Dienstag, 17. März 2026

Reizklima

Wie Sprach­pro­fis ar­bei­ten, ist seit 2007 Ge­gen­stand die­ses Web­logs. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te meis­tens als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt ins Eng­li­sche. Heu­te geht es ums Ler­nen.

Grund­schul­kin­der
Schul­kin­der
Ges­tern ha­be ich ei­ne Dis­kus­sion ge­hört, in der es um Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie ging, als Teil mei­ner Kon­fe­renz­vor­be­rei­tung. Zen­tral da­bei war das di­gi­ta­le „Neu­land", um die ein­sti­ge Kanz­le­rin zu zi­tie­ren. Da­mit mei­ne ich nicht das In­ter­net, son­dern die Ge­wohn­hei­ten, die es er­zeugt.

Ei­ne Leh­re­rin hat be­rich­tet, dass sie Schü­lern kaum noch län­ge­re Fil­me zei­gen kön­ne. Als ei­ne Kol­le­gin aus­fällt, bie­tet sie bei­den von ihr pa­ral­lel be­auf­sich­tig­ten Klas­sen ei­nen Do­ku­men­tar­film an, der zum Un­ter­richts­stoff passt, und ver­sucht, ih­re Zeit ge­recht auf bei­de Lern­grup­pen auf­zu­tei­len. Die Vier­zehn- und Fünf­zehn­jäh­ri­gen wur­den da­her ge­be­ten, Kern­in­for­ma­tio­nen zu no­tie­ren. In­des, ih­re Auf­merk­sam­keit bre­che viel zu schnell weg.

Sie kön­ne sol­che Fil­me nur noch so zei­gen, dass sie stän­dig vor Ort sei, um den Film zu un­ter­bre­chen und In­hal­te wie­der­ho­len zu las­sen, „da­mit über­haupt et­was hän­gen­bleibt". Mus­ste sie frü­her al­le zwei, drei Mi­nu­ten ei­nen neu­en Reiz an­bie­ten, lie­ge heu­te die Auf­merk­sam­keits­span­ne der jun­gen Leu­te bei 20 bis 30 Se­kun­den. Die Schul­lei­tung ha­be da­her Si­cher­heits­per­so­nal und Er­zie­her:in­nen für man­che Al­ters­grup­pen ein­be­stellt. Das ein­zi­ge Ziel sei jetzt nur noch ein ge­rin­ger Ge­räusch­pe­gel, sag­te sie, und sie fasst zu­sam­men: „ver­lo­re­ne Lern­zeit".

In­for­ma­ti­ke­rin Glo­ria Mark von der Uni­ver­si­ty of Ca­li­for­nia misst das im Bü­ro: Zeig­ten Er­wach­se­ne 2004 noch 150 Se­kun­den Auf­merk­sam­keit am Stück, sind es heu­te nur noch 50, al­so zwei Drit­tel we­ni­ger Zeit und Tie­fe.

Das Pro­blem ist nicht tri­vi­al. Kur­ze Kon­zen­tra­ti­ons­pha­sen sind dra­ma­tisch in Zei­ten, in de­nen das Er­ken­nen kom­ple­xer Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen po­li­ti­schen, öko­no­mi­schen und öko­lo­gi­schen The­men im­mer wich­ti­ger wird.

Der Grund für den Ver­lust sind ul­tra­kur­ze Schnit­te in Trick­fil­men so­wie die per­ma­nen­te Ver­füg­bar­keit der Mo­bil­te­le­fo­ne. Wer selbst so ei­nen Ta­schen­ter­ro­ris­ten sein Ei­gen nennt, kennt das Phä­no­men des Doom­scrol­lings: kli­cken-wi­schen-wei­ter! Das mag kurz im War­te­zim­mer nütz­lich sein, kon­di­tio­niert aber lang­fris­tig un­ser Ver­hal­ten: Das Ge­hirn ver­langt im­mer mehr neue Rei­ze, im­mer schnel­ler.

Die Recht­fer­ti­gung fürs In­ha­lie­ren der Schnip­sel ist eben­so na­he­lie­gend wie selbst­be­trü­ge­risch: Je­de In­fo er­scheint uns wich­tig. Doch oh­ne Ein­ord­nung, Ver­knüp­fung und Struk­tur kann das Ge­hirn das Ge­se­he­ne schwer ver­ar­bei­ten.

