Herzlich willkommen, liebe Leserin, lieber Leser, beim ersten deutschen Dolmetschweblog aus dem Inneren der Dolmetschkabine. Was uns Dolmetscherinnen und Übersetzerinnen (und die Herren im Beruf) tagein, tagaus beschäftigt, wie wir arbeiten, beschreibe ich hier in meinem digitalen Arbeitstagebuch. Heute: KI-Mittwoch.
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| Ein Symbol für die bedrohte Buchkunst |
nfang des Jahres hörte ich das erste Mal von größeren Ladungen
alter oder auch seltener Bücher, die mitten in der europäischen
Nacht von Ankäufern, die sich nicht zu erkennen gaben,
geordert worden waren. Der Mann einer Freundin ist in dieser
Branche. Zunächst als Spam betrachtet, war rasch klar: hier steckt
System dahinter. Die Buchhändler:innen kamen rasch miteinander ins Gespräch.
Viele hatten bereits diese Erfahrung
gemacht. Rasch wurden dahinter die KI-Konzerne vermutet, die
neues Futter fürs „Trainieren“ ihrer Software suchen. Der Verdacht hat sich bestätigt. Doch es gibt neben rechtlichen Verstößen noch einen zweiten Skandal, er steht weiter unten.
Jene, die das Geld dringend brauchten, brachten die Pakete zur Post. Sie gingen nach Übersee.
Grundsätzlich: Wir brauchen eine andere Erinnerungskultur. Wir dürfen nicht mehr nur an Jahrestagen dies und das würdigen, und heraufholen aus dem Dunkel der Geschichte, sondern müssen dies auch dann tun, wenn es angemessen erscheint. Noch schärfer: Unsere Gesellschaften brauchen grundsätzlich eine bessere historische und auch politische Bildung.
Rücksprung in der Zeit. Ein Mann rückt sich die Hutkrempe ins Gesicht. Er möchte nicht erkannt werden. Sein Vorname ist Erich. Er steht gegenüber der Berliner Universität. Es ist Abend. Viele Studenten sind hier versammelt, auch etliche Uniformträger. Sie stehen um ein gigantisches Feuer herum und werfen immer mehr Brennbares hinein. Dazu halten sie Reden.
Der Mann war Erich Kästner. Er musste mitansehen, wie die Nazis seine Bücher und die Werke vieler anderer verbrannt haben. Sie standen nicht nur auf dem Index (wie es heutige Feudalherren machen), sondern wurden medientauglich zerstört. „Apokalyptisches Volksfest“ nannte Kästner die Bücherverbrennung später.
Jahresanfang 2026: Etliche Buchhändler:innen widerstanden der Versuchung. Dann kamen immer mehr Berichte und am Ende ans Tageslicht, was Anthropic, Google, Meta, OpenAI und wie sie alle heißen inzwischen systematisch machen: Bücher kaufen.
Jetzt folgt der Teil, der Buchmenschen wie mir das Blut gefrieren lässt. Die Washington Post hat berichtet. Weil es aufwendige Handarbeit ist, Bücher zu digitalisieren, trennen sie in den USA mit einer hydraulischen Maschine den Buchrücken vom Buchblock und scannen die Blätter Seite für Seite mit einem automatischen Papiereinzug. Anschließend wird das Papier recycelt. Kurz: Die Bücher landen im Schredder.
Die KI-Branche an sich ist sinnentleert. Ihr einziger Sinn ist es, die Weltherrschaft zu übernehmen. Das klingt schwer nach Verschwörungserzählung, ist aber weder Rumgespinne noch Dystopie. Es passiert heute.
Wir haben ein Problem. Hinter vielen Verlautbarungen der KI-Granden steht neben der Technik die Ideologie grenzenlosen Wachstums, was in einem endlichen Lebensraum, unserem Globus, unmöglich ist. Die Folgen für Klima und Umwelt sind nicht mehr zu übersehen. Das wird Millionen von Menschen den Lebensraum zerstören.
Diese Branche, die bereits alles auslesen ließ, was online zu finden war, darunter auch Werke aus von Online-Piraten bereitgestellten „Schattenbibliotheken“, bereits von Google Gescanntem sowie aus digitalen Zeitungsarchiven, in denen sich auch Arbeiten unserer Familie finden (von meinem Großvater, Vater, Schwester und von mir), das Ganze natürlich ohne jegliche Rücksicht aufs Urheberrecht, diese KI-Branche ist nun dabei, Massenware an publizierten Büchern zu scannen, aber auch seltene Veröffentlichungen.
Das Verfahren bezeichnen Kritiker:innen als „destruktives Scannen“. Es ist von US-Gesetzen gedeckt. Hier bedeutet Fair use tatsächlich, dass, wenn ein Buch, das einer natürlichen oder juristischen Person gehört, in ein anderes „Format“ übergeht, das Original aber zerstört wird, keine Vervielfältigung vorliege. Irrer Gedanke. Es laufen zahlreiche Prozesse wegen Urheberrechtsverstößen. Wenn wir KI beibehalten möchten, müssen hier grundlegend andere Regeln her, denn ohne menschliche Arbeit läuft das System leer.
Der Kernabschnitt der Washington Post hier: „In einem Dokument vom Januar 2023 stellte ein Mitbegründer von Anthropic die Theorie auf, dass das Trainieren von KI-Modellen anhand von Büchern ihnen beibringen könnte, ‚gut zu schreiben‘, anstatt ‚minderwertige Internet-Sprache‘ nachzuahmen.“ (... ‚how to write well‘ instead of mimicking ‚low quality internet speak.‘) Ich übersetze das gerne für Sie: Die Herren wissen genau, welchen Schrott sie verkaufen.
Inzwischen mehren sich ähnliche Berichte dazu aus der Schweiz, aus Österreich und Spanien. Es geht um Millionen von Büchern. Anthropic wollte das Verfahren geheim halten, angeblich, damit die Konkurrenz nichts von dieser Idee erfährt, die sie „Projekt Panama“ nennt. Sogar ein Gericht, das in diesem Fall angerufen wurde, wurde von Anthropic unter Verweis auf „Wirtschaftsgeheimnisse“ um Stillschweigen gebeten.
Es gibt verschiedene Wege, Kultur zu vernichten oder unzugänglich zu machen: politisch motivierte Verbote und brennende Bücher sind zwei, industrielle Zerstörung zur Datengewinnung der dritte, die möglicherweise geplante Manipulation der Inhalte ein vierter.
Ich nenne Aktionen wie das „Projekt Panama“ eine digitale Bücherverbrennung.
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Foto: C.E. (Archiv)

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