Mittwoch, 28. Januar 2026

Codename Panama

Herz­lich will­kom­men, lie­be Le­se­rin, lie­ber Le­ser, beim ers­ten deut­schen Dol­metsch­web­log aus dem In­ne­ren der Dol­metsch­ka­bi­ne. Was uns Dol­met­scher­in­nen und Über­set­zer­in­nen (und die Her­ren im Be­ruf) tag­ein, tag­aus be­schäf­tigt, wie wir ar­bei­ten, be­schrei­be ich hier in mei­nem di­gi­ta­len Ar­beits­ta­ge­buch. Heu­te: KI-Mit­twoch. 

A
Ein Sym­bol für die be­droh­te Buch­kunst

n­fang des Jah­res hör­te ich das ers­te Mal von grö­ße­ren La­dun­gen al­ter oder auch sel­te­ner Bü­cher, die mit­ten in der eu­ro­päi­schen Nacht von An­käu­fern, die sich nicht zu er­ken­nen ga­ben, ge­or­dert wor­den wa­ren. Der Mann ei­ner Freun­din ist in die­ser Bran­che. Zu­nächst als Spam be­trach­tet, war rasch klar: hier steckt Sys­tem da­hin­ter. Die Buch­händ­ler:in­nen ka­men rasch mit­ein­an­der ins Ge­spräch.

Vie­le hat­ten be­reits die­se Er­fah­rung ge­macht. Rasch wur­den da­hin­ter die KI-Kon­zer­ne ver­mu­tet, die neu­es Fut­ter fürs „Trai­nie­ren“ ih­rer Soft­ware su­chen. Der Ver­dacht hat sich be­stä­tigt. Doch es gibt ne­ben recht­li­chen Ver­stö­ßen noch ei­nen zwei­ten Skan­dal, er steht wei­ter un­ten.

Je­ne, die das Geld drin­gend brauch­ten, brach­ten die Pa­ke­te zur Post. Sie gin­gen nach Über­see.

Grund­sätz­lich: Wir brau­chen ei­ne an­de­re Er­in­ne­rungs­kul­tur. Wir dür­fen nicht mehr nur an Jah­res­ta­gen dies und das wür­di­gen, und her­auf­ho­len aus dem Dun­kel der Ge­schich­te, son­dern müs­sen dies auch dann tun, wenn es an­ge­mes­sen er­scheint. Noch schär­fer: Un­se­re Ge­sell­schaf­ten brau­chen grund­sätz­lich ei­ne bes­se­re his­to­ri­sche und auch po­li­ti­sche Bil­dung.

Rück­sprung in der Zeit. Ein Mann rückt sich die Hut­krem­pe ins Ge­sicht. Er möch­te nicht er­kannt wer­den. Sein Vor­na­me ist Erich. Er steht ge­gen­über der Ber­li­ner Uni­ver­si­tät. Es ist Abend. Vie­le Stu­den­ten sind hier ver­sam­melt, auch et­li­che Uni­form­trä­ger. Sie ste­hen um ein gi­gan­ti­sches Feu­er he­rum und wer­fen im­mer mehr Brenn­ba­res hin­ein. Da­zu hal­ten sie Re­den.

Der Mann war Erich Käst­ner. Er muss­te mit­an­se­hen, wie die Na­zis sei­ne Bü­cher und die Wer­ke vie­ler an­de­rer ver­brannt ha­ben. Sie stan­den nicht nur auf dem In­dex (wie es heu­ti­ge Feu­dal­her­ren ma­chen), son­dern wur­den me­di­en­taug­lich zer­stört. „Apo­ka­lyp­ti­sches Volks­fest“ nann­te Käst­ner die Bü­cher­ver­bren­nung spä­ter.

Jah­res­an­fang 2026: Etliche Buch­händ­ler:in­nen wi­der­stan­den der Ver­su­chung. Dann ka­men im­mer mehr Be­rich­te und am En­de ans Ta­ges­licht, was An­thro­pic, Goog­le, Me­ta, Ope­nAI und wie sie al­le hei­ßen in­zwi­schen sys­te­ma­tisch ma­chen: Bü­cher kau­fen.

Jetzt folgt der Teil, der Buch­men­schen wie mir das Blut ge­frie­ren lässt. Die Wa­shing­ton Post hat be­rich­tet. Weil es auf­wen­di­ge Hand­ar­beit ist, Bü­cher zu di­gi­ta­li­sie­ren, tren­nen sie in den USA mit ei­ner hy­drau­li­schen Ma­schi­ne den Buch­rü­cken vom Buch­block und scan­nen die Blät­ter Sei­te für Sei­te mit ei­nem au­to­ma­ti­schen Pa­pier­ein­zug. An­schlie­ßend wird das Pa­pier re­cy­celt. Kurz: Die Bü­cher lan­den im Schred­der.

Die KI-Branche an sich ist sinn­ent­leert. Ihr ein­zi­ger Sinn ist es, die Welt­herr­schaft zu über­neh­men. Das klingt schwer nach Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung, ist aber we­der Rum­ge­spin­ne noch Dys­to­pie. Es pas­siert heu­te.

Wir ha­ben ein Prob­lem. Hin­ter vie­len Ver­laut­ba­run­gen der KI-Gran­den steht ne­ben der Tech­nik die Ideo­lo­gie gren­zen­lo­sen Wachs­tums, was in ei­nem end­li­chen Le­bens­raum, un­se­rem Glo­bus, un­mög­lich ist. Die Fol­gen für Kli­ma und Um­welt sind nicht mehr zu über­se­hen. Das wird Mil­lio­nen von Men­schen den Le­bens­raum zer­stö­ren.

Die­se Bran­che, die be­reits al­les aus­le­sen ließ, was on­line zu fin­den war, dar­un­ter auch Wer­ke aus von On­line-Pi­ra­ten be­reit­ge­stell­ten „Schat­ten­bi­blio­the­ken“, be­reits von Goog­le Ge­scann­tem so­wie aus di­gi­ta­len Zei­tungs­ar­chi­ven, in de­nen sich auch Ar­bei­ten un­se­rer Fa­mi­lie fin­den (von meinem Groß­va­ter, Va­ter, Schwes­ter und von mir), das Gan­ze na­tür­lich oh­ne jeg­li­che Rück­sicht aufs Ur­he­ber­recht, die­se KI-Bran­che ist nun da­bei, Mas­sen­wa­re an pu­bli­zier­ten Bü­chern zu scan­nen, aber auch sel­te­ne Ver­öf­fent­li­chun­gen.

Das Ver­fah­ren be­zeich­nen Kri­ti­ker:in­nen als „de­struk­ti­ves Scan­nen“. Es ist von US-Ge­set­zen ge­deckt. Hier be­deu­tet Fair use tat­säch­lich, dass, wenn ein Buch, das ei­ner na­tür­li­chen oder ju­ris­ti­schen Per­son ge­hört, in ein an­de­res „For­mat“ über­geht, das Ori­gi­nal aber zer­stört wird, kei­ne Ver­viel­fäl­ti­gung vor­lie­ge. Ir­rer Ge­dan­ke. Es lau­fen zahl­rei­che Pro­zes­se we­gen Ur­he­ber­rechts­ver­stö­ßen. Wenn wir KI bei­be­hal­ten möch­ten, müs­sen hier grund­le­gend an­de­re Re­geln her, denn oh­ne mensch­li­che Ar­beit läuft das Sys­tem leer.

Der Kern­ab­schnitt der Wa­shing­ton Post hier: „In ei­nem Do­ku­ment vom Ja­nu­ar 2023 stell­te ein Mit­be­grün­der von An­thro­pic die Theo­rie auf, dass das Trai­nie­ren von KI-Mo­del­len an­hand von Bü­chern ih­nen bei­brin­gen könn­te, ‚gut zu schrei­ben‘, an­statt ‚min­der­wer­ti­ge In­ter­net-Spra­che‘ nach­zu­ah­men.“ (... ‚how to write well‘ in­stead of mi­mi­cking ‚low qua­li­ty in­ter­net speak.‘) Ich über­set­ze das ger­ne für Sie: Die Her­ren wis­sen ge­nau, wel­chen Schrott sie ver­kau­fen.

In­zwi­schen meh­ren sich ähn­li­che Be­rich­te da­zu aus der Schweiz, aus Ös­ter­reich und Spa­ni­en. Es geht um Mil­lio­nen von Bü­chern. An­thro­pic woll­te das Ver­fah­ren ge­heim hal­ten, an­geb­lich, da­mit die Kon­kur­renz nichts von die­ser Idee er­fährt, die sie „Pro­jekt Pa­na­ma“ nennt. So­gar ein Ge­richt, das in die­sem Fall an­ge­ru­fen wur­de, wur­de von An­thro­pic un­ter Ver­weis auf „Wirt­schafts­ge­heim­nis­se“ um Still­schwei­gen ge­be­ten.

Es gibt ver­schie­de­ne We­ge, Kul­tur zu ver­nich­ten oder un­zu­gäng­lich zu ma­chen: po­li­tisch mo­ti­vier­te Ver­bo­te und bren­nen­de Bü­cher sind zwei, industrielle Zerstörung zur Da­ten­ge­win­nung der drit­te, die mög­li­cher­wei­se ge­plan­te Ma­ni­pu­la­tion der Inhalte ein vier­ter. 

Ich nen­ne Ak­tio­nen wie das „Pro­jekt Pa­na­ma“ ei­ne di­gi­ta­le Bü­cher­ver­bren­nung.

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Fo­to: C.E. (Ar­chiv)

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