Montag, 29. Dezember 2008

Nicht maulfaul, oder: Dialektik à la française

Schon als Studentin war ich nicht maulfaul. Als ich einst nach Frankreich zum Studium zog - holla, ein solcher Textanfang macht mich schlagartig viel älter - stand die gegenseitige Ankerkennung von Studienleistungen und Abschlüssen noch in den Sternen.

Damals musste ich die Zwischenprüfung in Deutschland nochmal machen, meinen Eltern hätte das Amt sonst das Kindergeld gestrichen, und das brauchte ich für die hohen Lebenshaltungskosten dort. Es war lange vor Erasmus (ich sag's ja, viiiel älter) und anderen Förderprogrammen für den akademischen Nachwuchs, die allerdings, diesen Eindruck vermittelt nicht nur der Film "L'Auberge espagnole" von Cédric Klapisch, den akademischen Nachwuchs Europas vor allem im Feiern einander näher bringen.

So war ich damals eine der wenigen, die aus eigenem Antrieb in Frankreich studierten. Und die immer gleich auch ein wenig auf Krawall gebürstet war, wenn uns im Unterricht zum Beispiel beigebracht werden sollte, dass die Franzosen gänzlich und allein 1895 in Paris das Kino erfunden hätten: Es war am 28. Dezember nämlichen Jahres, als die Gebrüder Lumière in der Nähe der Oper die erste öffentliche, mit Eintritt zu entlohnende Filmvorführung veranstaltet hatten.

In einer Klausur schrieb ich denn auch von den Gebrüdern Skladanowsky aus Berlin, die zeitgleich Ähnliches entwickelt und im Rahmen eines Variété-Programmes schon im November des gleichen Jahres vor zahlendem Publikum ihre laufenden Bilder vorgeführt hatten ... derlei gab es damals auch in den USA, in England, Österreich, mit unterschiedlicher Technik, Guckkästen, oder einer Leinwand. (Die Diskussion der doppelten Gebrüder wurde in den Dreißigerjahren hochnotpeinlich in politischen Streits zwischen 'meinen' beiden Ländern geführt und den jeweiligen Interessen entsprechend funktionalisiert.)

Bei der Rückgabe der Klausuren gab es dann noch allgemeine Trimesterkritik, die auch immer einen Aspekt Selbstkritik der Studenten beinhaltete. Mich beschlich unterdes das sichere Gefühl, mit meinem interkulturellen filmgschichtlichen Ansatz nicht wirklich gepunktet zu haben (sollte er doch von anderen Wissenslücken ablenken) - und ich entschied mich daher für einen Gegenangriff. Zunächst lieferte ich eine kurze Rückschau auf mein Referat, das in der Tat mehr wie ein didaktisches Konzept ausgefallen war, denn ich hatte keine Lust auf einfaches Runterbeten der Fakten gehabt. Dann hob ich meine Diskussionsbeiträge hervor. Hier wäre der Moment gewesen, auch ein wenig in Selbstkritik zu verfallen, denn manches Mal hatte ich einfach nur geblufft und mit gezielten Rückfragen mehr Eindruck geschunden, als Substanz vorhanden gewesen war. Anstatt nun aber meine Schwächen zu betonen, fing ich an, das Konzept des Seminars zu kritisieren - und damit den Lehrkörper. Ich stellte fest, mit seinen Hauptargumenten der über ein Trimester geführten Diskussion nicht einverstanden gewesen zu sein, kritisierte methodische Schwächen, zeigte angrenzende Fragestellungen auf ... und führte weiter aus, bis der Dozent meine Analyse unterbrach, sich bedankte, und mir offenbar eine so gute mündliche Note gab, dass ich die beste Gesamtnote des Seminars bekam.

Kurz: Wer dialektisch was auf dem Kasten hat, darf in Frankreich selbst Nationalheiligtümer infrage stellen. Selbst, wenn die Aktion eigentlich nur ein Ablenkungsmanöver war ...

Kommentare:

Vega hat gesagt…

Hi Caro,

'nen guten Rutsch will ich Dir wünschen, im Kreise Deiner Lieben, oder wo feiert Ihr?
Dein 'dialektischer' Artikel ist übrigens ein wenig gewagt, erst dachte ich mir, uiui, ist die heute uneitel, dann merkte ich, wie sehr Du Dich selbst in die Pfanne haust mit Deinen "Überspielmanövern" und der großen Klappe ...
Dich möchte ich auf keinen Fall als Studentin haben! Und dass Du in Frankreich damit punkten konntest, glaub ich sofort!
Wir sind in G. bei der Oma. Und freuen uns auf baldiges Wiedersehen!!

Grüßle!
Die Bine

caro_berlin hat gesagt…

Ja, sich selbst elegant und dialektisch selbst zu verballhornen ist Teil französischer Redekunst. Da darf man dann sogar den letzten Satz haben. Und diesen Satz hier schreibe ich ja nur, damit dieser falsche Hinweis "1 Kommentare" endlich zurecht sein Plural hat ;-)