Mittwoch, 6. Mai 2026

Die kaputte Leiter

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beits­welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin. Wie wir Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­zer ar­bei­ten, ist oft nicht so ge­nau be­kannt. Über die Be­rufs­welt schrei­be ich hier im 20. Jahr. Heu­te: KI-Mitt­woch.

Karriereleiter, die in der Luft hängt. Unten die Jungen, ratlos, oben die Alten bei der Ernte
"Karriereleiter" mit Disruption
Üb­lich war der Be­rufs­ein­stieg mit Sys­tem: Die Jun­gen ler­nen von den Al­ten, die Al­ten von den Jun­gen, denn sie brin­gen fri­sches Wis­sen von den Hoch­schu­len mit, ken­nen ih­re Ge­ne­ra­ti­on gut, ein Ge­ben und Neh­men. So wird Wis­sen nicht nur von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ge­ben, son­dern bes­ten­falls wei­ter­ent­wi­ckelt.

Die Neu­lin­ge ha­ben da­bei mit ein­fa­chen Auf­ga­ben be­gon­nen, Er­fah­rung und Rou­ti­ne in der Pra­xis ge­sam­melt. Die un­te­ren Stu­fen der Ka­r­rie­re­lei­ter wa­ren viel­leicht nicht be­son­ders pres­ti­ge­träch­tig, aber sie wa­ren un­ver­zicht­bar.

Und jetzt die Dis­rup­ti­on! Die so­ge­nann­te Künst­li­che In­tel­li­genz (KI) reißt ge­ra­de die­se un­te­ren Stu­fen aus der Lei­ter. Und sie weiß nicht, was sie tut, sie­he Il­lus­tra­ti­on. 

Die KI warnt nicht, sie ver­spricht nur ra­sche Ge­win­ne. Ei­ne Wirt­schaft, die das Wort Nach­hal­tig­keit noch nicht ver­stoff­wech­selt hat, macht dumm mit.

Im­mer mehr Tä­tig­kei­ten, die frü­her klas­si­sche Ein­stiegs­ar­beit wa­ren, wer­den auf die KI aus­ge­la­gert: Da­ten ein­ge­ben, Do­ku­men­te struk­tu­rie­ren, Ent­wür­fe für Stan­dard­fäl­le tex­ten. Das be­trifft Buch­hal­tung, Ju­ra und Ver­wal­tung glei­cher­ma­ßen.

Die Zah­len da­zu sind ein­deu­tig. In Be­ru­fen mit ho­her KI-An­fäl­lig­keit sind Ein­stiegs­stel­len in den letz­ten Jah­ren um rund 13 Pro­zent zu­rück­ge­gan­gen. In der Fi­nanz­bran­che liegt der Rück­gang bei Ju­ni­or­stel­len so­gar bei ca. 24 Pro­zent, bei ein­zel­nen Tä­tig­kei­ten so­gar hö­her. Gleich­zei­tig bleibt die Nach­fra­ge nach er­fah­re­nen Kräf­ten sta­bil oder steigt.

Auf den ers­ten Blick ist das ef­fi­zi­ent. Ein er­fah­re­ner Mit­ar­bei­ter, un­ter­stützt durch die KI, kann heu­te mehr leis­ten als frü­her ein gan­zes Team von Be­rufs­ein­stei­gern.

Aber Ein­stiegs­jobs sind kei­ne über­flüs­si­gen Rou­ti­ne­po­si­tio­nen. Sie sind die Pha­se, in der sich be­ruf­li­ches Ur­teils­ver­mö­gen ent­wi­ckelt. Wer nie Stan­dard­fäl­le be­ar­bei­tet hat, wird spä­ter auch kei­ne kom­ple­xen Fäl­le sou­ve­rän ent­schei­den kön­nen.

Ge­nau hier ent­steht ei­ne Lü­cke. Un­ter­neh­men spa­ren an den un­te­ren Stu­fen und fra­gen noch nicht, wo­her in Zu­kunft die er­fah­re­nen Fach­kräf­te kom­men sol­len. Wir schaf­fen ein neu­es Pro­blem.

Was ge­ra­de als tech­no­lo­gi­scher Fort­schritt ver­kauft wird, hat ei­ne drit­te und vier­te Sei­te, über die we­ni­ger ge­spro­chen wird. Die Ar­beit ver­schwin­det nicht ein­fach. Sie ver­la­gert sich.

Ein gro­ßer Teil lan­det wie­der bei den Er­fah­re­nen, die die Aus­wür­fe der Sys­te­me prü­fen, kor­ri­gie­ren und ein­ord­nen müs­sen. Das ist kei­ne Ent­las­tung, son­dern ei­ne Ver­la­ge­rung von Rou­ti­ne in Kon­troll­ar­beit. (For­de­run­gen nach der Ver­län­ge­rung der täg­li­chen Ar­beits­zeit ha­ben plötz­lich ei­nen Grund.)

Der an­de­re Teil wird in klei­ne Auf­ga­ben zer­teilt und aus­ge­la­gert, meist schlecht be­zahlt, oh­ne Zu­sam­men­hang und oh­ne Rück­mel­dung: Click­work statt Be­rufs­ein­stieg bei gleich­zei­ti­ger Ent­wer­tung von Stu­di­um und Aus­bil­dung.

Das ma­chen dann die­je­ni­gen, die ei­gent­lich in ei­nem Be­rufs­kon­text ler­nen soll­ten. Sie be­ar­bei­ten Ein­zel­tei­le, oh­ne das gro­ße Gan­ze zu se­hen. Sie er­hal­ten kei­ne struk­tu­rier­te An­lei­tung und kei­ne ech­te Feed­back-Schlei­fe. Was frü­her ein ge­steu­er­ter Lern­pro­zess war, wird zu ei­ner Ab­fol­ge iso­lier­ter Mi­ni­auf­ga­ben.

Das ist kein Fort­schritt, sondern Blend­werk. Hier wird Macht miss­braucht, al­te Er­fah­rung ver­braucht und kei­ne neue sys­te­ma­tisch auf­ge­baut. Die Pro­duk­ti­vi­tät steigt kurz­fris­tig auf dem Pa­pier, zu­gleich wer­den die Grund­la­gen für die Zu­kunft zer­stört.


Vo­ka­bel­no­tiz

le court-ter­mis­me — das Quar­tals­den­ken, die Quar­tals­den­ke
______________________________ 
Gra­fik:
pixlr.com (Zu­falls­fund)

Keine Kommentare: