Dienstag, 30. Dezember 2008

Heiner Müller

Willkommen auf den Blogseiten einer Spracharbeiterin. Ich dolmetsche und über­setze, meine Arbeitssprachen sind Französisch und Englisch (passiv). 

Als Dolmetscherin treffe ich regelmäßig auf Promis. Einige Erinnerungen habe ich an den Theatermann Heiner Müller, der heute vor 13 Jahren starb, und seine sub­ti­le Art der Anmache. Ich war in Paris einige Male seine Dolmetscherin, und wir hatten ein sehr freundschaftlich-distanziertes Verhältnis.

Einmal hat er sich mit mir zum Stadtbummel in Paris verabredet, es war 1988, damals wurde vom Théâtre de Bobigny die französische Premiere von "Wo­lo­ko­lams­ker Chaussee" vorbereitet. Treffpunkt war die U-Bahn-Station "Stalingrad", Hoch­bahn, Rich­tung soundoso, oben auf dem Bahnsteig. Ich kam an, da wartete er schon. Wir nahmen gleich die nächste Bahn und fuhren weiter.

Zur Metro-Station "Stalingrad" zu kommen war für mich ein kleiner Umweg gewesen. Für ihn offenbar auch. Irgendwann fragte ich ihn, was er zuvor denn dort gemacht habe. "Nichts!", sagte er, "aber ich wollte mich schon immer mal mit einer jungen Dame in Stalingrad verabreden."

Krawumms, so war er mit seiner schrägen Verbindung von Charme, Direktheit und Weltgeschichte.

Montag, 29. Dezember 2008

Nicht maulfaul, oder: Dialektik à la française

Schon als Studentin war ich nicht maulfaul. Als ich einst nach Frankreich zum Studium zog - holla, ein solcher Textanfang macht mich schlagartig viel älter - stand die gegenseitige Ankerkennung von Studienleistungen und Abschlüssen noch in den Sternen.

Damals musste ich die Zwischenprüfung in Deutschland nochmal machen, meinen Eltern hätte das Amt sonst das Kindergeld gestrichen, und das brauchte ich für die hohen Lebenshaltungskosten dort. Es war lange vor Erasmus (ich sag's ja, viiiel älter) und anderen Förderprogrammen für den akademischen Nachwuchs, die allerdings, diesen Eindruck vermittelt nicht nur der Film "L'Auberge espagnole" von Cédric Klapisch, den akademischen Nachwuchs Europas vor allem im Feiern einander näher bringen.

So war ich damals eine der wenigen, die aus eigenem Antrieb in Frankreich studierten. Und die immer gleich auch ein wenig auf Krawall gebürstet war, wenn uns im Unterricht zum Beispiel beigebracht werden sollte, dass die Franzosen gänzlich und allein 1895 in Paris das Kino erfunden hätten: Es war am 28. Dezember nämlichen Jahres, als die Gebrüder Lumière in der Nähe der Oper die erste öffentliche, mit Eintritt zu entlohnende Filmvorführung veranstaltet hatten.

In einer Klausur schrieb ich denn auch von den Gebrüdern Skladanowsky aus Berlin, die zeitgleich Ähnliches entwickelt und im Rahmen eines Variété-Programmes schon im November des gleichen Jahres vor zahlendem Publikum ihre laufenden Bilder vorgeführt hatten ... derlei gab es damals auch in den USA, in England, Österreich, mit unterschiedlicher Technik, Guckkästen, oder einer Leinwand. (Die Diskussion der doppelten Gebrüder wurde in den Dreißigerjahren hochnotpeinlich in politischen Streits zwischen 'meinen' beiden Ländern geführt und den jeweiligen Interessen entsprechend funktionalisiert.)

Bei der Rückgabe der Klausuren gab es dann noch allgemeine Trimesterkritik, die auch immer einen Aspekt Selbstkritik der Studenten beinhaltete. Mich beschlich unterdes das sichere Gefühl, mit meinem interkulturellen filmgschichtlichen Ansatz nicht wirklich gepunktet zu haben (sollte er doch von anderen Wissenslücken ablenken) - und ich entschied mich daher für einen Gegenangriff. Zunächst lieferte ich eine kurze Rückschau auf mein Referat, das in der Tat mehr wie ein didaktisches Konzept ausgefallen war, denn ich hatte keine Lust auf einfaches Runterbeten der Fakten gehabt. Dann hob ich meine Diskussionsbeiträge hervor. Hier wäre der Moment gewesen, auch ein wenig in Selbstkritik zu verfallen, denn manches Mal hatte ich einfach nur geblufft und mit gezielten Rückfragen mehr Eindruck geschunden, als Substanz vorhanden gewesen war. Anstatt nun aber meine Schwächen zu betonen, fing ich an, das Konzept des Seminars zu kritisieren - und damit den Lehrkörper. Ich stellte fest, mit seinen Hauptargumenten der über ein Trimester geführten Diskussion nicht einverstanden gewesen zu sein, kritisierte methodische Schwächen, zeigte angrenzende Fragestellungen auf ... und führte weiter aus, bis der Dozent meine Analyse unterbrach, sich bedankte, und mir offenbar eine so gute mündliche Note gab, dass ich die beste Gesamtnote des Seminars bekam.

Kurz: Wer dialektisch was auf dem Kasten hat, darf in Frankreich selbst Nationalheiligtümer infrage stellen. Selbst, wenn die Aktion eigentlich nur ein Ablenkungsmanöver war ...

Sonntag, 28. Dezember 2008

Kopfrechnen

Aus Lehrmaterial des Fachs "Betriebliches Rechnungswesen":
Ein Management-Institut führt Seminare für Nachwuchsmanager aus Osteuropa durch. Sie dauern 28 Tage. Das Institut hat Raum für € 1700 je Woche gemietet. Die Dozenten erhalten im Durchschnitt € 800 je Tag und arbeiten 6 Tage in der Woche. Die Dolmetscher erhalten € 400 je Tag und arbeiten 7 Tage in der Woche. Dozenten und Dolmetscher tragen Unterkunft und Verpflegung selbst.
Übernachtung und Verpflegung der Teilnehmer kosten im Wohnheim € 80 bzw. € 40 je Person und Tag. Die Institutsverwaltung verursacht Kosten in Höhe von € 2.700 je Woche. Die Teilnehmer erhalten in der Woche Arbeitsmaterial im Wert von € 25 je Teilnehmer.
Die Seminare werden zum Preis von € 1670 je Woche angeboten. Wie viele Teilnehmer müssen sich anmelden, damit das Insitut seinen break-even-point erreicht?
Diese Rechnung ist absolut realitätsfremd. Dozenten auf Hochschulniveau kosten nach deutschem Osttarif den Staat € 21,40 die gehaltene Seminarstunde, also € 171,20 am Tag, was schon absurd genug ist. Zweifelsfrei stimmt nur dies: Sie arbeiten nicht sechs Tage die Woche. Und erst recht keine sieben Tage die Woche arbeiten Dolmetscher zu Honorarsätzen, die nicht einmal halben Tagen von Rahmenvertragskunden entsprechen ...

Liebe Lehrbuchautoren, bitte bringt Euren Lesern keine realitätsfremden Inhalte bei! Bei der nächsten Auflage dürfen Sie mich gern anschreiben, ich helfe mit Zahlen aus beiden Berufen weiter.

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Aufgabe, leicht verändert, aus dem Ergänzungsmaterial zu Krafft,
Dietmar: Betriebliches Rechnungswesen I und II, zitiert vom
Instititut für WiWi, Uni Münster

Samstag, 27. Dezember 2008

Zahlworte

In ihrem Umfeld spricht jemand eine Fremdsprache bis kurz vor der Perfektion? Abgesehen davon, dass diese Sprache dann strenggenommen keine "fremde Sprache" mehr ist, gibt es einen Test für die Sprachbeherrschung: Zahlen und Rechnen.

In welcher Sprache wird Geld abgezählt, ein Termin vereinbart oder halblaut vor sich hingemurmelt eine Telefonnummer gewählt? Hieran lässt sich ablesen, wie weit die Sprache zum Teil des Sprechenden geworden ist, wie sehr sie gelebter Alltag ist.

Wobei es für Deutschlernende schwierige Momente gibt. Nehmen wir die 21 - ausgesprochen "einundzwanzig", auf Französisch vingt-et-un, zwanzig und eins, also in der gleichen Reihenfolge, wie die Zahl auch geschrieben wird. Nun kämpfen auch in Deutschland Mathematiker für die logischere Aussprache der Zahl als "zwanzig-eins". Das bringe pädagogische und wirtschaftliche Vorteile, denn Kinder lernten schneller rechnen und Fehler durch Zahlendreher und fehlerhaft übermittelte Zahlen würden vermindert.

Wie ich in einem Artikel der Wiener Zeitung "Die Presse" entnehme, ist diese Verdrehung ein Erbe des Indogermanischen. (Und ich dachte immer, wir verdankten dies arabisch-semitischen Einflüssen!)

Die indogermanische Schreibweise sei 4000 Jahre alt, damals habe man Einerstellen mit einem Strich, Zehnerstellen mit einem Kreuz geschrieben. Die Zahl 13 wird demnach so dargestellt: IIIX und von links nach rechts auch "dreizehn" gelesen. Dann kamen die Römer - und schrieben diese Zahl so: XIII, gesprochen wird sie indes unverändert.

Warum mich das als Dolmetscherin interessiert? Beim Dolmetschen müssen wir nicht nur zwischen den Sprachen schalten, sondern auch zwischen unterschiedlichen Logiken, denen die Zahlworte folgen. Zahlen und ihre Erkennung läuft nur über die Sprache, die Transferarbeit ist aber doppeltes Um-die-Ecke-Denken. In der Kabine schreiben wir deshalb die Zahlen meist für einander auf.

Journalistin Veronika Kreyca bringt in ihrem Artikel auch noch Beispiele aus anderen Kulturen. Denn der Zahlenkuddelmuddel wächst nicht nur auf Deutsch bei mehrstelligen Zahlen exponentiell. Denken wir nur an "Vier-und-neunzig-tausend-drei-hundert-acht-und-siebzig", was auf Französisch "quatre-vingt-quatorze mille trois cent soixante-dix-huit" ergibt (auf Deutsch: vier-zwanzig-vierzehn-tausend-dreihundert-sechzig-achtzehn - eine kleine Matheaufgabe!)

Ungemein tröstlich auch die Information, dass die Diskussion über logischere Zahlensprechung in Deutschland seit 1520 andauert, als der Rechenmeister Jakob Köbel vorschlug, die Zahlen ab 13 anders als üblich wiederzugeben ... Und in Frankreich?
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Buchtipp: Gerritzen, Lothar (Hg.): Zwanzigeins. Für die unverdrehte Zahlensprechweise. Fakten, Argumente, Meinungen. Universitätsverlag Brockmeyer, Bochum 2008, 166 Seiten.

Freitag, 26. Dezember 2008

Das Leben in vollen Zügen genießen ...

Idiomatische Redewendungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht wörtlich übersetzbar sind - und dass sie auch gern für mehrdeutige Überschriften in den Medien herhalten müssen. Was auf Französisch profiter pleinement de la vie heißt, "ganz und gar das leben genießen", klingt auf Deutsch nach öffentlichem Nahverkehr: Das Leben in vollen Zügen genießen (littéralement: profiter de la vie dans des trains bondés). Hier sind natürlich nicht die Eisenbahnen gemeint, sondern die Bewegungen des Lebens an sich - das Wort steckt auch in "Schachzügen" oder in "Atemzügen".
Und weil ich auch lieber das Leben genieße, als in vollen Eisenbahnzügen zu reisen, fuhr ich dieses Jahr am Morgen des 24. Dezember quer durch Deutschland (während zu Hause meine Untermieterin Palme und Kerzenständer für einen Weihnukkahabend mit Freunden schmückte). Ich hatte viele Bücher im Gepäck, aber trotz leerer Züge fand ich meinen Leseeifer gebremst.

Hallo Bahn, warum gibt es eigentlich die Stillewagons nicht mehr? Was unterscheidet lauthals mobiltelefonierende oder atemlos redende Menschen von solchen, die ihre Beats per minute hochdrehen? Warum dürfen trotz erklärter Tierhaarallergie Mitreisender andere Fahrgäste ihren verschreckten Haustiger am Halsband herumlaufen lassen? Kurz: Ich ging, weil mich das ausführliche Stegreifreferat über die Geschichte des Weihnachtsmanns ebenso wenig interessierte wie die Geschenkabsichten der Dame, ihre Krankenakte oder der Disput mit dem Nachbarn; und der Tischnachbar setzte sich weg, weil sein Niesen nicht nachlassen wollte.
"Dank" der blöden Großraumwaggons kommen jetzt mehr Reisende in den Genuss der Logorrhoe Wildfremder als einst im Abteil, was außerdem die Aufmerksamkeit für jegliche verbale Absonderung schärft. Wie die Lautsprecherdurchsage "Wir möchten Sie in unserem BordrestoranT willkommen heißen ... ", das T war unüberhörbar.
Die Freiberufler an den Arbeitstischen, die mit Akten und Laptops dasaßen, stöhnten hörbar auf. Auch in leeren Zügen ist es manchmal schwer, das Reisen zu genießen.
"Ssänkjufoaträfflingwiss Deutsche Bahn äntguttbei."

Nicht so fix mit dem Prä...

Manche Präfixe (auf Deutsch: Vorsilben) sind gar nicht nötig, werden aber derart oft verwendet, dass wir richtig von falsch mitunter nur noch schwer unterscheiden können. Hier hilft, anstatt fix mit dem Präfix zu Hand zu sein, es mal kurz mit dem Gegensatz zu versuchen.

- "In das Werk wurde viel hineininterpretiert ..." Okay, und wie wäre es mit "herausinterpretiert"?
- "Wir haben viel in das Projekt reininvestiert." Na, dann ist es ja jetzt an der Zeit, wieder was rauszuinvestieren.
- "Der Börsenkrach war vorprogrammiert." Schön, dann werden wir den nächsten eben nachprogrammieren.

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Tipp: Umwidmen von Nachschlagewerken

Hier habe ich ein Nachschlagewerk "umgewidmet". Es ist ein Buch über Sprichwörter und Redensarten, das tabellarisch gesetzt ist. Als erstes habe ich es fotokopiert, dann zerschnitten und in Form von Mini-Vokabelkärtchen zusammengeklebt. Das ging so nebenbei, jeden Tag fünf Stück kleben und lernen, vor etlichen Jahren als Studentin.

Die Zettelchen wanderten dann in mehrere Kunststoffhüllen und von da in meine Handtaschen. Auf diese Art und Weise habe ich in der U-Bahn immer was zum Auffrischen dabei - und freue mich über meine Idee von "damals" noch heute.

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Mein bewegendster Dolmetscheinsatz des Jahres

Mein bewegendster Einsatz als Dolmetscherin fand in diesem Jahr wenige Tage vor Weihnachten statt. Mein Blick aus der Dolmetscherkabine war dieser:

In einem Colloquium über das Thema "Grenzen" saß ich gegenüber der früheren deutsch-deutschen Grenze und dolmetschte etwas über das Leben in Israel, wo die Mauer immer dichter wird mit Grenzkontrollen, Passierscheinen und der Trennung von Menschen.

Zurück nach Berlin: Hier am Pariser Platz hatte ich Winter 1988 gestanden (das letzte Mal noch September 1989) und in den Westen geschaut. Auf Besuch in der alten Hauptstadt war ich natürlich immer auf beiden Seiten der Mauer, mein Westpass ließ das zu. Hier, am Ende der Sackgasse "Unter den Linden", stand ich alleine, vor mir eine kahle Fläche, es war windig, unwirtlich, wurde langsam Nacht. Die Ostseite der Stadt war merkwürdig dunkel, vom Westen her schien ein Lichterkranz über die Bäume des Tiergarten. Der Weg zum Tor war einsam gewesen: Ab Straßenkreuzung Friedrichstraße war mir spätnachmittags bereits keine Menschenseele mehr begegnet. Es war Sonntag, die Straße war nicht von Autos gesäumt, in den Gebäuden links und rechts wusste ich Ministerien, die Botschaft der SU, Sicherheitsleute. Ich dachte: "Jetzt haben die auch mal was zu tun!", und überlegte, ob sie meinen Spaziergang einfach nur protokollieren würden oder ob ein Passant zu dieser Stunde schon mehr auslösen würde.

Dass es hier in nicht allzu ferner Zukunft (wieder) anders sein könnte als dunkel, trist und unbelebt, davon ahnte ich an diesem Ort in diesem Moment nichts. Nur im Sommer des Jahres 1988 hatte ich eine Art Vorahnung. Ich bin damals mit dem Illustrator Marcus Herrenberger, der damals sehr schöne stadtgeschichtliche Comics gezeichnet hat, im Auto die Straße des 17. Juni runtergefahren, also vom Westen her aus Charlottenburg in Richtung historischer Stadtmitte. An der Goldelse fuhren wir weiter Richtung Brandenburger Tor, und mein Gefühl für Großstädte, das in Paris entstanden war, übertrug, was dort möglich war, und damit Gefühl und Bewegungsdrang für "Geradeaus" auf Berlin - und ich hatte die Vision, wir könnten jetzt geradezu fahren, durch das Tor hindurch, über die Linden, bis hin zum Alex.

Das ist mein Weihnachtseintrag. Dass das Brandenburger Tor nicht mehr im Todesstreifen steht und dass ich jetzt hier, an genau meiner "Besuchsstelle von damals" - rechts von der Mitte, ein wenig hinter der Kreuzung Wilhelmstraße mit Blick auf das Tor - sogar dolmetschen darf, das ist mir das schönste aller Geschenke, fast schon seit Jahrzehnten!
Und traurig denke ich an andere Mauern, die Menschen trennen, wie zum Beispiel heute in Israel.

