Sehr oft habe ich über die Restitution von Raubkunst gedolmetscht, in Schulen, Gedenkstätten, bei Buch- und Filmvorstellungen zur Nazizeit, besonders über den zentralen Zivilisationsbruch der deutschen Geschichte.
Der Kreis der Überlebenden des industriellen Massenmords an Menschen anderen Glaubens, anderer politischer Überzeugung oder anderer geschlechtlicher Orientierung wird täglich kleiner. Um die Erinnerung an die jüngste Geschichte lebendig zu erhalten, haben sich viele Menschen dazu bereiterklärt, als „Zweitzeugen” zu fungieren: Zeugen aus zweiter Hand, die vielen Überlebenden begegnet sind, mit ihnen lange gesprochen und historische Dokumente und Orte besucht haben. Auch ich bin so eine „Zweitzeugin”.
Seit Jahrzehnten überlegen wir in diesen Kreisen, wie es später weitergehen wird.
Mit einem konnten wir nicht rechnen: dem Aufkommen der KI und ihrer Verwendung in fragwürdiger Absicht — oder einfach nur zur eigenen Vermögensverwertung.
Ich meine Vorgänge wie diese hier: Menschen stehlen sich die Lebensdaten und Ausgangsfotos von Opfern, „verbessern” diese, indem sie neue Bilder von der KI schaffen lassen, die gleiche Person, nur älter, der gleiche Mensch, nur mit einem anderen Blick. Wo das Opfer eben fein geschmunzelt hat, sieht es nun tragisch drein. Fakebilder sind für Geübte leicht zu erkennen, sie sind detailreicher, haben eine andere Körnung, auch wenn inzwischen oft absichtlich Fehler eingebaut werden, um das Publikum in die Irre zu führen.
Die Manipulation der Bilder mit KI erfolgt mit dem Ziel, die Herzen der Leser:innen in den „asozialen Medien” besser zu erobern und mehr Klicks zu generieren. Dazu werden Geschichten erfunden und mit Details ausgeschmückt. Aus einem früheren Todeszeitpunkt von Eltern beispielsweise werden herzzerreißende Geschichten erfunden über alleine in Großstädten herumirrende Kinder, die in Kellern übernachten und sich aus dem Müll ernähren.
Nicht, dass es das nicht gegeben hätte. Es hat solche Geschichten massenhaft gegeben. Aber es ist nicht verbürgt, dass eben jene Person das Schicksal erlitten hat, deren Namen jeweils herhalten muss. Es sind Fälschungen. Aufgefallen sind mir solche Publikationen u.a. bei Facebook, wo die Unterseiten, auf denen sie stehen, so gemeine Namen tragen wie „Marvelous History”, wunderbare Geschichte.
Die KI droht, die allgemeine Wahrnehmung der Geschichte zu verzerren. Verfälschte Bilder aus dem Inneren der Lager sind bereits aufgetaucht, zum Teil waren dabei äußerst wohlgenährte Opfer zu sehen. Das ist äußerst gefährlich. Die Mehrheit des Publikums hat vermutlich nicht den scharfen Blick der nötig ist, um echte von gefälschten Bildern zu unterscheiden. Das Tor steht weit offen, das zu kompletter Manipulation bis hin zur Negierung historischer Fakten führt.
In einem anderen Fall, den ich genauer untersucht habe, finde ich auf Genealogieseiten die Namen der Eltern des Opfers, eines Mädchens, korrekt wiedergegeben, ebenso wie das Arrondissement, in dem die Familie in Paris gelebt hat. Und dann folgt eine vermutlich menschliche Erfindung auf einer Facebook-Unterseite, die das Wort „Storytelling” im Namen trägt. Damit es nicht sofort auffällt, wurde der Name des Mädchens durch den Austausch eines Buchstabens verändert.
Keine Fakefotos hier, ich möchte das System nicht befeuern. Ich gedenke stellvertretend für Millionen zweier Opfer des Holocaust, deren Geburtstag sich heute jährt. Da ist die niederländische Jüdin Celine Johanna Kuijper aus Rotterdam, Foto links, Jahrgang 1923, sowie die Tschechin Alice Reifová, sie wurde schon 1907 in Prag geboren. Die Frauen wurden August 1943 bzw. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
![]() |
| Celine Johanna Kuijper und Alice Reifová |

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen