Mittwoch, 29. April 2026

Technofaschismus

Den Ar­beits­all­tag ei­ner Dol­met­sche­rin be­schrei­be ich hier seit 2007 in lo­se­r Fol­ge. Ich bin Si­mul­tan­dol­met­sche­rin. Mei­ne Haupt­ein­satz­ge­bie­te sind Kon­fe­ren­zen, Ver­hand­lun­gen, Mes­sen, De­le­ga­ti­ons­rei­sen und öf­fent­li­che Ver­an­stal­tun­gen. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Deutsch, ich ar­bei­te über­wie­gend als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt in die eng­li­sche Spra­che. KI-Mitt­woch.

Als Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin erlebe ich stän­dig, was es be­deu­tet, wenn Tech­no­lo­gie Auf­ga­ben über­nimmt, für die sie nicht ge­eig­net ist, wenn uns De­tails, Da­ten­si­cher­heit, Ver­trau­lich­keit und ein Mit­ein­an­der ‚auf Au­gen­hö­he‘ wich­tig sind. KI-ge­stütz­te Dol­met­schung wird der­zeit von ih­ren An­bie­tern, tech­nik­gläu­bi­gen Fir­men, ver­kauft, die oft nicht viel von Lin­gu­is­tik und Dol­met­schen verstehen. In der Pra­xis sind die Er­geb­nis­se häu­fig ka­ta­stro­phal.

Verrat an den Menschen 

Das ist Kun­den­ver­rat durch Technikgläubigkeit. Den Scha­den trägt das Publi­kum. Ich wie­der­ho­le mich und zi­tie­re die fast 300 T€, die ein Land­ma­schi­nen­her­steller durch com­pu­ter­ge­ne­rier­te „Ver­dol­met­schung“ auf der Grü­nen Wo­che al­lein im 1. Quar­tal ver­lo­ren hat. Der Scha­den dürf­te grö­ßer sein. Durch ei­nen Zu­fall er­fuhr er vom Ver­lust. Hier hat die Künst­li­che Intel­li­genz Kun­den­be­zie­hun­gen, Ver­trau­en und die Frei­heit öko­no­mi­schen Han­delns an­ge­grif­fen.

The Manifesto

Der­sel­be Me­cha­nis­mus, in weit grö­ße­rem Maß­stab, zeigt sich im vor ei­ner Wo­che ver­öf­fent­lich­ten 22-Punk­te-Ma­ni­fest des US-Über­wa­chungs­soft­ware­kon­zerns Pa­lan­tir. Das Do­ku­ment, ba­sie­rend auf dem Buch „The Tech­no­lo­gi­cal Re­pub­lic: Hard Power, Soft Be­lief, and the Fu­ture of the West“ von CEO Alex Karp und Kom­mu­ni­ka­tions­chef Ni­cho­las Za­mis­ka, for­dert KI-ge­steu­er­te mili­tä­ri­sche Do­mi­nanz und uni­ver­sel­len Na­tio­nal­dienst. Darunter ver­steht Alex Karp die ver­pflich­ten­de Ein­bin­dung al­ler Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in staat­li­che Auf­ga­ben, mi­li­tä­risch oder zi­vil. Dies sei die Ant­wort auf das, was der Pa­lan­tir-Chef als „Weich­heit“ und „Füh­rungs­ver­sä­um­nis“ west­li­cher Ge­sell­schaf­ten be­zeich­net. Au­ßer­dem wird im Manifest die Ent­wic­klung von KI-Waf­fen ge­for­dert. Die US-Re­gie­rung ist der­zeit der Haupt­fi­nan­zier des Un­ter­neh­mens.

Hard Power durch Technik

Der Pa­lan­tir-Chef war schon wiederholt mit demokratiefeindlichen Sätzen aufgefallen. In der Gesamtschau ist seine Ideologie gruselig. Grundsätzlich teilt das Buch die Kul­turen der Welt in „funk­tio­nal“ und „dys­funk­tio­nal und rück­schritt­lich“ und schäd­lich ein. Das ist mehr als ei­ne Wer­tung. Karp und Za­mis­ka drän­gen den Wes­ten da­zu, der „ober­fläch­li­chen Ver­su­chung ei­nes lee­ren und hoh­len Plu­ra­lis­mus (zu) wi­der­ste­hen“, zudem müs­se Deutsch­land die ‚Kas­tra­tion‘ der letz­ten Jahr­zehn­te über­win­den, wie un­ser Um­gang mit der Na­zi­ver­gan­gen­heit ge­nannt wird. Die For­de­rung, De­mo­kra­tien durch di­gi­ta­le Tech­nik zu er­set­zen, liegt of­fen auf dem Tisch.

Autoritarismus

Das er­in­nert nicht nur His­to­ri­ke­rin­nen und His­to­ri­ker an au­to­ri­tä­re Ma­ni­fes­te des 20. Jahr­hun­derts. Der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Cas Mudde be­zeich­ne­te den Text als „ei­nes der er­schre­ckends­ten Dinge“, die er je ge­se­hen habe. Erklärtes Ziel ist ei­ne Welt, die von ei­nem au­to­ri­tä­ren US-Staat do­mi­niert und von KI-ge­trie­be­nen Tech-Über­wa­chungs­kon­zer­nen ver­wal­tet wird. Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Do­nald Moy­ni­han er­gänzt, das Ma­ni­fest zeige, dass Pa­lan­tir ein struk­tu­rel­les In­ter­es­se an einer Welt hat, in der Di­plo­ma­tie schei­tert und Waf­fen boo­men: „Ei­ne Welt, in der Soft Po­wer wirkt, ist für Pa­lan­tir schlicht we­ni­ger pro­fi­ta­bel als eine, in der vie­les in die Luft ge­jagt wird.“

Der öster­rei­chi­sche Hoch­schul­leh­rer und Phi­lo­soph Mark Coec­kel­bergh, auf Tech­no­lo­gie spe­zia­li­siert, sieht in dem Ma­ni­fest „ein per­fek­tes Bei­spiel für ‚Tech­no-Fa­schi­smus‘“. 

Firma mit Machtanspruch

Es ist bri­sant. Die Ideo­lo­gie hat längst die Sphä­ren der Spra­che ver­las­sen: Pa­lan­tir lie­fert Ge­heim­dienst-Ana­ly­se­soft­ware an die ICE (US-„Ein­wan­de­rungs- und Zoll­be­hör­de“), das US-Mi­li­tär und die is­rae­li­schen Streit­kräf­te und er­hielt zu­letzt ei­nen 30-Mil­lio­nen-Dol­lar-Auf­trag für „Im­mi­gra­ti­on­OS“, eine KI-Platt­form zur Er­fas­sung und Ab­schie­bung von Nicht-US-Bür­gern. Die Software ist im Gesundheitssystem Großbritanniens in Verwendung, die Nutzung ist nicht unumstritten. Auch der Ukrai­ne­krieg ist für Pa­lan­tir ein hei­ßes Übungs­feld; die Dau­er des Kriegs er­höht den Wert der Er­kennt­nis­se und der Firma. Die­ser Satz ist eine Be­schrei­bung. Er lässt sich auch zy­nisch le­sen.

In Deutschland

In Bayern, Hes­sen und Nord­rhein-West­fa­len ist Pa­lan­tir-Soft­ware schon im Po­li­zei­ein­satz; in ei­ner ab­ge­speck­ten Va­rian­te wird er in Ba­den-Würt­tem­berg ge­plant. Das hat Dut­zen­de Mil­lio­nen Euro in die Kas­se der Fir­ma ge­spült. Der Bun­des­rat be­schloss im März 2025, dass Lan­des­po­li­zei­en sol­che Ana­ly­se­platt­for­men grund­sätz­lich be­nö­ti­gen.

Nun träumt die Bun­des­re­gie­rung laut Me­di­en­be­rich­ten von ei­nem brei­te­ren Roll-out, Pa­lan­tir bleibt trotz die­ser jüngs­ten Ver­öf­fent­li­chungen im Ge­spräch. Das wäre nicht nur die fort­ge­setz­te Fin­an­zie­rung ei­nes De­mo­kra­tie­feinds, der in Deutsch­land als ver­fas­sungs­feind­lich ein­ge­stuft wer­den wür­de, son­dern die Über­gabe un­serer sen­si­blen Da­ten in ge­nau die­se Hän­de. Hier droht der nächs­te Ver­rat.

Roboter am Tisch, Kopfhörer, Laptops
Digitales in Reihe

Quel­len:
Com­mon Dreams (21.4.2026): 'One of The Sca­riest Things I Have Seen': Alarms Sound Over 'Techno­fas­cist Pa­lan­tir Ma­ni­fes­to'  
— hei­se on­line (27.4.2026): Tech­no­lo­gie als Staats­rä­son: Was Pa­lan­tir mit sei­nem Ma­ni­fest be­zweckt
— ZDF­heute (27.4.2026): Trotz Pa­lan­tir-Ma­ni­fest: Län­der hal­ten an Po­li­zei-Soft­ware fest

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Fo­to: pixlr.com (Zufallsfund)

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