Dienstag, 31. März 2026

Keine Gastrokritik

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beits­welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin. Wie wir Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­zer ar­bei­ten, ist oft nicht so ge­nau be­kannt. Zum Be­ruf ge­hört auch, dass wir uns stän­dig Ge­dan­ken über die Ar­beits­welt ma­chen, über Spra­che und Tech­nik und über Or­te.

Kellerkneipe, 70-er Jahre
Zum Glück wird heute nicht mehr in Kneipen geraucht
Vor dem Ki­no­gang sit­zen wir im Gast­raum ei­nes Res­tau­rants in Ber­lin-Kreuz­berg. Es schmeckt mir nicht. Ich sto­che­re in mei­ner Ge­mü­se­brü­he her­um. Sie schmeckt ein My scharf, ein My nach Sel­le­rie, das heiße Wasser hat sonst ein Aro­ma von Brüh­wür­fel. Dazu schwim­men noch ei­ni­ge Fä­den ge­ras­pel­ter Ka­rot­te und wei­ße Schnip­sel he­rum.

Ist das Sel­le­rie, Pe­ter­si­lien­wur­zel oder Pas­ti­na­ke? Ich kann's nicht iden­ti­fi­zi­eren, zu klein, zu lan­ge ge­kocht; on top ei­ni­ge Pe­ter­si­li­en­blatt­zi­ta­te. Der Kör­per ver­bucht das Mahl als Schein­fas­ten. Seit Wo­chen ha­be ich al­ler­gi­sche Re­ak­tio­nen, wenn ich aus­wärts esse. Jetzt mi­ni­mie­re ich das Ri­si­ko. 

Wa­re­nein­satz von un­ter fünf­zig Cent, rech­net der Hinterkopf zu­sam­men, viel­leicht so­gar in­klu­si­ve der teu­ren Ener­gie. Preis­lich liegt die Sup­pe bei 7,90 Eu­ro, was dem Gan­zen ei­ne ge­wis­se me­ta­phy­si­sche Tie­fe ver­leiht. Dazu Bio­tee, 3,90 Eu­ro für hei­ßes Was­ser mit Dop­pel­kam­mer­beu­tel. So­viel kos­tet sonst die Pac­kung mit 20 Beu­teln. Im­mer­hin ist es acht­sam prä­sen­tiert, al­so oh­ne Keks, kei­ne un­nö­ti­gen Ver­loc­kun­gen, das ist wirk­lich su­per!

Aber für Dank­bar­keit wird mir kaum Zeit ge­gönnt. Die Tür zu den Toi­let­ten geht auf. Je­des Mal riecht es da­bei pe­ne­trant nach Rei­ni­gungs­mit­teln. Das stört al­le.

Wäh­rend ich mein Süpp­chen löf­fele, kommt mir ein Ge­dan­ke, der mit Gas­tro­no­mie nur am Ran­de zu tun hat. Wir be­zah­len im Res­tau­rant nicht nur den Wa­ren­ein­satz, der im Schnitt bei et­wa 25 bis 35 Pro­zent liegt, son­dern vor al­lem die Struk­tur da­hin­ter. Das Gros des Prei­ses ver­schwin­det in Mie­te, Per­so­nal, En­er­gie und all dem, was da­für sorgt, dass der Löf­fel sei­nen Weg zu mir fin­det. Die Sup­pe ist nur der sicht­ba­re Teil.

Beim Dol­met­schen ist das an­ders. Ich brau­che kei­ne Hül­le, kei­ne teu­re La­ge, kei­ne Ku­lis­se. Ich bin selbstän­di­ge Dol­met­sche­rin aus dem Pre­mi­um­seg­ment, ein Bio-Fein­kost­la­den oh­ne Ge­schmacks­ver­stär­ker in der Wa­re, oh­ne künst­li­che Farb­stof­fe, oh­ne auf­ge­bläh­te Ver­pa­ckung mit un­rea­lis­ti­schem Ser­vier­vor­schlag, oh­ne Wer­bung. Bei mir be­kom­men Sie, wo­für Sie be­zah­len, ehr­lich, of­fen, klar.

Um im Le­bens­mit­tel­bild zu blei­ben, wir sind der Fein­kost­la­den und Agen­tu­ren die Dis­coun­ter mit sen­sa­tio­nel­ler Mar­ge. Oft blei­ben dort 50 Pro­zent oder mehr des ei­gent­lich für un­se­re Ar­beit be­stimm­ten Ho­no­rars hän­gen, oh­ne dass dies Ein­fluss auf die Qua­li­tät hät­te (eher im Ge­gen­teil).