Dienstag, 23. Dezember 2008

Fachartikel online

Letzten Sommer veröffentlichte ich einen Fachartikel zum Thema 'Dolmetschen und Übersetzen für Film und Festival' im Branchenblatt MDÜ des Verbandes der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ).

Dieser ist inzwischen online verfügbar: Klick !

Das ganze Heft kann direkt beim BDÜ bestellt werden.

Montag, 22. Dezember 2008

Sprache leben

Menschen, die mit Sprache arbeiten möchten, müssen mit der Sprache leben, täglich.

So hat Dolmetscherkollege Dieter Lend, der für ntv arbeitet, gesagt: "Englisch kommt für mich gleich nach Essen und Schlafen."

Journalistin Alva Gehrmann hat ihn für Fluter.de portraitiert. Sie zitiert ihn, dass es nicht darum gehe, Vokabeln zu beherrschen, sondern in anderen Sprachen denken zu können. Und gibt wieder, dass es eine Dauerbeschäftigung ist, der Englisch-Kollege: "Ich habe da eine Theorie: Wenn man sich ein Jahr nicht damit beschäftigt hat, dann ist man raus."

Sprache lebt, also bedeutet unser Beruf lebenslange Weiterbildung. Und wir müssen spontan sein. Lend war zum Beispiel auch am 11. September 2001 im Sender. Interessant fand ich seine Aussage, dass er zunächst gar nicht realisiert habe, was in NY geschah, "ich war so konzentriert."

Sonntag, 21. Dezember 2008

Tipp: Vokabellernen im Alltag

Und hier noch ein Tipp zum Vokabellernen im Alltag. Mein Kopf ist so trainiert, dass er sich immer wieder fragt, wenn ein Wort in meinem Kopf ml ohne sein fremdsprachiges Echo da steht, wie das Betreffende denn wohl in der jeweils anderen Sprache heißen möge. Das kann mir aufgrund meiner Biographie in beide Richtungen passieren; bei anderen Dolmetschern, die mit noch mehr als zwei Sprachen arbeiten, wird es noch "lauter" zugehen.

Ich schlage also oft Vokabeln nach - und bringe sie dann im Tagesablauf unauffällig unter, so, wie auf dem Foto erkennbar.

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Foto: C.E.

Samstag, 20. Dezember 2008

Standpunkt

Über meinen Dolmetscherstandpunkt habe ich hier wiederholt geschrieben: Im Übertragenen nehme ich immer den Platz meines Kunden ein, "vertone" seine Worte, mache mir seine Erzählperspektive zu eigen. Für Medienleute ist diese Frage nicht uninteressant, denn die Frage der Perspektive(n) ist zentral, was Filmerzählungen angeht; und Journalisten fragen nach dem "angle", dem Winkel, aus dem man eine "story" betrachtet, dem Blickwinkel also.

Interessanterweise erkennen in meiner Arbeit viele Kunden genau ihr Gewerk wieder: Marcus Luchsinger, einst Leiter von spielzeit'europa, sah in mir, was ich auch sehe, wenn ich für ihn dolmetsche: Die Darstellerin einer Dolmetscherin, jemand, der in eine Rolle schlüpft, sie spielt. Ein anderer Kunde, Ethnologe von Beruf, schreibt, "in die Haut der anderen zu schlüpfen ist das, was idealerweise Ethnologen machen. Das nennt man Empathie: Empathie ist zugleich Ziel und Ende ethnologischer Arbeit (wenn man sagt "ich denke wie sie", ist der Augenblick erreicht, an dem man verstanden hat oder zu verstehen glaubt, und dieses Verständnis setzt den Schlusspunkt, ist das Ende der Recherche, dann muss der Ethnologe gehen, um Identifikation zu vermeiden, und zu schreiben anfangen)." Ein Psychologe, der mich mal beim Dolmetschen eines Fernsehinterviews beobachtete, sah in der Arbeit den gleichen Respekt und die gleiche Wertschätzung, die er für seine Klienten hat. Außerdem meinte er, dass das Aufgenommen- und Verdolmetschtwerden für Zeugen der Zeitgeschichte eine kathartische Wirkung habe, der Befragte könne das Erfahrene nun teilen, vielleicht sogar abgeben.

Mir haben die Bemerkungen alle gefallen. Es könnte sein, dass es sich bis zu einem gewissen Grad um einen mimetischen Effekt handelt, dass ich mich meinem Umfeld anpasse. Ganz sicher ist aber auch viel Spiegelung dabei: Als Sprachdienstleisterin bin ich ganz Ohr, habe Zeit für mein Gegenüber, gebe das Gesagte wieder, arbeite mit der größtmöglichen Genauigkeit, zu der ich fähig bin - und es ist nur folgerichtig, wenn genau dies gesehen wird.

Wenn ich hier schreibe, habe ich nochmal einen anderen Standpunkt. Der Blog entstand aus beruflichen und persönlichen Gründen. Und doch ist das "ich", das hier erzählt, ein Künstliches. Es ist die Dolmetscherin, die mit auf der Bühne steht, die Dolmetscherin, die nach der Berlinale im Café erkannt wird - und dann doch oft mit der Schwester der Freundin vom Arbeitskollegen von der letzten Party verwechselt wird. Durch meinen Beruf kommen mir die Menschen vermeintlich oft nahe, stehe ich vermeintlich im Rampenlicht. Dazu habe ich mir ein Mediendouble erschaffen, eine "Persona", ein "Alias" Elias gewissermaßen. Es ist das gleiche "Ich", das hier spricht. Es ist nicht Fiktion, aber auch nicht 100 % Realität, denn viele der Erlebnisse muss ich hier ja auch verfremden, um meine Kunden zu schützen. Es ist ein Web 2.0-Ich, ein artifizielles Konstrukt, das natürlich viele Gemeinsamkeiten mit mir aufweist.

So, persönlicher werde ich heute nicht. Das Jahr im Blog endet hier, es werden nur noch automatisch ein paar Texte aus dem "Stehsatz" gepostet, also Fertiges, das auf den letzten Schliff gewartet hat.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich für Ihr Interesse bedanken, für Zuschriften, Fragen und Anregungen. Allen Stamm- und Zufallslesern wünsche ich ruhige Tage zum Jahresende - und einen wunderbaren Start ins neue Jahr!

Übersetzen in der Kunst

Letztens war ich bei einem Videokünstler im Atelier zu Besuch, dem Kanadier Don Ritter, der in Berlin lebt. Er bereitet seine Installation "Vox populi" zur Aufführung im Ausland vor. In dieser Installation findet sich der Zuschauer in einem dunklen Raum vor einem Rednerpult wieder, an der Längsseite des Raums sieht er eine Menschenmenge als Video, das so programmiert es, dass es auf den Gast antwortet. Dieser hat einen Teleprompter vor sich, von dem er Redetexte ablesen kann ... und je nachdem, wie er oder sie spricht, "antwortet" die Menschenmasse im Video.

Im Atelier läuft das Ganze zur Probe - an kleinen Monitoren. Zwischendurch hatte sich die Frage gestellt, ob die Reden übersetzt werden sollten, aber da Übersetzungen immer eine andere Länge haben als Originaltexte, wurde der Gedanke verworfen, denn die Installation hätte in Teilen umprogrammiert werden müssen.

So verdanke ich meinem Besuch ein Zitat aus John F. Kennedys berühmter Berlin-Rede. Ich wusste nicht, wie es nach dem berühmten Satz weiterging ...

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Quelle für das Bildzitat: http://www.jfklibrary.org/

Freitag, 19. Dezember 2008

Außen und innen

Die Dolmetscherkabine steht als kleines Gehäuse im Konferenzraum. Innen ist sie schallisoliert, mit dickem Teppichboden sind die Wände ausstaffiert. Das Räumchen ist mini und für zwei Leute, die sich nicht mögen, zu klein. Man suche sich also sorgsam seine Kollegin/seinen Kollegen aus ... Eine Lüftung bewahrt uns vor dem sicheren Erstickungstod, lärmt aber phasenweise vor sich hin.

Diese Kabine hier hat eine Metallleiste mit Mangneten als Besonderheit zu bieten. Daran lassen sich Dinge anhängen, die sonst rumliegen, Armbanduhren, Brillenputztücher, das Etui des Fernglases. Schreibgeräte habe ich immer mehrfach dabei, meine geliebten Füller, denn ich nehme mir schneller das Zweitgerät, als eine Tintenpatrone auszuwechseln. Gerade schreibe ich mit dem Cannes-Füller von Laure und Guillaume (coucou!)

Die Kabine ist der sichere Innenraum. Hierhin ziehen wir uns zurück, wenn wir alles um uns herum vergessen, nur noch auf Sprache konzentriert sind. Manche sitzt in sich versunken da, andere aufrecht und stolz wie der Pilot eines Dampfers, freie Sicht voraus, die ich mir gerne mit dem Fernglas verschaffe. Hier ist es dunkel, wenn wir die Zusatzlampen auslassen, kuschlig, ein Schutzraum.

Draußen gleißendes Licht, dort spielt die Musik, dort läuft das Programm ab, dem wir folgen. Draußen sind wir hörbar, ohne, dass wir selbst je diese Erfahrung mit dem Publikum würden teilen können. Das Publikum weiß, dass wir da sind, ist aber auf die Inhalte konzentriert. Und vergisst im Eifer des Gefechts, dass dahinten in der Dolmetscherkabine Menschen sitzen. Worte fliegen hin- und her, das Umständliche des Mikrophonanschaltens unterbleibt. Wir sitzen dann im Off, hinter der teppichisolierten Wand, können nicht mehr folgen. Oder aber jemand vergisst völlig, dass übersetzt wird, spricht immer schneller oder liest im Affentempo seinen bis zum letzten Moment im Manuskript gefeilten Vortrag herunter. Das passiert uns Dolmetschern immer wieder, darin trifft die Redner keine Schuld, denn sie haben ja nicht gelernt, die Bedürfnisse der Dolmetscher mitzudenken.

In diesem Augenblick säßen (glaube ich) die meisten Dolmetscher am liebsten selbst mit im Raum anstatt in der Kabine - auf dass der Redner eine Ahnung davon erhalte, wie wir uns durch die Wortfluten und Inhaltsmeere kämpfen.

Verschmelzen

Willkommen auf den Seiten einer bloggenden Konferenzdolmetscherin. Hier notiere ich, was diesen Sprachberuf ausmacht ... und was er mit uns anstellt.

Heute schreib ich was politisch Unkorrektes. Ich kann nicht anders. Denn mir ist gerade etwas schlagartig klar geworden.

Letztens in der Kabine. Draußen hält ein Mann einen Vortrag, es geht um recht individuelle Dinge. Er hat kein Redemanuskript, sondern spricht frei. Ich nehme mir das Fernglas und hole ihn mir nah ran. Er spricht, sagt "moi, je", ich sage wenig später "ich". Nur die Sprache ist eine andere, die erste Person Singular bleibt. Er macht weiter, ich folge, merke, wie ich nicht mehr nur inhaltlich folge, sondern wie sich mein Duktus seinem annähert, seine Bewegungen des Sprechens zu meinen werden. Wir atmen jetzt im gleichen Takt, sprechen und antworten, setzen im Wechsel unsere Pausen. Ich habe ihn mir mit dem Fernglas ganz nah rangeholt, lese das, was in meinem eigenen Sprechen untergeht, von den Lippen ab. Wir denken im gleichen Rhythmus, ich weiß, welche Satzbewegung er gleich machen wird, kenne die Worte, die kommen werden, spreche mit ihm, antworte nicht nur, sondern werde immer synchroner, bin immer näher an den Aus­gangs­wor­ten dran, vergesse meine Umgebung, vergesse, was ich da mache, bin nur noch Teil dieses Hin und Her. Wir verschmelzen. Dann wird es still.

Ein Schulterklopfen von Vincent, "meiner Ko-Kabine", holt mich aus der geistigen Erschöpfung. Die Zuhörer sammeln sich, applaudieren. Wir sind auf einer wis­sen­schaft­li­chen Fachtagung und ich hatte gerade eine Erfahrung, die ich so bewusst noch nie erlebt habe. Jetzt habe ich einen neuen Wortsinn für 'brain fuck'.

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Mentales Geschwätz beenden

Nach dem Dolmetschereinsatz hört der Kopf manchmal nicht auf zu sprechen, selbst dann noch, wenn ich den Mund halte. Das Phänomen heißt 'mentales Geschwätz', es zu stoppen ist nicht immer einfach.

Einst, als ich im Radio als Nachwuchsjournalistin anfing, hab ich regelmäßig die Tonmeister gefragt, die unsere Beiträge schnitten, was sie gegen einen Ohrwurm machen, denn dieser Berufsstand kennt das auf seine Art auch. "Einen anderen Ohrwurm entgegensetzen!", war einmal die Antwort, und eine Tonmeisterin legte gleich die Tubes der 60er und 70er auf, die damals noch "Hits" hießen und als Schallplatten verfügbar waren.
Das klingt jetzt wie aus grauer Vorzeit, ist aber gerade mal 20 Jahre her - ich hatte das Glück, sehr jung schon als Praktikantin das Berufsleben kennenzulernen.

Ich setze heute auch andere Ohrwürmer entgegen, verbale Ohrwürmer zum Beispiel, indem ich im Internet BBC höre oder mir Vorlesungen zu spannenden Themen auf Englisch suche. Dank Lautsprechern kann ich mir den Ton ins Schlafzimmer holen und den Rechner dann auf eigenständiges Ausschalten programmieren.

Eine andere Möglichkeit: Starke Musik. Meine historischen Tubes sind Choräle des Mittelalters, die sind zwar sprachgebunden, aber historisches Französisch, fast noch Latein. Oder Chromatisches von Bach, gern Orgel, aber nicht nur. Hier gilt: Je schwieriger, desto besser. Ich habe dann das Gefühl, mein Gehirn weite sich innerlich aus und dort entstünden komplexe, dreidimensionale Räume, in die ich mich fallenlassen kann.

Im Sommer pflege ich dann noch meinen Balkon, im Winter gehe ich meinem Interesse für Design und Innenarchitektur nach - oder sortiere die Sommerfotos.

Grundsätzlich ist es wichtig zu akzeptieren, dass nach abendlichem Dolmetschen der Adrenalinspiegel noch so hoch ist, dass ich erst spät in der Nacht einschlafe und mir selbst einige Tage gönnen muss, um wieder in der mitteleuropäischen Zeitzone anzukommen. Bis dahin lebe ich mit Zeitverschiebung, im Jet lag durch die Arbeit, mit der inneren Ortszeit von Montevideo.

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Foto: Im Wörlitzer Park

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Die Reden der anderen

Ein halbstündiges Hörfunkfeature über freiberufliche Übersetzer, "Die Reden der anderen", brachte letztens der NDR. Es geht los mit einer Kollegin, die eine Übersetzung für das Einsprechen eines Kinderfilms anfertigt. So wird Stephanie Schöberl vorgestellt, die auch wie ich viele Jahre aktiv in der Filmbranche gearbeitet hat und heute mit Schwerpunkt Film übersetzt. Die Reihe der Kolleginnen schließt ein Mann ab: Harry Rowohlt.

Im 2. Teil der Sendung werden auch finanzielle Aspekte des Berufs besprochen, Zitat: "Wer sagt, er könne vom Übersetzen leben, lügt oder schludert", denn Übersetzer sind oft unterbezahlt - und weiblich.

Auf NDR-Info, bitte anklicken, Sendung vom 29.11.2008, eine Sendung von Gisela Jaschick.

Aber leider sehe ich an der Ankündigung, dass offenbar die Programmredaktion nicht weiß, was Übersetzer von Dolmetschern unterscheidet ... (denn nur in den letzten Minuten werden Dolmetscher kurz erwähnt).

... etwas über Dolmetscher dolmetschen

Neulich in der Kabine: Vor dem Einsatz hat der Redner sein Manuskript hereingereicht. In der zweiten Hälfte der Pause bereite ich den Text vor. Dabei sehe ich, dass der Anfang leicht ist, danach wird's komplexer, da durch eine Metapher ein mir nicht so vertrautes Wortfeld eingeführt wird. Also denke ich den Rest der Pause über Fußball, Mannschaften, fair play und Trikotfarben nach.
Dann geht die Rede los. Und plötzlich merke ich, dass ich ja über mich selbst spreche - als Dolmetscherin erlebe ich das bei Konferenzen allenfalls bei der abschließenden Danksagung an alle Beteiligten.

Schön fand ich, dass der Redner auf Französisch anfing und auch aufhörte. Da war schnelles Schalten auf den anderen Kanal gefordert - und Pausen lassen, damit die Zuhörer Zeit haben, ihre Kopfhörer aufzusetzen ...
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Foto: Redemanuskript eines hohen Staatsbeamten

Gehirnmuskelkater

Nach einem Tag in der Dolmetscherkabine wird es oft in meinem Kopf nur so hell wie heute draußen, an diesem typischen grauen Berliner Wintertag: bereits am späten Vormittag sieht es nach Abendgrauen aus. Meine unterbelichtete Gehirnmasse schlummert dann wie so viele Berliner, denen der Lichtmangel aufs Gemüt schlägt. Nach dem gestrigen Hochleistungstag der kleinen grauen Zellen - Kabine von 9.30 bis 17.30 Uhr abzüglich einer Stunde Mittagspause - spüre ich im Kopf so etwas wie Muskelkater.

Er fühlt sich dumpf, flau und drückend an. Ich sehe nicht nur ungenauer hin, ich interessiere mich auch weniger für das, was mich umgibt, reagiere zugleich ausgeprägter auf Farben, Bewegungen, Lautstärke. Der Gehirnmuskel tut nicht weh, ist aber träge, und es geht von ihm eine Art von Schwere aus, die größere Willensanstrengungen nötig macht, wollte ich mich zu irgendwelchen halbwegs wesentlichen Handlungen motivieren. Ich gehe kurz zu mir auf Distanz und betrachte das Phänomen von außen - es scheint eine Mischung aus körperlicher Reaktion und Selbstschutz vor "Überlastspannung" zu sein.

