Mittwoch, 21. Januar 2026

Von Sauen und Eichhörnchen

Herz­lich will­kom­men auf den Sei­ten ei­ner Dol­met­sche­rin, auf de­nen ich über Spra­che und Wör­ter schrei­be und über das, was zwi­schen den Zei­len liegt. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin, ar­bei­te bei Kon­fe­ren­zen, auf Mes­sen und be­glei­te De­le­ga­tions­rei­sen. Heu­te: KI-Mitt­woch!

Links ein menschliches Profil, recht Kopf mit elekronischen Synapsen
Mensch vs. Ma­schi­ne
Diens­tag, wir sind auf ei­ner Dis­kus­sions­ver­an­stal­tung an­läss­lich der Grü­nen Wo­che. Es geht um Re­na­tu­rie­rung, um EU-För­der­sche­ma­ta, um Welt­po­li­tik und die Aus­wil­de­rung von Tie­ren bzw. das Vor­kom­men von Wöl­fen. Der Red­ner sagt auf Deutsch: „Ich spre­che jetzt zum Kon­flikt­po­ten­zial aus un­se­rer Si­cher­heits­per­spek­ti­ve, wir sind in Ös­ter­reich, kaum ha­ben wir ein The­ma ein­ge­kreist, wir ken­nen das in un­se­rem ber­gi­gen Bun­des­land … wird dann die nächs­te Sau durchs Dorf ge­jagt.“

Er spricht leicht un­ko­or­di­niert, sucht sei­ne Ge­dan­ken zu­sam­men, eben so, wie Men­schen oft spre­chen. Die Be­zü­ge ent­ste­hen in den Köp­fen der Hö­rer­schaft.

Ich sit­ze zur Ab­wechs­lung mal im Pub­li­kum, denn hier „dol­metscht“ eine Wun­der­kis­te. Al­ler­dings macht die KI dar­aus auf Fran­zö­sisch, zu­rück­über­setzt ins Deut­sche: „... In un­se­rem ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­land wis­sen wir, dass im Ge­bir­ge die Jä­ger dann die Wild­schwei­ne ein­krei­sen und im Dorf ja­gen.“ Ein Teil des Pu­bli­kums lacht. Das La­chen ist aber kein freund­li­ches, ver­bind­li­ches, son­dern ein un­gläu­bi­ges La­chen, vol­ler Hohn. 

Der Red­ner schaut ver­dutzt. Er weiß, dass die KI „dol­metscht“. Er va­ri­iert den Aus­gangs­satz. Die KI macht dar­aus, rück­über­setzt ins Deut­sche: „Wir sind in Ös­ter­reich. Wir ken­nen das in un­se­rer be­grenz­ten Berg­re­gi­on. Da wird das nächs­te Op­fer durch das Dorf ge­jagt.“ Wie­der Ge­läch­ter vol­ler Ir­ri­ta­ti­on.

Ein­schub: Was hier pas­siert, ist kein lus­ti­ger Aus­rut­scher und auch kein Mo­ment von „... sind ja nur Kin­der­krank­hei­ten des Sys­tems“, die sich „weg­trai­nie­ren“ lie­ßen. Es ist ein sys­te­mi­sches Pro­blem. Kurz­ge­fasst über­trägt die KI so ähn­lich, wie wir das von Au­to­com­ple­te ken­nen, wenn das Sys­tem ein an­ge­fan­ge­nes Wort "fer­tig­schreibt“. Der Rest ist in meh­re­ren Schrit­ten ähn­lich au­to­ma­ti­siert, sie­he den Kas­ten ganz un­ten. Ein­schub­en­de.

