergenten Spektrum anzugehören, aber eben mit einer leichten Autismusform, jener Variante, die Zirkuspferdqualitäten hat und zu partiellen Höchstleistungen befähigt. (Fürs Dolmetschen praktisch, in anderen Feldern finde ich mich im Feld allgemeiner Grunddummheit wieder!) Ich war damit schlicht so, wie viele Kinder sind: nicht einer Norm entsprechend, manchmal auffällig, manchmal unsichtbar. Ich hatte Glück mit dem Elternhaus, dem Jahrzehnt meiner Bildungsgrundlagen, dem Bundesland, und ich kenne Menschen, die mir ähnlich sind, die aber ein starres, hochselektives System früh ins Abseits gestellt hat. Einschubende.
Das Thema der nicht normgerechten Leistungsfähigkeit ist bei uns
ein Tabu. Ich hoffe, dass die Pläne der Regierung, sollten sie
umgesetzt werden, von den Gerichten rasch kassiert werden. Ich
sehe auch die Stimmung in der Generation meines Ziehsohns, wo
sich aus verschiedenen Gründen überraschend viele schon jetzt
gegen Nachwuchs entschieden haben. Merke: Keine Kinder, keine
Wirtschaft.
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| Nur gemeinsam kann Gesellschaft gelingen |
Manche Menschen brauchen auch dieses Argument einer Bekannten: Sie arbeitet als Inklusionsbegleiterin und sagt, nur drei Prozent der Menschen mit Beeinträchtigungen seien so geboren. Den meisten widerfährt Schlimmes im Laufe des Lebens, Krankheit, Unfall ... Knapp neun Prozent der deutschen Bevölkerung leben mit Einschränkungen, welcher Art auch immer. Diese Bekannte meint übrigens, der Staat sei zusätzlich auch auf die Inklusionshelfer:innen „scharf“, die sollten endlich etwas „Sinnvolles“ machen, heiße es unter der Hand. Mir fehlen die Worte. Und das ist selten.
Schlussvolte: Menschen, die sich an den Schwächsten der Gesellschaft vergreifen, erweisen sich als die wirklich sozial Schwachen.
Wenn Sie die Petition der Lebenshilfe an den Bundestag mitzeichnen möchten, hier entlang: LINK.
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Grafik: Pixlr.com (Zufallsfund)

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