Heute Morgen in den Nachrichten: In Deutschland haben wir höhere Temperaturen als in Spanien. Die Menschen freut's, kaum jemand denkt weiter. Und die „Wetterfrösche“ in den Medien sagen es neutral an, ziehen vielleicht eine Augenbraue hoch, verkneifen sich den Alarm, der nötig wäre.
In einem früheren Berufsleben war ich Journalistin. Mir fallen gerade in den Medien die regelmäßigen Kurzberichte über Wetterkatastrophen auf seit Jahresanfang: in Portugal anhaltender Starkregen, der nicht nur schwer abfloss, sondern in die Häuser und Straßen hochgespült wurde. In Spanien: eine Gewitterfront nach der anderen. Auch in Lateinamerika: extreme Regenfälle, Überschwemmungen, Erdrutsche. Das Wasser fordert überall Menschenleben. Auch wenn das räumlich weit entfernt ist, meteorologisch folgt es ähnlichen Mustern.
Mir fällt auf, dass es derzeit Fehlstellen in der Berichterstattung gibt, die Fakten werden in Kürzestbeiträgen knapp abgearbeitet, and that's it.
The elephant in the room
| Kurz vor dem Gewitter |
In ganz Europa erleben wir jetzt alle paar Jahre einen „Jahrhundertsommer“ mit monatelangen Hitzewellen, Dürre, Todesopfern. Das Phänomen nennt sich „blockierende Wetterlage“, die Folge verlangsamter Westwindströmungen etwa in der Höhe, in der auch Verkehrsflugzeuge fliegen, der Jetstream, der schwächer und welliger wird. Dadurch sind Wetterlagen wie am Himmel festgetackert. Das sind Folgen der Klimakatastrophe, die auch dann unser neuer Alltag bleibt, wenn wir morgen die CO2-Emissionen radikal reduzieren würden. (Leider macht „der Westen“ derzeit das Gegenteil.)
Der Winter 2025/2026 zählt nun zu den extremsten, die Europa je erlebt hat. Mir fehlen in den Zeitungen und im TV die zahlreichen Hintergrundreportagen (zu vernünftiger Sendezeit) und einordnende Stücke in den Abendnachrichten, die das Thema erfordert. Es ist der Elefant im Raum.
Ausnahmezustand
Innerhalb weniger Wochen trafen den Kontinent massive Gegensätze: meterhohe Wellen im Mittelmeer, schwere Überschwemmungen in Süditalien, auf Malta und der Iberischen Halbinsel, während schwere Schneestürme und arktische Kälte den Balkan, die Alpen und Teile Griechenlands lahmlegten, vielerorts gab es Lawinengefahr.
Den Auftakt machte im Januar der Zyklon „Harry“, ein hurrikan-ähnlicher Wirbelsturm: Mit Windböen über 120 km/h, bis zu 16 Meter hohen Wellen und enormen Regenmengen verursachte er vor allem in Sizilien, Sardinien, Kalabrien und Malta schwere Schäden. Infrastruktur wurde zerstört, hunderte Menschen evakuiert, die wirtschaftlichen Verluste gehen in die Milliarden. Tragisch: Zahlreiche Menschen starben bei dem Versuch, während des Sturms das Mittelmeer zu überqueren.
Seitdem transportierten aufeinanderfolgende Tiefdrucksysteme feuchtwarme Luft aus dem außergewöhnlich warmen Mittelmeer nach Norden, wo sie auf kalte arktische Luft traf. Die Folge war ein extremer Wetterkontrast: schwere Schneestürme auf dem Balkan, Stromausfälle, blockierte Verkehrswege und Todesopfer durch wetterbedingte Unfälle. Auch Österreich und die Alpen erlebten Starkschnee, Lawinenwarnungen und Überschwemmungen durch Regen auf Schnee.
In Südspanien reiht sich ein Unwetter an das nächste, in Grazalema fiel innerhalb weniger Tage im Februar mehr Niederschlag als im gesamten Jahresmittel.
Wissenschaftlich ist das Muster gut erklärbar: Das Mittelmeer war 2025 so warm wie nie zuvor gemessen, mit Abweichungen von bis zu +5 °C. Wärmeres Wasser bedeutet mehr Verdunstung, mehr Feuchtigkeit in der Atmosphäre (pro Grad etwa sieben Prozent mehr Wasserdampf), zusätzliche Energie für Stürme. Studien zeigen, dass der menschengemachte Klimawandel solche Ereignisse deutlich verstärkt. Klimaforscher sprechen von einer neuen Realität: einer Häufung extremer Wetterlagen, die exakt den Prognosen eines sich erwärmenden Klimas entspricht.
Wenn's ein Drehbuch wäre, würde man sagen: zu dick aufgetragen. (So ähnlich wie die aktuelle Nachrichtenlage, was sexuellen Missbrauch und Verschwörung angeht, sprengt die Situation unser Vorstellungsvermögen.) Klar ist: Wir werden künftig regelmäßig Extremwetter bekommen, höhere Kosten und wachsendes Leid. Der Klimawandel ist längst da.
(Mit diesen Zeilen hätte ich gerne Unrecht, wirklich so gern. Aber die Wissenschaft ist sich zu 99 Prozent sicher. Das eine Prozent sind gekaufte „Gutachten“).
Orte und Momente der Erholung
Wie gehen wir am besten damit um, wenn im TV zwischen Börse und Sport der Physik kaum Raum eingeräumt wird, stattdessen Rechtsextreme ihre kruden Ideen in der Hauptsendezeit zu oft unwidersprochen breittreten dürfen? Wir müssen diesen Raum einfordern! Ich schreibe Zuschauerpost. Aus meiner Zeit als Redakteurin weiß ich, dass derlei aufmerksam gelesen wird.
Engagement für Menschenrechte und Aufklärung brauchen Ausdauer und Erholungspausen. „Aufheiterungszonen“ im Alltag sind wichtig, damit wir Kraft schöpfen können, um gegen diese impertinente Wissenschaftsleugnung anzugehen, im Team mit anderen, die es gibt, die ähnlich wie Du, Sie, wir, ich fast wahnsinnig werden in diesen dunklen Tagen (und da meine ich jetzt mal nicht die Abwesenheit von Sonne dieser Tage in Berlin)!
Ich spiele hier an auf:
✗ Epstein-Files
✗ Ministerin Reiche plant Baustopp für Wind und Solar für mindestens zehn Jahre
✗ Die Regierung plant u.a., das Nutzer:innen erneuerbarer Energien mit Sonderabgaben belastet werden für die allgemeinen Netzkosten
✗ Rechtsextremist Chr. in prominenter Talkshow
✗ Geplante Kürzung der Solarförderung
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Foto: C.E. (Archiv)
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