Be­stenfalls blei­ben De­tails hän­gen, das gro­ße Gan­ze ver­schwimmt. Wenn al­les wich­tig ist, ist nichts mehr wich­tig. Wis­sen ver­wischt, und die An­fäl­lig­keit für Falsch­in­for­ma­tio­nen steigt. Dass die Big tech ih­re Al­go­rith­men auf die Zie­le der Geld­ge­ber aus­rich­tet, ist be­kannt. So ist der Bre­xit ent­stan­den, der Ein­fluss ist be­legt.

Nach Doom­scrol­ling füh­len sich die Men­schen leer. Der Do­pa­min­spie­gel fällt ab, Frust steigt, ei­ne Grund­stim­mung, die das per­fek­te Ein­falls­tor für Het­ze dar­stellt. Der Kör­per mu­tiert fremd­ge­steu­ert zur Echo­kam­mer des Ge­se­he­nen.

Ist das zu stark ver­ein­facht? Nein, wis­sen­schaft­lich be­legt. Die For­de­rung nach Ein­schrän­kun­gen für Kin­der und Ju­gend­li­che ist nur kon­se­quent. Der klars­te Satz da­zu: Wir ge­ben ih­nen kei­ne Tech­nik in die Hand, wir lie­fern ih­re Ge­hir­ne an die Tech­nik aus.

Wis­sen auf­zu­bau­en be­deu­tet, zu­zu­hö­ren, zu le­sen, zu über­prü­fen, ein­zu­ord­nen, Struk­tu­ren zu se­hen und Fak­ten zu spei­chern. Und nur durch das Er­ken­nen von Zu­sam­men­hän­gen kom­men wir über­haupt erst in die La­ge, per­fi­de Ab­sich­ten und Feh­lin­for­ma­tio­nen auf­zu­de­cken. Bil­dung schützt meis­tens vor Rat­ten­fän­gern. Sie stärkt die De­mo­kra­tie. Und Bil­dung braucht Dis­tanz: we­ni­ger Bild­schirm, mehr Skep­sis.

In­ter­es­sant: Im Si­li­con Val­ley schi­cken vie­le ih­re Kin­der auf Wal­dorf- oder Mon­tes­so­ri­schu­len und prak­ti­zie­ren strik­te Tech­nik­kon­trol­le. Den Gran­den der Tech-In­dus­trie, die es of­fen­bar bes­ser wis­sen, müs­sen wir für den Rest der Welt schlech­te Ab­sich­ten un­ter­stel­len.

Neu­lich beim Arzt: Ein Klein­kind starrt im Kin­der­wa­gen auf Trick­fil­me, über­mü­det, un­ru­hig. Ein Drei­jäh­ri­ger im Zug lässt sich nur mit Tab­let vor Au­gen füt­tern. Und nein, au­ßer kind­ge­rech­ter Be­schäf­ti­gung und ech­ter el­ter­li­cher Zu­wen­dung hat ihm nichts ge­fehlt. (Bei­de El­tern hin­gen stän­dig an ih­ren Smart­pho­nes.) Das sind lei­der kei­ne Ein­zel­fäl­le, son­dern ei­ne Zeit­bom­be, auch volks­wirt­schaft­lich.

Ei­ni­ge Jah­re spä­ter

Das Ge­gen­gift ist so ba­nal wie wirk­sam: le­sen, vor­le­sen, Lan­ge­wei­le zu­las­sen, Men­schen tref­fen. Wer kann, soll­te me­di­tie­ren und spa­zie­ren­ge­hen. Als Kin­der ha­ben wir im Au­to das Far­ben­spiel ge­spielt, heu­te kann es ab­schwei­fen­de Ge­hir­ne ein­fan­gen: ei­ne Far­be wäh­len und schau­en, wo sie in der Um­ge­bung vor­kommt.

Gym­nas­tik und Yo­ga sind die bes­ten Er­gän­zun­gen, ge­ra­de für Sitz­men­schen. Mit der Hand schrei­ben, bas­teln, DIY. Wir ler­nen am bes­ten buch­stäb­lich durch das Be­grei­fen, der gan­ze Kör­per ist am Lern­vor­gang be­tei­ligt und das Ge­hirn braucht Ab­wechs­lung. Ei­ne Bü­ro­kol­le­gin auf Zeit lernt jetzt stri­cken, ich ge­he gleich wie­der gärt­nern.

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Fo­tos: pixlr.com (Zu­falls­fun­de)

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