Langsam zieht die Landschaft vorüber, wieder einmal viel zu langsam. Das deutsche Bahnnetz scheint ein Flickenteppich aus „Langsamfahrstrecken“ zu sein. Ich fahre zu Dolmetscheinsätzen, Delegationsabreiseorten, Konferenzen, pendele aber auch zur Angehörigenpflege. Ich bin auf die Bahn angewiesen. Um mich nicht zu ärgern, denke ich bewusst, dass Ärgern ohnehin nichts nützt, dass ich mit viel Zeitpuffer reise, dass das hier immer noch besser ist, als am Steuer eines Autos zu sitzen.
Oft lerne ich im Zug. Seit vielen Jahren ist das Zug-WLAN stabiler, es gibt digitale Angebote wie Zeitungen, Zeitschriften und Kinofilme. Leider ist kein Verlass darauf.
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| 1935 irgendwo in Europa |
Diese Speisewagen sind auch Orte für Zeitreisen. Die weißen Tischdecken gibt es nicht mehr, das Essen kommt aus der Mikrowelle. Ich weiß auch um die Hygieneprobleme im Speisewagen, bestelle dort ein Getränk in der Flasche, lausche zerstreut den Gesprächen an den Nebentischen oder übe mich im Weghören, lasse draußen Felder, Wälder und Bahndämme vorüberziehen. Oft suche ich nach Spuren der deutsch-deutschen Grenze, nach Schneisen, merkwürdigen Gebäuden oder Unstimmigkeiten im Gelände, finde nichts mehr, weil diese Grenze überwachsen und zugleich noch im Kopf präsent ist.
Das Foto, das diesen Text begleitet, stammt aus dem Jahr 1926 und zeigt einen Speisewagen in einer Zeit, in der diese Wagen ihre Hochphase erlebten, als an Bord noch gekocht und gespült wurde. Zum Glück wurden die Speisewagenteile der Gastro-Wagons nicht wie geplant abgeschafft.
Die Züge sind schneller geworden, die Elektronik anfälliger, die Privatisierung der Bahn vor Jahrzehnten ging auf Kosten der Infrastruktur. 2025 habe ich wieder knapp 70 Stunden länger in verspäteten Zügen gesessen, als eigentlich nötig gewesen wäre. Das sind fast zwei Arbeitswochen; trotzdem hege ich keinen Groll.
Vielleicht besteht das Reisen in vollen Zügen genau darin, diese Zeit anzunehmen, sich im Speisewagen einen Moment der Ruhe zu gönnen, aus dem Fenster zu sehen und das Unterwegssein nicht als Störung, sondern als Zustand zu begreifen. „Der Weg ist das Ziel“, weiß das Sprichwort.
P.S.: Die Bahn wurde privatisiert, die Anteile alle hält noch der Bund, kleine Ergänzung auf Anregung einer Leserin.
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Foto: Archiv Elias Losow

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