Heute früh flattert mir eine Absage zu einem meiner Kostenanschläge in den digitalen Briefkasten. Ich hake nach. Die Antwort: Man habe sich für eine Firma entschieden, die KI-Dolmetschen anbietet.
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| Überwiegend Schlipsträger |
Wenn die Statistik angibt, dass 80 Prozent der Begriffe von der KI übertragen werden, so jedenfalls werben die Anbieterfirmen, fragen wir Linguist:innen: Stimmt die Reihenfolge der Wörter? Das ist wichtig, denn eine falsche Reihenfolge kann die Aussage komplett verändern.
Und was ist mit den verbleibenden 20 Prozent? Sind das Fehlgriffe, Halluzinationen oder einfach nur Pausen?
Solcher Murks kostet Geld. Einen unserer Kunden, er ist Landmaschinenhersteller, hat das schon mehrere hunderttausend Euro gekostet. Solche Informationen stehen leider nicht in der Zeitung, sie sind hochnotpeinlich.
Der Grund für den Mist, den die Maschine oft baut, ist rasch erklärt: Menschen verhalten sich nur sehr selten so, wie es für die KI ideal wäre. Was bieten die Techniknerds an? Bei "Dolmetschen" ohne Menschen werden mehrere KI-Tools hintereinandergeschaltet: Voice to text, text to text, text to voice. Wer einmal erlebt hat, wie Details in der KI-Verarbeitung verschwimmen, kann sich vorstellen, welche "Stille Post"-Effekte da möglich sind. Den Profis vor der Kabine (die Kasse machen wollen,) ist das egal. Wir Profis aus der Kabine (die wir wirklich wissen, wie Dolmetschen geht,) warnen.
Menschen kommunizieren zu chaotisch, machen Fehler, verhaspeln sich, steuern mitten im Satz auf ein anderes Satzende zu, nutzen in ihrer Redundanz manchmal ein vermeintliches Synonym, was die Technik dann "auf die falsche Fährte" bringt. (Mehr Fehlermomente stehen hier: klick.)
Denn die KI ist weit davon entfernt, Aufgaben zu beherrschen, die über einfache Fragen nach dem Befinden des anderen oder einer Wegbeschreibung hinausgehen. Ich ergänze: Stereotypische, trainierte, vorgegebene Inhalte "kann" sie auch. Nun geht es bei 99 Prozent der Veranstaltungen einmal um das Neue, Besondere ... und um den Austausch. Bei Rückfragen scheitert die KI zuverlässig.
Wie fehlerbehaftet spontane Kommunikation sein kann, und sei es nur durch spontanen Wechsel der Sprache, habe ich gestern in einem Blogpost geschrieben (Link). Missverständnisse liefern Menschen schon allein gut genug.
Beim gestern beschriebenen Termin ging es in einer Runde um Landwirtschaft, Viehzucht, Biolandbau und Düngemittel, also auch um Inflation. Am Rande wurden neue, noch nicht von Bio-Labels anerkannte Methoden besprochen.
Wir saßen alle gemeinsam im Raum, wir dolmetschten halb konsekutiv, halb simultan (mit mobiler Dolmetschanlage). Der Teilnehmer aus Frankreich hat mal in Berlin gelebt. Er hat ein Wort aus dem Munde des Gegenübers aufgeschnappt, falsch verstanden und es dann halblaut selbst übertragen, in den Wortstrom der Dolmetscherin hinein. Der Brite vis-à-vis des Tisches hat das Wort kurz als Schimpfwort aufgefasst ... und anschließend selbst beim französischen Kollegen genau hingehört, bis er glaubte, ein Wort zu erkennen, und er sich damit geistig beschäftigt hat, statt weiter seiner Dolmetscherin zuzuhören.
Die Herren (die Kunden waren Männer und Frauen haben gedolmetscht) waren nicht misstrauisch, die Szene spiegelt schlicht den Alltag. Wenn wir Dolmetscherinnen mit im Raum sitzen und eigentlich Konsekutivdolmetschen gewünscht ist, in die Pausen hinein, können solche Momente leicht entstehen, aber auch beim Simultandolmetschen. Denn bei drei Sprachen an einem Tisch waren wir mit Technik zur Sitzung erschienen, die für einen Abendtermin ohnehin gebucht war.
Wir Spracharbeiter:innen durften dann das linguistische Tohuwabohu entwirren. Es hat geklappt. Alle haben gelacht. Es wurde ein ausgesprochen harmonischer Termin. Die KI wäre an den menschlichen Fehlern gescheitert. Denn sie ist oft genug ausreichend damit beschäftigt, eigene Fehler zu machen.
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Foto: C.E. (Archiv)

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