Dienstag, 10. März 2026

Auf­hei­te­rungs­zo­nen

Hal­lo! Wie auch im­mer Sie hier ge­lan­det sind, Sie le­sen auf den Sei­ten mei­nes vir­tu­el­len Ar­beits­ta­ge­buchs. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin und ar­bei­te mit den Spra­chen Fran­zö­sisch und Eng­lisch, Deutsch ist mei­ne Mut­ter­spra­che. Heu­te: Nach­den­ken über un­se­re Zeit.

Heut­e Mor­gen in den Nach­rich­ten: In Deutsch­land ha­ben wir hö­he­re Temp­e­ra­tu­ren als in Spa­nien. Die Men­schen freut's, kaum je­mand denkt wei­ter. Und die „Wet­ter­frö­sche“ in den Me­dien sa­gen es neu­tral an, zie­hen viel­leicht ei­ne Au­gen­braue hoch, ver­knei­fen sich den Alarm, der nö­tig wä­re.

In ei­nem frü­he­ren Be­rufs­le­ben war ich Jour­na­lis­tin. Mir fal­len ge­ra­de in den Me­dien die re­gel­mä­ßi­gen Kurz­be­rich­te über Wet­ter­ka­tas­tro­phen auf seit Jahresanfang: in Por­tu­gal an­hal­ten­der Stark­re­gen, der nicht nur schwer ab­floss, son­dern in die Häu­ser und Stra­ßen hoch­ge­spült wur­de. In Spanien: eine Gewitterfront nach der anderen. Auch in La­tein­a­me­ri­ka: ex­tre­me Re­gen­fäl­le, Über­schwem­mun­gen, Erd­rut­sche. Das Was­ser for­dert über­all Men­schen­le­ben. Auch wenn das räum­lich weit ent­fernt ist, me­te­o­ro­lo­gisch folgt es ähn­li­chen Mus­tern. 

Mir fällt auf, dass es der­zeit Fehl­stel­len in der Be­richt­er­stat­tung gibt, die Fak­ten wer­den in Kür­zest­bei­trä­gen knapp ab­ge­ar­bei­tet, and that's it.

The ele­phant in the room

Gewitterstimmung
Kurz vor dem Gewitter
Frü­her hieß es schlech­tes Wetter, heu­te Da­ten­lage: Lan­ge Pha­sen oh­ne Wet­ter­än­de­run­gen ha­ben vie­le von in Er­in­ne­rung. z.B. die hei­ßen Som­mer 2003 und 2018. Da­mals kon­nten wir un­se­ren win­di­gen Nord­bal­kon an ei­nem Fließ­ge­wäs­ser von An­fang Mai bis En­de Ok­to­ber nut­zen, frü­her ma­xi­mal vier Wo­chen. Ver­las­sen wir den Bal­kon, öf­fnen wir den Fo­kus.

In ganz Eu­ro­pa erleben wir jetzt al­le paar Jah­re ei­nen „Jahr­hun­dert­som­mer“ mit mo­na­te­lan­gen Hit­ze­wel­len, Dür­re, To­de­sop­fern. Das Phä­no­men nennt sich „blo­ckie­ren­de Wet­ter­la­ge“, die Fol­ge ver­lang­sam­ter West­wind­strö­mung­en etwa in der Hö­he, in der auch Ver­kehrs­flug­zeu­ge fliegen, der Jet­stream, der schwä­cher und wel­li­ger wird. Da­durch sind Wet­ter­la­gen wie am Him­mel fest­ge­ta­ckert. Das sind Fol­gen der Kli­ma­ka­tas­tro­phe, die auch dann un­ser neu­er All­tag bleibt, wenn wir mor­gen die CO2-Emis­sio­nen ra­di­kal re­du­zie­ren wür­den. (Lei­der macht „der Wes­ten“ der­zeit das Ge­gen­teil.)

Der Win­ter 2025/2026 zählt nun zu den ex­trem­s­ten, die Eu­ro­pa je er­lebt hat. Mir feh­len in den Zei­tun­gen und im TV die zahl­rei­chen Hin­ter­grund­re­por­ta­gen (zu ver­nünf­ti­ger Sen­de­zeit) und ein­ord­nen­de Stüc­ke in den A­bend­nach­rich­ten, die das The­ma er­for­dert. Es ist der Ele­fant im Raum.

Aus­nah­me­zu­stand

In­ner­halb we­ni­ger Wo­chen tra­fen den Kon­ti­nent mas­si­ve Ge­gen­sät­ze: me­ter­ho­he Wel­len im Mit­tel­meer, schwe­re Über­schwem­mun­gen in Süd­ita­lien, auf Mal­ta und der Ibe­ri­schen Halb­in­sel, wäh­rend schwe­re Schnee­stürme und ark­ti­sche Käl­te den Bal­kan, die Al­pen und Tei­le Grie­chen­lands lahm­leg­ten, vie­ler­orts gab es La­wi­nen­ge­fahr.

