Dienstag, 21. April 2026

Mediendolmetschen (9)

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beits­welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin. Wie wir Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­zer ar­bei­ten, ist oft nicht so ge­nau be­kannt. Des­halb schreibe ich hier im 20. Jahr.

Die An­fra­ge muss ich zwei­mal le­sen: Fünf Stun­den Si­mul­tan­dol­met­schen, ver­teilt auf drei Ta­ge, Dreh in Mar­seil­le, Ge­samt­ho­no­rar: 350 Eu­ro. Vor­aus­set­zung: vor Ort le­ben und Zeit ha­ben, am bes­ten noch ein Au­to ha­ben, denn auch ei­ne Fah­re­rin oder ein Fah­rer feh­len noch im Team. Ob ich je­man­den ver­mit­teln kön­ne, viel­leicht ei­ne frü­he­re Stu­den­tin?

Kopf als Graffiti an der Wand (mit Technik?)
Ein Kopf oh­ne Mund, oder? Dafür mit Au­ge, Na­se und Ohr.
Das ist kein Ho­no­rar, das ist ei­ne Ent­schei­dung: Hier wer­den keine Pro­fis ge­sucht, son­dern Lai­en. Ja, es gibt be­gab­te Lai­en. Aber wer un­ter die­sen Um­stän­den ei­nen sol­chen Auf­trag zu­sagt, ist wahr­schein­lich neu da­bei und ahnt nicht, was pas­sie­ren kann, oder ihm/ihr ist Do­ku­men­tar­film ei­gent­lich egal.

Aber beim Me­di­en­dol­met­schen geht es nicht um „ir­gend­wie ver­ständ­lich". 

Da ist das Setting: Je­mand führt ein Ge­spräch, das zur Grund­la­ge ei­nes Films wer­den oder darin et­was Wich­ti­ges il­lus­trie­ren soll. Es wer­den Fra­gen ge­stellt, die Re­gie muss die Ant­wort hö­ren. Nicht spä­ter im Schnitt, nicht ent­stel­lend oder ver­kürzt zu­sam­men­ge­fasst, son­dern live (oder leicht zeit­ver­setzt). Das ist die Vor­aus­set­zung für ei­nen ech­ten Dia­log vor der Ka­me­ra, nur so kann nach­ge­hakt und der Fa­den ge­hal­ten wer­den oder die Rich­tung ge­än­dert. Nur so ent­steht Ma­te­ri­al für den Schnei­de­raum. Das, soll­te al­les schief­ge­hen, nicht oder kaum ver­wen­det wer­den kann.

Im Detail geht es um gan­ze Sät­ze, um Ein­deu­tig­keit und da­rum, sowas wie „ja, durch­aus, wie ich vor­hin schon ge­sagt ha­be ..." zu ver­mei­den.

Bei­de Spra­chen ei­ni­ger­ma­ßen zu be­herr­schen, ist die ei­ne Sa­che. Von ei­nem Idi­om ins näch­ste zu über­tra­gen, die an­de­re. Der fran­zö­si­sche Fah­rer mit deut­scher Frau macht das pri­vat. Die Stu­den­tin im Grund­stu­di­um, die seit ei­nem Se­mes­ter in Mar­seil­le lebt, über­trägt manch­mal noch im Kopf. Das reicht für pri­va­te Si­tua­tio­nen. Aber über vie­le Mi­nu­ten und Stun­den kon­zen­triert zu­zu­hö­ren und dann auch noch die In­hal­te sau­ber zu über­tra­gen, ist noch ein­mal et­was ganz an­de­res.

Ein­schub: Von je­nen, die Dol­met­schen stu­die­ren möch­ten, wer­den nicht al­le an­ge­nom­men, und nicht al­le blei­ben im Stu­di­um da­bei. Von je­nen, die sich spä­ter am Markt ver­su­chen, schei­den vie­le rasch wie­der aus. Es blei­ben je­ne, die da­mit klar­kom­men, stän­dig im Wech­sel Sprints zu lau­fen und dann ak­tiv zu pau­sie­ren, nur zu­zu­hö­ren ... und das auf ei­ner Ma­ra­thon­stre­cke. Ei­ne Ar­beit, die wir über Jah­re trai­nie­ren. Ein­schub­en­de.

Bei si­mul­ta­nem Dol­met­schen gilt: Lai­en schaf­fen in der Re­gel fünf Mi­nu­ten, dann lie­fern sie 50 oder 20 Pro­zent des Ge­sag­ten. Die Kur­ve ist in­di­vi­du­ell. Wie lan­ge bleibt die Über­tra­gung ak­ku­rat, wenn die Sät­ze län­ger wer­den, wenn je­mand ab­bricht, neu an­setzt, sich wi­der­spricht? Wann kippt es von „passt schon" in „ir­gend­wie"?

Bei kon­se­ku­ti­vem Dol­met­schen wird es auch nicht leich­ter: ei­ne Über­tra­gung, die zu früh kommt, liegt auf dem Ori­gi­nal­ton. Ei­ne, die zu spät kommt, macht al­le ner­vös und nimmt dem Red­ner den Flow des Ge­sprächs. Auch hier lie­fern Über­tra­gun­gen mit vie­len Lö­chern we­nig An­satz­punk­te für Rück­fra­gen.

Bei sol­chen Set­tings kann meis­tens nur der Fra­ge­zet­tel ab­ge­ar­bei­tet wer­den. Ein ech­tes Ge­spräch kommt nicht zu­stan­de. Wi­der­sprü­che, bei de­nen so­fort nach­zu­fra­gen ge­we­sen wä­re, zei­gen sich erst spä­ter schmerz­lich im Schnitt.

Schon bei der Ar­beit merkt auch das Team, dass et­was fehlt. Die Per­son an der Ka­me­ra merkt es zu­erst. Sie weiß nicht mehr, wann ein be­son­de­rer Mo­ment ent­steht, wann sich ein Blick lohnt, wann gleich et­was pas­siert. Sie filmt ins Un­ge­fäh­re. Die Ton­tech­nik läuft mit, aber sie weiß nicht, ob sie ge­ra­de ei­nen Ge­dan­ken ver­liert oder nur ei­ne Pau­se auf­nimmt. Das gan­ze Set ar­bei­tet oh­ne si­che­ren Bo­den.

Ich den­ke an man­chen Fi­nanz­men­schen in der Film­pro­duk­ti­on, der so tut, als lie­ße sich Ver­ste­hen spä­ter nach­lie­fern. Ge­sprä­che, ein mensch­li­cher „Draht", Wahr­haf­tig­keit und auch über­ra­schen­de Mo­men­te ent­ste­hen aber vor Ort im In­ter­view, im Au­gen­blick und nicht im Schnei­de­raum. Wir Pro­fi­dol­met­scher:in­nen er­mög­li­chen frei­en Aus­tausch oh­ne Sprach­bar­rie­ren, kein Ab­ar­bei­ten ei­ner Fra­ge­lis­te, kein Sto­chen im Ne­bel oder Flu­chen über Un­ge­nau­ig­kei­ten oder hal­be Sät­ze oder die­se „rie­si­ge Dis­tanz" zur in­ter­view­ten Per­son.

Was im Schnitt fehlt, fehlt. Und die Film­pro­duk­ti­on wird es spä­ter be­zah­len. Was ein­ge­spart wur­de, wan­dert in die Mehr­kos­ten in der Post­pro­duk­ti­on. Dort zahlt auch die Re­gie mit Herz­blut, weil die In­ter­view­ten nicht das Er­hoff­te „brin­gen". Schließ­lich kos­tet die Im­pro­vi­sa­ti­on den Film auch Qua­li­tät. Lei­der lässt sich das in der Film­kal­ku­la­ti­on nicht be­zif­fern.

Und ob­wohl die KI hier nicht er­wähnt wur­de, so schweb­te sie als be­droh­li­ches Ar­gu­ment über der Sze­ne­rie, um den Preis zu drüc­ken. Aber die KI kann's nicht. Ih­re an­geb­lich ho­hen „Er­folgs­ra­ten“ aus der Wer­bung wur­den im La­bor nach lan­gen Trai­nings er­reicht, da­zu mor­gen mehr. In der Pra­xis schafft sie, Be­ob­acht­un­gen nicht nur von Pro­fis zu­fol­ge, um die 50 Pro­zent, und ne­ben Lüc­ken kommt es zu viel­leicht 20 Pro­zent er­fun­de­nem KI-Schwur­bel. Na dann, viel Glück beim Sor­tie­ren und viel Spaß!

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Fo­to:
C.E. (Ar­chiv)

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