Manchmal habe ich den Eindruck, dass uns gerade kollektiv gemachte Erfahrungen und die Aufmerksamkeit füreinander entgleiten. Empathie wirkt wie ein knappes Gut. Politische Maßnahmen werden als „Zumutungen“ bezeichnet, viele Menschen organisieren sich im Alltag neu, reduzieren notgedrungen ihr Außenleben. Die Frühlings(proben)reise des konzertierenden Chors wird abgesagt, weil zu wenige über die freien Mittel verfügen, um den Eigenanteil zu bezahlen. Beim Nachbarskind fällt die Klassenfahrt flach, dito.
Menschen im Überlebensmodus haben nur die nächste Mahlzeit, den nächsten Tag im Blick. Sie können weder die eigene Lage aus der Vogelperspektive betrachten, noch neue Perspektiven und Auswege finden. Sie erstarren, freeze or flight. Das überträgt sich auf die Kinder. Der Nachwuchs im Überlebensmodus erlernt diesen Zustand als Lebensgrundgefühl. Das ist fatal. So wird Armut, werden Ängste vererbt. (Sogar Peter Hartz, auf den die abgespeckte Sozialhilfe der Nullerjahre zurückgeht, hat das erkannt und die damalige Entscheidung einen Fehler genannt.)
In der Zwischenzeit hat die Not längst die gehobene Mittelschicht erreicht. Eine Bekannte sucht seit acht Monaten eine Wohnung, sie wurde auf Eigenbedarf verklagt. Ihre Familie ist seit Generationen in Berlin ansässig. Opas Mietshaus überstand den Krieg nicht, der Lastenausgleich brachte ein Siedlungshaus, in dem die Familie der Nichte lebt. Die Sucherin und ihr Mann sind oft umgezogen. Er war Wissenschaftler, die letzten Jahre hat sie ihn gepflegt, dann ging es nicht mehr, sie wurde selbst krank. Jetzt ist er im Heim.
Die Dame war zwei Jahrzehnte lang Freiberuflerin. Wegen ihrer Altersrücklagen gilt sie als zu reich für einen Wohnberechtigungsschein und ist zugleich zu arm für Wohneigentum. In Vollzeit bewirbt sie sich um eine neue Bleibe. Aber der Markt kennt keine Menschen, die wegen der Pflege länger nicht arbeiten konnten, das Vermögen scheint nichts wert, die ü50-Bewerberin zu alt zu sein. Sogar kirchliche Träger winken ab. Jetzt hat das Gericht eine zweimonatige Verlängerung der Auszugsfrist angeordnet. Sie stellt sich auf die Einlagerung des Hausrats und ein überteuertes WG-Zimmer ein. Und niemanden scheint's zu stören, was auch für die Kürzungen bei Menschen mit Einschränkungen gilt.
Andere Geschichten schaffen es in die Abendnachrichten. Ein in der Ostsee gestrandeter Buckelwal bewegt die Herzen. Nach einem achtwöchigen Drama wird er spendenfinanziert ins offene Meer geschafft. Das zeigt Mitgefühl. In der Zwischenzeit wird aber in unserem Heimatmeer der Schweinswal immer seltener, ist vom Aussterben bedroht.
Die ökologischen Dramen verlaufen leiser. Wir wissen um Klimaveränderungen, Ressourcendruck, Arten- und Humusverlust. Zugleich entstehen Trends, die sich stark auf das Individuum konzentrieren, Stichworte sind „Selbstoptimierung“ und „Longevity“, die Medien sind übervoll davon. Vorsorge ist gut, und doch passt das alles nicht zusammen. Ist es eine Antwort auf die Unsicherheit, sich auf das Nahe zu konzentrieren und Selbstwirksamkeit zu erfahren, wenn das Große schwer fassbar und verstörend wird?
Die Lage ist komplex, und doch ist sie so viel einfacher, als es oft dargestellt wird. Umso wichtiger bleibt es, im Eigenen handlungsfähig zu bleiben. Dem dienen tatsächlich gutes, gesundes Essen, Sport und Erholung, Freundschaften und Kultur, Dinge, für die etwas mehr Geld als das Überlebensnotwendige nötig ist. Wir dürfen das Gemeinsame nicht aus dem Blick verlieren. Denn das ist unsere Chance: Kräfte zu bündeln und sich konstruktiv für das einzusetzen, was trägt.
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| Ein Sonntag im Paradies! |
Wochenendplaisir: Ins Jrüne fahren. Auf der Pfaueninsel war ich vor mehr als einem Jahrzehnt mit meinem Vater das letzte Mal, er hat sie geliebt. Das ist ein wundervoller Tagesausflugstipp! Es gibt auch eine zentrale Picknickwiese, wo sich K&K zukaufen und auf die To gehen lässt. Wundervoll!
______________________________Montage: C.E.

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