Dienstag, 13. Januar 2026

Produktionsfaktor Zeit (1)

Ob ge­plant oder zu­fäl­lig: Hier le­sen Sie auf den Sei­ten mei­nes lo­se ge­schrie­be­nen Ta­ge­buchs aus der Ar­beits­welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin für Fran­zö­sisch und Deutsch in Ber­lin, Pa­ris und über­all dort, wo Sie mich brau­chen. Ein ru­hi­ger Ja­nu­ar­diens­tag ist das heu­te. Ich den­ke nach.

Frü­her wä­re ich an ei­nem 12. Ja­nu­ar im Ur­laub, statt­des­sen den­ke ich über Mar­ke­ting nach. Seit über zwan­zig Jah­ren dol­met­sche ich hoch­ran­gi­ge Fach-, Kul­tur- und Kon­fe­renz­ter­mi­ne — si­mul­tan und kon­se­ku­tiv. Mei­ne Ar­beit ist an­er­kannt. Ich ha­be nur noch sel­ten Lam­pen­fie­ber, das letz­te Mal, als ich von der Staats­se­kre­tär- in die Mi­nis­ter­e­be­ne wech­sel­te oder bei ei­nem Me­di­en­auf­tritt plötz­lich sicht­bar wur­de.

Der­zeit su­che ich nach ei­ner Fest­an­stel­lung, ide­a­ler­wei­se 35 bis 50 Pro­zent ei­ner vol­len Stel­le, wo­bei der Grund da­für nur teil­wei­se bei der KI zu su­chen ist. Nicht die KI nimmt uns Ein­sät­ze weg, son­dern Nerds mit Ver­kaufs­ta­lent, die In­te­res­sier­ten das Blau­e vom Him­mel ver­spre­chen. Aber die KI ist kein Dol­met­scher (Link). Bis die gan­ze lie­be Kund­schaft ein­mal durch ist mit die­ser Tech­nik-Hoch­sta­pe­lei, wer­den wohl ein, zwei Jah­re ver­ge­hen, in de­nen wir viele An­ge­bo­te schrei­ben und die KI er­klä­ren müs­sen. Das klingt nicht nur an­stren­gend, das schlaucht wirk­lich. Zum Glück gibt es et­wa ein hal­bes Dut­zend Aus­nah­men.

Konferenzraum, Sitzreihen, mobile Dolmetschkabine
Die Ruh­e vor dem Sturm

Da­bei wa­ren die letz­ten Jah­re schon an­stren­gend ge­nug. Ne­ben der Pan­de­mie und der Ar­beit stand für mich die in Teil­zeit ge­leis­te­te An­ge­hö­ri­gen­pfle­ge im Vor­der­grund. Ich weiß in­des, dass mei­ne Ren­ten­punk­te, die ich mir hart er­ar­bei­tet ha­be, nur dann etwas wert sind, wenn ich min­des­tens fünf Jah­re di­rekt in die Ren­ten­ver­si­che­rung ein­ge­zahlt ha­be.

Klingt ab­surd, ist aber so. Das The­ma ge­hört auf die Lis­te der Punk­te ek­la­tan­ter Un­gleich­be­hand­lung von Frei­be­ruf­ler:innen und So­lo-Selbst­stän­di­gen in un­se­rem Land. Ei­gent­lich wi­der­spricht das dem im Grundgesetz ver­brie­ften Gleich­be­hand­lungs­grund­satz. (Mehr da­zu im P.S.)

Ich lie­be mei­ne Ar­beit als Dol­met­sche­rin, ar­bei­te da­ne­ben auch als Ter­mi­no­lo­gin, Über­set­ze­rin und Sprach­coach. In ei­nem ers­ten Be­rufs­le­ben ha­be ich Er­fah­rung als Do­zen­tin, in der Pres­se­ar­beit und der Me­di­en­pro­duk­tion ge­sam­melt. Manch­mal schrei­be ich Re­den und Film­scripts bzw. ma­che sie les­bar oder sprech­bar, und ich ha­be selbst für die Me­di­en ge­spro­chen. Grund­la­ge un­se­rer Dol­metsch­ar­beit ist Pro­jekt­ma­na­ge­ment, das ich zu­vor als Ku­ra­to­rin ei­nes Film­fes­ti­vals, in der Me­dien­pro­duk­tion und als Do­zen­tin ge­macht ha­be.