Wer di­rekt bucht, spart sich die Hül­le, in­ves­tiert in die Ar­beit, bekommt se­nior in­ter­pre­ters, also be­währ­te Kräf­te mit viel Er­fah­rung.

Zu­rück an den Res­tau­rant­tisch. Mein Ge­gen­über hat Saf­tgu­lasch in Bio­qua­li­tät, da­zu Ge­mü­se und Kar­tof­feln, deut­lich sub­stan­zi­el­ler, aber of­fen­sicht­lich auch ohne aro­ma­ti­sche Hö­hen­flü­ge.

Ich fin­de Bio­gas­tro ei­gent­lich groß­ar­tig, ge­ra­de mit Al­ler­gi­en. Aber ein biss­chen Fair­ness wür­de nicht scha­den. Nicht je­der isst nach 19 Uhr noch groß, auch ha­ben vie­le Men­schen be­grenz­te Bud­gets, zum Bei­spiel am Ne­ben­tisch, da saß ein Frau­en­chor nach der Pro­be. Prompt fällt mir das Wort „so­zia­le Teil­ha­be“ ein. Et­was mehr Acht­sam­keit wä­re da gut ... und viel­leicht ei­ne Brü­he, die nicht nur op­tisch, son­dern auch in­halt­lich und auch preis­lich gut ver­tret­bar ist, ge­nau­so der ein ein­facher Tee. Am Nach­bar­tisch wird die Da­me, die sich an ei­nem Glas Li­mo­na­de fest­hält, das drei­gän­gige Ge­la­ge ih­rer Tisch­nach­barin quer­sub­ven­tio­nie­ren.

Seit der Chor mit im Raum sitzt, kön­nen wir uns am Tisch nicht mehr gut un­ter­hal­ten. Das liegt nicht an den star­ken Stim­men, son­dern an der mie­sen Akus­tik im Raum. (Es gibt heu­te kaum noch Orte mit gu­ter Akus­tik. Zum Glück muss ich nicht dol­met­schen.)

Und gleich noch ei­ne Be­mer­kung. In Frank­reich All­tag, hier gilt es als an­stö­ßig: im Res­tau­rant eine Ka­raf­fe mit Lei­tungs­was­ser zu be­stel­len. Dort wird sie gra­tis hin­ge­stellt. In Deutsch­land ha­be ich auf meine Bit­te hin oft hoch­ge­zo­ge­ne Au­gen­brau­en und dann zwei Eu­ro auf der Rech­nung da­für ge­se­hen. Oder es kom­men Sät­ze wie: „Wir ha­ben Blei­leit­ungen, das dür­fen wir nicht.“ (Die Ge­gen­fra­ge un­ter­bleibt meist: „Und mit die­sem Was­ser ko­chen Sie?“) Die nächs­te Va­ria­nte: „Wir ha­ben auch stil­les Was­ser, soll es ein Glas oder eine Fla­sche sein?“ Und wenn es dann doch schnö­des H2O auf den Tisch schaf­fen soll­te, dann viel­leicht zum Kaf­fe und in ei­nem Glas von ei­ner Grö­ße, das aus der Pup­pen­kü­che stam­men könn­te.

Wenn das kos­ten­freie Trink­was­ser auch bei uns üb­lich wä­re, wür­de die Da­me vom Ne­ben­tisch viel­leicht auch eine (bes­sere) Ge­mü­se­brühe es­sen. Bei ge­rech­te­rer Kos­ten­auf­tei­lung wä­re es kein Ver­lust für die Gas­tro­no­mie, aber ein Ge­winn für die Mensch­lich­keit.

Wo ist in der Markt­wirt­schaft das Wört­chen „so­zial“ ge­blie­ben, wo die Ver­ant­wor­tung al­ler fürs Mit­ein­an­der? Da­mit wä­re auch das Wort „Gast­raum“ nicht mehr sinn­ent­leert.

Ins er­wähn­te Res­tau­rant wer­den wir nicht zu­rück­keh­ren. Und ich stel­le mir ei­ne Gas­tro­kri­tik von ei­ner vier­tel Spal­te vor: Über­schrift, In­tro, dann wei­ße, un­be­druc­kte Zei­len, am En­de folgt der Na­me des Lo­kals. Hier aber heu­te nicht.

So, auf­ge­ges­sen! Wir flie­hen so schnell wie mög­lich aus der Beiz und wur­den beim Ab­räu­men nicht ein­mal ge­fragt, ob es uns ge­schmeckt hat. Wa­rum nur?

P.S.: Wenn Sie in Ber­lin eine Ver­an­stal­tung mit Res­tau­rant­be­such pla­nen, be­ra­te ich ger­ne.

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Gra­fik: Ar­chiv

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