Mittwoch, 21. Januar 2026

Mäandernd im Kreis

Ob ge­plant oder zu­fäl­lig: Hier le­sen Sie auf den Sei­ten mei­nes lo­se ge­schrie­be­nen Ta­ge­buchs aus der Ar­beits­welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin für Fran­zö­sisch und Deutsch in Ber­lin, Pa­ris und über­all dort, wo Sie mich brau­chen. Ein ru­hi­ger Ja­nu­ar­diens­tag ist das heu­te. Ich den­ke nach.

Ein an De­menz er­krank­ter Nar­zisst in ei­nem Ort der Schweiz: Er spricht, mä­an­dert sich durch an­schei­nend be­lie­bi­ge The­men­fel­der, über Hö­hen und durch Tie­fen, os­zil­liert zwi­schen Dro­hun­gen und Su­per­la­ti­ven, Selbst­lob, Lü­gen und Short cuts, die haar­sträu­bend sind. Sei­ne Gram­ma­tik hat­te ich frü­her schon mal ana­ly­siert. Er spricht vor Pu­bli­kum. Über­ra­schung: Kaum ei­ne(r) ver­lässt den Saal.

Orange face, heute schwarz
Duck face, heu­te ohne Ge­sicht
Auch ich se­he hin, es ist ein Fas­zi­no­si­um, ir­gend­was zwi­schen Vul­kan­aus­bruch und Mor­gen­ne­bel, ei­gen­ar­tig und sinn­frei.

In deut­schen Me­di­en dol­met­schen zwei Men­schen, ei­ne Frau und ein Mann, die sich aber nicht ab­wech­seln, er be­spielt das Zwei­te Deut­sche Fern­se­hen (ZDF), sie ist im Ers­ten (ARD) zu hö­ren. Nur sie klingt wirk­lich nach mi­ni­ma­lem Ka­bi­nen­echo. Das dürf­te ei­ne Da­me von vor Ort sein. 

Aber war­um muss­te sie je­weils AL­LEI­NE die­sen Quark 90 Mi­nu­ten lang ver­to­nen? Das ist kom­plett NICHT bran­chen­üb­lich und ge­fähr­det die Ge­sund­heit der Kol­leg:innen.

Beide sind Hel­den.

Wir Dol­met­scher:innen be­kom­men in der Re­gel vor­ab grob die In­hal­te zu­ge­spielt, manch­mal gibt es ein Re­de­ma­nu­skript, ei­ne Power­PointPrä­sen­ta­tion oder das, was durch den Te­le­promp­ter läuft. Wer die In­hal­te, die ei­nen er­war­ten, schon mal grob kennt, kann Zu­sam­men­hän­ge er­ah­nen und Ab­schwei­fun­gen an­ti­zi­pie­ren, Be­grif­fe, Zah­len, Na­men nach­schla­gen. 

Aber hier? Un­mög­lich. Der Stil des Man­nes ist grau­en­haft, eine ver­ba­le Tanz­an­lei­tung für kurz­at­mi­ges Ge­trip­pel, Side­kicks, Rück­fall­schrit­te, ar­ti­ku­lier­te Ge­dan­ken­stol­pe­rer und Über­sprung­shand­lun­gen bis hin zum Be­haup­ten des Ge­gen­teils. (Quelle des Zitats: hier.)

So ei­ne Per­for­mance dol­met­schen zu müs­sen ist kurz vor Fol­ter. Ich hät­te das drei­fa­che Ho­no­rar als Schmerz­geld ver­langt, min­des­tens!

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Gra­fik: Netz­fund/pixlr.com (Ar­chiv)

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