Als ich Kind war, galt Wetter wie das, was wir derzeit haben, als „Hochsommer“. Heute dolmetsche ich bei politischen Veranstaltungen, Fachkonferenzen und internationalen Begegnungen auch zu Klima- und Landwirtschaftsthemen.
Die erste Hitzewelle hat dieses Jahr im Mai zugeschlagen und in Deutschland fast alle Trockenheitsrekorde gerissen. Das macht mir Sorgen. Auf den Äckern wächst derzeit, was uns morgen ernähren soll.
Hitzewelle in Frankreich
So viele Hochsommertage im Mai gab es noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnung. In Frankreich werden sämtliche Hitzerekorde gerissen. Acht départements haben die Warnstufe „Orange" ausgerufen, ein Novum für den Frühlingsmonat Mai. Gestern dann der vorläufige Höhepunkt dieser Hitzewelle mit Temperaturen von bis zu 37,8 Grad bei Bordeaux. Normalerweise wäre es etwa 15 Grad kühler. Im Frühling also Hochsommer, auf Französisch la canicule.
La canicule
…leitet sich etymologisch vom lateinischen canicula („kleiner Hund“) ab und bezieht sich auf das Sternbild Canis Major (Großer Hund) und dessen hellsten Stern, Sirius. Im Hochsommer (den sogenannten „Hundstagen“) geht dieser Stern gleichzeitig mit der Sonne auf.
Infolge der Nebeneffekte der Klimakatastrophe bleibt diese Wetterlage über Tage, ja Wochen unverändert wie im Himmel festgetackert. In südlicheren europäischen Ländern werden heute Temperaturen über 40 Grad erwartet, Waldbrände drohen. Auch bei uns herrscht eine Waldbrandgefahr wie sonst eher im Juli.
Passoire thermique: Übersetzungsproblem
Europa leidet derzeit gemeinsam unter der Hitze. Das Wort „leiden“ ist wörtlich zu nehmen.
Französischen Regierungsangaben zufolge hat die Extremwetterlage im Land bereits sieben Menschenleben gefordert. Die Anzahl der in schlecht isolierten Wohnungen aufgrund der Hitze vorfristig Verstorbenen wird nicht erfasst (oder ist noch nicht publiziert).
Allerdings gibt es einen Begriff für diese Behausungen, die besonders häufig im sozialen Wohnungsbau zu finden sind: les passoires thermiques, im Winter teuer zu heizen, im Sommer mögliche Hitze(todes)fallen. Auch Altenheime und Schulen gelten (im wahrsten Wortsinn) als Brennpunkte, die nur wenig Beachtung finden. Menschen, die draußen arbeiten, zählen ebenfalls zu den Vergessenen.
Indes: Klimaschutz scheint aus der Sicht mancher Parteien in beiden Ländern ein Thema zu sein, das zurückstehen muss in der allgemeinen Politik- und Wirtschaftskrise. Dabei ist die Klimakrise ein Teil der Wirtschaftskrise.
Politische Großwetterlage
Indes: Klimaschutz scheint aus der Sicht mancher Parteien in beiden Ländern ein Thema zu sein, das zurückstehen muss in der allgemeinen Politik- und Wirtschaftskrise. Dabei ist die Klimakrise ein Teil der Wirtschaftskrise.
Es wird über Technologieoffenheit fabuliert, während China in einem Jahr so viel Solarenergie installiert, wie der Rest der Welt seit Beginn der Technologie insgesamt.
Das war 2025. Ein Jahr der Hitzerekorde, die „Jahrhundertwetter" genannt werden, trotz des regenreichen Sommers.
Und 2026 werden diese „Rekorde" erneut geschlagen, als wären es Errungenschaften auf Olympiaden. Zugleich verleugnen immer mehr vor allem rechtsextrem geprägte Regierungen den menschengemachten Klimawandel und wollen ins fossile Zeitalter zurückkehren.
Auch in Deutschland ist die Lage krisenhaft: Noch bevor der Sommer überhaupt begonnen hat, bitten erste Kommunen in Nordrhein-Westfalen die Einwohnerschaft, bitte Trinkwasser zu sparen. Der Grundwasserpegel liegt derzeit deutlich unter dem Durchschnitt. Noch sieht es einigermaßen grün aus da draußen, aber tief im Boden werden die Wasserreserven knapp.
Die Böden selbst speichern Wasser: bis in zwei Meter Tiefe kann der Niederschlag eines halben Jahres stecken. Die Voraussetzung dafür ist, dass er regelmäßig fällt. Wenn es ab dem Wochenende regnen wird, wird viel einfach nur „durchlaufen" oder, schlimmer, kostbaren Humus wegspülen. Wir alle kennen das, wenn wir nach einem Urlaub die Balkonkästen das erste Mal wieder gießen: Erstmal läuft's durch. Die Ackerböden trocknen weiter aus, was eine Gefahr für unsere Lebensmittelversorgung darstellt.
Die Landwirtschaft wird sich umstellen müssen. Wir sind längst in einer anderen Klimazone angekommen mit einer anderen Verteilung der Niederschläge über das Jahr. Trockene Sommer beginnen im Frühjahr. Die sonst feuchten Winter sind in Summe auch trockener und helfen nicht mehr, die Wasserspeicher aufzufüllen. Durch höhere Temperaturen steigt zudem die Verdunstung an.
