Willkommen bei meinem Blog aus der Arbeitswelt der Sprachen. Ich bin Konferenzdolmetscherin. Wie wir Dolmetscherinnen und Übersetzer arbeiten, ist oft nicht so genau bekannt. Deshalb schreibe ich hier im 20. Jahr.
Die Anfrage muss ich zweimal lesen: Fünf Stunden Simultandolmetschen, verteilt auf drei Tage, Dreh in Marseille, Gesamthonorar: 350 Euro. Voraussetzung: vor Ort leben und Zeit haben, am besten noch ein Auto haben, denn auch eine Fahrerin oder ein Fahrer fehlen noch im Team. Ob ich jemanden vermitteln könne, vielleicht eine frühere Studentin?
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| Ein Kopf ohne Mund, oder? Dafür mit Auge, Nase und Ohr. |
Aber beim Mediendolmetschen geht es nicht um „irgendwie verständlich".
Da ist das Setting: Jemand führt ein Gespräch, das zur Grundlage eines Films werden oder darin etwas Wichtiges illustrieren soll. Es werden Fragen gestellt, die Regie muss die Antwort hören. Nicht später im Schnitt, nicht entstellend oder verkürzt zusammengefasst, sondern live (oder leicht zeitversetzt). Das ist die Voraussetzung für einen echten Dialog vor der Kamera, nur so kann nachgehakt und der Faden gehalten werden oder die Richtung geändert. Nur so entsteht Material für den Schneideraum. Das, sollte alles schiefgehen, nicht oder kaum verwendet werden kann.
Im Detail geht es um ganze Sätze, um Eindeutigkeit und darum, sowas wie „ja, durchaus, wie ich vorhin schon gesagt habe ..." zu vermeiden.
Beide Sprachen einigermaßen zu beherrschen, ist die eine Sache. Von einem Idiom ins nächste zu übertragen, die andere. Der französische Fahrer mit deutscher Frau macht das privat. Die Studentin im Grundstudium, die seit einem Semester in Marseille lebt, überträgt manchmal noch im Kopf. Das reicht für private Situationen. Aber über viele Minuten und Stunden konzentriert zuzuhören und dann auch noch die Inhalte sauber zu übertragen, ist noch einmal etwas ganz anderes.
Einschub: Von jenen, die Dolmetschen studieren möchten, werden nicht alle angenommen, und nicht alle bleiben im Studium dabei. Von jenen, die sich später am Markt versuchen, scheiden viele rasch wieder aus. Es bleiben jene, die damit klarkommen, ständig im Wechsel Sprints zu laufen und dann aktiv zu pausieren, nur zuzuhören ... und das auf einer Marathonstrecke. Eine Arbeit, die wir über Jahre trainieren. Einschubende.
Bei simultanem Dolmetschen gilt: Laien schaffen in der Regel fünf Minuten, dann liefern sie 50 oder 20 Prozent des Gesagten. Die Kurve ist individuell. Wie lange bleibt die Übertragung akkurat, wenn die Sätze länger werden, wenn jemand abbricht, neu ansetzt, sich widerspricht? Wann kippt es von „passt schon" in „irgendwie"?
Bei konsekutivem Dolmetschen wird es auch nicht leichter: eine Übertragung, die zu früh kommt, liegt auf dem Originalton. Eine, die zu spät kommt, macht alle nervös und nimmt dem Redner den Flow des Gesprächs. Auch hier liefern Übertragungen mit vielen Löchern wenig Ansatzpunkte für Rückfragen.
Bei solchen Settings kann meistens nur der Fragezettel abgearbeitet werden. Ein echtes Gespräch kommt nicht zustande. Widersprüche, bei denen sofort nachzufragen gewesen wäre, zeigen sich erst später schmerzlich im Schnitt.
Schon bei der Arbeit merkt auch das Team, dass etwas fehlt. Die Person an der Kamera merkt es zuerst. Sie weiß nicht mehr, wann ein besonderer Moment entsteht, wann sich ein Blick lohnt, wann gleich etwas passiert. Sie filmt ins Ungefähre. Die Tontechnik läuft mit, aber sie weiß nicht, ob sie gerade einen Gedanken verliert oder nur eine Pause aufnimmt. Das ganze Set arbeitet ohne sicheren Boden.
Ich denke an manchen Finanzmenschen in der Filmproduktion, der so tut, als ließe sich Verstehen später nachliefern. Gespräche, ein menschlicher „Draht", Wahrhaftigkeit und auch überraschende Momente entstehen aber vor Ort im Interview, im Augenblick und nicht im Schneideraum. Wir Profidolmetscher:innen ermöglichen freien Austausch ohne Sprachbarrieren, kein Abarbeiten einer Frageliste, kein Stochen im Nebel oder Fluchen über Ungenauigkeiten oder halbe Sätze oder diese „riesige Distanz" zur interviewten Person.
Was im Schnitt fehlt, fehlt. Und die Filmproduktion wird es später bezahlen. Was eingespart wurde, wandert in die Mehrkosten in der Postproduktion. Dort zahlt auch die Regie mit Herzblut, weil die Interviewten nicht das Erhoffte „bringen". Schließlich kostet die Improvisation den Film auch Qualität. Leider lässt sich das in der Filmkalkulation nicht beziffern.
Und obwohl die KI hier nicht erwähnt wurde, so schwebte sie als bedrohliches Argument über der Szenerie, um den Preis zu drücken. Aber die KI kann's nicht. Ihre angeblich hohen „Erfolgsraten“ aus der Werbung wurden im Labor nach langen Trainings erreicht, dazu morgen mehr. In der Praxis schafft sie, Beobachtungen nicht nur von Profis zufolge, um die 50 Prozent, und neben Lücken kommt es zu vielleicht 20 Prozent erfundenem KI-Schwurbel. Na dann, viel Glück beim Sortieren und viel Spaß!
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Foto: C.E. (Archiv)

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