Ob geplant oder zufällig: Hier lesen Sie auf den Seiten meines lose geschriebenen Tagebuchs aus der Arbeitswelt der Sprachen. Ich bin Konferenzdolmetscherin für Französisch und Deutsch in Berlin, Paris und überall dort, wo Sie mich brauchen. Ein ruhiger Januardienstag ist das heute. Ich denke nach.
Früher wäre ich an einem 12. Januar im Urlaub, stattdessen denke ich über Marketing nach. Seit über zwanzig Jahren dolmetsche ich hochrangige Fach-, Kultur- und Konferenztermine — simultan und konsekutiv. Meine Arbeit ist anerkannt. Ich habe nur noch selten Lampenfieber, das letzte Mal, als ich von der Staatssekretär- in die Ministerebene wechselte oder bei einem Medienauftritt plötzlich sichtbar wurde.
Derzeit suche ich nach einer Festanstellung, idealerweise 35 bis 50 Prozent einer vollen Stelle, wobei der Grund dafür nur teilweise bei der KI zu suchen ist. Nicht die KI nimmt uns Einsätze weg, sondern Nerds mit Verkaufstalent, die Interessierten das Blaue vom Himmel versprechen. Aber die KI ist kein Dolmetscher (Link). Bis die ganze liebe Kundschaft einmal durch ist mit dieser Technik-Hochstapelei, werden wohl ein, zwei Jahre vergehen, in denen wir viele Angebote schreiben und die KI erklären müssen. Das klingt nicht nur anstrengend, das schlaucht wirklich. Zum Glück gibt es etwa ein halbes Dutzend Ausnahmen.
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| Die Ruhe vor dem Sturm |
Dabei waren die letzten Jahre schon anstrengend genug. Neben der Pandemie und der Arbeit stand für mich die in Teilzeit geleistete Angehörigenpflege im Vordergrund. Ich weiß indes, dass meine Rentenpunkte, die ich mir hart erarbeitet habe, nur dann etwas wert sind, wenn ich mindestens fünf Jahre direkt in die Rentenversicherung eingezahlt habe.
Klingt absurd, ist aber so. Das Thema gehört auf die Liste der Punkte eklatanter Ungleichbehandlung von Freiberufler:innen und Solo-Selbstständigen in unserem Land. Eigentlich widerspricht das dem im Grundgesetz verbrieften Gleichbehandlungsgrundsatz. (Mehr dazu im P.S.)
Ich liebe meine Arbeit als Dolmetscherin, arbeite daneben auch als Terminologin, Übersetzerin und Sprachcoach. In einem ersten Berufsleben habe ich Erfahrung als Dozentin, in der Pressearbeit und der Medienproduktion gesammelt. Manchmal schreibe ich Reden und Filmscripts bzw. mache sie lesbar oder sprechbar, und ich habe selbst für die Medien gesprochen. Grundlage unserer Dolmetscharbeit ist Projektmanagement, das ich zuvor als Kuratorin eines Filmfestivals, in der Medienproduktion und als Dozentin gemacht habe.
Egal in welchem Arbeitsfeld, mein Schwerpunkt liegt auf Einsätzen, bei denen Vorbereitung entscheidend ist: Politik, Stadt- und Raumplanung, Landwirtschaft, Biodiversität, Geschichte, Bildung, Kultur, Medien und Kino, Soziales, und zwar auf Konferenzen, bei Delegationsreisen, Fachgesprächen oder vor Publikum.
Dolmetschen setzt für mich voraus, dass ich die Inhalte verstehen kann, Strukturen erkenne, das jeweilige Hinterland der Sprachen und Gesellschaften kenne und präzise, zuverlässig und situationsgerecht übertragen kann. Das ist etwas anderes als die KI, die einen Begriff nimmt und ihn mit einem Begriff verbindet, der mit größter mathematischer Wahrscheinlichkeit folgt. Das passt dann — oder auch nicht. Die KI liefert keine Kommunikation, sondern Kommunikationssimulation.
Rücksprung in meine Berufspraxis: Ein Großteil meiner Arbeit ist dabei unsichtbar und leise. Er besteht aus Lesen, Recherchieren, Vergleichen, Vorbereiten. Oft über mehre Tage hinweg, manchmal muss/darf ich auch in die Bibliothek. Diese Vorbereitung ist kein Zusatz, sondern 80 % der Leistung. Sie entscheidet darüber, ob komplexe Inhalte klar ankommen ... oder nur ungefähr.