E­gal in wel­chem Ar­beits­feld, mein Schwer­punkt liegt auf Ein­sät­zen, bei de­nen Vor­be­rei­tung ent­schei­dend ist: Po­li­tik, Stadt- und Raum­pla­nung, Land­wirt­schaft, Bio­di­ver­si­tät, Geschichte, Bil­dung, Kul­tur, Me­di­en und Ki­no, So­zia­les, und zwar auf Kon­fe­ren­zen, bei De­le­ga­tions­rei­sen, Fach­ge­sprä­chen oder vor Pu­bli­kum.

Dol­met­schen setzt für mich vor­aus, dass ich die In­hal­te ver­ste­hen kann, Struk­tu­ren er­ken­ne, das je­wei­li­ge Hin­ter­land der Spra­chen und Ge­sell­schaf­ten ken­ne und prä­zi­se, zu­ver­läs­sig und si­tua­tions­ge­recht über­tra­gen kann. Das ist et­was an­de­res als die KI, die ei­nen Be­griff nimmt und ihn mit ei­nem Be­griff ver­bin­det, der mit größ­ter ma­the­ma­ti­scher Wahr­schein­lich­keit folgt. Das passt dann — oder auch nicht. Die KI lie­fert kei­ne Kom­mu­ni­ka­tion, son­dern Kom­mu­ni­ka­tions­si­mu­la­tion.

Rück­sprung in mei­ne Be­rufs­pra­xis: Ein Groß­teil mei­ner Ar­beit ist da­bei un­sicht­bar und lei­se. Er be­steht aus Le­sen, Re­cher­chie­ren, Ver­glei­chen, Vor­be­rei­ten. Oft über meh­re Ta­ge hin­weg, manch­mal muss/darf ich auch in die Bi­blio­thek. Die­se Vor­be­rei­tung ist kein Zu­satz, son­dern 80 % der Leis­tung. Sie ent­schei­det dar­über, ob kom­ple­xe In­hal­te klar an­kom­men ... oder nur un­ge­fähr.

Im Gegensatz dazu die maschinelle Sprachverarbeitung: hier fehlt meis­tens der Zu­sam­men­hang, oder er war zu kom­plex. Die KI lässt oft In­hal­te un­ter den Tisch fal­len, oder sie fa­bu­liert drauf­los, was das Zeug hält. Die KI ist kein „Über­set­zer“ oder „Dol­met­scher“, son­dern je nach Zu­sam­men­hang manch­mal ein Werk­zeug für die Hän­de von Pro­fis.

Wir Pre­mi­um-Dol­met­sche­rin­nen be­trei­ben kein ag­gres­si­ves Mar­ke­ting, da­zu fehlt uns die Zeit. Wir in­ves­tie­ren auch nicht in Fir­men, die das für uns ma­chen. Wir ha­ben kei­ne re­prä­sen­ta­ti­ven Adres­sen, tre­ten nicht auf Spon­so­ring-Ga­las auf. Uns geht es um fach­lich prä­zi­se Ar­beit. Wir blei­ben im Hin­ter­grund. Wer­bung wür­de sich auf­grund der we­ni­gen High-End-Kund:innen, die wir be­die­nen, gar nicht loh­nen. Und wenn wir Gu­tes tun, spre­chen wir viel­leicht zum Jah­res­en­de da­zu à la „an­stel­le von Weih­nachts­kar­ten ha­ben wir ge­spen­det, um Mäd­chen in Kri­sen­ge­bie­ten der Welt ei­ne Schul­bil­dung zu er­mög­li­chen“. Oder et­was in der Art.

Wie ar­bei­te ich? Ich dol­met­sche Fran­zö­sisch ↔ Deutsch, in bei­de Rich­tun­gen, au­ßer­dem aus dem Eng­li­schen. Vom ein­stün­di­gen Amts­ter­min au­ßer­halb der Sai­son bis zum Wo­chen­ein­satz auf ei­ner po­li­ti­schen Rei­se ist al­les da­bei. Sie kön­nen mich di­rekt be­auf­tra­gen, ich ver­mit­tle auch ger­ne Kol­leg:innen wei­ter. Hier er­rei­chen Sie kei­ne Agen­tur, die 50 Pro­zent des ge­zahl­ten Ho­no­rars für sich be­an­sprucht, son­dern ein Netz­werk mit fai­rer Part­ner­schaft.

