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| "Karriereleiter" mit Disruption |
Die Neulinge haben dabei mit einfachen Aufgaben begonnen, Erfahrung und Routine in der Praxis gesammelt. Die unteren Stufen der Karriereleiter waren vielleicht nicht besonders prestigeträchtig, aber sie waren unverzichtbar.
Und jetzt die Disruption! Die sogenannte Künstliche Intelligenz (KI) reißt gerade diese unteren Stufen aus der Leiter. Und sie weiß nicht, was sie tut, siehe Illustration.
Die KI warnt nicht, sie verspricht nur rasche Gewinne. Eine Wirtschaft, die das Wort Nachhaltigkeit noch nicht verstoffwechselt hat, macht dumm mit.
Immer mehr Tätigkeiten, die früher klassische Einstiegsarbeit waren, werden auf die KI ausgelagert: Daten eingeben, Dokumente strukturieren, Entwürfe für Standardfälle texten. Das betrifft Buchhaltung, Jura und Verwaltung gleichermaßen.
Die Zahlen dazu sind eindeutig. In Berufen mit hoher KI-Anfälligkeit sind Einstiegsstellen in den letzten Jahren um rund 13 Prozent zurückgegangen. In der Finanzbranche liegt der Rückgang bei Juniorstellen sogar bei ca. 24 Prozent, bei einzelnen Tätigkeiten sogar höher. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach erfahrenen Kräften stabil oder steigt.
Auf den ersten Blick ist das effizient. Ein erfahrener Mitarbeiter, unterstützt durch die KI, kann heute mehr leisten als früher ein ganzes Team von Berufseinsteigern.
Aber Einstiegsjobs sind keine überflüssigen Routinepositionen. Sie sind die Phase, in der sich berufliches Urteilsvermögen entwickelt. Wer nie Standardfälle bearbeitet hat, wird später auch keine komplexen Fälle souverän entscheiden können.
Genau hier entsteht eine Lücke. Unternehmen sparen an den unteren Stufen und fragen noch nicht, woher in Zukunft die erfahrenen Fachkräfte kommen sollen. Wir schaffen ein neues Problem.
Was gerade als technologischer Fortschritt verkauft wird, hat eine dritte und vierte Seite, über die weniger gesprochen wird. Die Arbeit verschwindet nicht einfach. Sie verlagert sich.
Ein großer Teil landet wieder bei den Erfahrenen, die die Auswürfe der Systeme prüfen, korrigieren und einordnen müssen. Das ist keine Entlastung, sondern eine Verlagerung von Routine in Kontrollarbeit. (Forderungen nach der Verlängerung der täglichen Arbeitszeit haben plötzlich einen Grund.)
Der andere Teil wird in kleine Aufgaben zerteilt und ausgelagert, meist schlecht bezahlt, ohne Zusammenhang und ohne Rückmeldung: Clickwork statt Berufseinstieg bei gleichzeitiger Entwertung von Studium und Ausbildung.
Das machen dann diejenigen, die eigentlich in einem Berufskontext lernen sollten. Sie bearbeiten Einzelteile, ohne das große Ganze zu sehen. Sie erhalten keine strukturierte Anleitung und keine echte Feedback-Schleife. Was früher ein gesteuerter Lernprozess war, wird zu einer Abfolge isolierter Miniaufgaben.
Das ist kein Fortschritt, sondern Blendwerk. Hier wird Macht missbraucht, alte Erfahrung verbraucht und keine neue systematisch aufgebaut. Die Produktivität steigt kurzfristig auf dem Papier, zugleich werden die Grundlagen für die Zukunft zerstört.
Vokabelnotiz
le court-termisme — das Quartalsdenken, die Quartalsdenke
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Grafik: pixlr.com (Zufallsfund)

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