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| Zum Glück wird heute nicht mehr in Kneipen geraucht |
Ist das Sellerie, Petersilienwurzel oder Pastinake? Ich kann's nicht identifizieren, zu klein, zu lange gekocht; on top einige Petersilienblattzitate. Der Körper verbucht das Mahl als Scheinfasten. Seit Wochen habe ich allergische Reaktionen, wenn ich auswärts esse. Jetzt minimiere ich das Risiko.
Wareneinsatz von unter fünfzig Cent, rechnet der Hinterkopf zusammen, vielleicht sogar inklusive der teuren Energie. Preislich liegt die Suppe bei 7,90 Euro, was dem Ganzen eine gewisse metaphysische Tiefe verleiht. Dazu Biotee, 3,90 Euro für heißes Wasser mit Doppelkammerbeutel. Soviel kostet sonst die Packung mit 20 Beuteln. Immerhin ist es achtsam präsentiert, also ohne Keks, keine unnötigen Verlockungen, das ist wirklich super!
Aber für Dankbarkeit wird mir kaum Zeit gegönnt. Die Tür zu den Toiletten geht auf. Jedes Mal riecht es dabei penetrant nach Reinigungsmitteln. Das stört alle.
Während ich mein Süppchen löffele, kommt mir ein Gedanke, der mit Gastronomie nur am Rande zu tun hat. Wir bezahlen im Restaurant nicht nur den Wareneinsatz, der im Schnitt bei etwa 25 bis 35 Prozent liegt, sondern vor allem die Struktur dahinter. Das Gros des Preises verschwindet in Miete, Personal, Energie und all dem, was dafür sorgt, dass der Löffel seinen Weg zu mir findet. Die Suppe ist nur der sichtbare Teil.
Beim Dolmetschen ist das anders. Ich brauche keine Hülle, keine teure Lage, keine Kulisse. Ich bin selbständige Dolmetscherin aus dem Premiumsegment, ein Bio-Feinkostladen ohne Geschmacksverstärker in der Ware, ohne künstliche Farbstoffe, ohne aufgeblähte Verpackung mit unrealistischem Serviervorschlag, ohne Werbung. Bei mir bekommen Sie, wofür Sie bezahlen, ehrlich, offen, klar.
Um im Lebensmittelbild zu bleiben, wir sind der Feinkostladen und Agenturen die Discounter mit sensationeller Marge. Oft bleiben dort 50 Prozent oder mehr des eigentlich für unsere Arbeit bestimmten Honorars hängen, ohne dass dies Einfluss auf die Qualität hätte (eher im Gegenteil).
Wer direkt bucht, spart sich die Hülle, investiert in die Arbeit, bekommt senior interpreters, also bewährte Kräfte mit viel Erfahrung.
Zurück an den Restauranttisch. Mein Gegenüber hat Saftgulasch in Bioqualität, dazu Gemüse und Kartoffeln, deutlich substanzieller, aber offensichtlich auch ohne aromatische Höhenflüge.
Ich finde Biogastro eigentlich großartig, gerade mit Allergien. Aber ein bisschen Fairness würde nicht schaden. Nicht jeder isst nach 19 Uhr noch groß, auch haben viele Menschen begrenzte Budgets, zum Beispiel am Nebentisch, da saß ein Frauenchor nach der Probe. Prompt fällt mir das Wort „soziale Teilhabe“ ein. Etwas mehr Achtsamkeit wäre da gut ... und vielleicht eine Brühe, die nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich und auch preislich gut vertretbar ist, genauso der ein einfacher Tee. Am Nachbartisch wird die Dame, die sich an einem Glas Limonade festhält, das dreigängige Gelage ihrer Tischnachbarin quersubventionieren.
Seit der Chor mit im Raum sitzt, können wir uns am Tisch nicht mehr gut unterhalten. Das liegt nicht an den starken Stimmen, sondern an der miesen Akustik im Raum. (Es gibt heute kaum noch Orte mit guter Akustik. Zum Glück muss ich nicht dolmetschen.)
Und gleich noch eine Bemerkung. In Frankreich Alltag, hier gilt es als anstößig: im Restaurant eine Karaffe mit Leitungswasser zu bestellen. Dort wird sie gratis hingestellt. In Deutschland habe ich auf meine Bitte hin oft hochgezogene Augenbrauen und dann zwei Euro auf der Rechnung dafür gesehen. Oder es kommen Sätze wie: „Wir haben Bleileitungen, das dürfen wir nicht.“ (Die Gegenfrage unterbleibt meist: „Und mit diesem Wasser kochen Sie?“) Die nächste Variante: „Wir haben auch stilles Wasser, soll es ein Glas oder eine Flasche sein?“ Und wenn es dann doch schnödes H2O auf den Tisch schaffen sollte, dann vielleicht zum Kaffe und in einem Glas von einer Größe, das aus der Puppenküche stammen könnte.
Wenn das kostenfreie Trinkwasser auch bei uns üblich wäre, würde die Dame vom Nebentisch vielleicht auch eine (bessere) Gemüsebrühe essen. Bei gerechterer Kostenaufteilung wäre es kein Verlust für die Gastronomie, aber ein Gewinn für die Menschlichkeit.
Wo ist in der Marktwirtschaft das Wörtchen „sozial“ geblieben, wo die Verantwortung aller fürs Miteinander? Damit wäre auch das Wort „Gastraum“ nicht mehr sinnentleert.
Ins erwähnte Restaurant werden wir nicht zurückkehren. Und ich stelle mir eine Gastrokritik von einer viertel Spalte vor: Überschrift, Intro, dann weiße, unbedruckte Zeilen, am Ende folgt der Name des Lokals. Hier aber heute nicht.
So, aufgegessen! Wir fliehen so schnell wie möglich aus der Beiz und wurden beim Abräumen nicht einmal gefragt, ob es uns geschmeckt hat. Warum nur?
P.S.: Wenn Sie in Berlin eine Veranstaltung mit Restaurantbesuch planen, berate ich gerne.
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Grafik: Archiv

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