Donnerstag, 29. Januar 2026

Und bitte!

... lau­tet der Auf­trag an die Schau­spie­le­r:in­nen und Schau­spie­ler vor der Ka­me­ra, mit der Ar­beit los­zu­le­gen. Auf EN und FR geht's knap­per: « AC­TION »! Ich muss schmun­zeln, da ich an deut­schen Sets im­mer häu­fi­ger das hier hö­re: „Äktsch'n!“

Will­kom­men auf den Sei­ten des di­gi­ta­len Log­buchs ei­ner Sprach­mit­tle­rin. Mei­ne Ar­beits­spra­chen sind Fran­zö­sisch, Deutsch … und Film. Hier er­zäh­le ich re­gel­mä­ßig so, dass man nicht im­mer die Be­tref­fen­den er­kennt, da­für aber die Si­tu­a­tio­nen. Heu­te: Ber­li­na­le. Im Schat­ten des gro­ßen Events bin ich ge­fühlt schon ewig als Dol­met­sche­rin sicht­bar oder un­sicht­bar tä­tig.

Dol­met­schen auf Fes­ti­vals
Zwei Jahr­zehn­te lang war die Ber­li­na­le für mich gleich­be­deu­tend mit der Ein­sam­keit der Dol­metsch­ka­bi­ne, der Ber­li­na­le­büh­ne oder den Ho­tel­zim­mern mit Hoch­flor­tep­pich und Häpp­chen bei den Pres­se­inter­views.

Ich habe fran­zö­si­sche Gäs­te dem Pu­bli­kum und der Pres­se nä­her ge­bracht — oder ich war die fran­zö­si­sche Stim­me man­chen deut­schen Fil­ms für fran­ko­pho­ne Gäs­te. Lan­ge ha­ben wir aus­schließ­lich deutsch oder eng­lisch un­ter­ti­tel­te Fil­me si­mul­tan ins Fran­zö­si­sche ge­dol­metsch­t.

Die­ses so­ge­nann­te „Ein­spre­chen“ klingt ein we­nig so, wie et­li­che aus­län­di­sche Fil­me im pol­ni­schen Fern­se­hen klin­gen. In den Nul­ler­jah­ren wur­de dann Eng­lisch zur Haupt­ar­beits­spra­che des Fes­ti­vals.

I speak Ger­man, French and the lan­guage of ci­ne­ma

Ge­blie­ben sind Pres­se­inter­views. Die­se Ar­beit ist mehr als das Über­set­zen von Wör­tern: es sind hoch­auf­ge­la­de­ne, durch­cho­reo­gra­fier­te Mo­men­te, die trotz­dem leicht und spon­tan wir­ken sol­len. Ich ma­che mich da­bei un­sicht­bar. Wenn al­les pri­ma läuft, spre­chen die Künst­ler:in­nen di­rekt mit den Men­schen von der Pres­se, als hät­ten sie ein- und die­sel­be Spra­che.

Nach mehr als 25 Jah­ren auf Fes­ti­vals und vie­len VIP-Ein­sät­zen weiß ich, wor­auf es wirk­lich an­kommt.

Rückblick

Im Vor­feld steht im­mer viel Re­cher­che. Vor Ort sind Ener­gie­haus­hal­ten und Im­pro­vi­sa­ti­ons­ta­lent die ho­he Schu­le. Zu­frie­de­ne Ge­sich­ter von Künst­ler:in­nen wie Pu­bli­kum sind die schöns­te Ent­loh­nung. Häu­fig durf­te ich bei der Ent­ste­hung neu­er Ko­pro­duk­tio­nen mit­wir­ken. Die Stra­pa­zen sind dann schnell ver­ges­sen.

In den Jah­ren mit oft 30 Ber­li­na­le­ter­mi­nen war es meist ta­bu, sich abends auf Par­tys rum­zu­trei­ben, schon al­lein der Stim­me we­gen. Jah­re­lang ha­be ich die Kon­takt­pfle­ge schlei­fen las­sen müs­sen, die Ar­beit ging vor. Ber­li­na­le-Dol­met­scher mit eng ge­tak­te­tem Ter­min­ka­len­der zu sein war ein Le­ben von ge­ra­de­zu mön­chi­scher Ein­fach­heit.

Seit al­le Eng­lisch auf dem Fes­ti­val spre­chen, wur­den lei­der auch die Pu­bli­kums­ge­sprä­che ver­kürzt. Gäs­te dür­fen sich nun in Shake­spea­res Spra­che äu­ßern. Die Ge­duld des Pu­bli­kums scheint durch di­gi­ta­le Me­dien ver­kürzt, die Kon­zen­tra­ti­on schwin­det. Ein Kul­tur­ver­lust. Statt­des­sen ent­ste­hen kur­ze Vi­deos, bei de­nen al­le sehr schnell auf den Punkt kom­men müs­sen.

Zwangs­pau­se, nur zum Teil film­reif

Dann schlug bei mir das Schick­sal zu: An­ge­hö­ri­gen­pfle­ge, Co­ro­na­jah­re, Long Covid, wei­te­re Pfle­ge­jah­re in Teil­zeit folg­ten. Heu­te dol­met­sche ich in den Ku­lis­sen: Pres­se­inter­views, Hin­ter­grund­ge­sprä­che, tech­ni­sche Mee­tings. 

Let's party!

Und ich den­ke wie­der an Bran­chen­treffs, die es bei der Ber­li­na­le in Dut­zen­den pro Tag gibt, Um­trun­ke, Emp­fän­ge, Par­tys; fast im­mer nur mit Ein­la­dung. Das Nach­ja­gen nach Ein­la­dun­gen kos­tet Zeit, die ich lan­ge nicht hat­te.

Drei Ein­la­dun­gen lie­gen bei mir schon auf dem Tisch, ohne jeg­li­che Nach­fra­ge: zwei da­von ech­te Brief­post mit Um­schlag und Brief­mar­ke. Very nice and the old style.

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Gra­fik: Ar­chiv

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