Herzlich willkommen auf den Seiten einer Dolmetscherin, auf denen ich über Sprache und Wörter schreibe und über das, was zwischen den Zeilen liegt. Ich bin Simultandolmetscherin, arbeite bei Konferenzen, auf Messen und begleite Delegationsreisen. Heute: KI-Mittwoch!
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| Mensch vs. Maschine |
Er spricht leicht unkoordiniert, sucht seine Gedanken zusammen, eben so, wie Menschen oft sprechen. Die Bezüge entstehen in den Köpfen der Hörerschaft.
Ich sitze zur Abwechslung mal im Publikum, denn hier „dolmetscht“ eine Wunderkiste. Allerdings macht die KI daraus auf Französisch, zurückübersetzt ins Deutsche: „... In unserem österreichischen Bundesland wissen wir, dass im Gebirge die Jäger dann die Wildschweine einkreisen und im Dorf jagen.“ Ein Teil des Publikums lacht. Das Lachen ist aber kein freundliches, verbindliches, sondern ein ungläubiges Lachen, voller Hohn.
Der Redner schaut verdutzt. Er weiß, dass die KI „dolmetscht“. Er variiert den Ausgangssatz. Die KI macht daraus, rückübersetzt ins Deutsche: „Wir sind in Österreich. Wir kennen das in unserer begrenzten Bergregion. Da wird das nächste Opfer durch das Dorf gejagt.“ Wieder Gelächter voller Irritation.
Einschub: Was hier passiert, ist kein lustiger Ausrutscher und auch kein Moment von „... sind ja nur Kinderkrankheiten des Systems“, die sich „wegtrainieren“ ließen. Es ist ein systemisches Problem. Kurzgefasst überträgt die KI so ähnlich, wie wir das von Autocomplete kennen, wenn das System ein angefangenes Wort "fertigschreibt“. Der Rest ist in mehreren Schritten ähnlich automatisiert, siehe den Kasten ganz unten. Einschubende.
In der Diskussion zur Agrarpolitik war zuvor von Wölfen die Rede gewesen, die Schafe reißen. Die KI weiß nicht, was im Gegensatz zu einer echten Hatz die Redewendung „eine Sau durchs Dorf jagen“ bedeutet. Sie bezeichnet keine reale Handlung, sondern einen gesellschaftlichen Mechanismus: die nächste künstlich aufgeblasene Aufregung, das nächste mediale Ablenkungsmanöver. Ein menschlicher Dolmetscher hätte das sofort erkannt und richtig übertragen. Die KI hingegen zerlegt den Ausdruck in Einzelteile: Sau, Dorf, jagen. Sie produziert wörtliche Bilder, wo Bedeutung gemeint war.
Bemerkenswert ist der Moment, als der Redner versucht hat, sich der Technik anzupassen. Er hat vereinfacht, reduziert und damit ungewollt das Ergebnis verschlechtert. Es ist ein wichtiger Moment: Die Kommunikation richtet sich nicht mehr nach den Menschen im Raum, sondern nach den vermuteten Grenzen der Maschine. Nicht die Kommunikation steht im Mittelpunkt, sondern ein unzulängliches Hilfsmittel für Kommunikation.
Hier hatte ein Technikanbieter versprochen, dass es möglich sei, die Arbeit von uns Dolmetsche:rinnen komplett durch KI zu ersetzen. „Schneller“, „billiger“, „skalierbar“: So oder so ähnlich lauten die Schlagworte auf seiner Webseite. Was dabei systematisch ausgeblendet wird: Dolmetschen ist keine rein technische Übertragungsleistung, sondern eine hochkomplexe menschliche Tätigkeit, die Verantwortung trägt ... für die Bedeutung und den Kontext, also dafür, dass die Inhalte bei den Menschen ankommen.
Dolmetschen ist kein Wörterschubsen. Es geht dabei um Sinn, Sprechabsichten, Vorwissen und Ziele der Kommunikation. Nur Menschen können den jeweiligen kulturellen Kontext mitdenken. Oft gibt es eine Ebene, die sich bei oberflächlichem Zuhören nicht erschließt, die der impliziten Bedeutungen. Wir Dolmetscher:innen sind darauf trainiert, situativ angemessen zu übertragen, in Echtzeit, oft unter hohem Druck, manchmal in konfliktgeladenen oder existenziellen Situationen: vor Gericht, in medizinischen Gesprächen, in politischen Verhandlungen, in Asylverfahren, in Krisen. In solchen Settings sind KI-Fehler gar nicht mehr lustig. Sie verändern Bedeutungen, verschieben Verantwortlichkeiten, führen zu Missverständnissen mit realen Konsequenzen, z.B. unbegründete Abschiebung oder Tod.
Das Scheitern der Maschine ist rasch erklärt: KI-Systeme arbeiten statistisch. Sie berechnen Wahrscheinlichkeiten auf der Basis vorhandener Daten, und seit einiger Zeit werden der Quatsch aus den „asozialen“ Medien sowie frühere KI-Ergebnisse mit hineinverwurstet. KI-Systeme verstehen nicht, was sie sagen, sie erkennen weder doppelte Böden noch Machtverhältnisse.
Bei KI-Fehlern gibt es kein Sicherheitsnetz. Sie korrigiert sich nicht aus Einsicht, sie hat keine Kollegin neben sich sitzen, die sanft eingreift, so dass sich die aktive Dolmetscher:in korrigieren kann. Sie knallt dem Publikum ihren Output um die Ohren. Fertig. (Und ja, Dolmetscher:innen aus Fleisch und Blut machen auch mal Fehler. Mir wurde zweimal mitten in einem Einsatz mitgeteilt, dass ein Angehöriger im Sterben liegt, einmal war's ein Fehlalarm. Danach war ich einigermaßen out of order. Wir Menschen sind zum Glück keine Maschinen.)
Besonders problematisch ist das Machtgefälle, das durch KI-Dolmetschsysteme entsteht. Wer die Technik kontrolliert, kontrolliert die Kommunikation. Transparenz über Trainingsdaten, Verzerrungen, Auslassungen oder Priorisierungen fehlt meist. Dass KI bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten reproduziert und verstärkt, ist inzwischen gut dokumentiert, auch im sprachlichen Bereich. Dialekte, physiologische Beeinträchtigungen, Minderheitensprachen, kurz: jede Form von nichtnormierten Sprechweisen, wozu aus Sicht der Maschine leider auch Gefühle, Ironie oder Rückfragen zählen, fallen rasch unter den Tisch oder werden „glattgebügelt“. Die Ausgangstexte sind voller Stereotypen, sie werden munter verwendet, ihre Nutzung damit verstärkt: Männer steuern den Betrieb, Frauen maximal die Melkmaschine.
Hinzu kommt ein ökonomisches Interesse, das wir offen benennen müssen: Hier wurde nicht auf die KI zurückgegriffen, um die Kommunikation zu verbessern, sondern einerseits, um Kosten zu senken, andererseits, um den Gewinn auf die Seiten der Tech-Anbieter zu verschieben. Menschliche Arbeit gilt oft als „zu teuer“, Erfahrung als „ineffizient“. Dass neben der Qualität auch Verlässlichkeit und ethische Verantwortung auf der Strecke bleiben, wird billigend in Kauf genommen, solange kurzfristig die Rechnung stimmt. Und es droht eine Verringerung der Arbeitsmöglichkeiten für unsereiner bei wachsender Verwirrung des Publikums durch erschütternd schlechten KI-Auswurf. Ich denke es weiter: Den Gemeinden werden Steuereinnahmen fehlen, denn ein Teil des Gewinns fließt zu den nordamerikanischen Tech-Bros ab.
Ich schätze mal, auch Sie, liebe Leserin, lieber Leser, haben die KI schon mal für Texte eingesetzt, z.B. Google Translate oder Deepl. Das ging mal besser, mal schlechter, denn die KI ist ein Werkzeug, kann auch als Recherchehilfe dienen oder für niedrigschwellige, informelle Anwendungen, etwa für eine grobe erste Übersicht über einen fremdsprachigen Inhalt. Dabei haben wir hoffentlich alle gelernt, die KI kritisch zu hinterfragen und Fehler einzukalkulieren. Wenn's drauf ankommt, sind dann wieder wir Profis nötig.
Denn richtig gefährlich wird die KI dort, wo sie Menschen ersetzt, obwohl menschliches Urteil, Verantwortung und Beziehung entscheidend sind. Die Eskalation ist schon absehbar. Wir erleben schon jetzt, dass die Eigentümer der Tech-Firmen gewisse Begriffe auf den Index setzen und Begriffe manipulieren, und zwar per Ordre de Mufti. Die Verbotsliste von Orange face ist lang, sie beinhaltet u.a. die Wörter „Frau“, „Gesundheit“, „Diskriminierung" und „Diversität“.
Dolmetschen ist Beziehungsarbeit. Dolmetschen schafft Verständigung dort, wo es um Inhalte und Kommunikation geht und wo Missverständnisse reale Schäden verursachen können. Wer diese Arbeit vollständig automatisieren will, verkennt nicht nur die Komplexität von Sprache, sondern auch ihren gesellschaftlichen Wert.
Was bei dem Termin mit Bauern sonst oft falsch war: die Zuordnung von Zahlen, die manchmal in Teilen wiederholt wurden (FR>DE ist auch kompliziert, 96 ist auf Französisch vier (mal) 20 (plus) 16). Regelmäßig fielen Inhalte weg, Lücken wurden mit Begriffen gefüllt, die nie verwendet worden waren.
Die anschließenden Diskussionen waren mau, fanden nur zwischen Teilnehmenden der jeweiligen Sprache statt. Für eine ordentliche Auswertung des Desasters hätte ich zwei Endgeräte und zwei Aufnahmegeräte gebraucht. Ich wusste nicht, dass mich bei der Diskussion die KI erwarten würde.
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| Viele Arbeitsschritte mit viel Störanfälligkeit |
Das Ende habe ich nicht mitbekommen, weil ich rausgegangen bin. Eine Irritation konnte ich immerhin rekonstruieren. Péniblement, l'écureuil s'approche, hat eine Frau aus dem Publikum gehört. Hier ging gleich der erste Schritt schief: Bei „langsam nährt sich das Eichhörnchen“, wurde aus „nährt“ einfach „nähert“.
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Foto: pixlr.com (Zufallsfund, farblich verändert)


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