Mittwoch, 4. März 2026

Historische Fälschungen

Wie Sprach­pro­fis ar­bei­ten, ist seit 2007 Ge­gen­stand die­ses Web­logs. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te meis­tens als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. KI-Mitt­woch!

Sehr oft ha­be ich über die Res­ti­tu­ti­on von Raub­kunst ge­dol­metscht, in Schu­len, Ge­denk­stät­ten, bei Buch- und Film­vor­stel­lun­gen zur Na­zi­zeit, be­son­ders über den zen­tra­len Zi­vi­li­sa­ti­ons­bruch der deut­schen Ge­schich­te.

Der Kreis der Über­le­ben­den des in­dus­tri­el­len Mas­sen­mords an Men­schen an­de­ren Glau­bens, an­de­rer po­li­ti­scher Über­zeu­gung oder an­de­rer ge­schlecht­li­cher Ori­en­tie­rung wird täg­lich klei­ner. Um die Er­in­ne­rung an die jüngs­te Ge­schich­te le­ben­dig zu er­hal­ten, ha­ben sich vie­le Men­schen da­zu be­reit­er­klärt, als „Zweit­zeu­gen” zu fun­gie­ren: Zeu­gen aus zwei­ter Hand, die vie­len Über­le­ben­den be­geg­net sind, mit ih­nen lan­ge ge­spro­chen und his­to­ri­sche Do­ku­men­te und Or­te be­sucht ha­ben. Auch ich bin so ei­ne „Zweit­zeu­gin”.

Seit Jahr­zehn­ten über­le­gen wir in die­sen Krei­sen, wie es später wei­ter­ge­hen wird.

Mit ei­nem konn­ten wir nicht rech­nen: dem Auf­kom­men der KI und ih­rer Ver­wen­dung in frag­wür­di­ger Ab­sicht — oder ein­fach nur zur ei­ge­nen Ver­mö­gens­ver­wer­tung.

Ich meine Vor­gän­ge wie die­se hier: Men­schen steh­len sich die Le­bens­da­ten und Aus­gangs­fo­tos von Op­fern, „ver­bes­sern” die­se, in­dem sie neue Bil­der von der KI schaf­fen las­sen, die glei­che Per­son, nur äl­ter, der glei­che Mensch, nur mit ei­nem an­de­ren Blick. Wo das Op­fer eben fein ge­schmun­zelt hat, sieht es nun tra­gisch drein. Fake­bil­der sind für Ge­üb­te leicht zu er­ken­nen, sie sind de­tail­rei­cher, ha­ben ei­ne an­de­re Kör­nung, auch wenn in­zwi­schen oft ab­sicht­lich Feh­ler ein­ge­baut wer­den, um das Pub­li­kum in die Ir­re zu füh­ren.

Die Ma­ni­pu­la­ti­on der Bil­der mit KI er­folgt mit dem Ziel, die Her­zen der Le­ser:in­nen in den „aso­zia­len Me­di­en” bes­ser zu er­o­bern und mehr Klicks zu ge­ne­rie­ren. Da­zu wer­den Ge­schich­ten er­fun­den und mit De­tails aus­ge­schmückt. Aus ei­nem frü­he­ren To­des­zeit­punkt von El­tern bei­spiels­wei­se wer­den herz­zer­rei­ßen­de Ge­schich­ten er­fun­den über al­lei­ne in Groß­städ­ten her­um­ir­ren­de Kin­der, die in Kel­lern über­nach­ten und sich aus dem Müll er­näh­ren.

Nicht, dass es das nicht ge­ge­ben hät­te. Es hat sol­che Ge­schich­ten mas­sen­haft ge­ge­ben. Aber es ist nicht ver­bürgt, dass eben je­ne Per­son das Schick­sal er­lit­ten hat, de­ren Na­men je­weils her­hal­ten muss. Es sind Fäl­schun­gen. Auf­ge­fal­len sind mir sol­che Pu­bli­ka­tio­nen u.a. bei Face­book, wo die Un­ter­sei­ten, auf de­nen sie ste­hen, so ge­mei­ne Na­men tra­gen wie „Mar­velous His­to­ry”, wun­der­ba­re Ge­schich­te.

Die KI droht, die all­ge­mei­ne Wahr­neh­mung der Ge­schich­te zu ver­zer­ren. Ver­fälsch­te Bil­der aus dem In­ne­ren der La­ger sind be­reits auf­ge­taucht, zum Teil wa­ren da­bei äu­ßerst wohl­ge­nähr­te Op­fer zu se­hen. Das ist äu­ßerst ge­fähr­lich. Die Mehr­heit des Pu­bli­kums hat ver­mut­lich nicht den schar­fen Blick der nö­tig ist, um ech­te von ge­fälsch­ten Bil­dern zu un­ter­schei­den. Das Tor steht weit of­fen, das zu kom­plet­ter Ma­ni­pu­la­ti­on bis hin zur Ne­gie­rung his­to­ri­scher Fak­ten führt.

In ei­nem an­de­ren Fall, den ich ge­nau­er un­ter­sucht ha­be, fin­de ich auf Ge­nea­lo­gie­sei­ten die Na­men der El­tern des Op­fers, ei­nes Mäd­chens, kor­rekt wie­der­ge­ge­ben, eben­so wie das Ar­ron­dis­se­ment, in dem die Fa­mi­lie in Pa­ris ge­lebt hat. Und dann folgt ei­ne ver­mut­lich mensch­li­che Er­fin­dung auf ei­ner Face­book-Un­ter­sei­te, die das Wort „Sto­ry­tel­ling” im Na­men trägt. Da­mit es nicht so­fort auf­fällt, wur­de der Na­me des Mäd­chens durch den Aus­tausch ei­nes Buch­sta­bens ver­än­dert.

Kei­ne Fake­fo­tos hier, ich möch­te das Sys­tem nicht be­feu­ern. Ich ge­den­ke stell­ver­tre­tend für Mil­lio­nen zwei­er Op­fer des Ho­lo­caust, de­ren Ge­burts­tag sich heu­te jährt. Da ist die nie­der­län­di­sche Jü­din Ce­line Jo­han­na Kui­jper aus Rot­ter­dam, Fo­to links, Jahr­gang 1923, so­wie die Tsche­chin Ali­ce Rei­fo­vá, sie wur­de schon 1907 in Prag ge­bo­ren. Die Frau­en wur­den Au­gust 1943 bzw. Ok­to­ber 1944 nach Ausch­witz de­por­tiert und dort er­mor­det.

Ce­line Jo­han­na Kuij­per und Alice Rei­fo­vá

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Fo­tos: Au­schwitz Me­mo­rial / Au­schwitz-Mu­se­um

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