In der Dis­kus­si­on zur Agrar­po­li­tik war zu­vor von Wöl­fen die Re­de ge­we­sen, die Scha­fe rei­ßen. Die KI weiß nicht, was im Ge­gen­satz zu ei­ner ech­ten Hatz die Re­de­wen­dung „ei­ne Sau durchs Dorf ja­gen“ be­deu­tet. Sie be­zeich­net kei­ne rea­le Hand­lung, son­dern ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Me­cha­nis­mus: die nächs­te künst­lich auf­ge­bla­se­ne Auf­re­gung, das nächs­te me­dia­le Ab­len­kungs­ma­nö­ver. Ein mensch­li­cher Dol­met­scher hät­te das so­fort er­kannt und rich­tig über­tra­gen. Die KI hin­ge­gen zer­legt den Aus­druck in Ein­zel­tei­le: Sau, Dorf, ja­gen. Sie pro­du­ziert wört­li­che Bil­der, wo Be­deu­tung ge­meint war.

Be­mer­kens­wert ist der Mo­ment, als der Red­ner ver­sucht hat, sich der Tech­nik an­zu­pas­sen. Er hat ver­ein­facht, re­du­ziert und da­mit un­ge­wollt das Er­geb­nis ver­schlech­tert. Es ist ein wich­ti­ger Mo­ment: Die Kom­mu­ni­ka­ti­on rich­tet sich nicht mehr nach den Men­schen im Raum, son­dern nach den ver­mu­te­ten Gren­zen der Ma­schi­ne. Nicht die Kom­mu­ni­ka­ti­on steht im Mit­tel­punkt, son­dern ein un­zu­läng­li­ches Hilfs­mit­tel für Kom­mu­ni­ka­ti­on.

Hier hat­te ein Tech­nik­an­bie­ter ver­spro­chen, dass es mög­lich sei, die Ar­beit von uns Dol­met­sche:rinnen kom­plett durch KI zu er­set­zen. „Schnel­ler“, „bil­li­ger“, „ska­lier­bar“: So oder so ähn­lich lau­ten die Schlag­wor­te auf sei­ner Web­sei­te. Was da­bei sys­te­ma­tisch aus­ge­blen­det wird: Dol­met­schen ist kei­ne rein tech­ni­sche Über­tra­gungs­leis­tung, son­dern ei­ne hoch­kom­ple­xe mensch­li­che Tä­tig­keit, die Ver­ant­wor­tung trägt ... für die Be­deu­tung und den Kon­text, al­so da­für, dass die In­hal­te bei den Men­schen an­kom­men.

Dol­met­schen ist kein Wör­ter­schub­sen. Es geht da­bei um Sinn, Sprech­ab­sich­ten, Vor­wis­sen und Zie­le der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Nur Men­schen kön­nen den je­wei­li­gen kul­tu­rel­len Kon­text mit­den­ken. Oft gibt es ei­ne Ebe­ne, die sich bei ober­fläch­li­chem Zu­hö­ren nicht er­schließt, die der im­pli­zi­ten Be­deu­tun­gen. Wir Dol­met­scher:in­nen sind dar­auf trai­niert, si­tua­tiv an­ge­mes­sen zu über­tra­gen, in Echt­zeit, oft un­ter ho­hem Druck, manch­mal in kon­flikt­ge­la­de­nen oder exis­ten­ziel­len Si­tua­tio­nen: vor Ge­richt, in me­di­zi­ni­schen Ge­sprä­chen, in po­li­ti­schen Ver­hand­lun­gen, in Asyl­ver­fah­ren, in Kri­sen. In sol­chen Set­tings sind KI-Feh­ler gar nicht mehr lus­tig. Sie ver­än­dern Be­deu­tun­gen, ver­schie­ben Ver­ant­wort­lich­kei­ten, füh­ren zu Miss­ver­ständ­nis­sen mit rea­len Kon­se­quen­zen, z.B. un­be­grün­de­te Ab­schie­bung oder Tod.

Das Schei­tern der Ma­schi­ne ist rasch er­klärt: KI-Sys­te­me ar­bei­ten sta­tis­tisch. Sie be­rech­nen Wahr­schein­lich­kei­ten auf der Ba­sis vor­han­de­ner Da­ten, und seit ei­ni­ger Zeit wer­den der Quatsch aus den „aso­zia­len“ Me­di­en so­wie frü­he­re KI-Er­geb­nis­se mit hin­ein­ver­wurs­tet. KI-Sys­te­me ver­ste­hen nicht, was sie sa­gen, sie er­ken­nen we­der dop­pel­te Bö­den noch Macht­ver­hält­nis­se. 

Bei KI-Feh­lern gibt es kein Si­cher­heits­netz. Sie kor­ri­giert sich nicht aus Ein­sicht, sie hat kei­ne Kol­le­gin ne­ben sich sit­zen, die sanft ein­greift, so dass sich die ak­ti­ve Dol­met­scher:in kor­ri­gie­ren kann. Sie knallt dem Pu­bli­kum ih­ren Out­put um die Oh­ren. Fer­tig. (Und ja, Dol­met­scher:in­nen aus Fleisch und Blut ma­chen auch mal Feh­ler. Mir wur­de zwei­mal mit­ten in ei­nem Ein­satz mit­ge­teilt, dass ein An­ge­hö­ri­ger im Ster­ben liegt, ein­mal war's ein Fehl­alarm. Da­nach war ich ei­ni­ger­ma­ßen out of or­der. Wir Men­schen sind zum Glück kei­ne Ma­schi­nen.)

Be­son­ders pro­ble­ma­tisch ist das Macht­ge­fäl­le, das durch KI-Dol­metsch­sys­te­me ent­steht. Wer die Tech­nik kon­trol­liert, kon­trol­liert die Kom­mu­ni­ka­ti­on. Trans­pa­renz über Trai­nings­da­ten, Ver­zer­run­gen, Aus­las­sun­gen oder Prio­ri­sie­run­gen fehlt meist. Dass KI be­ste­hen­de ge­sell­schaft­li­che Un­gleich­hei­ten re­pro­du­ziert und ver­stärkt, ist in­zwi­schen gut do­ku­men­tiert, auch im sprach­li­chen Be­reich. Dia­lek­te, phy­sio­lo­gi­sche Be­ein­träch­ti­gun­gen, Min­der­hei­ten­spra­chen, kurz: je­de Form von nicht­nor­mier­ten Sprech­wei­sen, wo­zu aus Sicht der Ma­schi­ne lei­der auch Ge­füh­le, Iro­nie oder Rück­fra­gen zäh­len, fal­len rasch un­ter den Tisch oder wer­den „glatt­ge­bü­gelt“. Die Aus­gangs­tex­te sind vol­ler Ste­reo­ty­pen, sie wer­den mun­ter ver­wen­det, ih­re Nut­zung da­mit ver­stärkt: Män­ner steu­ern den Be­trieb, Frau­en ma­xi­mal die Melk­ma­schi­ne.

Hin­zu kommt ein öko­no­mi­sches In­ter­es­se, das wir of­fen be­nen­nen müs­sen: Hier wur­de nicht auf die KI zu­rück­ge­grif­fen, um die Kom­mu­ni­ka­ti­on zu ver­bes­sern, son­dern ei­ner­seits, um Kos­ten zu sen­ken, an­de­rer­seits, um den Ge­winn auf die Sei­ten der Tech-An­bie­ter zu ver­schie­ben. Mensch­li­che Ar­beit gilt oft als „zu teu­er“, Er­fah­rung als „in­ef­fi­zi­ent“. Dass ne­ben der Qua­li­tät auch Ver­läss­lich­keit und ethi­sche Ver­ant­wor­tung auf der Stre­cke blei­ben, wird bil­li­gend in Kauf ge­nom­men, so­lan­ge kurz­fris­tig die Rech­nung stimmt. Und es droht ei­ne Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­mög­lich­kei­ten für un­se­rei­ner bei wach­sen­der Ver­wir­rung des Pu­bli­kums durch er­schüt­ternd schlech­ten KI-Aus­wurf. Ich den­ke es wei­ter: Den Ge­mein­den wer­den Steu­er­ein­nah­men feh­len, denn ein Teil des Ge­winns fließt zu den nord­ame­ri­ka­ni­schen Tech-Bros ab.

Ich schät­ze mal, auch Sie, liebe Le­se­rin, lie­ber Le­ser, ha­ben die KI schon mal für Tex­te ein­ge­setzt, z.B. Goog­le Trans­la­te oder Deepl. Das ging mal bes­ser, mal schlech­ter, denn die KI ist ein Werk­zeug, kann auch als Re­cher­che­hil­fe die­nen oder für nied­rig­schwel­li­ge, in­for­mel­le An­wen­dun­gen, et­wa für ei­ne gro­be ers­te Über­sicht über ei­nen fremd­spra­chi­gen In­halt. Da­bei ha­ben wir hof­fent­lich al­le ge­lernt, die KI kri­tisch zu hin­ter­fra­gen und Feh­ler ein­zu­kal­ku­lie­ren. Wenn's drauf an­kommt, sind dann wie­der wir Pro­fis nö­tig.

Denn rich­tig ge­fähr­lich wird die KI dort, wo sie Men­schen er­setzt, ob­wohl mensch­li­ches Ur­teil, Ver­ant­wor­tung und Be­zie­hung ent­schei­dend sind. Die Es­ka­la­ti­on ist schon ab­seh­bar. Wir er­le­ben schon jetzt, dass die Ei­gen­tü­mer der Tech-Fir­men ge­wis­se Be­grif­fe auf den In­dex set­zen und Be­grif­fe ma­ni­pu­lie­ren, und zwar per Or­dre de Muf­ti. Die Ver­bots­lis­te von Oran­ge face ist lang, sie be­inhal­tet u.a. die Wör­ter „Frau“, „Ge­sund­heit“, „Dis­kri­mi­nie­rung" und „Di­ver­si­tät“.

Dol­met­schen ist Be­zie­hungs­ar­beit. Dol­met­schen schafft Ver­stän­di­gung dort, wo es um In­hal­te und Kom­mu­ni­ka­ti­on geht und wo Miss­ver­ständ­nis­se rea­le Schä­den ver­ur­sa­chen kön­nen. Wer die­se Ar­beit voll­stän­dig au­to­ma­ti­sie­ren will, ver­kennt nicht nur die Kom­ple­xi­tät von Spra­che, son­dern auch ih­ren ge­sell­schaft­li­chen Wert.

Was bei dem Ter­min mit Bau­ern sonst oft falsch war: die Zu­ord­nung von Zah­len, die manch­mal in Tei­len wie­der­holt wur­den (FR>DE ist auch kom­pli­ziert, 96 ist auf Fran­zö­sisch vier (mal) 20 (plus) 16). Re­gel­mä­ßig fie­len In­hal­te weg, Lü­cken wur­den mit Be­grif­fen ge­füllt, die nie ver­wen­det wor­den wa­ren.

Die an­schlie­ßen­den Dis­kus­sio­nen wa­ren mau, fan­den nur zwi­schen Teil­neh­men­den der je­wei­li­gen Spra­che statt. Für ei­ne ord­ent­li­che Aus­wer­tung des De­sas­ters hät­te ich zwei End­ge­rä­te und zwei Auf­nah­me­ge­rä­te ge­braucht. Ich wuss­te nicht, dass mich bei der Dis­kus­si­on die KI er­war­ten wür­de.

INFO: Sprache zu Text zu Sprache Spracherkennung: Die gesprochene Sprache wird von einer Spracherkennungs-software in Text umgewandelt. Textverarbeitung: Der erkannte Text wird in die Zielsprache übertragen. Sprachsynthese: Das Ergebnis wird durch einen Text-to-Speech-Engine wieder in gesprochene Sprache transferiert.
Vie­le Ar­beits­schrit­te mit viel Stör­an­fäl­lig­keit

Das En­de ha­be ich nicht mit­be­kom­men, weil ich raus­ge­gan­gen bin. Ei­ne Ir­ri­ta­ti­on konn­te ich im­mer­hin re­kon­stru­ie­ren. Pé­nib­le­ment, l'écureuil s'ap­pro­che, hat ei­ne Frau aus dem Pu­bli­kum ge­hört. Hier ging gleich der ers­te Schritt schief: Bei „lang­sam nährt sich das Eich­hörn­chen“, wur­de aus „nährt“ ein­fach „nä­hert“.

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Fo­to: pixlr.com (Zu­falls­fund, farb­lich ver­än­dert)

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