Freitag, 29. Mai 2026

It's hot, baby!

Im 20. Jahr füh­re ich hier mein vir­tu­el­les Ta­ge­buch aus der Dol­metsch­welt. Meis­tens Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin für Französisch Deutsch, über­set­ze ich auch Texte ins Deut­sche (auch aus dem Eng­li­schen). Zwi­schen si­mul­ta­nen (in der Ka­bi­ne) und kon­se­ku­ti­ven Ein­sät­zen (oft auf der Büh­ne) den­ke ich hier auch über Sprache nach. In Frank­reich prägt der Be­griff la pas­soire ther­mique in­zwi­schen die po­li­ti­sche De­bat­te über Klima­wan­del und Woh­nen. Man­cher Fach­be­griff hat sein ganz ei­ge­nes Hin­ter­land.

Als ich Kind war, galt Wet­ter wie das, was wir der­zeit ha­ben, als „Hoch­som­mer. Heute dol­met­sche ich bei po­li­ti­schen Ver­an­stal­tungen, Fach­kon­fe­ren­zen und in­ter­na­tio­na­len Be­geg­nun­gen auch zu Kli­ma- und Land­wirt­schafts­the­men.

Die ers­te Hit­ze­wel­le hat die­ses Jahr im Mai zu­ge­schla­gen und in Deutsch­land fast al­le Tro­cken­heits­re­kor­de ge­ris­sen. Das macht mir Sor­gen. Auf den Äckern wächst der­zeit, was uns mor­gen er­näh­ren soll.

Hit­ze­wel­le in Frank­reich


So vie­le Hoch­som­mer­ta­ge im Mai gab es noch nie seit Be­ginn der Wet­ter­auf­zeich­nung. In Frank­reich wer­den sämt­li­che Hit­ze­re­kor­de ge­ris­sen. Acht dé­par­te­ments ha­ben die Warn­stu­fe „Oran­ge" aus­ge­ru­fen, ein No­vum für den Früh­lings­mo­nat Mai. Ges­tern dann der vor­läu­fi­ge Hö­he­punkt die­ser Hit­ze­wel­le mit Tem­pe­ra­tu­ren von bis zu 37,8 Grad bei Bor­deaux. Normalerweise wäre es etwa 15 Grad kühler. Im Frühling also Hochsommer, auf Französisch la ca­ni­cu­le.

La ca­ni­cule

…lei­tet sich ety­mo­lo­gisch vom la­tei­ni­schen canicula („klei­ner Hund“) ab und be­zieht sich auf das Stern­bild Canis Major (Gro­ßer Hund) und des­sen hells­ten Stern, Si­ri­us. Im Hoch­som­mer (den so­ge­nann­ten „Hunds­ta­gen“) geht die­ser Stern gleich­zei­tig mit der Son­ne auf.

In­fol­ge der Ne­ben­ef­fek­te der Kli­ma­ka­ta­stro­phe bleibt die­se Wet­ter­la­ge über Ta­ge, ja Wo­chen un­ver­än­dert wie im Him­mel fest­ge­tac­kert. In süd­li­che­ren eu­ro­pä­i­schen Län­dern wer­den heu­te Tem­pe­ra­tu­ren über 40 Grad er­war­tet, Wald­brän­de dro­hen. Auch bei uns herrscht ei­ne Wald­brand­ge­fahr wie sonst eher im Ju­li.


Pas­soire ther­mique: Über­set­zungs­prob­lem


Europa leidet derzeit gemeinsam unter der Hitze. Das Wort „leiden“ ist wörtlich zu nehmen.

Fran­zö­si­schen Re­gie­rungs­an­ga­ben zufolge hat die Ex­trem­wet­ter­la­ge im Land be­reits sie­ben Men­schen­le­ben ge­for­dert. Die An­zahl der in schlecht iso­lier­ten Woh­nun­gen auf­grund der Hit­ze vor­fris­tig Ver­stor­be­nen wird nicht er­fasst (oder ist noch nicht pu­bli­ziert).

Allerdings gibt es einen Be­griff für die­se Be­hau­sun­gen, die be­son­ders häu­fig im so­zia­len Woh­nungs­bau zu fin­den sind: les pas­soi­res ther­mi­ques, im Win­ter teu­er zu hei­zen, im Som­mer mög­li­che Hit­ze(to­des)­fal­len. Auch Al­ten­hei­me und Schu­len gel­ten (im wahrs­ten Wort­sinn) als Brenn­punk­te, die nur we­nig Be­ach­tung fin­den. Men­schen, die drau­ßen ar­bei­ten, zäh­len eben­falls zu den Ver­ges­se­nen.

Po­li­ti­sche Groß­wet­ter­lage


In­des: Kli­ma­schutz scheint aus der Sicht man­cher Par­tei­en in bei­den Län­dern ein The­ma zu sein, das zu­rück­ste­hen muss in der all­ge­mei­nen Po­li­tik- und Wirt­schafts­kri­se. Da­bei ist die Kli­ma­kri­se ein Teil der Wirt­schafts­kri­se. 