High-End-Auf­trä­ge, das be­deu­tet eben auch, dass un­se­re Auf­trag­ge­ber:innen vor­ab wis­sen, wen sie bu­chen, wie wir ar­bei­ten, was wir zur Vor­be­rei­tung brau­chen, wel­che Tech­nik wir uns wün­schen, wir be­ra­ten da­bei auch, und was sie er­war­ten kön­nen. So ein­fach ist das. Wie in der Schnei­de­rei für Maß­klei­dung: bes­tes Ma­te­ri­al, bes­te Ver­ar­bei­tung, per­fek­ter Sitz. Da­mit kön­nen un­se­re Kund:innen im­mer punk­ten.

Soll­te et­was schief­ge­hen bei dem „Set­ting“, kann un­se­rei­ner auch im­pro­vi­sie­ren. Wir hän­gen uns rein, blei­ben dran. Wich­tig ist auch, uns recht­zei­tig zu bu­chen. Seit der Pan­de­mie ha­ben et­li­che Kol­leg:in­nen den Be­ruf ver­las­sen, weil sie zum Bei­spiel für ih­re Kin­der öko­no­mi­sche Si­cher­heit brau­chen. Da­her gibt es je­des Jahr Wo­chen und Mo­na­te, in de­nen Kol­leg:innen mit viel Be­rufs­er­fah­rung schon aus­ge­bucht sind. Die Haupt­zei­ten des Kon­fe­renz­we­sens sind: A­pril bis Ju­ni oder Mit­te Ju­li, Sep­tem­ber bis No­vem­ber oder Mit­te De­zem­ber. (Die klas­si­sche „Sai­son“ wur­de ein we­nig ver­län­gert.)

Soll­ten sich Be­dar­fe bei Ih­nen ab­zeich­nen, wür­den wir uns auch schon über ei­ne Vor­an­fra­ge freu­en. Im Be­reich Film: Wir schät­zen die Kos­ten ein und hel­fen so, rea­lis­ti­sche In­for­ma­tio­nen für För­der­an­trä­ge zu­sam­men­zu­stel­len.

Unter der Überschrift Produktionsfaktor Zeit werde ich ab jetzt den einen oder anderen Auftrag protokollieren.

Als Post Scriptum folgt hier ein klei­ner Ein­blick in ei­ne miss­li­che La­ge, die be­weist, dass seit Jahr­zehn­ten Lob­by­is­mus wich­ti­ger ist als Fak­ten. Zu­nächst: Wo kein Klä­ger, da kein Rich­ter. Ver­bands­kla­gen ha­ben es in Deutsch­land schwer. Die struk­tu­rel­le Be­nach­tei­li­gung von uns „Frei­en“ geht schon da­mit los, dass wir kaum in die Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung rein­kom­men. In der Co­ro­na­zeit dann wa­ren wir dem Staat den be­rühm­ten Schlag aus der Gu­lasch­ka­no­ne wert.

Der war wich­tig und in die­sem Mo­ment groß­ar­tig. Aber mit dem Um­satz von zwei Mo­na­ten kann nie­mand zwei Jah­re lang gut le­ben. Im Grun­de war's noch län­ger. Die Ver­an­stal­tungs­bran­che lebt be­kannt­lich da­von, Men­schen zu­sam­men­zu­brin­gen. Es gab lan­ge Vor­lauf­zei­ten und Stop and go: Pla­nun­gen folg­ten auf Ab­sa­gen wg. hö­he­rer Ge­walt, es gab kei­ne Aus­fall­ho­no­ra­re, das meis­te wur­de ver­tagt, und im On­line­ge­schäft ha­ben ei­ni­ge Agen­tu­ren, die Mar­ke­ting kön­nen, aber kein Dol­met­schen, lei­der mas­siv Kund:innen ab­ge­wor­ben. (Sie hat­ten vom Staat mehr­mo­na­ti­ge Jah­res­um­sät­ze als Kom­pen­sa­ti­on er­hal­ten, konn­ten da­her ag­gres­siv in Wer­bung in­ves­tie­ren.) Last but not least: Bei der Ak­tiv­ren­te sind wir er­neut wie­der au­ßen vor.

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Fo­to: C.E.

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