Mittwoch, 27. Mai 2026

Sicht­bar­keit und Qualität

Will­kom­men bei mei­nem Blog aus der Ar­beits­welt der Spra­chen. Ich bin Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin für die fran­zö­si­sche Spra­che. Wie wir Dol­met­sche­rin­nen und Über­set­zer ar­bei­ten, ist oft nicht so ge­nau be­kannt. Über den Be­ruf ver­öf­fent­li­che ich hier im 20. Jahr Tex­te. Die Künst­li­che In­tel­li­genz (KI) ver­zerrt der­zeit in mehr­fa­cher Hin­sicht den Markt.

Heute fasse ich meh­rere As­pek­te zu­sam­men, denn die be­rühm­ten Hal­lu­zi­na­tio­nen sind bei wei­tem nicht das ein­zige Pro­blem der Tech­nik.

Das Pa­ra­dox der glat­ten Stim­men

Der­zeit durch­le­ben viele frei­be­ruf­li­che Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher eine Krise. Da sind zu­nächst man­che Tech­nik­an­bie­ter:innen, die vor­ge­ben, die KI könne in­zwi­schen so gut oder fast so gut wie Men­schen dol­met­schen. Das ist ge­lo­gen, und die­se Fir­men wis­sen das.

Die Tech­nik kommt so­gar bei op­ti­ma­len La­bor­be­din­gun­gen nicht ein­mal so weit, dass sie den Ein­gangs­test der Fach­aus­bil­dung an der Hoch­schule be­ste­hen würde. Ihr Out­put klingt stel­len­weise gut, strotzt aber vor Feh­lern, Aus­las­sun­gen und Er­fin­dun­gen. 

Frau in der Kabine, vor ihr das Schreckgespenst KI
Kommentar der KI selbst
Die Ma­schine, die eher hal­lu­zi­niert als zu­zu­ge­ben, dass Hin­ter­grund­wis­sen fehlt oder ein an­de­rer Feh­ler vor­liegt, setzt Fehl­in­for­ma­tio­nen in die Welt. Das kos­tet am Ende oft mehr, als an Aus­ga­ben ge­spart wurde. Dann ist da noch die aal­glat­te Stim­me oh­ne Em­pa­thie, dafür mit et­li­chen Be­to­nungs­feh­lern, denn sie weiß nicht, was sie da­her­plap­pert.

Ak­tu­el­le For­schun­gen haben er­ge­ben, dass die In­hal­te, die von ei­ner künst­li­chen Stim­me ver­mit­telt wer­den, in der Be­hal­tens­kurve der Zu­hö­rer­schaft weit hin­ter dem zu­rück­blei­ben, was eine echte mensch­li­che Stimme ver­mit­teln kann. Hier wird Ver­mitt­lung nur si­mu­liert. (Da­zu mehr, so­bald al­les ver­öf­fent­licht ist.)

Qua­li­tät ist schwer zu fin­den

Et­li­che un­se­rer Kund:innen, die uns als Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher su­chen, star­ten mit einer On­line-Re­cherche. Such­ma­schi­nen zei­gen Agen­tu­ren, Ver­zeich­nisse und stark op­ti­mierte Web­sites ak­tu­ell sehr weit oben an.

Das mag prak­tisch sein, kann aber ge­nauso eine Fal­le sein wie die Su­che mit der KI. Daher sa­gen die Sucher­geb­nisse der­zeit meist nur ein­ge­schränkt etwas über die Qua­li­tät der sprach­li­chen Ar­beit aus.


Dis­kre­tion ist zen­tral

Im Be­reich des Kon­fe­renz- und Ver­hand­lungs­dol­met­schens funk­tio­niert der Markt in vie­ler­lei Hin­sicht an­ders als es auf den ers­ten Blick ver­mu­tet wird. Viele sehr er­fah­rene Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher ar­bei­ten seit Jah­ren für Mi­nis­te­rien, Bot­schaf­ten, in­ter­na­tio­nale In­sti­tu­tio­nen, Kul­tur­ein­rich­tun­gen oder Un­ter­neh­men, dis­kret und oft über per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen. Auch die­ser Blog hier nennt nur sel­ten Na­men, und zwar aus­schließ­lich dann, wenn die Ar­beit öf­fent­lich oder halb­öf­fent­lich war, z.B. bei Pres­se­kon­fe­ren­zen.

