Freitag, 23. Januar 2026

Die nächste Sau

Will­kom­men auf mei­nen Blog­sei­ten aus der Ar­beits­welt der Spra­chen! Wie Dol­met­sche­r:in­nen und Über­setze­r:in­nen ar­bei­ten, ist oft nicht so ge­nau be­kannt. Zum Be­ruf ge­hört auch, dass wir stän­dig un­se­re Ar­beits­fel­der im Blick be­hal­ten. Heu­te: ak­tu­el­le Po­li­tik, die mich in der zwei­ten oder drit­ten Rei­he be­schäf­ti­gen wird.

Aus der Dolmetscherkabine: Blick auf Stuhlreihen
In einem Sitzungssaal des EP
Ein kur­zes State­ment zum ak­tu­el­len Auf­re­ger „Mer­co­sur-Ab­kom­men“: Tat­säch­lich hat das EU-Par­la­ment die­ses Ab­kom­men nicht ge­kippt, son­dern es NUR zur recht­li­chen Prü­fung an den Eu­ro­pä­i­schen Ge­richts­hof (Eu­GH) ver­wie­sen. Das ist ein Rou­ti­ne­vor­gang. 

Das nun häu­fig be­schwo­re­ne Nar­ra­tiv, die deut­schen Grü­nen hät­ten hier als „Züng­lein an der Waa­ge“ agiert, hält der nüch­ter­nen Be­trach­tung nicht stand. Die Ab­stim­mung ging mit ei­ner Mehr­heit von zehn Stim­men durchs Par­la­ment. Die Zahl der deut­schen grü­nen Stim­men be­trug acht, die der deut­schen Kon­ser­va­ti­ven hin­ge­gen 45. Auch oh­ne die Grü­nen hät­te wäre das Ge­richt an­ge­ru­fen wor­den. Kurz: Die „Skan­dal­blo­cka­de“ ist Teil ei­ner Kam­pa­gne.

Ein Blick in den po­li­ti­schen Ka­len­der und wir wis­sen: In acht Wo­chen wird in Ba­den-Würt­tem­berg ge­wählt.

Wer weiß, wie sol­che Ab­kom­men ver­han­delt wer­den, und wir Dol­met­sche­r:in­nen kön­nen ein Lied da­von sin­gen, sieht das noch ent­spann­ter. In Ein­zel­ka­pi­tel un­ter­teilt, in Ver­hand­lungs­grup­pen auf­ge­teilt, hier über 25 Jah­re: Man­che um­strit­te­ne Pas­sa­ge ist am En­de lan­ger Sit­zun­gen so weich­ge­spült (oder schwam­mig for­mu­liert), dass eine all­ge­mei­ne Über­ein­kunft mög­lich wird. Al­le Sei­ten hof­fen dann auf Ent­wick­lun­gen bei den je­wei­li­gen Part­nern, um ei­nes Ta­ges nach­schär­fen zu kön­nen.

Die­ses Schwam­mi­ge kann sich al­ler­dings am En­de als Pro­blem er­wei­sen. Näm­lich jetzt, wenn das Ge­samt­werk, das sehr he­te­ro­gen ist und schon wie­der­hol­te Glät­tungs­vor­gän­ge er­lebt hat, ra­ti­fi­ziert wer­den soll. Das Ge­richt hat üb­ri­gens zu­vor schon an­de­re Frei­han­dels­ver­trä­ge über­prüft, so ge­sche­hen bei CE­TA oder Sin­ga­pur. Die­se Ver­fah­ren dau­ern in der Re­gel an­dert­halb bis zwei Jah­re und die­nen da­zu, spä­te­re Kla­ge­wel­len und ju­ris­ti­sches Cha­os zu ver­mei­den. (Bei hand­werk­li­chen Fehlern wür­de es dann be­rech­tigt gro­ße Kri­tik set­zen.)

Ich hat­te es erst Mitt­woch von den be­rühm­ten Sau­en, die durchs Dorf ge­trie­ben wer­den, Stich­wort „Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie“. Dass schon wie­der ernst­zu­neh­men­de Me­di­en bei die­sen in­halts­ver­kür­zen­den Hass­kam­pa­gnen mit­mi­schen, er­schüt­tert mich. Aus der Treib­jagd ge­gen Ha­beck nichts ge­lernt? Der ver­meint­li­che „Heiz­ham­mer“ war das Ge­bäu­de­en­er­gie­ge­setz (GEG) aus der Fe­der der CDU, von Ha­beck ent­schärft, nicht ver­schärft.

