Bonjour, hello, guten Tag! Sie lesen in einem Tagebuch aus der Arbeitswelt. Ich bin Deutsch-Muttersprachlerin, arbeite als Konferenzdolmetscherin mit Französisch und aus dem Englischen, was auch die Zielsprache der Bürokollegin ist, die schriftlich arbeitet: sie übersetzt. Heute wird's existenziell.
Bei uns vor dem Haus schlägt zweimal in der Woche der Wochenmarkt auf. Einst kamen die Lebensmittel per Kahn aus dem
Umland her, heute auf vier Rädern, allermeistens vom Großmarkt. Aber da ist auch der Biostand, an dem ich jahrzehntelang eingekauft habe. In der Coronazeit
habe ich dort ausgeholfen, wenn Personal knapp war. Wenn am Abend
der Transporter zum Einpacken geholt wurde, habe ich ab und zu den Stand
bewacht und verkauft, Kund:innen bedient, Wechselgeld
herausgegeben und Marktweib gespielt. Konferenzen waren damals rar.
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| Links der Biobetrieb, rechts der „Konventionelle“ |
Im Gegensatz zu Frankreich wird in Deutschland als erstes am Essen gespart. Das spüren kleine Betriebe sofort. Anders als Großbauern, erhalten sie nur geringe automatische Zahlungen von der EU, da diese sich auf den Hektar beziehen. Landschafts- und Biodiversitätspflege werden zu gering gewürdigt, ein alter Kritikpunkt. Auch alt: Die Margen der Kleinen sind, tadaaa, Überraschung: auch klein! Nun sind bei vielen die Puffer aufgebraucht. Und wie an vielen Stellen in der deutschen Wirtschaft verschärft auch hier die Nachfolgefrage das Problem.
Nächster Einsatz: Dolmetschen, Französisch, ein Besuch bei einem Biohof mit Gärtnerei, etwas Tierzucht und viel Ackerfläche, Austausch zur Landwirtschafts- und Umweltpolitik, informell, draußen, mit einem Staatssekretär aus Frankreich. Witterungsbedingt waren eher die hoch geschlossenen Baustellenschuhe aus Vollleder angesagt als dünne Gummistiefel, frisch gefettet und mit Filzeinlagen, die Ersatzschuhe und Zeitungspapier zum Ausstopfen in der Tasche.
Wir stehen im kleinen Stall, am Komposthaufen (mein Herz jubiliert), am Feldrand. Das Setting suggeriert Bodenständigkeit, Einfachheit und Nähe, und es wird trotzdem komplex und hochpolitisch.
Unternehmensnachfolge ist ein schwieriges Thema. Betriebe funktionieren so lange, wie jemand bereit ist, das Risiko zu tragen. Es geht um Zahlen, die auf dem Papier tragfähig wirken, im Alltag aber unter Druck stehen. Ich dolmetsche konsekutiv oder flüstere simultan, Satz für Satz, ohne zu glätten, weil hier jedes Detail zählt.
Dann kommt das Thema, das nicht auf dem Sprechzettel steht, aber existenziell ist: Von den Nachbaräckern eingewehte Substanzen, landwirtschaftliche Betriebsmittel von „konventionellen“ Betrieben, messbare Rückstände von Ackergiften, die Bioprodukte von hier manchmal nicht mehr zertifizierbar machen, wirtschaftlich entwertet. Das führt zu zusätzlichen Prüfungen und Kosten, bringt ökonomische Unsicherheit und liegt außerhalb des eigenen Einflussbereichs. Buchstäblich: der Wind des Schicksals!
Der Staatssekretär spricht von Rahmenbedingungen, von Zielkonflikten, von Übergangsregelungen. Ich übersetze alles bis aufs Komma genau, nicht mehr, nicht weniger. Die Perspektive eines immer wieder geforderten Verbotes der bekanntesten Produkte steht im Raum. Es gibt Informationen darüber, dass Erkrankungen häufiger werden durch solche Mittel, Krebs zum Beispiel oder Parkinson, was in Frankreich von den Berufsgenossenschaften als Berufskrankheit von Landwirten anerkannt ist (in Deutschland nicht). Der Diskurs verliert an Klarheit, vor allem auch auf deutscher Seite. Die Biologin einer deutschen Forschungseinrichtung spricht über dramatischen Artenschwund, lanciert unverhohlen einen dringenden Appell an die Politik. Doch der deutsche Vertreter des Ministeriums steht in etlichen Metern Entfernung und sieht angespannt auf sein Handy.
In der Antwort des Landwirtspaars zeichnet sich ab, dass die Marktgärtenrei bereits aufgegeben wurde, weil der Puffer weg war. Die Nachfolgefrage stellt sich hier nicht mehr aus Mangel an Idealismus, sondern aus Mangel an Rechenbarkeit. Für den Rest des Betriebes gibt es Zukunftschancen, wenn der Wind überwiegend gut steht. Landzukauf ist nicht möglich. Zwei Nachbarbetriebe wurden eben erst von ausländischen Investoren gekauft, die Äcker an den größten, industriell tätigen Betrieb des Ortes verpachtet. Die Aussichten sind düster. Der Biobauernhof wirkt wie das Dorf von Asterix und Obelix.
Am Ende wird über Verfahren gesprochen und über mögliche Anpassungen. Aber das sind nur winzige Regler wie den zweiten Lehrling durch jemanden ersetzen, der ein freiwilliges ökologisches Jahr macht, kurz vor fragwürdig. Ich denke an den Gärtnerinnenhof aus dem Berliner Umland, an den Marktstand vor dem Haus und an meinen regionalen Wildkräutersalat, der mir ab dem kommenden Frühjahr schmerzlich fehlen wird (um nur ein Beispiel zu nennen).
Immerhin habe ich schon mal mein Vokabular aufpoliert für die Grüne Woche in Berlin.
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Foto: C.E. (Archiv)

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