Donnerstag, 8. Januar 2026

Kleine Landpartie

Bon­jour, hel­lo, gu­ten Tag! Sie le­sen in ei­nem Ta­ge­buch aus der Ar­beits­welt. Ich bin Deutsch-­Mut­ter­s­prach­le­rin, ar­bei­te als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und aus dem Eng­li­schen, was auch die Ziel­spra­che der Bü­ro­kol­le­gin ist, die schrift­lich ar­bei­tet: sie über­setzt. Heu­te wird's exis­ten­zi­ell.

Bei uns vor dem Haus schlägt zwei­mal in der Wo­che der Wo­chen­markt auf. Einst ka­men die Le­bens­mit­tel per Kahn aus dem Um­land her, heu­te auf vier Rä­dern, al­ler­meis­tens vom Groß­markt­. Aber da ist auch der Bio­stand, an dem ich jahr­zehn­te­lang einge­kauft ha­be. In der Co­ro­na­zeit ha­be ich dort aus­ge­hol­fen, wenn Per­so­nal knapp war. Wenn am Abend der Trans­por­ter zum Ein­pa­cken ge­holt wur­de, ha­be ich ab und zu den Stand be­wacht und ver­kauft, Kund:­in­nen be­dient, Wech­sel­geld her­aus­ge­ge­ben und Markt­weib ge­spielt. Kon­fe­ren­zen wa­ren da­mals rar.

Der Bio­stand ge­hör­te zu ei­ner Markt­gär­tne­rei. Sie ist ein Frau­en­be­trieb ... ge­we­sen, muss ich lei­der in­zwi­schen sa­gen, mit Sitz vor der Stadt, um­ge­ben von idyl­li­sher Park­land­schaft. Die Gärt­ne­rin­nen ha­ben En­de letz­ten Jah­res auf­ge­hört. Nicht ab­rupt, nicht spek­ta­ku­lär, son­dern so, wie Din­ge heu­te ver­schwin­den, wenn sie wirt­schaft­lich nicht mehr auf­ge­hen.

Links Wildwuchs, rechts "aufgeräumte" Landschaft.
Links der Biobe­trieb, rechts der „Kon­ven­tio­nel­le“
Das liegt nicht et­wa da­ran, dass Bio ur­plötz­lich un­er­schwing­lich ge­wor­den wä­re. Die In­fla­ti­on hat im Bio­be­reich ver­gleichs­wei­se mo­de­rat zu­ge­schla­gen, wäh­rend in der pe­tro­che­misch ge­präg­ten Ag­rar­in­dus­trie die Prei­se deut­lich stär­ker ge­stie­gen sind, so­dass sich der Ab­stand zu Bio so­gar ver­rin­gert hat. Trotz­dem feh­len Kund:­in­nen. Miet- und Ener­gie­kos­ten fres­sen Kauf­kraft auf. Die Mit­tel­schicht ver­armt.

Im Ge­gen­satz zu Frank­reich wird in Deutsch­land als ers­tes am Es­sen ge­spart. Das spü­ren klei­ne Be­trie­be so­fort. An­ders als Groß­bau­ern, er­hal­ten sie nur ge­rin­ge au­to­ma­ti­sche Zah­lun­gen von der EU, da diese sich auf den Hek­tar be­zie­hen. Land­schafts- und Bio­di­ver­si­täts­pfle­ge wer­den zu ge­ring ge­wür­digt, ein al­ter Kri­tik­punkt. Auch alt: Die Mar­gen der Klei­nen sind, ta­daaa, Über­ra­schung: auch klein! Nun sind bei vie­len die Puf­fer auf­ge­braucht. Und wie an vie­len Stel­len in der deut­schen Wirt­schaft ver­schärft auch hier die Nach­fol­ge­fra­ge das Prob­lem.

Nächs­ter Ein­satz: Dol­met­schen, Fran­zö­sisch, ein Be­such bei ei­nem Bio­hof mit Gärt­ne­rei, et­was Tier­zucht und viel Acker­flä­che, Aus­tausch zur Land­wirt­schafts- und Um­welt­po­li­tik, in­for­mell, drau­ßen, mit ei­nem Staats­se­kre­tär aus Frank­reich. Wit­te­rungs­be­dingt wa­ren eher die hoch ge­schlos­se­nen Bau­stel­len­schu­he aus Voll­le­der an­ge­sagt als dün­ne Gum­mi­stie­fel, frisch ge­fet­tet und mit Filz­ein­la­gen, die Er­satz­schu­he und Zei­tungs­pa­pier zum Aus­stop­fen in der Ta­sche.

Wir ste­hen im klei­nen Stall, am Kom­post­hau­fen (mein Herz ju­bi­liert), am Feld­rand. Das Set­ting sug­ge­riert Bo­den­stän­dig­keit, Ein­fach­heit und Nä­he, und es wird trotz­dem kom­plex und hoch­po­li­tisch.

Un­ter­neh­mens­nach­fol­ge ist ein schwie­ri­ges The­ma. Be­trie­be funk­tio­nie­ren so lan­ge, wie je­mand be­reit ist, das Ri­si­ko zu tra­gen. Es geht um Zah­len, die auf dem Pa­pier trag­fä­hig wir­ken, im All­tag aber un­ter Druck ste­hen. Ich dol­met­sche kon­se­ku­tiv oder flüs­te­re si­mul­tan, Satz für Satz, oh­ne zu glät­ten, weil hier je­des De­tail zählt.

Dann kommt das The­ma, das nicht auf dem Sprech­zet­tel steht, aber exis­ten­zi­ell ist: Von den Nach­bar­äck­ern ein­ge­we­hte Sub­stan­zen, land­wirt­schaft­li­che Be­triebs­mit­tel von „kon­ven­tio­nel­len“ Be­trie­ben, mess­ba­re Rück­stän­de von Acker­gif­ten, die Bio­pro­duk­te von hier manch­mal nicht mehr zer­ti­fi­zier­bar ma­chen, wirt­schaft­lich ent­wer­tet. Das führt zu zu­sätz­li­chen Prü­fun­gen und Kos­ten, bringt öko­no­mi­sche Un­si­cher­heit und liegt au­ßer­halb des ei­ge­nen Ein­fluss­be­reichs. Buch­stäb­lich: der Wind des Schick­sals!

Der Staats­se­kre­tär spricht von Rah­men­be­din­gun­gen, von Ziel­kon­flik­ten, von Über­gangs­re­ge­lun­gen. Ich über­set­ze al­les bis aufs Kom­ma ge­nau, nicht mehr, nicht we­ni­ger. Die Per­spek­ti­ve ei­nes im­mer wie­der ge­for­der­ten Ver­bo­tes der be­kann­tes­ten Pro­duk­te steht im Raum. Es gibt In­for­ma­tio­nen dar­über, dass Er­kran­kun­gen häu­fi­ger wer­den durch sol­che Mit­tel, Krebs zum Bei­spiel oder Par­kin­son, was in Frank­reich von den Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten als Be­rufs­krank­heit von Land­wir­ten an­er­kannt ist (in Deutsch­land nicht). Der Dis­kurs ver­liert an Klar­heit, vor al­lem auch auf deut­scher Sei­te. Die Bio­lo­gin ei­ner deut­schen For­schungs­ein­rich­tung spricht über dra­ma­ti­schen Ar­ten­schwund, lan­ciert un­ver­hoh­len ei­nen drin­gen­den Ap­pell an die Po­li­tik. Doch der deut­sche Ver­tre­ter des Mi­nis­te­riums steht in et­li­chen Me­tern Ent­fer­nung und sieht an­ge­spannt auf sein Han­dy.

In der Ant­wort des Land­wirts­paars zeich­net sich ab, dass die Markt­gär­ten­rei be­reits auf­ge­ge­ben wur­de, weil der Puf­fer weg war. Die Nach­fol­ge­fra­ge stellt sich hier nicht mehr aus Man­gel an Ide­a­lis­mus, son­dern aus Man­gel an Re­chen­bar­keit. Für den Rest des Be­trie­bes gibt es Zu­kunfts­chan­cen, wenn der Wind über­wie­gend gut steht. Land­zu­kauf ist nicht mög­lich. Zwei Nach­bar­be­trie­be wur­den eben erst von aus­län­di­schen In­ves­to­ren ge­kauft, die Äcker an den größ­ten, in­dus­tri­ell tä­ti­gen Be­trieb des Or­tes ver­pach­tet. Die Aus­sich­ten sind düs­ter. Der Bio­bau­ern­hof wirkt wie das Dorf von As­te­rix und Obe­lix.

Am En­de wird über Ver­fah­ren ge­spro­chen und über mög­li­che An­pas­sun­gen. Aber das sind nur win­zi­ge Reg­ler wie den zwei­ten Lehr­ling durch je­man­den er­set­zen, der ein frei­wil­li­ges öko­lo­gi­sches Jahr macht, kurz vor frag­wür­dig. Ich den­ke an den Gärt­ne­rin­nen­hof aus dem Ber­li­ner Um­land, an den Markt­stand vor dem Haus und an mei­nen re­gio­na­len Wild­kräu­ter­sa­lat, der mir ab dem kom­men­den Früh­jahr schmerz­lich feh­len wird (um nur ein Bei­spiel zu nen­nen).

Im­mer­hin ha­be ich schon mal mein Vo­ka­bu­lar auf­po­liert für die Grü­ne Wo­che in Ber­lin.

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Fo­to: C.E. (Ar­chiv)

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