Samstag, 24. Januar 2026

Sün­den­bock­nar­ra­tiv

Was Dol­met­scherin­nen und Über­set­zerin­nen, Dol­met­scher und Über­set­zer um­treibt, wie wir ar­bei­ten, ist hier seit 2007 in lo­ser Fol­ge The­ma. Als Fran­zö­sisch­dol­met­scherin mit Eng­lisch als Drittsprache be­ob­ach­te da­ne­ben un­se­re Zeit sehr ge­nau ... und sor­tie­re ein, aus der Per­spek­ti­ve ei­ner Dol­met­scherin. Sams­tags brin­ge ich ger­ne mei­nen Link der Wo­che.

Vor­ab: Hat diese Woche ein ernst­zu­neh­men­des Me­di­um das Auf­flam­men anti­grü­ner Pro­pa­gan­da in den Me­di­en und in der Po­li­tik zum The­ma ge­habt? Mir fiel auf, das hier et­was fehlt. Und ja, ich ha­be na­tür­lich nicht al­les ge­le­sen, man­gels Zeit und Zu­gang, und ha­be selbst schon darüber ge­schrie­ben: klick. Ich hät­te hier ger­ne ein­en Ar­ti­kel ver­linkt. Ha­be ich ihn über­se­hen? Dann bit­te ich um ei­nen Hin­weis an ca­ro­li­ne@ada­zyl­la.de!

Das ak­tu­el­le Sün­den­bock­nar­ra­tiv geht so: Acht grü­ne Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te brin­gen das Mer­co­sur-Ab­kom­men zu Fall. Pa­ral­lel da­zu töl­pelt ein kran­ker, rei­cher Mann vor ex­klu­si­vem Pu­bli­kum mit Lü­gen, Ver­kür­zun­gen und Dro­hun­gen rum. Na­tür­lich braucht Eu­ro­pa gu­te, so­li­de Part­ner. Das Mer­co­sur-Ab­kom­men bie­tet sich hier an. Aber ei­ne gu­te Part­ner­schaft braucht ei­ne fes­te Grund­la­ge.

Jetzt al­so die­ser Skan­dal! Das Pu­bli­kum denkt (ein­mal mehr): Mit den Grü­nen ist kein Staat zu ma­chen, die sind de­struk­tiv und blöd, so wie je­ne, die neu­lich in Ber­lin gan­ze Be­zir­ke von der Strom­lei­tung ab­ge­schnit­ten ha­ben. So oder so ähn­lich.

Wer Ih­nen das ein­flüs­tert, man­che Po­li­ti­ker und et­li­che Me­di­en, han­delt un­­de­mo­kra­tisch. Denn es gibt kei­nen Skan­dal, es wird nur in we­ni­gen Mo­na­ten in Ba­den-Würt­tem­berg ge­wählt.

Nor­ma­ler­wei­se hät­te der Eu­ro­pä­i­sche Ge­richts­hof (EuGH) im Vor­feld des par­la­men­ta­ri­schen Ter­mins Zeit ge­habt, um al­le De­tai­ls des Ab­kom­mens zu prü­fen. Die Kom­mis­sion wollte aber in der ak­tu­el­len Welt­la­ge, dass der Text vom Par­la­ment rasch be­stä­tigt wer­den wür­de und ließ die­se Etap­pe aus. Nach ge­nug Zeit sieht's ja aus: Das Ab­kom­men wur­de in über 25 Jah­ren ver­han­delt. In die­sem Vier­tel­jahr­hun­dert ha­ben in­des häu­fig die De­le­ga­tio­nen ge­wech­selt, und es wur­de mal ernst­haft, mal halb­her­zig, mal lieb­los de­bat­tiert. Da­her steckt der Text vol­ler Wi­der­sprü­che, ist he­te­ro­gen.

Man­cher Tag im po­li­ti­schen Be­trieb klei­ner Ver­hand­lungs­kom­mis­sio­nen en­det da­mit, dass sich al­le Sei­ten auf ei­ne Ab­sichts­er­klä­rung ei­ni­gen, oft un­scharf ge­fasst, da­mit zu Hau­se die Zei­len al­le ab­ni­cken kön­nen. Wich­tig ist, dass ein Hä­kchen an die Auf­ga­be ge­setzt wer­den kann.

Das weiß ich aus ers­ter Rei­he als Dol­met­sche­rin. Man­ches aber könn­te an­schlie­ßend zum Pro­blem wer­den, wenn aus­län­di­sche In­ves­to­ren ent­gan­ge­ne Ge­win­ne ein­kla­gen, über­haupt droht bei ei­ner hand­werk­lich schlecht ge­mach­ten Ar­beit am En­de ei­ne Kos­ten­la­wi­ne, Spott und Hohn für schlech­tes Re­gie­ren. Da­mit han­delt es sich hier um ei­ne Prä­ven­tiv­maß­nah­me, die eben­so nor­mal wie ba­nal ist.

Et­li­che As­pek­te des ak­tu­e­l­len Texts kön­n­en näm­lich ge­gen die Eu­ro­pä­i­schen Ver­trä­ge ver­sto­ßen, da­her ist die­ser Schritt im­mens wich­tig. Au­ßer­dem soll ge­prüft wer­den, ob das Ab­kom­men mit dem eu­ro­pä­i­schen Vor­sor­ge­prin­zip kon­form geht. So, wie es der­zeit im Text steht, wür­den Prüf- und Kon­troll­me­cha­nis­men für Ag­rar­im­por­te ab­ge­senkt. Es geht schlicht um Ver­brau­cher­schutz und die Er­fül­lung der Sorg­falts­pflicht.

Al­le, die den Text des Ab­kom­mens dem EuGH zur Prü­fung vor­le­gen möch­ten, ha­ben also dem Po­li­tik­be­trieb über­haupt kei­ne Stei­ne in den Weg ge­legt, son­dern ganz im Ge­gen­teil ein Be­kennt­nis zu Rechts­staat­lich­keit und für rechts­si­che­re eu­ro­pä­i­sche Ge­setz­ge­bung ab­ge­ge­ben. Die vom Ge­richts­hof am En­de mög­li­cher­wei­se be­an­stan­de­ten Punk­te wür­den neu ver­han­delt, was das Ab­kom­men in Gän­ze nicht ge­fähr­det. In der Zwi­schen­zeit kann das Ab­kom­men vor­läu­fig in Kraft tre­ten.

Zur Ein­ord­nung, wie groß die Pro­pa­gan­da­leis­tung ist: Die Mehr­heit hing an zehn Stim­men, für die An­ru­fung des EuGH ha­ben acht deut­sche Grü­ne ge­stimmt. Oh­ne sie wä­re der An­trag trotz­dem durch­ge­gan­gen, auch we­gen knapp 100 Ja-Stim­men der kon­ser­va­ti­ven und so­zia­len/de­mo­kra­ti­schen Frak­tio­nen.

Wir dür­fen uns in un­se­rer Po­li­tik nicht von den Sau­en ab­hän­gig ma­chen, die das Tram­pel­tier da durchs Dorf treibt, aber auch nicht von par­tei­po­li­ti­schen In­ter­es­sen, die sich am Wahl­ka­len­der ori­en­tie­ren.

Vie­le der Grü­nen selbst füh­len sich in­zwi­schen so un­ter Druck, dass sie selbst zu den Kri­ti­kern die­ses Ab­stim­mungs­er­geb­nis­ses zäh­len und leider die of­fen­sicht­li­che Mei­nungs­ma­che so­wie die De­tai­ls nicht öf­fent­lich klar­stel­len. Das ist das Ein­ge­ständ­nis, dass vie­le Men­schen, die dem­nächst an die Wahl­ur­ne tre­ten dür­fen, mit sol­chen kom­ple­xen De­tai­ls über­for­dert sind, aber auch jam­mer­scha­de, denn im Grun­de ist es ho­he Zeit, die­se Pro­pa­gan­da­me­cha­nis­men auf­zu­de­cken. 

Wir hat­ten das schon beim „Heiz­ham­mer“ ge­se­hen, dem „Hei­zungs­ge­setz“, das es mit die­sem Na­men nie gab, durch das Ro­bert Ha­beck an­geb­lich ar­me Rent­ner:in­nen um ih­re klei­nen Häus­chen brin­gen woll­te. Die Kri­tik be­zog sich auf das von CDU und SPD ein­ge­brach­te Ge­bäu­de­ener­gie­ge­setz (GEG), das un­ter grü­ner Lei­tung nicht ver­schärft, son­dern im Ge­gen­teil ent­schärft wur­de. Aber al­le Me­di­en, so­gar die Öf­fent­lich-Recht­li­chen, sind dar­auf an­ge­sprun­gen.

Ein­schub: Dass die ak­tu­el­le Pfle­ge­si­tua­ti­on vie­le Fa­mi­li­en kalt ent­eig­net und Kas­sen ru­i­niert, da­für sat­te Di­vi­den­den bei den An­le­gern ein­fährt, da­von kaum ein Ster­bens­wört­chen in der heu­ti­gen Po­li­tik. Ein­schu­ben­de.

Die ak­tu­el­le La­ge: Wär­me­pum­pen hat­ten noch nie ei­nen so gu­ten Ab­satz wie im letz­ten Jahr, sie wer­den wei­ter ver­bes­sert, lei­ser, hüb­scher, auch SPLIT-Kli­ma­an­la­gen wer­den tech­nisch bes­ser, die In­dus­trie ar­bei­tet mit Hoch­druck an En­er­gie­spei­cher­mo­del­len und die ak­tu­el­le Re­gie­rung hat die För­de­rung für E-Au­tos wie­der auf­ge­legt. Die En­er­gie­wen­de ist in vol­lem Gan­ge, trotz­dem lan­det ak­tu­ell zu viel des knap­pen Gel­des durch Sub­ven­tio­nen der Fos­sil­in­dus­trie nicht nur in fal­schen Kas­sen, son­dern schä­digt wei­ter­hin Um­welt, Bio­di­ver­si­tät, Kli­ma und die Zu­kunfts­per­spek­ti­ven un­se­rer Kin­der und En­kel.

Ré­su­mé: Wer Fak­ten be­reits als Par­tei­nahme empfindet, hat den Bo­den der De­bat­te ver­las­sen.

Zur Vertiefung: In die­sem Vi­deo wird er­ör­tert, wie Laut­stär­ke po­li­ti­sche Wahr­neh­mung be­ein­flusst und wa­rum oft die sach­lich Kom­pe­ten­tes­ten die Leisen sind; ein Phä­no­men, das auch im me­dia­len Dis­kurs um das Mer­co­sur-Ab­kom­men re­le­vant ist.



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Film: am bes­ten oh­ne Wer­bung
im Duck­Duck­Go-Play­er!

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