Über das Stichwort "Gehirnmuskelkater" werde ich weiter nachdenken und -lesen. Ich fand dazu bislang vor allem einen Hinweis auf Migränepatienten: Der ärztliche Direktor der Schmerzklinik Kiel, Prof. Hartmut Göbel, beschreibt Migränepatienten als Schnelldenker - "und diese schnelle Gedanken-Aktivität führt zu einer Art Muskelkater im Gehirn".

Mein Kopf macht kein "Kopffeuerwerk", so beschrieb meine Schwester Friederike mal ihre Migräne, sondern das Gegenteil: Runterschalten. So laufe ich heute auf halber Energie nach einem Tag Kabinenhochleistungssport, an dem ich alles gab, weil ich wusste, es ist nur noch einer. Bei mehrtägigien Veranstaltungen lege ich mehr Pausen ein, schone mich bewusst auch schon im Vorfeld, bereite mich geistig und körperlich drauf vor. Ausdauer und Elastizität werden gefordert, und durch regelmäßiges, moderates Training lässt sich Muskelkater in Grenzen halten.

Sonntag, 14. Dezember 2008

Babüs mit Handies in Oldtimern

Deutsch ist ein ziemliches Sprachengewirr. Oft wissen wir nicht mehr, wo welches Wort wirklich zu uns hergewandert ist, mit der Zeit wird die Schreibweise angepasst, das "bureau" wird zum "Büro". Oder es wird vereinfacht ... zum Beispiel die Mehrzahl von Party und Baby. Auf Englisch ist das einwandfrei "Parties" und "Babies", so habe ich es in der Schule für die deutsche Schreibung auch gelernt.

Und wenn ich heute die Zeitung aufschlage, graust es mich, "Babys" steht da neben "Partys". So richtig gruselig wird es, wenn jemandem dann doch noch einfällt, dass Plurale von Worten auf -y eigentlich anders gebildet werden, dann aber versehentlich eine Vokabel erwischt, die Pseudo-Englisch ist. Beispiel gefällig: Das Handy - auf Englisch ist es das "cell phone" oder das "mobile phone". So werden die vermeintlich 'korrekt' geschriebenen mehreren transportablen Telefonapparate zu "Handies".

Mit vermeintlich anglophoner Weltläufigkeit schmücken sich auch "Showmaster“ (auf Englisch: „host“), die im „Oldtimer“ („vintage car" oder "classic car“) fahren, und dazu gerne einen „Pullunder“ aus englischem Garn tragen (auf Englisch: „sweater vest“), wenn sie nicht gerade im "Smoking" ("dinner jacket" oder "tuxedo") zur Gala fahren - natürlich mit mindestens zwei Handies, dafür ohne Babys.

Samstag, 13. Dezember 2008

Von Mamsellen ... Teil II

Heute ein Gastbeitrag von Dr. Otto-Heinrich Elias.

Quelle: Deutsches Fremdwörterbuch, begonnen von Hans Schulz, fortgeführt von Otto Basler, Bd. 2 Berlin 1942:

Mamsell und Demoiselle, im 17. Jh. als ehrende Bezeichnung bürgerlicher junger Mädchen entlehnt und im 18. Jh. allgemein geläufig. Demoiselle galt zunächst dem adligen Fräulein. Daneben aber war Mamsell der Titel der französischen Sprachlehrerinnen und Gouvernanten, die in vielen deutschen Häusern als „Französinnen“ Stellung hatten und ging von diesen auch auf die anderen Dienstboten über. So wurde die fremde Anredeform allmählich für den allgemeinen Gebrauch unmöglich und für Anfang des 19. Jh. wieder durch das (bisher nur in Adelskreisen übliche) Fräulein ersetzt.“ „In Norddeutschland heute für die Leiterin des Milch- und Hauswesens auf großen Gütern.“

Weitere Belege: Schneidermamsell 1847, Putzmamsell 1863. „Sie ist eine Mamsell, bedeutet in der Schweiz ungefähr soviel als: sie hat aufgehört eine Jungfrau zu sein, ohne sich zu verheiraten.“ 1794. „In Frankreich auch derjenigen Weibspersonen Benahmung, die mittelmäßigen Stands sind.“ 1727.

Henning von Wistinghausen hat die „Französin“ als Berufsbezeichnung auf baltischen Gütern ausfindig gemacht.

Wenn eine Mamsell = Französin berufsmäßig mit der Vermittlung der französischen Sprache befaßt ist, dann bist Du auch so eine.


Schönen Sonntag noch,
Dein Heiner
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... und ich fand noch "Mamsell Übermut" als Backfischliteratur von kurz vor dem ersten Weltkrieg. So nannten also auch Hochwohlgeborene ironischerweise ihre Töchter, die dazu aber etwas blaustrumpfig und rauchend geraten sein mussten. Rückgruß, Caroline

Freitag, 12. Dezember 2008

Von Wollmäusen und Windwürsten

Es gibt Vokabeln, die lernt man nur im wirklichen Leben - oder man erfindet sie selbst. Zum Beispiel Sätze wie: "Die Wollmaus, das Haustier des alleinstehenden Mannes", das Wort ist hübsch, der Satz ist passé, weil diese possierlichen Staubtiere auch bei vielen Single-Frauen Einzug gehalten haben (und vermutlich immer hatten).

Andere Worte wiederum sind vom Aussterben bedroht. Der "möblierte Herr" beispielsweise, das ist eben schon erwähnter alleinstehende Mann, der ohne Ameublemang bei einer älteren, alleinstehenden Dame mit zu viel Wohnraum eingezogen ist und dem vermutlich am Ende des Tags dann ein typisch deutsches kaltes Abendbrot gereicht wird. Zu den achtzimmrigen Wohnungen Wilmersdorfer Offizierswitwen gehört auch das Wort "kalte Mamsell". Als ich das Wort das erste Mal hörte, dachte ich an "kalter Hund", was ein Kinderkuchen aus Keksen und Schokoglasur ist, denn das Wort fiel aus Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, beim Bäcker. Das Wort passt indes zur Offizierswohnung: eine solche Mamsell kommt ins Haus, delegiert vom Feinkostgeschäft, und richtet das kalte Buffet für den erwarteten Besuch. Danke an Heiner, der Bestätigung ausgerechnet in dem DDR-Nachschlagewerk "Wörter und Wendungen" fand, Untertitel: Wörterbuch zum täglichen Sprachgebrauch, Hg. Erhard Agricola u.a., VEB Bibliographisches Institut Leipzig. 14. Auflage 1990: die kalte Mamsell (umg.; Köchin für die kalte Küche).

Wie ich auf derlei Wortmöbel aus vergangenen Zeiten komme? Nein, ich habe keine weitläufige Offizierswitwenwohnung geerbt, die ich nun untervermieten müsste, leider. Der "short cut" (auf nicht ganz so modern: die 'Assoziation') war "Wohnung" in Verbindung mit "kalt".

Was bei mir im Flur an der Tür liegt, um die Zugluft von der Treppe einzudämmen sowie das Ballett der Wollmäuse, ist ein "Dings". So hieß es bis vor kurzem. In einen Postsack hüllte ich alte Frotteetücher, die von Fahrradgepäckschlaufen akkurat zusammengehalten werden. Dieses Dings nun heißt, so befand zumindest ein französischer Gast unlängst, auf Französisch ein "boudin", Blutwurst also. Und ich kenne etliche Franzosen, die bei der Blutwurst recht schnell "Deutschland" assoziieren, wenn man sie lässt. Weil diese samt dem Sauerkraut angeblich von den "krauts" käme (wie die Engländer sagen), was aber mangelnde interkulturelle Kenntnis der französischen Regionalsprachen und -kulturen verrät. Das Elsass nämlich schreibt sich das Sauerkraut auf ihre Fahnen ... äh, nein, so nun doch nicht. (Und ich hielt die Blutwurst immer für englisch.)

Kurz: Mein Türdings ist eindeutig französisch, was das Bild beweist. Und heißt ab jetzt nicht mehr "Dings" oder gar "Windwurst", sondern "Postwurst".


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Donnerstag, 11. Dezember 2008

Projektmanagement

Dolmetscher und Übersetzer sind regelmäßig auch Projektmanager. Wir beraten unsere Kunden in Fragen der passenden Technik, wir verhandeln für sie Preise, planen Fahrten, Mitarbeiter und Termine. Und Abläufe, wenn die Projekte größer sind. Gerade haben wir ein periodisch erscheinendes Druckwerk übersetzt.

In Zeiten epidemisch sich verbreitender grippaler Infekte durften wir mit neuen Kräften jonglieren ("die Kräfte" stehen hier für "die Mitarbeiter"; sorry, I know, Ihr seid keine Leichtgewichter!) Es gilt also, ihre Fähigkeiten und Arbeitszeiten ebenso im Auge zu haben wie den Auftrag. Und wir kämpfen gegen diverses "unterwegs" erlittene Ungemach an: Ein Kollege hat sich einen anderen Virus zugezogen, einen Computervirus; bei der anderen hängt der Haussegen schief; die dritte hat einen neuen Rechner, und plötzlich sind die Funktionstasten anders belegt.

Da heißt es, ruhig Blut bewahren, die dead line fest im Blick. Der große Loop ist jetzt zu Ende (siehe Montag). Schwierig war, dass wegen der Feiertage der Arbeitsmonat so kurz war und die zu bearbeitenden Texte oft recht spät kamen. Der eine kam sogar nach Abgabetermin - irgendwann fiel mir auf, dass eine (falsch geschriebene) Fotounterschrift, die längst bearbeitet war, doch auch ihren Haupttext haben müsse. Dieser hätte längst angekommen sein sollen, war es aber nicht. Und da die Summe der maximalen Anschläge der Zeitschrift nicht nur längst erreicht, sondern weit überschritten war, schien ganz offensichtlich nichts zu fehlen.

Den Überblick über den Fortgang der Arbeit verschaffte ich mir mit farbig markierten Dateien - rot ist "stop" (= aufgepasst!), grün steht für "go", ganz einfach. Die Software vermerkt die Zeiten der letzten Arbeitsschritte, das hilft ebenso wie die Namen der Dokumente, die wir am Ende so markieren, dass alles auf einen Blick ersichtlich ist: Zielsprache, Initialen der Übersetzer und der Korrektoren. Also Weblog_FraCEKorrJCP.doc. Oder Weblog_DEU_OK.doc - der Text ist bereits verschickt.

Am Ende standen im virtuellen Ordner nebst "Style Sheet" und "Übersicht" weitere 152 Dateien, denn viele Texte wurde zwei Mal Korrektur gelesen. Hintergrund: ein weiterer (nicht geplanter) Zwischenschritt bestand im Runterkürzen der fertig übersetzten Beiträge. Französische Texte sind oft länger als deutsche, bis zu 20 %, und bei der internationalen Publikation wird überall das gleiche Layout verwendet - was wir aber erst spät erfuhren.

Der Rest ist Kommunikation: Wer macht was, die Übersichtstabelle auf Excel, wie viele Anschläge, wie viel Zeit, wie gut sind Übersetzung und Korrektorat, was haben wir über-, was unterschätzt. Unterschätzt sicher wieder das Formulieren knackiger Überschrifen. In der Redaktion machen das die Chefs ganz am Schluss, da kennt der- oder diejenige dann, sofern es eine gibt, die Pointe.

Hier ist meine dieses Jobs: Der irgendwie verlorene Artikel, der dann als allerletztes übersetzt wurde, ist einem Big Band-Leader gewidmet, sein Familienname: Last.

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Noch ein Tipp: Dokumente, die an verschiedenen Tagen zu verschiedenen Projekten entstehen, werden bei uns am Anfang des Dokumentnamens amerikanisch datiert, damit sortieren sie sich automatisch, z.B. hieße dieser Text hier: 081212_Projektmanagement.doc
Unterschiedliche Fassungen lassen sich dann wieder durch Endungen unterscheiden.

Mittwoch, 10. Dezember 2008

T(r)ick: Bestes Arbeitsgerät

Gerne werde ich nach Tricks gefragt. Meine Tricks sind fast Ticks, das fiel mir neulich erst auf. "Konsek" war dran, also ein Gespräch in Gesprächspausen hinein zu dolmetschen. Die Abschnitte wurden länger, ich machte mir immer mehr Notizen. Kämpfte erst mit dem Papier, dann mit dem Stift. Hatte das falsche Arbeitsgerät dabei, neues, noch nicht eingeschriebenes, das mir ohnehin beim Kauf merkwürdig schwer vorgekommen war. Kurz: Ich wusste plötzlich, wie viel Energie in diese belanglosen, zentralen Dinge wie Papier und Stift ging. Merke: wichtig sind Streichelzarte, möglichst holzferne Papiere und dazu ein leichter Füller mit gut greifbarem Gehäuse, feinster Feder und schöner, dunkler, satt fließender Tinte! Ja, dazu stehe ich. Ist Luxus, weiß ich, ist teuer, ja, weiß ich auch, aber damit arbeitet es sich einfach ganz anders.

So, jetzt zum Angstmachen, wie der halbe Tag ausging: Als Arbeitsunfall, der richtig wehtat. Kurz: es ist Blut geflossen, und die Tage danach schrieb ich nur noch mit dem Rechner. Beim Einsatz aber schob mir einer der Auftraggeber, begleitet von mitleidigen Blicken, seinen Werbekuli hin ... aber das war länger als für ein paar Minuten auch keine Alternative. Zweites Ende des Tages: Das abendliche Nachwiegen der Arbeitsgeräte auf der Kuchenbackwage, und siehe da, der neue Füller ist 2,5 Mal so schwer wie das angestammte Werkzeug, weshalb er jetzt in das Geschäft zurückwandert. Voilà !


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Fotos: Beide Füller vom gleichen Hersteller,
aber andere Serien

Diplomatie

Eine eherne Regel unseres Gewerbes: Sei diplomatisch, schimpfe nicht, auch wenn es Deine Kunden tun. Wir sind die geborenen Weichsprecher, Sprachsofties und Aufhübscher.

Einst, bei Hofe, wurden die Überbringer schlechter Nachrichten geköpft. Es ist, als sei dies unsereinem in einer Art und Weise erinnerlich, dass wir bis in die letzte Faser von Freundlichkeit durchdrungen sind. Mosern? Schreien? Oder gar wüten? Allenfalls privat und wenn, dann in homoöpathischen Dosen. Sorry, sich mit uns fetzen kann schwer werden, weil der Habitus des Berufs (ach, ja!) doch sehr abfärbt.

So wird denn jede Invektive (Beleidigung) im Verdolmetschungsprozess mindestens "eins rauf" gehievt, ein Sprachniveau netter, weniger bedrohlich. Denn unsere Köpfe sind zwar nicht mehr bedroht, aber der Job. Denn so wie einst die Potentaten nur zwei Möglichkeiten hatten: sich vertragen oder sich bekriegen, so ist es heute oft auch. Also: Man geht auseinander oder findet einen Schuldigen. Vielleicht hat der Dolmetscher nicht gut übersetzt, vermutlich ist das nicht auszuschließen, das ist ganz sicher!

Laut lachen musste ich, als mir eine Leserin diese Ausmalvorlage zu unserem Beruf zuschickte, wie sie von einer Lehrerseite heruntergeladen werden kann. Die Zwangslage ist ganz gut getroffen. Aber ob derlei für unseren Berufsstand wirbt?

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... verkleinert lassen sich die Schulbilder sicher auch für Vokabelkärtchen verwenden ... (Der Link zur Seite ist auf das Wort Schulbilder gesetzt.)

Dienstag, 9. Dezember 2008

Weihnachtsgrüße auf Amharisch

In den Wochen vor den Weihnachtstagen hat der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ) freundlicherweise ein Serviceangebot hochgeladen, das als Weihnachtsdatenbank online firmiert: Hier ist der Gruß "Frohe Weihnachten" in mehr als 60 Sprachen veröffentlicht, und zwar nicht nur auf Englisch, Spanisch und Französisch, sondern auch in seltenen Sprachen wie „Amharisch“ oder „Twi“. Amharisch ist die Sprache Äthiopiens, während Twi in Ghana gesprochen wird.

Für Sprachen mit eigenen Zeichen sind die Übersetzungen in Form einer Grafikdatei zu finden. Das Herunterladen der internationalen Weihnachtsgrüße ist kostenfrei.

Liebe Kolleginnen und Kollegen vom BDÜ, fürs nächste Jahr wünsche ich mir Neujahresgrüße, und zwar schon etwas früher im Jahr, damit alle Konfessionen und auch die Atheisten etwas davon haben.
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Link und Quelle für die Information: BDÜ

Lernhilfe

Nächsten Freitag dolmetsche ich ein Gespräch zweier potentieller Geschäftspartner. Dazu habe ich schon letzte Woche darum gebeten, mir im Voraus alle Unterlagen zur Verfügung zu stellen. Außerdem bat ich um weiteres Material zu dem Thema des Tages, sogenannte "Paralleltexte" und "Referenzmaterial“. Aus diesen Arbeitsgrundlagen erstelle ich dann eigene Terminologielisten, die ich in eigenen Datenbanken verwalte. Die Begriffe wandern je nach Schwere ins Vokabelheftchen, auf Karteikarten, damit in mein kleines Reisegepäck für den Tag, ans Kopfende des Bettes, auf den Coffee table am Sofa. Denn ich habe es schon erlebt, dass eine einstündige Pressekonferenz mich einen bis mehrere Tage Vorbereitung gekostet hat.

Dazu verwende ich Karteikarten — in beide Richtungen. Es ist ganz einfach: Beim Durchsehen wandert nach hinten, was ich kann, und wieder nach vorn, was doch noch nicht saß. Damit kann ich gezielt die Worte wiederholen, die ich noch nicht sicher beherrsche. Am Ende drehe ich die Vokabeln um, die andere "Richtung" ist dran. Die so zweimal durchlaufenen Begriffe werden am Ende wieder nach Themen sortiert, zu kleinen Päckchen verschnürt und sie wandern bis zur "Wiedervorlage" in einen wunderschön beklebten Karton, der oben auf dem Flurregal thront.

