Vorhin bekam ich eine Tonnachricht, kurz davor war mir aufgefallen, dass DeepL auch Sound transkribiert und sofort überträgt, „Sprachübersetzung in Echtzeit“ nennen sie dies. Wir Profis würden „Übertragung“ sagen und nicht „Übersetzung“, für uns ist Letzteres an uns Menschen gebunden.
Test! Ich spule den Soundfile ab und schaue mal, was DeepL leistet.
Hintergrund: Eine Freundin, die nach Berlin reist sitzt im blockierten Zug. Sie hätte eigentlich zu normalen Zeiten bei uns eintreffen sollen. Es ist aber etwas Schlimmes passiert, etwas, wovon die Medien zum Glück nicht in dem Maße berichten, wie es geschieht. Das ist komplett richtig so, um den Werther-Effekt zu vermeiden.
„Wir wissen nicht, wie sich die Dinge entwickeln werden“ ... ist korrekt übertragen. Ansonsten hat sich die Person leider nicht IN den Zug geworfen.
Menschen kommunizieren häufig in Ausnahmefällen, sprechen über Besonderes bei Konferenzen, stellen Neuerungen auf der Messe vor oder Entdeckungen bei Fachgesprächen unter Kolleg:innen. Die KI nimmt immer das, was am wahrscheinlichsten erscheint aufgrund des ihr zur Verfügung gestellten Trainingsmaterials. Manche Themen kommen nicht oft in der Öffentlichkeit vor, sind Fachwissen, Details, die schwer zu entschlüsseln sind, der berühmte Elefant im Raum oder ... siehe oben.
Was ist hier passiert? Auf Deutsch ergeben sich Fragezeichen: Wer bringt wen spät am Abend zu Bett? Die Kollegin hat neben dem Denken vielleicht auch die Umgebung betrachtet, war abgelenkt, ihre Sätze waren voller Pausen. Die KI hat Punkte gesetzt, lauter kurze Sätze daraus gemacht und ein Wort missverstanden: te coucher als tout coucher uminterpretiert, aus „dich schlafenlegst“ wurde „alle schlafenlegen / zu Bett bringen“.
Gesagt hat sie, von mir übersetzt: „Niemand weiß, wie das hier weitergeht ... So, damit Du weißt, warum du heute Abend spät ins Bett gehen wirst.“
Und mein französischer Opa war nicht der Anrufer, ich habe keinen. Dieses pépé hat die KI komplett erfunden. Im Zug wurde eine Durchsage gestartet und meine Freundin hat schnell die Tonaufnahme beendet.
Die KI ist gescheitert an: außergewöhnlichen Informationen, Nachdenken beim Sprechen (tun wir Menschen halt, schlimm, schlimm), abgelenkt sein, Nebengeräuschen (te -> tout), nichts vom Kontext wissen.
Solche technischen Angebote wie die von DeepL können im Alltag tatsächlich für viele eine Erleichterung bringen. Menschen ohne gemeinsame Sprache hätten sonst wohl auf simplified English kommuniziert. Sie werden das bei technikinduzierten Missverständnissen wie in unserem Beispiel weiterhin machen. In der Nutzung des technischen Dienstes wären also Energie und Kühlwasser verschwendet worden.
Im konkreten Fall wäre bestenfalls ein Luxusproblem gelöst und keiner Dolmetscher:in der Job weggenommen worden. Zu dieser Art von Kommunikation wurden noch nie Profis hinzugezogen.
Ich habe die Technik getestet, als ich beim Tee in der Küche saß. Dort ist das Netz nicht so stabil. Ich schätze mal, dass deshalb das Programm drei Mal abgestürzt ist. Wir Dolmetscher:innen arbeiten auch dann, wenn es keinen Strom gibt.
Sollten eines Tages solche Gimmicks bei relevanten Aufgaben eingesetzt werden, haben wir als Gesellschaft ein schwerwiegendes Problem, das ist dann lebensgefährlich und nicht rechtssicher. Ich denke an Situationen im Asylverfahren, in der Ermittlung im Krisenfall, vor Gericht, im Krankenhaus oder überall dort, wo Kommunikation wichtig ist, kann das nur schiefgehen. Wenn die Teile später mal besser geworden sind oder sein werden, viel Luft ist bei der aktuellen Technik noch, müssen künftig TROTZDEM weiterhin professionelle Dolmetscher:innen eingesetzt werden, denn nur diese können sicherstellen, dass die Inhalte stimmen.
Résumé: „KI-Dolmetschen“ ist ein Oxymoron, der klassische Widerspruch in sich. Ich glaube, er kommt direkt nach „digitalen Emotionen“. Internationale Institutionen, die damit experimentiert hatten, sind zu menschlichen Dolmetscher:innen zurückgekehrt. Und so halten es derzeit viele Kunden nach ersten ausführlichen Tests.
Sprachnotiz
vital,e — lebendig
Das Wort ist derzeit recht beliebt und wird auch verwendet, wenn eine lebensbedrohliche Lage eingetreten ist, son prognostic vital est engagé habe ich neulich im Krankenhaus dolmetschen müssen, seine/ihre Lebenserwartung ist gefährdet.
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Grafik: DeepL.com


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