Im Gegensatz dazu die maschinelle Sprachverarbeitung: hier fehlt meistens der Zusammenhang, oder er war zu komplex. Die KI lässt oft Inhalte unter den Tisch fallen, oder sie fabuliert drauflos, was das Zeug hält. Die KI ist kein „Übersetzer“ oder „Dolmetscher“, sondern je nach Zusammenhang manchmal ein Werkzeug für die Hände von Profis.
Wir Premium-Dolmetscherinnen betreiben kein aggressives Marketing, dazu fehlt uns die Zeit. Wir investieren auch nicht in Firmen, die das für uns machen. Wir haben keine repräsentativen Adressen, treten nicht auf Sponsoring-Galas auf. Uns geht es um fachlich präzise Arbeit. Wir bleiben im Hintergrund. Werbung würde sich aufgrund der wenigen High-End-Kund:innen, die wir bedienen, gar nicht lohnen. Und wenn wir Gutes tun, sprechen wir vielleicht zum Jahresende dazu à la „anstelle von Weihnachtskarten haben wir gespendet, um Mädchen in Krisengebieten der Welt eine Schulbildung zu ermöglichen“. Oder etwas in der Art.
Wie arbeite ich? Ich dolmetsche Französisch ↔ Deutsch, in beide Richtungen, außerdem aus dem Englischen. Vom einstündigen Amtstermin außerhalb der Saison bis zum Wocheneinsatz auf einer politischen Reise ist alles dabei. Sie können mich direkt beauftragen, ich vermittle auch gerne Kolleg:innen weiter. Hier erreichen Sie keine Agentur, die 50 Prozent des gezahlten Honorars für sich beansprucht, sondern ein Netzwerk mit fairer Partnerschaft.
High-End-Aufträge, das bedeutet eben auch, dass unsere Auftraggeber:innen vorab wissen, wen sie buchen, wie wir arbeiten, was wir zur Vorbereitung brauchen, welche Technik wir uns wünschen, wir beraten dabei auch, und was sie erwarten können. So einfach ist das. Wie in der Schneiderei für Maßkleidung: bestes Material, beste Verarbeitung, perfekter Sitz. Damit können unsere Kund:innen immer punkten.
Sollte etwas schiefgehen bei dem „Setting“, kann unsereiner auch improvisieren. Wir hängen uns rein, bleiben dran. Wichtig ist auch, uns rechtzeitig zu buchen. Seit der Pandemie haben etliche Kolleg:innen den Beruf verlassen, weil sie zum Beispiel für ihre Kinder ökonomische Sicherheit brauchen. Daher gibt es jedes Jahr Wochen und Monate, in denen Kolleg:innen mit viel Berufserfahrung schon ausgebucht sind. Die Hauptzeiten des Konferenzwesens sind: April bis Juni oder Mitte Juli, September bis November oder Mitte Dezember. (Die klassische „Saison“ wurde ein wenig verlängert.)
Sollten sich Bedarfe bei Ihnen abzeichnen, würden wir uns auch schon über eine Voranfrage freuen. Im Bereich Film: Wir schätzen die Kosten ein und helfen so, realistische Informationen für Förderanträge zusammenzustellen.
Unter der Überschrift Produktionsfaktor Zeit werde ich ab jetzt den einen oder anderen Auftrag protokollieren.
Als Post Scriptum folgt hier ein kleiner Einblick in eine missliche Lage, die beweist, dass seit Jahrzehnten Lobbyismus wichtiger ist als Fakten. Zunächst: Wo kein Kläger, da kein Richter. Verbandsklagen haben es in Deutschland schwer. Die strukturelle Benachteiligung von uns „Freien“ geht schon damit los, dass wir kaum in die Arbeitslosenversicherung reinkommen. In der Coronazeit dann waren wir dem Staat den berühmten Schlag aus der Gulaschkanone wert.
Der war wichtig und in diesem Moment großartig. Aber mit dem Umsatz von zwei Monaten kann niemand zwei Jahre lang gut leben. Im Grunde war's noch länger. Die Veranstaltungsbranche lebt bekanntlich davon, Menschen zusammenzubringen. Es gab lange Vorlaufzeiten und Stop and go: Planungen folgten auf Absagen wg. höherer Gewalt, es gab keine Ausfallhonorare, das meiste wurde vertagt, und im Onlinegeschäft haben einige Agenturen, die Marketing können, aber kein Dolmetschen, leider massiv Kund:innen abgeworben. (Sie hatten vom Staat mehrmonatige Jahresumsätze als Kompensation erhalten, konnten daher aggressiv in Werbung investieren.) Last but not least: Bei der Aktivrente sind wir erneut wieder außen vor.
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Foto: C.E.

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