Inzwischen habe ich auch eine Quelle für Umgangsenglisch aufgetan, ein Internetanbieter verkauft Broschüren mit Lerntexten und anderem Material, dazu gibt es Vokabelkarteien, das Ganze in Ergänzung eines wunderbaren Programms, mit dem ich mir ein englisches Wort jeden Tag zumailen lasse. Das hilft, sofern ich Gelegenheiten schaffe, die Begriffe anzuwenden. Die eigenen Kärtchen lerne ich aber schneller, das Selbstschreiben ist Teil des Lernprogramms. Und Sprachschüler können sich mit Fotos und Zeichnungen (z.B. aus Zeitschriften) ihre eigenen Vokabelkarten basteln.

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Englische Lernkarten: von Paul Smith/OWAD

Rascheln

Heute Nachmittag darf ich eine Drehbuchübersetzung einschätzen. Sie klingt wie zu rasch übersetzt. Ich sage das einer französischen Nachwuchskollegin, die mit anderen Sprachen als Deutsch arbeitet. Sie darauf: "Das letzte Mal hast Du gesagt, es raschelt!"

Und sie fragt mich, ob "es raschelt" von "rasch" käme. Eine sehr schöne Frage. Aber leider muss ich sie enttäuschen, rasch bedeutet schnell, während "rascheln" für das Geräusch steht, das beim Umblättern von Papier oder beim schlurigen Gang durch Herbstlaub entsteht, es raschelt dann. In Büchern, die nach Übersetzung klingen, lösen sich die Dialoge auch beim Sprechen nicht von dem Papier, auf dem sie stehen, und alles liest sich wie zu stark konstruiert, birgt kaum Überraschungen. Die Franzosen sagen an der Stelle: "C'est téléphoné !", das klingt, wie per Telefon durchgegeben, es ist vorhersehbar, schlecht übertragen ...

Zum Troste noch eine Runde Geheimrat:

"Denn was man auch von der Unzulänglichkeit des Übersetzens sagen mag, so ist und bleibt es doch eines der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltverkehr.“
Johann Wolfgang von Goethe

Selbst und ständig

Wieder was Unübersetzbares: Freiberufler arbeiten selbst und ständig, deshalb heißt es auch "selbstständig". Wenn Sie die schillernd bunten Dateien von heute Morgen genauer ansehen, merken Sie, dass wir auch am Sonntag arbeiten. Manchmal ist das so - selbst in den Ferien.

Denn Dolmetscher sind immer im Einsatz. Neulich auf dem Flughafen in Lyon: Die Baustelle, auf der wir halten, hat neben Rollfeld noch ein paar Hinweisschilder zu bieten und irgendwo soll, so geht zumindest die Kunde, auch eine Anschlussflughalle sein. Inmitten des Platzes, zwischen Zementhaufen, Absperrungen und lauttönenden Gerätschaften, ein Busbahnhof ohne Fahrpläne, daneben Schilder, die in alle Richtungen gleichzeitig weisen. Und da steht ebenso einzeln wie einsam ein Busfahrer. Er versteht nichtmal "Bahnhof", als die deutschen Flugreisenden immer lauter werden, weil sie sich nicht vorstellen können, dass am Flughafen von Lyon der Busfahrer eines öffentlichen Verkehrsnetzes steht und kein Englisch kann.

Hier hab ich flugs Verkehrsströme geregelt und Reisende auf die Busse zu den verschiedenen Fernbahnhöfen verteilt. (Sans crier gare, je me suis rendue utile, mais là encore, c'est intraduisible !)

"Sie können das aber gut!", sagt da ein Reisender. "Kein Wunder", darauf ich, "bin von Berufs wegen Dolmetscherin!" Da zuckt der gute Mann kurz zusammen und fragt ängstlich: "Müssen wir jetzt was zahlen?"

Aber eine Dolmetscherin dolmetscht eben auch mal so nebenbei, wenn sie auf der Fahrt in den Herbsturlaub ist.

Montag, 8. Dezember 2008

Schlusslektorat

Gerade hängen wir in der Korrekturschleife. Der Loop ist riesig, das Ende bislang nur erahnbar. Da heißt es Nerven bewahren und mit den Energien bewusst umgehen: Das Ganze hat etwas von Marathonlauf.

In der Dolmetscherkabine kenne ich das Gefühl zu Genüge. Meine Tricks: viel Wasser trinken hält das Gehirn in Schwung, zwischendurch Kurzzeit-Tiefentspannung (der Schnelldurchlauf vom als Kind schon geübten Autogenen Training), und, sehr wichtig, gute Laune bewahren.

Sonntag, 7. Dezember 2008

Kopfunter

Das Deutsche bietet schöne Worte. Kopfunter ist so eins: als Kind hab ich gern kopfunter von der Schaukel gehangen und mir die Welt verkehrt herum angesehen. Das fiel mir letztens ein, als ich am Samstag frei hatte und Freundin Sandra dringend mit mir im Laden Klamotten anprobieren wollte. Das ließ ich sie alleine machen. Denn im Laden gab's einen sehr großen Gymnastikball und ich hab mich draufgelegt, wo doch an einem halbwegs hellen Samstagnachmittag außer der Verkäuferin, Sandra und mir niemand im Geschäft war, den Rücken entspannt und mir kopfunter die Welt betrachtet.

Nach drei Wochen mit vielen Dolmetschereinsätzen bin ich auch tags irgendwie kopfunter. Der Kopf trielt vor sich hin und sieht alles, aber irgendwie ähnlich wie beim ersten und zweiten Farbauftrag eines Aquarells: alles ist da, aber unscharf. Ich sehe den Raum, focussiere kein einzelnes Detail, sondern nehme die Einzelheiten fast gleichwertig wahr - und mich mitten im Raum. Der zweite Laden, in den wir reingehen, ist ein Buchladen. Da greife ich mir zielsicher ein Buch zum "Open Focus" und zu Alpha-Wellen, denn die scheinen in meinem Gehirn grad fröhliche Urständ' zu feiern.

Es ist wie beim Dolmetschen, ich muss aufs Ganze hören, völlig entspannt, ungerichtet, nicht im Stress, und zugleich gespannt genug, dass ich nicht nur die Details richtig höre, richtig bewerte und übersetze, sondern eben auch den Kontext. Open Focus. Gerne würde ich in dem Zustand mich mal in einen Magnetresonanztomographen legen, Sie wissen schon, diese Röhre zum Reingucken in den Kopf.

Jetzt muss mein Kopf erstmal wieder auftauchen, dann lese ich das Buch und erzähl' hier mehr davon. Versprochen.

Und was bedeutet "kopfüber"? Und "Hals über Kopf"? Ich sag's auf Neudeutsch: *kopfkratz*

Samstag, 6. Dezember 2008

Arbeitsbedingungen

Zwischen den Dolmetscheinsätzen beim Press Junket habe ich manchmal Pause, wenn in Berlin lebende Franzosen zum Interview erscheinen. Oder 'halbe Pausen', denn überraschend viele Medienleute in Berlin sprechen oder verstehen zumindest die französische Sprache. Dann ziehe ich es vor, dabeizusitzen, zuzuhören und mir Musterübersetzungen für später einfallen zu lassen, denn die Fragen wiederholen sich, die Antworten auch. Zwischendurch souffliere ich gerne das eine oder andere dann doch auf Seite des/der Fragenden fehlende Wort.

Und ich habe Zeit, über Arbeitsbedingungen nachzudenken. Liebe Betreiber von Grand Hotels, beachten Sie bitte Folgendes: Stühle, auf denen die Stars möglicherweise sitzen werden, dürfen bei Bewegungen derselben keine störenden "Abluftgeräusche" machen, die schlimmstenfalls anderen Quellen zugeschrieben werden. Klimaanlagen müssen leise laufen und dürfen sich auch nicht auswirken wie ein Fön. Zunächst akustisch nicht, das gilt aber grundsätzlich (war letztens in Hamburg anders!), und auch raumklimatisch nicht.

Nun dachte ich immer, derlei verstünde sich von selbst. Indes, vor ziemlich genau drei Jahren saß ich mit Mademoiselle Nathalie Baye in einem Zimmer am Potsdamer Platz und wir kamen uns den lieben Interviewtag lang wie schick designte Karosserien vor, die auf ihre Windschnittigkeit getestet werden sollten. Dem Gebläse im Strömungskanal widersetzten sich auch nicht die flugs herbeigebrachten Stolen und heißen Teekannen, besser wäre es gewesen, das herbeigerufene Personal hätte die Windmaschine zur Räson gebracht. Am Ende des Tages (neun Mitarbeiter später, die alle nicht weiterwussten) waren wir beide fertig und halb krank - und seither ist mir diese "Luxusherberge" zum Glück erspart geblieben.

Alles das kann Interviewleistung der Schauspieler und Regisseure verringern - und auch die Konzentration von Dolmetschern unterminieren. Dieses Mal ist außer leicht unschicklich tönendem Stuhl und fein quietschender Tür nichts zu vermelden.

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Foto: Laurent Cantet nestelt am Mikro rum

Freitag, 5. Dezember 2008

Laurent Cantet in Berlin

Viele Dolmetschkunden betreue ich über Jahre. Zum Beispiel Regisseur Laurent Cantet, den Gewinner der diesjährigen "Goldenen Palme" von Cannes. Er war um das Jahr 2000 zum ersten Mal mit einem Film in Berlin. Schon damals dolmetschte ich ihn, als er im "Cinéma Paris" die Arte-Koproduktion "Ressources humaines" (wörtlich: Personalabteilung) vorstellte.

Zwischen beiden Filmen liegen vier andere Streifen, für die ich zum Teil auch tätig wurde. Und letzten Sommer war Laurents Film der Eröffnungsfilm des Münchener Filmfests, und ich durfte für ihn in den Süden reisen.

Gestern sahen wir uns in Berlin wieder zu Presseinterviews - nach dem Tag in München der zweite deutsche PR-Tag für den Film, der hierzulande im Januar startet. Seit dem Sommer war Laurent fast ohne Pausen auf Promo-Tour für den Film unterwegs, der in 60 Länder verkauft wurde. Vor dem Dolmetscheinsatz habe ich die Notizen aus dem Sommer nochmal überflogen und konnte sehr viele Partien rekonstruieren, so evident war das Gesagte, so klar hörte ich seine Stimme noch in meinem inneren Ohr.

Dieses Mal bricht mir gleich bei der ersten Interviewrunde der kalte Schweiß aus. Ich versuche für die Radiokollegen so wortgetreu wie möglich zu übersetzen, gebe auch Wiederholungsschleifen wieder, manchmal nur angedeutet, damit sie sich im Tonmaterial später leichter orientieren können, zeichne Laurents Pausen in die Notizen, versuche, auch diese mitzusprechen. Aber in den letzten Monaten hat der Regisseur so häufig über seinen Film gesprochen, dass seine Sätze wie Brühwürfel wirken: hoch konzentriert und fertig für den Aufguss, derart voller Andeutungen und Nebenlinien ... Oder liegt es daran, dass ich viel weiß über den Film nach der intensiven Beschäftigung mit ihm letzten Sommer, so dass sich mit jedem Nebensatz für mich eine neue Bedeutungsebene auftut? Den Sommereinsatz hatte ich ja auch noch jeweils einen Tag lang vor- und nachbereitet (was die Vorbereitung dieses Mal gewaltig minimierte, siehe oben).

Kurz: Es ging alles gut, aber war enorm anstrengend und richtig harte Arbeit. Ich sehe das an der Handschrift, die eckiger ist als sonst. Außerdem fehlt mein angestammter Füller, und das Ersatzwerkzeug erweist sich als ungenügend. Da ich viel notiere, ist das ein wichtiger Aspekt. Schlechtes Arbeitsgerät kann mich immer wieder sekundenlang "rausbringen".

Erst, als der Füller per reitendem Boten nachkommt und sich die Routine wieder einstellt, finde ich zu meiner gewohnten Leichtigkeit zurück. Mein Umfeld hat übrigens nichts von all'dem mitbekommen, derlei spürt nur, wer mit mir über viele Tage nacheinander zusammenarbeitet. Dabei ist Laurent sehr aufmerksam, aber selbst auch in den eigenen Gewohnheiten verfangen: Wenn er lange Passagen am Stück spricht, muss ich auch lange dolmetschen, bis zu drei Seiten Notizen "abarbeiten". Das will er mir ersparen und versucht, seinen Gedankenfluss zwischendurch kurz zu unterbrechen - aber er hat Mühen, den Einsatz wieder zu finden, selbst, als ich Stichworte gebe. Das Problem ist dabei am Ende nicht er, sondern die Interviewsituation mit mehreren ungeduldigen Journalisten: Jeder möchte seine Fragen loswerden und freut sich immer, seine rasch auch noch stellen zu können, wenn ein Aspekt erledigt scheint ...
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Foto: Ines Kappert von der taz kam mit Fotograf

Merci beaucoup III

Hier der O-Ton von Menschen, die mich als Dolmetscherin erlebt haben. Heute Kai Röger, Redakteur der Zitty, für den ich vorhin ein Presseinterview konsekutiv übertrug.
"Sie können großartig übersetzen, so richtig großartig!"

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Gegen den Text stellen

Auch bei Sprachdienstleistungen greift es um sich - das Übel der modernen Zeit. Nein, ich schreibe hier nicht über automatische Übersetzung, der ich die Überschrift verdanke — ich nahm die Zeile "Warnung vor dem Text" und schickte sie via "babelfish" einmal ins Französische und zurück (Zwischenschritt: "mettre contre le texte".)

Ich möchte ein paar Zeilen über das Praktikantenunwesen loswerden. Sprache ist empfindliches Gut, derlei lässt sich nicht sicher von einem in den anderen Sprachraum bringen, ohne, dass der Transporteur erfahren ist. Das "Medium" ist da weniger wichtig, also ob gedolmetscht oder übersetzt wird, es kommt stets auf Erfahrung und Sorgfalt an. Oder erwarten Sie von ihrem Anwalt, dass statt seiner der Praktikant die Schriftsätze verfasst? Wohl kaum.

Einige Blüten möchten wir Ihnen zum Unterstreichen des Gesagten dennoch nicht vorenthalten:

"les filles marchaient le long du trait" für "die Mädchen gingen auf den Strich", also "die Mädchen gingen eine Linie entlang" statt: "sie prostituierten sich"

— "Blutsbande" wurde mit "pansement pour l'enfance" "übersetzt" ("Verband für die Kindheit"? Ich verstehe nicht mal, was auf Französisch gemeint sein soll, auf Deutsch geht es um Blutsverwandtschaft)

"Depuis Tourneur et Tonnelier, les Français ne se sont plus intéressés au cinéma allemand" - "Seit Wenders und Fassbinder haben sich die Franzosen nicht mehr für das deutsche Kino interessiert"

Das erste Beispiel stammt aus einem Film. Die ganze 'Übertragung' des Films hat eine Kollegin zwei Tage und Nächte lang Nerven in einer Rettungsaktion gekostet. Das zweite Beispiel stammt aus einem Festivalkatalog und wurde leider vor kurzem genau so abgedruckt. Das dritte Beispiel stammt vom gleichen Festival, wurde aber, als nämliches Festival vor einigen Jahren noch professioneller seine Abläufe kontrollierte, vor Drucklegung 'entdeckt'.

Manchmal denke ich, wir Profis sollten "die Chose" einfach mal "sausen lassen", wenn allenthalben (und vor allem in sogenannten "Kulturbetrieben") die Praktis derart missbraucht werden. Denn diese tun sich selbst keinen Gefallen, machen sie sich doch den Anschlussjob selbst kaputt. Und wir mit Erfahrung zahlen mit Nachtschichten drauf und schlechter Laune, weil die Aufräumarbeit in keinem Verhältnis zum Honorar steht. Da müssen wir uns ganz einfach "gegen den Text stellen" bzw. gegen die Unkultur der Praktikantenausbeutung - auf dass unsere Arbeit wieder anerkannt werde.

Aber dazu brauchen wir uns fast nicht zu verabreden, siehe zweites Beispiel. Die hoch subventionierten Kultureinrichtungen, die "sparen" müssen, demontierten sich mit derlei Dilettantismus ja bereits selbst.

Dienstag, 2. Dezember 2008

Lesen, lesen, lesen

Wir drehen ein biografisches Interview. Der Gesprächspartner zögert bei einer Zahl, hält inne, schaut mich fragend an. Ich antworte wie aus der Pistole geschossen, nenne das richtige Jahr. Er nickt, kratzt sich kurz am Kopf, beginnt noch ein Mal.

Beim Dolmetschen von Interviews ist Vorbereitung mehr als die halbe Miete. Und sicher, alles kann (und will) ich nicht wissen, aber die relevanten Daten hab ich im Kopf, Ereignisse, Fakten, Ver- und Entwicklungen. Mein Einsatz wirkt leicht, einfach, spielerisch, doch hängt viel Lesearbeit dahinter. Dieses Mal waren es sicher 200 Seiten, dazu habe ich noch zwei Filme (wieder)gesehen. Ich bin ruhig, sicher in meiner Verdolmetschung, fühle mich zu 100 % an meinem Platz. (Und weniger erfahrenen Interviewpartnern vermag ich, wenn wir Glück haben und "die Chemie stimmt", durch diese Ruhe sogar etwas vom Stress des Gefilmtwerdens zu nehmen.)

Hier sprechen wir " d'un même souffle " (wie mit einer Stimme), so nannte Drehbuchautor Jean-Claude Carrière die gemeinsame Erfahrung einst. So soll es sein. Solche Arbeitsstunden bedeuten einfach nur - Glück.