Wie Sprachprofis arbeiten, ist seit 2007 Gegenstand dieses Weblogs. Meine Muttersprache ist Deutsch, ich arbeite meistens als Konferenzdolmetscherin mit Französisch und Englisch, die Bürokollegin übersetzt ins Englische. Heute geht es ums Lernen.
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| Schulkinder |
Eine Lehrerin hat berichtet, dass sie Schülern kaum noch längere Filme zeigen könne. Als eine Kollegin ausfällt, bietet sie beiden von ihr parallel beaufsichtigten Klassen einen Dokumentarfilm an, der zum Unterrichtsstoff passt, und versucht, ihre Zeit gerecht auf beide Lerngruppen aufzuteilen. Die Vierzehn- und Fünfzehnjährigen wurden daher gebeten, Kerninformationen zu notieren. Indes, ihre Aufmerksamkeit breche viel zu schnell weg.
Sie könne solche Filme nur noch so zeigen, dass sie ständig vor Ort sei, um den Film zu unterbrechen und Inhalte wiederholen zu lassen, „damit überhaupt etwas hängenbleibt". Musste sie früher alle zwei, drei Minuten einen neuen Reiz anbieten, liege heute die Aufmerksamkeitsspanne der jungen Leute bei 20 bis 30 Sekunden. Die Schulleitung habe daher Sicherheitspersonal und Erzieher:innen für manche Altersgruppen einbestellt. Das einzige Ziel sei jetzt nur noch ein geringer Geräuschpegel, sagte sie, und sie fasst zusammen: „verlorene Lernzeit".
Informatikerin Gloria Mark von der University of California misst das im Büro: Zeigten Erwachsene 2004 noch 150 Sekunden Aufmerksamkeit am Stück, sind es heute nur noch 50, also zwei Drittel weniger Zeit und Tiefe.
Das Problem ist nicht trivial. Kurze Konzentrationsphasen sind dramatisch in Zeiten, in denen das Erkennen komplexer Zusammenhänge zwischen politischen, ökonomischen und ökologischen Themen immer wichtiger wird.
Der Grund für den Verlust sind ultrakurze Schnitte in Trickfilmen sowie die permanente Verfügbarkeit der Mobiltelefone. Wer selbst so einen Taschenterroristen sein Eigen nennt, kennt das Phänomen des Doomscrollings: klicken-wischen-weiter! Das mag kurz im Wartezimmer nützlich sein, konditioniert aber langfristig unser Verhalten: Das Gehirn verlangt immer mehr neue Reize, immer schneller.
Die Rechtfertigung fürs Inhalieren der Schnipsel ist ebenso naheliegend wie selbstbetrügerisch: Jede Info erscheint uns wichtig. Doch ohne Einordnung, Verknüpfung und Struktur kann das Gehirn das Gesehene schwer verarbeiten.
Bestenfalls bleiben Details hängen, das große Ganze verschwimmt. Wenn alles wichtig ist, ist nichts mehr wichtig. Wissen verwischt, und die Anfälligkeit für Falschinformationen steigt. Dass die Big tech ihre Algorithmen auf die Ziele der Geldgeber ausrichtet, ist bekannt. So ist der Brexit entstanden, der Einfluss ist belegt.
Nach Doomscrolling fühlen sich die Menschen leer. Der Dopaminspiegel fällt ab, Frust steigt, eine Grundstimmung, die das perfekte Einfallstor für Hetze darstellt. Der Körper mutiert fremdgesteuert zur Echokammer des Gesehenen.
Ist das zu stark vereinfacht? Nein, wissenschaftlich belegt. Die Forderung nach Einschränkungen für Kinder und Jugendliche ist nur konsequent. Der klarste Satz dazu: Wir geben ihnen keine Technik in die Hand, wir liefern ihre Gehirne an die Technik aus.
Wissen aufzubauen bedeutet, zuzuhören, zu lesen, zu überprüfen, einzuordnen, Strukturen zu sehen und Fakten zu speichern. Und nur durch das Erkennen von Zusammenhängen kommen wir überhaupt erst in die Lage, perfide Absichten und Fehlinformationen aufzudecken. Bildung schützt meistens vor Rattenfängern. Sie stärkt die Demokratie. Und Bildung braucht Distanz: weniger Bildschirm, mehr Skepsis.
Interessant: Im Silicon Valley schicken viele ihre Kinder auf Waldorf- oder Montessorischulen und praktizieren strikte Technikkontrolle. Den Granden der Tech-Industrie, die es offenbar besser wissen, müssen wir für den Rest der Welt schlechte Absichten unterstellen.
Neulich beim Arzt: Ein Kleinkind starrt im Kinderwagen auf Trickfilme, übermüdet, unruhig. Ein Dreijähriger im Zug lässt sich nur mit Tablet vor Augen füttern. Und nein, außer kindgerechter Beschäftigung und echter elterlicher Zuwendung hat ihm nichts gefehlt. (Beide Eltern hingen ständig an ihren Smartphones.) Das sind leider keine Einzelfälle, sondern eine Zeitbombe, auch volkswirtschaftlich.
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| Einige Jahre später |
Das Gegengift ist so banal wie wirksam: lesen, vorlesen, Langeweile zulassen, Menschen treffen. Wer kann, sollte meditieren und spazierengehen. Als Kinder haben wir im Auto das Farbenspiel gespielt, heute kann es abschweifende Gehirne einfangen: eine Farbe wählen und schauen, wo sie in der Umgebung vorkommt.
Gymnastik und Yoga sind die besten Ergänzungen, gerade für Sitzmenschen. Mit der Hand schreiben, basteln, DIY. Wir lernen am besten buchstäblich durch das Begreifen, der ganze Körper ist am Lernvorgang beteiligt und das Gehirn braucht Abwechslung. Eine Bürokollegin auf Zeit lernt jetzt stricken, ich gehe gleich wieder gärtnern.
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Fotos: pixlr.com (Zufallsfunde)


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