Bonjour und hallo auf meinen Blogseiten aus der Arbeitswelt der Sprachen! Wie wir arbeiten, ist oft nicht so genau bekannt. Zum Dolmetschen auf Konferenzen gehört auch, dass wir ständig unsere Kenntnisse erweitern, Arbeitsfelder im Blick behalten, aber auch die wirtschaftliche Situation und der Umgang mit uns. Wir sind auf einem Tiefpunkt angelangt.
Eigentlich hatte ich gerade meinen eigenen Feiertag: Dieser Blog besteht gestern seit 19 Jahren! Er entstand auf der Berlinale in einer Zeit, als es noch „das Blog“ hieß. Damals Pionierin, bin ich heute eine der letzten Mohikaner:innen ;-) …
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| Geburtstagskuchen für einen Blog |
Und wie alle x Jahre stelle ich mir auch heute die Frage: weitermachen oder aufhören? [Das Zwanzigste geb' ich mir noch!]
Traurige Beobachtung: Die Entprofessionalisierung des Dolmetschberufs schreitet munter voran. Grundsätzlich kommt der Niedergang von außen. Die vermeintliche Lingua Franca, das „Globish“, hat ihren Anteil daran.
Die Krise verflacht die Diskurse.
Das zweite Problem ist die Technik: Die KI mit ihren „Wunderlösungen“ scheitert oft grandios, dann werden rasch Englischteams zusammengesucht, auch und besonders bei laufenden Konferenzen, um ein tragfähiges Minimalangebot sicherzustellen. Englisch ist auch die Redundanz, wenn das Preisdumping dazu geführt hat, dass die einbestellten (Un)Kolleginnen, die da mitmachen, nicht ausreichend qualifiziert sind.
Denn zu den Dolmetschfähigkeiten hinzu sind hier viele Kenntnisse gefragt, und zwar gleich aus mehreren Bereichen der Filmherstellung, von der Stoffentwicklung über die Teambildung, die Kameraarbeit (Auflösung, Einstellungsgrößen, Blendenwerte), Fragen von Schnitt, Software, Endfertigung, aber auch Dramaturgie, Ästhetik, Ausstattung, … ich weiß nicht, wie viele tausend Wörter das sind. Ich habe sie gelernt in der Produktions- und Regieassistenz, die ich als recherchierende Journalisten jahrelang neben der fremdsprachigen Betreuung von Drehs in Frankreich oder französischen Drehs in Deutschland gemacht habe, parallel dazu 20 + Jahre auf der Berlinale.
Und sogar mir fehlen manchmal noch Detailbegriffe, weil sich die Filmherstellung durch die Technik ständig verändert, bzw. ich frische jedes Jahr auf.
Wenn, weil das Dolmetschen nicht „fließt“, die Teams dann auf Englisch weitermachen, weil die Interviews 20 Minuten lang sind, kann ich das gut verstehen. Die Dolmetscherin denkt: Sie können gut genug Englisch, sie sprechen jetzt in ihrer Wunschsprache. Die Kreativen denken: Schade, dass diese Dolmetscherin das Wissen nicht hat. Die Presseagentur denkt: Das nächste Mal sparen wir den Posten „Sprachmittlung“, wenn die sich auf Englisch gut behelfen können.
Als Redundanz von „KI-Dolmetsch-Desaster“ und von schlechtem Dolmetschen, weil Preisdumping und Fehleinschätzung („Ich gehe oft ins Kino, kenne mich aus, und ist ja ‚nur‘ Kultur“), ist in beiden Fällen Englisch die vermeintliche Universalsprache. Doch die Details gehen dabei zu oft flöten. Und die Stimme ist ein wesentlicher Teil des Körperlichen, daher lieben echte Cinéasten ja Untertitel. Warum müssen sich die Kreativen jetzt unbedingt alle auf „Globish“ selbst „synchronisieren“, um es mal salopp zu sagen?
Ich rufe hiermit den Wunsch in den großen Raum hinein: Besinnt Euch auf die kulturellen Feinheiten! Sprache, gesprochene Sprache, Untertitel, das Artwork mit Buchstaben drauf (Presseheft, aber auch im Vorfeld: Projektmappe zur Einreichung) sind Eure Visitenkarten und die Visitenkarten des Films. Und damit auch Teil seiner künstlerischen und wirtschaftlichen Wirkung. Ihr druckt das doch auch nicht auf Klopapier, oder?
In der Industrie kehren gerade die ersten Kund:innen zurück. Da in den letzten Jahren viele aus dem Beruf geflohen sind, können wir demnächst die Preise selbst bestimmen.
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Foto: C.E.

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