Nö­tig: Mehr In­ves­ti­tio­nen in In­fra­struk­tur
Es wird über Tech­no­lo­gie­of­fen­heit fa­bu­liert, wäh­rend Chi­na in ei­nem Jahr so viel So­lar­ener­gie in­stal­liert, wie der Rest der Welt seit Be­ginn der Tech­no­lo­gie ins­ge­samt. 
Das war 2025. Ein Jahr der Hit­ze­re­kor­de, die „Jahr­hun­dert­wet­ter" ge­nannt wer­den, trotz des re­gen­rei­chen Som­mers.

Und 2026 wer­den die­se „Re­kor­de" er­neut ge­schla­gen, als wä­ren es Er­run­gen­schaf­ten auf Olym­pi­a­den. Zu­gleich ver­leug­nen im­mer mehr vor al­lem rechts­ex­trem ge­präg­te Re­gie­run­gen den men­schen­ge­mach­ten Kli­ma­wan­del und wol­len ins fos­sile Zeit­al­ter zu­rück­keh­ren.

Was­ser­man­gel


Auch in Deutsch­land ist die La­ge kri­sen­haft: Noch be­vor der Som­mer über­haupt be­gon­nen hat, bit­ten ers­te Kom­mu­nen in Nord­rhein-West­fa­len die Ein­woh­ner­schaft, bitte Trink­was­ser zu spa­ren. Der Grund­was­ser­pe­gel liegt der­zeit deut­lich un­ter dem Durch­schnitt. Noch sieht es ei­ni­ger­ma­ßen grün aus da drau­ßen, aber tief im Bo­den wer­den die Was­ser­re­ser­ven knapp.

Die Bö­den selbst spei­chern Was­ser: bis in zwei Me­ter Tie­fe kann der Nie­der­schlag ei­nes hal­ben Jah­res ste­cken. Die Vor­aus­set­zung da­für ist, dass er re­gel­mä­ßig fällt. Wenn es ab dem Wo­chen­en­de reg­nen wird, wird viel ein­fach nur „durch­lau­fen" oder, schlim­mer, kost­ba­ren Hu­mus weg­spü­len. Wir al­le ken­nen das, wenn wir nach ei­nem Ur­laub die Bal­kon­käs­ten das ers­te Mal wie­der gie­ßen: Erst­mal läuft's durch. Die Acker­bö­den trock­nen wei­ter aus, was ei­ne Ge­fahr für un­se­re Le­bens­mit­tel­ver­sor­gung dar­stellt.

Die Land­wirt­schaft wird sich um­stel­len müs­sen. Wir sind längst in ei­ner an­de­ren Kli­ma­zo­ne an­ge­kom­men mit ei­ner an­de­ren Ver­tei­lung der Nie­der­schlä­ge über das Jahr. Tro­cke­ne Som­mer be­gin­nen im Früh­jahr. Die sonst feuch­ten Win­ter sind in Sum­me auch tro­cke­ner und hel­fen nicht mehr, die Was­ser­spei­cher auf­zu­fül­len. Durch hö­he­re Tem­pe­ra­tu­ren steigt zu­dem die Ver­duns­tung an.

War­me Luft kann we­sent­lich mehr Was­ser­dampf auf­neh­men als kal­te Luft.Faust­re­gel: Pro Grad Tem­pe­ra­tur­an­stieg sind es rund sie­ben Pro­zent mehr Feuch­tig­keit. Die über­aus sta­bi­len Wet­ter­la­gen füh­ren am En­de zu mehr Ak­ku­mu­la­ti­on von Was­ser in den Wol­ken, was wie­de­rum Stark­re­gen­er­eig­nis­se wahr­schein­li­cher macht.
 

Fazit


Kli­ma­schutz ist nicht die Kir­sche auf der Tor­te, son­dern ist Tor­ten­bo­den und die Tor­te selbst mit ih­ren Schich­ten. Wir müs­sen als Ge­sell­schaft end­lich ler­nen, ei­ne Ah­nung von den In­ter­de­pen­den­zen zu be­kom­men, mit de­nen wir es zu tun ha­ben.

Kli­ma­schutz ist ein Kon­junk­tur­pro­gramm, denn ei­ne re­si­li­en­te Um­welt, ei­ne re­si­li­en­te In­fra­struk­tur sind schlicht die Grund­vor­aus­set­zung des Wirt­schaf­tens.

Vo­ka­bel­no­tiz


Der fran­zö­si­sche Be­griff la pas­soi­re ther­mi­que, wört­lich: ein ther­mi­sches Sieb (das al­les durch­lässt), wirft ei­ne Über­set­zungs­fra­ge auf. „Schlecht iso­lier­te Woh­nung" wä­re die neut­rals­te Um­schrei­bung, „Wär­me­schleu­der" die Be­schrei­bung aus Win­ter­per­spek­ti­ve, „Hit­ze­fal­le" nimmt den Som­mer zum Aus­gangs­punkt. Bei „ener­ge­ti­sche Bruch­bu­de" steckt schon ein deut­li­ches Maß Po­le­mik in der Aus­drucks­wei­se.

Was ist Ihr/Dein Fa­vo­rit? Gibt es bes­se­re Vor­schlä­ge?

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Gra­fik: Lot­te Rei­nin­ger, Prinz Ach­med

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