Mittwoch, 22. April 2026

Einfach (zu komplex)

Ein­blick in den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin kön­nen Sie auf die­sen Sei­ten neh­men. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Büro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. KI-Mitt­woch!

Vor­hin be­kam ich eine Ton­nach­richt, kurz da­vor war mir auf­ge­fal­len, dass DeepL auch Sound trans­kri­biert und so­fort über­trägt, „Sprach­über­set­zung in Echt­zeit“ nen­nen sie dies. Wir Pro­fis wür­den „Über­tra­gung“ sa­gen und nicht „Über­set­zung“, für uns ist Letz­te­res an uns Men­schen ge­bun­den.

Test! Ich spu­le den Sound­file ab und schaue mal, was DeepL leis­tet.

Hin­ter­grund: Eine Freun­din, die nach Ber­lin reist sitzt im blo­ckier­ten Zug. Sie hät­te ei­gent­lich zu nor­ma­len Zei­ten bei uns ein­tref­fen sol­len. Es ist aber et­was Schlim­mes pas­siert, etwas, wo­von die Me­di­en zum Glück nicht in dem Maße be­rich­ten, wie es ge­schieht. Das ist kom­plett rich­tig so, um den Wer­ther-Ef­fekt zu ver­mei­den.

„Wir wis­sen nicht, wie sich die Din­ge ent­wi­ckeln wer­den“ ... ist kor­rekt über­tra­gen. An­sons­ten hat sich die Per­son lei­der nicht IN den Zug ge­wor­fen. 

Men­schen kom­mu­ni­zie­ren häu­fig in Aus­nah­me­fäl­len, spre­chen über Be­son­de­res bei Kon­fe­ren­zen, stel­len Neu­e­run­gen auf der Mes­se vor oder Ent­de­ckun­gen bei Fach­ge­sprä­chen un­ter Kol­leg:in­nen. Die KI nimmt im­mer das, was am wahr­schein­lichs­ten er­scheint auf­grund des ihr zur Ver­fü­gung ge­stell­ten Trai­nings­ma­te­ri­als. Man­che The­men kom­men nicht oft in der Öf­fent­lich­keit vor, sind Fach­wis­sen, De­tails, die schwer zu ent­schlüs­seln sind, der be­rühm­te Ele­fant im Raum oder ... sie­he oben.

devant le train. Et on ne sait pas comment les... choses vont se... poursuivre. Voilà. Juste pour que tu saches. Pourquoi. Tu vas. Tout coucher tard ce soir. Voilà. Je t'embrasse et à très bientôt. Pépé. // Warum. Du gehst. Alles spät ins Bett bringen heute Abend. So. Ich drücke dich und bis ganz bald. Opa

Was ist hier pas­siert? Auf Deutsch er­ge­ben sich Fra­ge­zei­chen: Wer bringt wen spät am Abend zu Bett? Die Kol­le­gin hat ne­ben dem Den­ken viel­leicht auch die Um­ge­bung be­trach­tet, war ab­ge­lenkt, ihre Sät­ze wa­ren vol­ler Pau­sen. Die KI hat Punk­te ge­setzt, lau­ter kur­ze Sät­ze dar­aus ge­macht und ein Wort miss­ver­stan­den: te cou­cher als tout cou­cher um­in­ter­pre­tiert, aus „dich schla­fen­legst“ wur­de „al­le schla­fen­le­gen / zu Bett brin­gen“.

Ge­sagt hat sie, von mir über­setzt: „Nie­mand weiß, wie das hier wei­ter­geht ... So, da­mit Du weißt, war­um du heu­te Abend spät ins Bett ge­hen wirst.“

Und mein fran­zö­si­scher Opa war nicht der An­ru­fer, ich habe kei­nen. Die­ses pé­pé hat die KI kom­plett er­fun­den. Im Zug wur­de eine Durch­sa­ge ge­star­tet und mei­ne Freun­din hat schnell die Ton­auf­nah­me be­en­det.

