Donnerstag, 28. März 2024

Sprachenlernen (8)

Sie le­sen hier in einem Blog aus der Ar­beits­welt, ge­nau­er: aus dem All­tag ei­ner Dol­met­sche­rin. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­si­sch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. Heu­te geht es wei­ter mit Hin­ter­grund zum Spra­chen­ler­nen: mei­ne wich­tigs­ten Gol­de­nen Re­geln.

Aus Zuhörerinnen werden Leserinnen
Vor­wort zum Spra­chen­ler­nen: Wol­len Sie Kin­dern Bil­dung schen­ken und so das Er­ler­nen von Fremd­spra­chen er­leich­tern, ist zu­nächst wich­tig, die Erst­spra­che auf ho­hem Ni­veau zu ver­mit­teln. Spre­chen Sie viel mit­ein­an­der, hö­ren Sie zu, le­sen Sie vor und wid­men Sie sich auch ei­ge­ner Lek­tü­re, kurz: gön­nen Sie den Kids ein Auf­wach­sen wie "da­mals"!

Von den gan­zen High­tech-Gran­den in der Bay Area (USA) ist be­kannt, dass de­ren Kin­der ma­xi­mal einige Mi­nu­ten pro Tag an das ran­dür­fen, was die El­tern ent­wickeln, ab Grund­schul­al­ter für den ei­nen oder an­de­ren Kurz­film, sonst im Wald­kin­der­gar­ten mit Äst­chen und Stei­nen spie­len oder in der Wal­dorf­schu­le ein ana­lo­ges Le­ben füh­ren.

Kurz: sehr stren­ge Be­gren­zung der Nut­zung von High­tech in­klu­si­ve Fern­se­her ist eine der gol­de­nen Re­geln. Die Nicht­chen (und an­de­re mir be­kann­te Gö­ren) dür­fen beim In­ha­lie­ren was se­hen, and that's it. Der Zieh­sohn hat in Grund­schul­jah­ren die Kin­dernach­rich­ten ver­folgt ... und Wis­sens­ba­sier­tes se­hen dür­fen, vor­zugs­wei­se in Be­glei­tung ei­ner gro­ßen Per­son, da­mit dar­über ge­spro­chen wer­den konn­ten.

Die zwei­te, his­to­risch ge­se­hen ers­te Gol­de­ne Re­gel: vor­le­sen, vor­le­sen, vor­le­sen! Kin­der­bü­cher, Gö­ren ins Ge­spräch ver­wi­ckeln, Sa­chen auf­zei­gen, wenn sie die Ge­schich­ten aus­wen­dig ken­nen: va­riie­ren, Wit­ze ma­chen, das Ge­gen­teil des­sen be­haup­ten, was da drin­steht, bald auch Bü­cher "oh­ne vie­le Bil­der" aus­wäh­len, dar­um geht's.

Im Grun­de ist es egal, was vor­ge­le­sen wird, au­ßer na­tür­lich die gröbs­ten Ge­walt- und Ge­mein­hei­ten, schon bei den Grimm'schen Mär­chen ha­ben wir in der Fa­mi­lie seit Ge­ne­ra­tio­nen 'zen­siert', al­so ra­di­kal ab­ge­schwächt. Als mein Va­ter über den Schrift­stel­ler Wil­helm Hauff ge­forscht hat, las er mei­nen Ge­schwis­tern Hauffs Mär­chen vor (mit Zensur­stel­len und Zu­sam­men­fas­sun­gen).

