Neulich bei einem Berlinaleempfang (bei dem ich aus Gründen wohl ausgeladen wurde): Die KI lieferte „Untertitel“ zu einer live gehaltenen Rede und der Auswurf der Maschine war voller Fehler und Peinlichkeiten. Aber irgendwie hat niemand richtig hingesehen. Wer wird schon jene kritisieren, die einen generös zum Essen oder auf Kaffee und Kuchen einladen?
Im Nachhinein befragte Leute meinten sinngemäß und nicht ohne Schmunzeln: „Wir kennen die Reden von G. bereits, und die Gemeinplätze bei solchen Anlässen beherrscht die Maschine meistens gut.“ Dass aus Arte prompt „Arty“ wird, liest sich wie eine Petitesse. Dabei hat niemand auf dem Schirm, dass „Arty“ noch schneller zu „Darty“ wird, der britische Haushaltsgerätehändler, der neuerdings Berlinale-Empfänge sponsert. Na, prima!
Und nein, die KI kann nicht dolmetschen, LLMs können es nicht, und selbst wenn, wäre es gefährlich für die Demokratie, alles partout auslagern zu wollen. Warum sollten sich Sprachunkundige mit 80 Prozent des gesprochenen Worts (oft in falscher Reihenfolge, d.h. mit falschen Bezügen) zufriedengeben, garniert mit 20 Prozent Volatilem: Leerstellen, von der KI Erfundenem oder eben Arty.
Warum sollen wir möglicherweise auch strategische Informationen den großen Datenkraken anvertrauen? Warum sollen wir die Gelder, die sonst Menschen in Europa zugeflossen sind (und die als Kaufkraft und Steuern hier verblieben sind), den Tech-Giganten (vor allem in Übersee) zuspielen, die aus Geldüberfluss und Selbstüberschätzung die Demontage der westlichen Welt finanzieren?
Dolmetschen ist Vertrauensarbeit, und noch nie ist eine Dolmetscherin, ein Dolmetscher, fertig vom Himmel gefallen. Die vermeintlich „einfachen“ Einsätze mit ihren Tischreden, Höflichkeiten und Gemeinplätzen sind für den Nachwuchs ein Übungsfeld, um mit Lampenfieber zurechtzukommen, und sie entschädigen auch uns Gestandene für andere Einsätze, bei denen oft die (nicht vergütete) Vorbereitung sehr aufwändig ist, also in Summe gnadenlos unterbezahlt.
Die Sache mit den „alternativlosen“ KI-„Übersetzern“ ist also nicht modern und effizient, sondern technikverliebt, unzulänglich und demokratiefeindlich. Die KI übernimmt auch keine Verantwortung, nicht für ihre Ergebnisse, nicht für eventuell nötige Reparaturkosten. Die KI ist im wahrsten Wortsinne verantwortungslos. Nicht mehr und nicht weniger.
Die sogenannte KI ist nur künstlich, aber keine Intelligenz. Das große, wasser- und energieverschlingende System ist das nichts anderes als ein enormes Auto complete. Sie kennen das vom Handy, wo wie von Geisterhand Wörter fertiggeschrieben werden, die oft genug falsch sind oder beim Tippen selbst nervtötend immer wieder Begriffe „fehlkorrigieren“. Einer nannte die KI mal auto complete on speed, eine gedopte automatische Wortvervollständigung.
Und die KI ist derzeit ein beliebtes Spielfeld für Investor:innen. Eine enorme Blase hat sich gebildet, die demnächst laut platzen wird. Warnung an die Politik: Haut sie nicht raus auf Kosten aller. Es haben genügend Wissenschaftlerinnen und Programmierer gewarnt.
Die gekoppelten Maschinen können nicht denken, daher fehlen oft Sinnzusammenhänge, die über das Satzende hinausgehen. Die KI verarbeitet Zeichenketten, reproduziert bekannte Muster. Daher „kann“ sie oft Gemeinplätze, versagt aber besonders bei Neuem und Außergewöhnlichem, was ja die Gründe fürs Ausrichten von Konferenzen überhaupt sind.
Die KI weiß nichts von Sprechabsichten, die KI denkt oft auch nicht über den Punkt hinaus. Natürlich lässt sich viel verbessern mit guten Briefings und Hintergrundinfos. Aber wollen Sie tatsächlich eine Mitarbeiterin/einen Mitarbeiter tagelang Prompts üben lassen, eine Technikbude teuer bezahlen und am Ende drohen Peinlichkeiten?
Die KI „rechnet“ zudem nicht mit der Fehleranfälligkeit der Menschen, mit Nuscheln, Dialekten, körperlichen Besonderheiten, Fehlbetonungen, vertauschten Wörtern oder lapsus linguae.
Als Zuschauer:in kennen Sie die „Fehllesungen“ und Fehlleistungen von automatisch generierten Untertiteln, wie sie bei YouTube, aber auch anderen Anbietern, sogar teuer bezahlten, an der Tagesordnung sind (ich sage nur Netflix). Wenn mangelhafter Krempel dann weiterübertragen wird, werden die Fehler fortgeschrieben. Am Ende kommt stellenweise grober Doppelmurks heraus, und wenn der Text noch in ein System Text to voice hineingegeben wird, haben wir das nächste Einfallstor für Fehler und die Vergrößerung der Bestehenden. Und der Murks der einen KI, ihr Auswurf, wird von der anderen KI dann als „neues“ Trainingsmaterial verstoffwechselt.
Ein durch die KI erzeugter Tippfehler im Untertitel, der auf dem durchschnittlichen Monitor weniger als einen Zentimeter groß ist, erreicht auf der Leinwand (abhängig von deren Format, of course) dann Maße zwischen Handteller und Schullineal. Er fällt also auf.
Hier als Rausschmeißer noch eine lustige Frage und, *räusper*, wohlfeil untermauerte Antworten. Helau! (Ach nee, heute ist ja Aschermittwoch.)
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Grafik: ChatGPT

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