Warme Luft kann wesentlich mehr Wasserdampf aufnehmen als kalte Luft.Faustregel: Pro Grad Temperaturanstieg sind es rund sieben Prozent mehr Feuchtigkeit. Die überaus stabilen Wetterlagen führen am Ende zu mehr Akkumulation von Wasser in den Wolken, was wiederum Starkregenereignisse wahrscheinlicher macht.
Klimaschutz ist nicht die Kirsche auf der Torte, sondern ist Tortenboden und die Torte selbst mit ihren Schichten. Wir müssen als Gesellschaft endlich lernen, eine Ahnung von den Interdependenzen zu bekommen, mit denen wir es zu tun haben.
Klimaschutz ist ein Konjunkturprogramm, denn eine resiliente Umwelt, eine resiliente Infrastruktur sind schlicht die Grundvoraussetzung des Wirtschaftens.
Der französische Begriff la passoire thermique, wörtlich: ein thermisches Sieb (das alles durchlässt), wirft eine Übersetzungsfrage auf. „Schlecht isolierte Wohnung" wäre die neutralste Umschreibung, „Wärmeschleuder" die Beschreibung aus Winterperspektive, „Hitzefalle" nimmt den Sommer zum Ausgangspunkt. Bei „energetische Bruchbude" steckt schon ein deutliches Maß Polemik in der Ausdrucksweise.
Was ist Ihr/Dein Favorit? Gibt es bessere Vorschläge?
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Grafik: Lotte Reininger, Prinz Achmed
Das war 2025. Ein Jahr der Hitzerekorde, die „Jahrhundertwetter" genannt werden, trotz des regenreichen Sommers.
Und 2026 werden diese „Rekorde" erneut geschlagen, als wären es Errungenschaften auf Olympiaden. Zugleich verleugnen immer mehr vor allem rechtsextrem geprägte Regierungen den menschengemachten Klimawandel und wollen ins fossile Zeitalter zurückkehren.
Wassermangel
Auch in Deutschland ist die Lage krisenhaft: Noch bevor der Sommer überhaupt begonnen hat, bitten erste Kommunen in Nordrhein-Westfalen die Einwohnerschaft, bitte Trinkwasser zu sparen. Der Grundwasserpegel liegt derzeit deutlich unter dem Durchschnitt. Noch sieht es einigermaßen grün aus da draußen, aber tief im Boden werden die Wasserreserven knapp.
Die Böden selbst speichern Wasser: bis in zwei Meter Tiefe kann der Niederschlag eines halben Jahres stecken. Die Voraussetzung dafür ist, dass er regelmäßig fällt. Wenn es ab dem Wochenende regnen wird, wird viel einfach nur „durchlaufen" oder, schlimmer, kostbaren Humus wegspülen. Wir alle kennen das, wenn wir nach einem Urlaub die Balkonkästen das erste Mal wieder gießen: Erstmal läuft's durch. Die Ackerböden trocknen weiter aus, was eine Gefahr für unsere Lebensmittelversorgung darstellt.
Die Landwirtschaft wird sich umstellen müssen. Wir sind längst in einer anderen Klimazone angekommen mit einer anderen Verteilung der Niederschläge über das Jahr. Trockene Sommer beginnen im Frühjahr. Die sonst feuchten Winter sind in Summe auch trockener und helfen nicht mehr, die Wasserspeicher aufzufüllen. Durch höhere Temperaturen steigt zudem die Verdunstung an.
Warme Luft kann wesentlich mehr Wasserdampf aufnehmen als kalte Luft.Faustregel: Pro Grad Temperaturanstieg sind es rund sieben Prozent mehr Feuchtigkeit. Die überaus stabilen Wetterlagen führen am Ende zu mehr Akkumulation von Wasser in den Wolken, was wiederum Starkregenereignisse wahrscheinlicher macht.
Fazit
Klimaschutz ist nicht die Kirsche auf der Torte, sondern ist Tortenboden und die Torte selbst mit ihren Schichten. Wir müssen als Gesellschaft endlich lernen, eine Ahnung von den Interdependenzen zu bekommen, mit denen wir es zu tun haben.
Klimaschutz ist ein Konjunkturprogramm, denn eine resiliente Umwelt, eine resiliente Infrastruktur sind schlicht die Grundvoraussetzung des Wirtschaftens.
Vokabelnotiz
Der französische Begriff la passoire thermique, wörtlich: ein thermisches Sieb (das alles durchlässt), wirft eine Übersetzungsfrage auf. „Schlecht isolierte Wohnung" wäre die neutralste Umschreibung, „Wärmeschleuder" die Beschreibung aus Winterperspektive, „Hitzefalle" nimmt den Sommer zum Ausgangspunkt. Bei „energetische Bruchbude" steckt schon ein deutliches Maß Polemik in der Ausdrucksweise.
Was ist Ihr/Dein Favorit? Gibt es bessere Vorschläge?
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Grafik: Lotte Reininger, Prinz Achmed

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