Die KI ist ge­schei­tert an: au­ßer­ge­wöhn­li­chen In­for­ma­tio­nen, Nach­den­ken beim Spre­chen (tun wir Men­schen halt, schlimm, schlimm), ab­ge­lenkt sein, Ne­ben­ge­räu­schen (te -> tout), nichts vom Kon­text wis­sen.

Sol­che tech­ni­schen An­ge­bo­te wie die von DeepL kön­nen im All­tag tat­säch­lich für vie­le eine Er­leich­te­rung brin­gen. Men­schen oh­ne ge­mein­sa­me Spra­che hät­ten sonst wohl auf sim­pli­fied Eng­lish kom­mu­ni­ziert. Sie wer­den das bei tech­nik­in­du­zier­ten Miss­ver­ständ­nis­sen wie in un­se­rem Bei­spiel wei­ter­hin ma­chen. In der Nut­zung des tech­ni­schen Diens­tes wä­ren also En­er­gie und Kühl­was­ser ver­schwen­det wor­den.

Im kon­kre­ten Fall wä­re bes­ten­falls ein Lu­xus­pro­blem ge­löst und kei­ner Dol­met­scher:in der Job weg­ge­nom­men wor­den. Zu die­ser Art von Kom­mu­ni­ka­tion wur­den noch nie  Pro­fis hin­zu­ge­zo­gen.

Es ist ein Fehler aufgetreten.

Ich habe die Tech­nik ge­tes­tet, als ich beim Tee in der Kü­che saß. Dort ist das Netz nicht so sta­bil. Ich schät­ze mal, dass des­halb das Pro­gramm drei Mal ab­ge­stürzt ist. Wir Dol­met­scher:in­nen ar­bei­ten auch dann, wenn es kei­nen Strom gibt.

Soll­ten ei­nes Ta­ges sol­che Gim­micks bei re­le­van­ten Auf­ga­ben ein­ge­setzt wer­den, ha­ben wir als Ge­sell­schaft ein schwer­wie­gen­des Pro­blem, das ist dann le­bens­ge­fähr­lich und nicht rechts­sicher. Ich den­ke an Si­tua­tio­nen im Asyl­ver­fah­ren, in der Er­mitt­lung im Kri­sen­fall, vor Ge­richt, im Kran­ken­haus oder über­all dort, wo Kom­mu­ni­ka­tion wich­tig ist, kann das nur schief­ge­hen. Wenn die Tei­le spä­ter mal bes­ser ge­wor­den sind oder sein wer­den, viel Luft ist bei der ak­tu­el­len Tech­nik noch, müs­sen künf­tig TROTZ­DEM wei­ter­hin pro­fes­sio­nel­le Dol­met­scher:in­nen ein­ge­setzt wer­den, denn nur die­se kön­nen si­cher­stel­len, dass die In­hal­te stim­men.

Résumé: „KI-Dol­met­schen“ ist ein Oxy­mo­ron, der klas­si­sche Wi­der­spruch in sich. Ich glau­be, er kommt di­rekt nach „di­gi­ta­len Emo­tion­en“. In­ter­na­tio­nale Ins­ti­tu­tio­nen, die da­mit ex­pe­ri­men­tiert hat­ten, sind zu mensch­li­chen Dol­met­scher:in­nen zu­rück­ge­kehrt. Und so hal­ten es der­zeit vie­le Kun­den nach ers­ten aus­führ­li­chen Tests.

Sprach­no­tiz
vi­tal,e — le­ben­dig
Das Wort ist der­zeit recht be­liebt und wird auch ver­wen­det, wenn eine le­bens­be­droh­li­che La­ge ein­ge­tre­ten ist, son pro­gnos­tic vi­tal est en­ga­gé ha­be ich neu­lich im Kran­ken­haus dol­met­schen müs­sen, sei­ne/ih­re Le­bens­er­war­tung ist ge­fähr­det.

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Gra­fik: DeepL.com

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