Vorbereitungsrunde für eine Delegationsreise, Thema: Landwirtschaft, Rinderhaltung, Biolandbau, Inflation und dergleichen mehr. Da im Biolandbau nicht auf petrochemische Düngemittel zurückgegriffen wird, ist er von einem Teil der Teuerungen durch den Krieg im Nahen Osten verschont. Es wird um Marketing, Kommunikation und neue Anbaumethoden gehen.
Es sind drei Sprachen im Raum, EN, FR und DE. Wir sitzen mit im Raum und dolmetschen halb konsekutiv (in für uns gemachte Sprechpausen hinein), halb flüsternd, unterstützt durch leicht transportierbare Technik. Die Sitzung ist für 90 Minuten anberaumt, da ist das kein Problem.
Irgendwann fällt ein Satz, der in etwa so geht: We are considering intensifying aquaponics techniques, even though these are not listed in the standard protocols for organic farming. This involves growing plants by suspending their roots in a dense, nutrient-rich mist. This is beneficial because it reduces both water consumption and CO2 emissions. (Auf Deutsch: Wir erwägen, häufiger Aquaponik einzusetzen, obwohl sie nicht in den Standardprotokollen des Ökolandbaus enthalten ist. Dabei werden die Wurzeln der Pflanzen einem dichten, nährstoffreichen Nebel ausgesetzt, was Vorteile hat, da es sowohl den Wasserverbrauch als auch die CO2-Emissionen reduziert.)
Der Franzose, der früher mal einige Jahre in Berlin gelebt hat, nickt. „Ah! Mist!“, sagt er spontan auf Deutsch und nickt sehr zufrieden.
Die Englisch-Dolmetschkollegin rollt mit den Augen. Es ist immer schwierig, wenn Teilnehmende bei einem Termin spontan die Sprache wechseln, das ist für uns anstrengend, aber es belastet auch den Inhalt.
Anstatt zu dolmetschen, sage ich dem französischen Teilnehmer: Au fait, il parle de la brume. Voici ce qu'il a dit: ... und dolmetsche dann Wort für Wort.
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| Hier kommt das angereicherte Wasser her |
Und dann wiederhole ich, was der Mann gesagt hat, weil mein Kunde offenbar so entzückt war, ein Wort zu verstehen, das er zu erkennt glaubt, dass er nicht gut zugehört hat, auch wenn es ein deutsches Wort war und der Kollege Englisch spricht.
Wir sind in Deutschland, auch so etwas verschiebt Wahrnehmungen. Mais c'est tout autre chose !, sagt unser Franzmann, ... il parle d'hors-sol !, womit er recht hat: Das ist ja ganz was anderes! Er meint Anbau ohne Erde! (Aquaponik wird auf Französisch oft so benannt.)
In der Zwischenzeit hat die Englisch-Kollegin damit zu tun, dem englischen Muttersprachler zu erklären, was hier gerade abläuft. Denn der hatte das Wort merde sehr wohl gehört, was ja auch als Fluch verstanden werden kann, und er wollte wissen, was sein Kollege aus Frankreich denn für ein Problem habe.
Die Kollegin ist sehr ruhig und geduldig bei der Antwort. Unser Brite hat indes zwischendurch auch dem Kollegen aus Frankreich Aufmerksamkeit geschenkt und in ihrer Atemholpause hat er das französische Wort hors-sol aufgeschnappt, in phonetischer Umschrift [ɔʁ sɔl], wobei die erste Silbe dem englischen Wort "horse" so ähnlich klingt, wie eben ein Franzose ohne das im Französischen unübliche "h" das Wort aussprechen würde. Er schüttelt den Kopf und sagt konsterniert: Absolutely no horses ... (wirklich gar keine Pferde).
Wir erklären weiter. Langsam lichtet sich der Nebel, werden Mist, merde und hors-sol geklärt. Am Ende lachen alle über das interkulturelle Hin und Her.
Und jetzt erzähle mir mal einer, wie die KI sowas bewerkstelligen soll, wenn sie selbst ständig Fehler baut (und Sachen erfindet), aber nicht mitschneidet, dass die fehlerbehaftete menschliche Kommunikation eine große Quelle für Missverständnisse ist.
Offen bleibt, ob und wann die Nebelbewässerung eines Tages in den Kanon der zulässigen Anbaumethoden für nachhaltigen Ökolandbau eingehen wird.
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Graphic courtesy of I. Karonent, adapted
for aquaponics by S. Friend (Wikimedia)

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