Mittwoch, 3. Dezember 2008

Gegen den Text stellen

Auch bei Sprachdienstleistungen greift es um sich - das Übel der modernen Zeit. Nein, ich schreibe hier nicht über automatische Übersetzung, der ich die Überschrift verdanke — ich nahm die Zeile "Warnung vor dem Text" und schickte sie via "babelfish" einmal ins Französische und zurück (Zwischenschritt: "mettre contre le texte".)

Ich möchte ein paar Zeilen über das Praktikantenunwesen loswerden. Sprache ist empfindliches Gut, derlei lässt sich nicht sicher von einem in den anderen Sprachraum bringen, ohne, dass der Transporteur erfahren ist. Das "Medium" ist da weniger wichtig, also ob gedolmetscht oder übersetzt wird, es kommt stets auf Erfahrung und Sorgfalt an. Oder erwarten Sie von ihrem Anwalt, dass statt seiner der Praktikant die Schriftsätze verfasst? Wohl kaum.

Einige Blüten möchten wir Ihnen zum Unterstreichen des Gesagten dennoch nicht vorenthalten:

"les filles marchaient le long du trait" für "die Mädchen gingen auf den Strich", also "die Mädchen gingen eine Linie entlang" statt: "sie prostituierten sich"

— "Blutsbande" wurde mit "pansement pour l'enfance" "übersetzt" ("Verband für die Kindheit"? Ich verstehe nicht mal, was auf Französisch gemeint sein soll, auf Deutsch geht es um Blutsverwandtschaft)

"Depuis Tourneur et Tonnelier, les Français ne se sont plus intéressés au cinéma allemand" - "Seit Wenders und Fassbinder haben sich die Franzosen nicht mehr für das deutsche Kino interessiert"

Das erste Beispiel stammt aus einem Film. Die ganze 'Übertragung' des Films hat eine Kollegin zwei Tage und Nächte lang Nerven in einer Rettungsaktion gekostet. Das zweite Beispiel stammt aus einem Festivalkatalog und wurde leider vor kurzem genau so abgedruckt. Das dritte Beispiel stammt vom gleichen Festival, wurde aber, als nämliches Festival vor einigen Jahren noch professioneller seine Abläufe kontrollierte, vor Drucklegung 'entdeckt'.

Manchmal denke ich, wir Profis sollten "die Chose" einfach mal "sausen lassen", wenn allenthalben (und vor allem in sogenannten "Kulturbetrieben") die Praktis derart missbraucht werden. Denn diese tun sich selbst keinen Gefallen, machen sie sich doch den Anschlussjob selbst kaputt. Und wir mit Erfahrung zahlen mit Nachtschichten drauf und schlechter Laune, weil die Aufräumarbeit in keinem Verhältnis zum Honorar steht. Da müssen wir uns ganz einfach "gegen den Text stellen" bzw. gegen die Unkultur der Praktikantenausbeutung - auf dass unsere Arbeit wieder anerkannt werde.

Aber dazu brauchen wir uns fast nicht zu verabreden, siehe zweites Beispiel. Die hoch subventionierten Kultureinrichtungen, die "sparen" müssen, demontierten sich mit derlei Dilettantismus ja bereits selbst.

Kommentare:

André hat gesagt…

Das einzig Gute daran: Wenn sie auf einen als Retter zurückfallen müssen, bleiben sie dann meist bei einem und zahlen auch, statt sich sowas nochmal anzutun.

caro_berlin hat gesagt…

Hallo André,
das hier wiederholt erwähnte Festival hatte sich damals für meine erwiesenen und dokumentierten Rettungsmaßnahmen leider nicht dankbar gezeigt. Grund waren Budgetfragen, über denen manch' eine(r) seine (ihre) Kinderstube vergaß.

Das allen ins Stammbuch, die "was mit Film machen" möchten: Hier herrscht nicht selten Hauen und Stechen, und an machen Stellen geht's schon lange nicht mehr um Qualität. Leider.

Gruß, C.E.