Auch ei­ne bei den Gro­ßen be­lieb­te Sa­che (und tota­aaal ner­vig für Kids), ich er­in­ne­re mich bes­tens (woll­te schnell wiss­en, wie's wei­ter­geht): Mit Fra­gen un­ter­bre­chen. "Weißt du, was ein Nickelchen ist?" Kind nickt (wei­ter­lesen, ist sooo span­nend!), gro­ßer Mensch fragt: "Kannst du mir das er­klä­ren?" Kind ver­sucht sich in ei­ner Ant­wort oder re­det Blöd­sinn. Egal. Ge­mein­sam fin­den Groß und Klein eine Er­klä­rung. Beim Nickel­chen muss­te auch ich das Wör­ter­buch zu Rate zie­hen für die Über­prü­fung, denn ... sie­he un­ten. (In der Re­gel wer­den ein­fa­che­re Din­ge ge­fragt, die noch nicht oder ge­ra­de zum Welt­wis­sen von Kin­der­gar­ten- oder Schul­kin­dern ge­hö­ren.)

In Zwei­fels­fäl­len oder um die Kul­tur­tech­nik zu zei­gen: ge­mein­sam mit den Kids nach­schla­gen. Wich­tig ist die­se Lek­ti­on: Nie­mand kann al­les wis­sen und Un­wis­sen­heit ist kei­ne Schan­de son­dern nor­mal, ba­nal. "Ich muss nicht al­les wis­sen, muss aber wis­sen, wo's steht", war der Satz un­se­res Va­ters. Das ist der ers­te Schritt, spä­ter kommt die Quel­len­kri­tik.

Ein Mädchen liest vor einem Tisch und vor Regalen mit vielen Büchern
 Kersti im Ar­beits­zim­mer, Carl Larsson (1909)
Am Ess­tisch des schwe­di­schen Ma­lers Carl Lar­s­son stand, hier nicht im Bild, eine En­zyk­lo­pä­die in einem Ex­tra­re­gal, das Goo­gle­funk­tion der da­ma­li­gen Zeit. "Was sa­gen Kluge/Goet­ze da­zu?", wur­de bei uns am Ess­tisch oft ge­fragt. Fried­rich Klu­ge und Al­fred Göt­ze wa­ren die Au­to­ren ei­nes Nach­schla­ge­werks mit Her­kunfts­ablei­tung, des "Ety­mo­lo­gi­schen Wör­ter­buchs".

Die ak­tu­el­le Ver­sion des Buchs die­ses Ti­tels, in Ab­kür­zung heu­te nur noch "der Klu­ge", wird voll­stän­dig als kos­ten­pflich­tige App für An­droid an­ge­bo­ten. Stu­die­ren­de ha­ben kos­ten­lo­sen Zu­griff auf die Web­ver­sion: klick.

Vor­ge­le­sen wur­de bei uns bis in höhe­res Schul­al­ter, wenn der Pa­pa von der Ar­beit kam und vor dem Schlaf­en­ge­hen. Heu­te wird den Fräu­leins vor­ge­le­sen. Die Klei­ne braucht den Kör­per­kon­takt, sitzt auf dem Schoß, die Gro­ße legt sich im­mer früh in ihr Bett und schläft rasch ein.

Neu­lich sind wir auf dem Nach­hau­se­weg an ei­nem hell er­leuch­te­ten Wohn­zim­mer­fen­ster vor­bei­ge­kom­men, hin­ter dem ein sehr, sehr gro­ßes Bü­cher­re­gal zu se­hen war. Das klei­ne Fräu­lein, es war ge­nau zwei Jah­re, zwei Mo­na­te und zwei Ta­ge alt, sag­te mit Blick auf das Fen­ster: "Schau da, die vie­len schö­nen Bü­cher!"

Deutsch für Pro­fis
Nickel­chen, Nickelein — an­de­res Wort für Kind (aus der Zeit der Brü­der Grimm)
Nicke­lig­keit — Starr­sinn, Ego­is­mus oder das Er­geb­nis des­sel­ben (Wi­ki­pe­dia)
Nicker­chen — klei­nes Schläf­chen, Syn­onym: Sie­sta

... und nein, ich kann in kei­ner TV-Quiz­sen­dung zur Mil­lio­nä­rin wer­den, mir fehlt viel Po­pu­lär­wis­sen wie Schlager, Sport­facts, Au­to- und an­de­rer Mar­kenkrempel.

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Foto: Archiv Elias Lossow
Gemälde bei Art & Artists

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