Den Auf­takt mach­te im Ja­nu­ar der Zy­klon „Har­ry“, ein hur­ri­kan-ähn­li­cher Wir­bel­sturm: Mit Wind­bö­en über 120 km/h, bis zu 16 Me­ter ho­hen Wel­len und enor­men Re­gen­men­gen ver­ur­sach­te er vor al­lem in Si­zi­lien, Sar­di­ni­en, Ka­la­bri­en und Mal­ta schwe­re Schä­den. In­fra­struk­tur wur­de zer­stört, hun­der­te Men­schen eva­ku­iert, die wirt­schaft­li­chen Ver­lus­te gehen in die Mil­li­ar­den. Tra­gisch: Zahl­rei­che Men­schen star­ben bei dem Ver­such, wäh­rend des Sturms das Mit­tel­meer zu über­que­ren.

Seit­dem trans­por­tier­ten auf­ein­an­der­fol­gen­de Tief­druck­sys­te­me feucht­war­me Luft aus dem au­ßer­ge­wöhn­lich war­men Mit­tel­meer nach Nor­den, wo sie auf kal­te ark­ti­sche Luft traf. Die Fol­ge war ein ex­tre­mer Wet­ter­kon­trast: schwe­re Schnee­stür­me auf dem Bal­kan, Strom­aus­fäl­le, blo­ckier­te Ver­kehrs­we­ge und To­des­op­fer durch wet­ter­be­ding­te Un­fäl­le. Auch Ös­ter­reich und die Al­pen er­leb­ten Stark­schnee, La­wi­nen­war­nun­gen und Über­schwem­mun­gen durch Re­gen auf Schnee.

In Süd­spa­nien reiht sich ein Un­wet­ter an das nächs­te, in Gra­za­le­ma fiel in­ner­halb we­ni­ger Ta­ge im Feb­ru­ar mehr Nie­der­schlag als im ge­sam­ten Jah­res­mit­tel.

Wis­sen­schaft­lich ist das Mus­ter gut er­klär­bar: Das Mit­tel­meer war 2025 so warm wie nie zu­vor ge­mes­sen, mit Ab­wei­chun­gen von bis zu +5 °C. Wär­me­res Was­ser be­deu­tet mehr Ver­duns­tung, mehr Feuch­tig­keit in der At­mo­sphä­re (pro Grad etwa sie­ben Pro­zent mehr Was­ser­dampf), zu­sätz­li­che En­er­gie für Stür­me. Stu­di­en zei­gen, dass der men­schen­ge­mach­te Kli­ma­wan­del sol­che Er­eig­nis­se deut­lich ver­stärkt. Kli­ma­for­scher spre­chen von ei­ner neu­en Re­a­li­tät: ei­ner Häu­fung ex­tre­mer Wet­ter­la­gen, die ex­akt den Pro­gno­sen ei­nes sich er­wär­men­den Kli­mas ent­spricht.

Wenn's ein Dreh­buch wäre, wür­de man sa­gen: zu dick auf­ge­tra­gen. (So ähn­lich wie die ak­tu­el­le Nach­rich­ten­la­ge, was se­xu­el­len Miss­brauch und Ver­schwö­rung an­geht, sprengt die Si­tu­a­tion un­ser Vor­stel­lungs­ver­mö­gen.) Klar ist: Wir wer­den künf­tig re­gel­mä­ßig Ex­trem­wet­ter be­kom­men, hö­he­re Kos­ten und wach­sen­des Leid. Der Kli­ma­wan­del ist längst da.

(Mit die­sen Zei­len hät­te ich ger­ne Un­recht, wirk­lich so gern. Aber die Wis­sen­schaft ist sich zu 99 Pro­zent si­cher. Das ei­ne Pro­zent sind ge­kauf­te „Gut­ach­ten“).

Or­te und Mo­men­te der Er­ho­lung

Wie ge­hen wir am bes­ten da­mit um, wenn im TV zwi­schen Bör­se und Sport der Phy­sik kaum Raum ein­ge­räumt wird, statt­des­sen Rechts­ex­tre­me ihre kru­den Ideen in der Haupt­sen­de­zeit zu oft un­wi­der­spro­chen breit­tre­ten dürfen? Wir müs­sen die­sen Raum ein­for­dern! Ich schrei­be Zu­schau­er­post. Aus mei­ner Zeit als Re­dak­teu­rin weiß ich, dass der­lei auf­merk­sam ge­le­sen wird.

En­ga­ge­ment für Men­schen­rech­te und Auf­klä­rung brauchen Aus­dauer und Er­ho­lungs­pau­sen. „Auf­hei­te­rungs­zo­nen“ im All­tag sind wichtig, damit wir Kraft schöp­fen können, um ge­gen die­se im­per­ti­nen­te Wis­sen­schafts­leug­nung an­zu­ge­hen, im Team mit an­de­ren, die es gibt, die ähn­lich wie Du, Sie, wir, ich fast wahn­sin­nig wer­den in die­sen dunk­len Ta­gen (und da mei­ne ich jetzt mal nicht die Ab­we­sen­heit von Son­ne die­ser Ta­ge in Ber­lin)!


Ich spiele hier an auf:
✗ Epstein-Files
✗ Ministerin Reiche plant Baustopp für Wind und Solar für mindestens zehn Jahre
✗ Die Regierung plant u.a., das Nutzer:innen erneuerbarer Energien mit Sonderabgaben belastet werden für die allgemeinen Netzkosten
✗ Rechtsextremist Chr. in prominenter Talkshow
✗ Geplante Kürzung der Solarförderung

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Foto:
C.E. (Archiv)

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