Ich fin­de das nicht wit­zig. Die­ses Ver­hal­ten be­schä­digt die De­mo­kra­tie. Wo bleibt die ru­hi­ge, krea­ti­ve Ar­beits­ru­he? Und der Lärm droht an der Ta­ges­ord­nung zu blei­ben, wir ha­ben schließ­lich ein Land­tags­wahl­jahr.

Die EU-Kom­mis­si­on hat­te bei Mer­co­sur üb­ri­gens be­wusst auf ei­ne vor­he­ri­ge Eu­GH-Prü­fung ver­zich­tet, um po­li­ti­schen Schwung zu hal­ten und das Ab­kom­men zü­gig durch Rat und Par­la­ment zu brin­gen. Der Ge­dan­ke war wohl: „Wir spa­ren Zeit.“ Da­mit wer­den aber die recht­li­chen Ri­si­ken in die Zu­kunft ver­la­gert. Das Par­la­ment schließt nun die­se Lü­cke.

Im Zen­trum der Kri­tik ste­hen un­ter an­de­rem Um­welt­stan­dards. Eu­ro­pä­i­sche Che­mie­kon­zer­ne pro­du­zie­ren Ag­rar­che­mie, die in Eu­ro­pa aus gu­ten Grün­den ver­bo­ten ist, und ver­kau­fen die Sub­stan­zen dann in Län­der des glo­ba­len Sü­dens. Dort be­las­ten sie ­Land­ar­bei­ter, Bö­den und Le­bens­mit­tel. Zu befürchten ist, dass die Ac­ker­gifte in den Le­bens­mit­tel so auf eu­ro­pä­i­sche Märk­te zu­rück­keh­ren.

Zu klä­ren wä­re jetzt, ob Um­welt­schutz nach In­kraft­tre­ten des Ab­kom­mens ju­ris­tisch ab­ge­si­chert bleibt, und am bes­ten gleich mit, ob die Her­stel­lung die­ser gif­ti­gen Stof­fe über­haupt noch zu recht­fer­ti­gen ist. In Frank­reich gilt Par­kin­son bei Land­wir­ten be­reits als Be­rufs­krank­heit, in Deutsch­land nicht, ich schät­ze, weil die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten ei­ne Kos­ten­la­wi­ne ver­mei­den möch­ten.

Die­ser Punkt zeigt ein grund­sätz­liches Pro­blem: Che­mi­sche Sub­stan­zen wir­ken nicht iso­liert oder ad­di­tiv, son­dern ku­mu­la­tiv bis po­ten­zie­rend. In be­stimm­ten Kom­bi­na­tio­nen ent­ste­hen neue Ri­si­ken, die sich re­gu­la­to­risch kaum noch kon­trol­lie­ren las­sen. Ge­nau des­halb ist die ju­ris­ti­sche Prü­fung kein po­li­ti­sches Hin­der­nis, son­dern ei­ne not­wen­di­ge Ver­si­che­rung ge­gen spä­te­re, weit gra­vie­ren­de Kon­se­quen­zen ... und ge­gen das nächs­te me­di­a­le Em­pö­rungs­feu­er auf vor­ge­glüh­tem Die­sel.

Wei­te­re Kon­flikt­the­men: Ar­beit­neh­mer­rech­te, A­ma­zo­nas, Tier­schutz, Me­cha­nis­men, die hel­fen, die Exis­tenz­grund­la­ge eu­ro­pä­i­scher Land­wirt:in­nen zu si­chern, Ze­men­tie­rung des post­ko­lo­ni­a­len Un­gleich­ge­wichts sol­cher Han­dels­ver­trä­ge, die in der Part­ner­re­gi­on die La­ge oft ze­men­tie­ren (wie aus der For­schung be­kannt).

Trotz der recht­li­chen Über­prü­fung durch den Eu­GH kann das Ab­kom­men üb­ri­gens auch vor­läu­fig in Kraft tre­ten, was das rich­ti­ge Zei­chen in die­ser her­aus­for­dern­den Zeit wä­re.

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Fo­to:
C.E. (Ar­chiv)

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