Mittwoch, 28. Juli 2010

Stressoren

Der Dolmetscherberuf ist oft so dermaßen anstrengend, dass ich gut verstehe, wenn manche Kolleginnen und Kollegen nur noch erste Klasse reisen. Volle Züge, austickende Klimaanlagen (zu heiß im Zug, zu kalt im Flugzeug), greinende Kleine, stinkende Quanten, dauerquasselnde Teens, Schlangestehen bei Check in / Boarding / am Kofferband - die Reisebedingungen belasten uns oft mehr, als wir es uns währenddessen eingestehen möchten. Ich reise oft für Fernsehsender, Kulturvereine und Hochschulen und achte daher schwer auf die Kosten. Nur manchmal, wenn's sonst gar nicht mehr anders geht, flüchte ich in die 1. Klasse oder die Lounge der gleichen Kategorie. Mein Mundwerk sei dank muss ich dafür selten etwas nachzahlen, denn ich lasse mich wie gesagt mit Langmut auf die normalen Zumutungen des Reisens ein.


In einem Punkt gehe ich für mich keinerlei Kompromisse mehr ein: Bei der Übernachtung. Hier muss es wenigstens "OK" sein, darf also kein Kaschemme sein, wobei ich bei längeren Aufenthalten das schlichte Gästehaus oder die Ferienwohnung dem austauschbaren Drei-bis-vier-Sterne-Teppichboden-und-Trockenblumengesteckcharme vorziehe.

Ansonsten reise ich meistens mit dem eigenen Kopfkissen und den ultraleichten Lederhausschuhen für alle zweifelhaften Bodenbelage. Dazu befinden sich Schlafmaske, Hygienetücher und Nähetui in der Packtasche für die Basics. Auch Ohropax sind dabei, die ich aber nicht immer vertrage, bei an-/abklingenden Erkältungen zum Beispiel. Da ich dann ohne Ohrstöpsel aber die Milben husten höre, habe ich schon mal einen Bindfaden an den tropfenden Wasserhahn im halligen Flur gebunden, auf dass dieser den Wassertropfen ableite. Leider wurde das Fädchen am nächsten Tag vom Zimmermädchen abgerissen, so dass ich die Kehrichtschaufel aus dem Flurschrank als Tropfenbremse eingebaut habe.

Wenn ich noch mehr reise, mag ich nicht ausschließen, noch empfindlicher zu werden. Je nach Kunde könnten dann meine Wünsche steigen (im Rahmen des Machbaren natürlich). Letztens verhandelte ich für einen Auftrag aus der Industrie, der eine Kollegin ein Jahr lang zwei Tage in der Woche nach Westdeutschland und zurück bringen wird, für sie vor Ort ein hochwertiges Apartment sowie eine 1.-Klasse-Bahncard 100. Hier konnte ich mich sehr gut in die Situation der Dolmetscherin versetzen, die Zugabteil und Apartment künftig als Erweiterung des eigenen Wohnzimmers empfinden wird. Und das will man ja auch nicht mit allen teilen.

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Fotos: Ein Hotel, in dem ich nicht genächtigt habe,
sowie der beschriebene Nachtruhestörer.

Kommentare:

Thomas C. hat gesagt…

Cooles Bild mit dem Tropfen und der Spiegelung desselben. Wie viele Versuche waren nötig bis zu diesem Bild?

caro_berlin hat gesagt…

Danke :-)
Drei Versuche. Geht noch.
Grüße innen Süden!!