Die meis­ten Ein­sätze sind ver­trau­lich. In sen­si­blen oder po­li­ti­schen Zu­sam­men­hän­gen ge­hört Zu­rück­hal­tung zur Grund­lage. Denn nicht jede Kon­fe­renz, nicht jedes Hin­ter­grund­ge­spräch und nicht jede De­le­ga­ti­ons­reise eig­nen sich für öf­fent­li­ches Re­fe­renz­mar­ke­ting. Wir sind viele, die sich als Sprach­pro­fis blei­ben des­halb on­line be­wusst zu­rück­hal­ten bzw. nur win­zige Aus­schnitte zei­gen, et­wa dann, wenn ein neuer Be­griff ge­sucht wird.


Un­schär­fen, von der KI ge­spie­gelt

Noch einen Feh­ler macht die KI häu­fig. Sie ver­wech­selt die Be­griffe "Über­set­zen" und "Dol­met­schen" bzw. setzt diese gleich. Hier spie­gelt der vir­tu­elle Su­per­com­pu­ter, dass auch im All­tag die Men­schen außer­halb der Bran­che die Be­griffe sehr oft nicht un­ter­schei­den kön­nen.

Bei ei­ni­gen schnel­len Stich­pro­ben (noch vor der Hit­ze­welle, im März, ich will ja nicht den Druck aufs Was­ser nicht noch mehr er­hö­hen), wur­den auch Kolleg:innen an­ge­zeigt, die gar nicht mehr ak­tiv sind. Das Sys­tem be­lohnt gutes SEO, auch dann, wenn es lange zu­rück­liegt, sowie das Alter der Web­seiten.

Nächs­ter Feh­ler: Die KI setzt oft eine ge­richt­li­che „Be­ei­di­gung“ vor­aus, um Kolleg:innen an­zu­zei­gen. Auch hier spie­gelt sie die Un­klar­heit der meis­ten Men­schen dar­über, was eine „Be­ei­di­gung“ be­deu­tet. Die ge­richt­li­che Be­ei­di­gung ist eine for­male Qua­li­fi­ka­tion für Ge­richts-, No­ta­riats- oder Be­hör­den­ein­sätze. Für die Qua­li­tät im Kon­fe­renz-, Kul­tur-, Me­dien- oder Wirt­schafts­dol­met­schen ist sie aber nicht aus­schlag­ge­bend. 


Au­gen­arzt ist nicht gleich Kin­der­arzt

Die An­for­de­run­gen un­ter­schei­den sich: Si­mul­tan­dol­met­schen bei in­ter­na­tio­na­len Ver­an­stal­tun­gen oder di­plo­ma­ti­schen Be­geg­nun­gen ver­langt neben sprach­li­cher Prä­zi­sion auch hohe Fle­xi­bi­li­tät, was die Si­tua­tio­nen an­geht, in­halt­li­che Viel­sei­tig­keit, kul­tu­rel­les Fin­ger­spit­zen­ge­fühl und oft jah­re­lange Er­fah­rung in kom­ple­xen Kom­mu­ni­ka­tions­si­tua­tio­nen.

Ei­nige der eben er­wähn­ten Punkte müs­sen auch Ge­richts­dol­met­scher:innen mit­brin­gen, die al­ler­dings eine starke Spe­zia­li­sie­rung auf Jura mit­brin­gen. Über das Thema schreibe ich dem­nächst mal ge­son­dert. Die Un­ter­schiede las­sen sich durch­aus mit fach­ärzt­li­chen Aus­rich­tun­gen ver­glei­chen. Wenn Menschen zur Kin­der­ärz­tin gehen möch­ten, ma­chen sie keinen Ter­min mit der Au­gen­ärz­tin aus. Die KI ver­mischt hier also Äpfel und Bir­nen.

