Dienstag, 6. Januar 2026

Leben in vollen Zügen (2)

Herz­lich will­kom­men! Hier bloggt eine Dol­met­sche­rin. Was wir Sprach­ar­bei­ter:innen ma­chen, wie wir ar­bei­ten und le­ben, ist hier seit 2007 re­gel­mä­ßig The­ma. Wer Kon­fe­renz­ein­sät­ze sagt, muss auch Rei­sen sagen, denn mit un­se­ren Fach­rich­tun­gen, Öko­no­mie und Kul­tur­wirt­schaft Tippfehler (Kul­tur­wirt­schaft), Ko­ope­ra­ti­on mit Dritt­län­dern, Afri­ka, Nach­hal­tig­keit, Ag­rar, Me­di­en und Ki­no und Stadt­pla­nung, His­to­ri­sches und Mu­se­a­les, be­kom­me ich re­gel­mä­ßig An­fra­gen für De­le­ga­ti­ons­rei­sen. Auch pri­vat rei­se ich viel.

Lang­sam zieht die Land­schaft vo­rü­ber, wie­der ein­mal viel zu lang­sam. Das deut­sche Bahn­netz scheint ein Fli­cken­tep­pich aus „Lang­sam­fahr­stre­cken“ zu sein. Ich fah­re zu Dol­met­sche­in­sät­zen, De­le­ga­ti­ons­ab­rei­se­or­ten, Kon­fe­ren­zen, pen­de­le aber auch zur An­ge­hö­ri­gen­pfle­ge. Ich bin auf die Bahn an­ge­wie­sen. Um mich nicht zu är­gern, den­ke ich be­wusst, dass Är­gern oh­ne­hin nichts nützt, dass ich mit viel Zeit­puf­fer rei­se, dass das hier im­mer noch bes­ser ist, als am Steu­er ei­nes Au­tos zu sit­zen.

Oft ler­ne ich im Zug. Seit vie­len Jah­ren ist das Zug-WLAN sta­bi­ler, es gibt di­gi­ta­le An­ge­bo­te wie Zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten und Ki­no­fil­me. Lei­der ist kein Ver­lass da­rauf.

1935 irgendwo in Europa
Grund­sätz­lich rei­se ich nie oh­ne Buch. Ich le­se viel. Manch­mal ret­te ich mich in den Spei­se­wa­gen. Dort er­scheint mir das Un­ter­wegs­sein wie ein ei­gen­ar­ti­ger Lu­xus. Au­ßer auf der Fahrt zu Dol­metsch­ein­sät­zen habe ich meis­tens kei­ne Bü­ro­pflich­ten, ist die Zeit zwi­schen Ab­fahrt und An­kunft an­ge­hal­te­ne, ge­schenk­te Zeit, in der ich frei bin und ge­nuss­voll tag­träu­men kann.

Die­se Spei­se­wa­gen sind auch Or­te für Zeit­rei­sen. Die wei­ßen Tisch­dec­ken gibt es nicht mehr, das Es­sen kommt aus der Mi­kro­wel­le. Ich weiß auch um die Hy­gie­ne­pro­ble­me im Spei­se­wa­gen, be­stel­le dort ein Ge­tränk in der Fla­sche, lau­sche zer­streut den Ge­sprä­chen an den Ne­ben­ti­schen oder übe mich im Weg­hö­ren, las­se drau­ßen Fel­der, Wäl­der und Bahn­däm­me vo­rü­ber­zie­hen. Oft su­che ich nach Spu­ren der deutsch-deut­schen Gren­ze, nach Schnei­sen, merk­wür­di­gen Ge­bäu­den oder Un­stim­mig­kei­ten im Ge­län­de, fin­de nichts mehr, weil die­se Gren­ze über­wach­sen und zu­gleich noch im Kopf prä­sent ist.

Das Fo­to, das die­sen Text be­glei­tet, stammt aus dem Jahr 1926 und zeigt ei­nen Spei­se­wa­gen in ei­ner Zeit, in der die­se Wa­gen ih­re Hoch­pha­se er­leb­ten, als an Bord noch ge­kocht und ge­spült wur­de. Zum Glück wur­den die Spei­se­wa­gen­tei­le der Gas­tro-Wa­gons nicht wie ge­plant ab­ge­schafft.

Die Zü­ge sind schnel­ler ge­wor­den, die Elek­tro­nik an­fäl­li­ger, die Pri­va­ti­sie­rung der Bahn vor Jahr­zehn­ten ging auf Kos­ten der In­fra­struk­tur. 2025 habe ich wie­der knapp 70 Stun­den län­ger in ver­spä­te­ten Zü­gen ge­ses­sen, als ei­gent­lich nö­tig ge­we­sen wä­re. Das sind fast zwei Ar­beits­wo­chen; trotz­dem he­ge ich kei­nen Groll.

Viel­leicht be­steht das Rei­sen in vol­len Zü­gen ge­nau dar­in, die­se Zeit an­zu­neh­men, sich im Spei­se­wa­gen ei­nen Mo­ment der Ru­he zu gön­nen, aus dem Fens­ter zu se­hen und das Un­ter­wegs­sein nicht als Stö­rung, son­dern als Zu­stand zu be­grei­fen. „Der Weg ist das Ziel“, weiß das Sprich­wort.

P.S.: Die Bahn wur­de pri­va­ti­siert, die An­tei­le al­le hält noch der Bund, klei­ne Er­gän­zung auf An­re­gung ei­ner Le­se­rin.

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Fo­to:
Ar­chiv Elias Los­ow

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