Große Fir­men be­vor­zugt 

Die KI be­vor­zugt außer­dem Agen­tu­ren, echte oder sol­che, die nur aus Bau­kas­ten­text, Brief­kas­ten­adresse und Stock­fotos be­ste­hen und ei­gent­lich in Asien be­hei­ma­tet sind oder per Fran­chi­sing auf re­gio­nale An­säs­sig­keit set­zen, wo­bei die Büro­lei­tung nicht sel­ten fach­fremd ist und in ei­ni­gen Fäl­len aus Stu­den­ten im Mi­ni­job be­steht. 

Echte Agen­tu­ren erfül­len wich­tige Funk­tio­nen, wenn sie Groß­pro­jekte koor­di­nie­ren, Teams zu­sam­men­stel­len, Tech­nik or­ga­ni­sie­ren und ad­mi­nis­tra­tive Ab­läufe steu­ern. Diese ma­chen ihren ei­ge­nen Auf­wand in der Regel deut­lich und schla­gen eine Gebühr für diese Ar­beit auf. Hier trennt sich Spreu vom Wei­zen. (Im Zwei­fels­fall fra­gen Sie nach die­ser Gebühr bzw. bit­ten um De­tails zur Ho­no­rar­auf­tei­lung.)


"Si­mu­lierte" Si­mul­tan­dol­metsch­fir­men

Jene, die ich Pseu­do-Agen­tu­ren nenne, haben sich nicht auf die Kun­den­zu­frie­den­heit ver­stän­digt, son­dern sind zual­ler­erst an ihrem ei­ge­nen Ge­winn in­ter­es­siert. Et­li­che be­hal­ten so­gar für ein­fachste Ein­sätze ohne gro­ßen Ver­mitt­lungs­auf­wand Agen­tur­auf­wand-"Ge­bühren" von bis zu 50 Pro­zent ein, die von un­se­rem Ho­no­rar ab­ge­hen. (Wir "Senior In­ter­pre­ter" spie­len da meis­tens nicht mit.)

Für Auf­trag­ge­be­rinnen und Auf­trag­ge­ber ist die di­rekte Be­auf­tra­gung der beste Weg, auch bei grö­ße­ren Ver­an­stal­tun­gen. Jede/r von uns hat auch schon ein­mal "nur" or­ga­ni­siert. Es ist also wich­tig, wenn Kund:in­nen sich ge­nau un­sere in­di­vi­du­el­len Er­fah­run­gen, Spe­zia­li­sie­run­gen und Ar­beits­wei­sen an­schau­en. Dar­über äu­ßern wir Dol­met­scher:innen uns durch­aus.

Fa­zit

Gute Dol­met­sch­leis­tung lässt sich also kaum an der Sicht­bar­keit im Netz ab­le­sen. Wir ar­bei­ten meis­tens außer­halb der Bild­aus­schnitte, die Ka­me­ra­ob­jek­tive ein­fan­gen. Wir ste­hen oder sit­zen im Hin­ter­grund oder in der Dol­metsch­ka­bine. Für uns ist die Zu­frie­den­heit der Endkund:innen zentral. Dann fol­gen lang­fris­tige Be­zie­hun­gen zur Auf­trag­ge­ber­schaft. In der Ar­beit ste­hen Prä­zi­sion, Ver­läss­lich­keit, Dis­kre­tion und die Fä­hig­keit im Fo­kus, selbst an­spruchs­volle Ge­sprä­che sprach­lich sou­ve­rän zu be­glei­ten.

Das be­son­dere Plus

Mensch­li­ches Dol­met­schen ist also auch immer ein Zei­chen von Wert­schät­zung, den End­kund:in­nen und dem Red­ner­pult ge­gen­über. Hier geht es um Ge­nau­ig­keit, um Fein­hei­ten und um die Kunst der Kom­mu­ni­ka­tion.

______________________________
Gra­fik: ChatGPT (als ich neu­lich nach Ideen
für eine Gra­fik frag­te und mit Text rech­ne­te)

Keine Kommentare: