Den Arbeitsalltag einer Dolmetscherin beschreibe ich hier seit 2007 in loser Folge. Ich bin Simultandolmetscherin. Meine Haupteinsatzgebiete sind Konferenzen, Verhandlungen, Messen, Delegationsreisen und öffentliche Veranstaltungen. Meine Muttersprache ist Deutsch, ich arbeite überwiegend als Konferenzdolmetscherin mit Französisch und Englisch, die Bürokollegin übersetzt in die englische Sprache. KI-Mittwoch.
Als Konferenzdolmetscherin erlebe ich ständig, was es bedeutet, wenn Technologie Aufgaben übernimmt, für die sie nicht geeignet ist, wenn uns Details, Datensicherheit, Vertraulichkeit und ein Miteinander ‚auf Augenhöhe‘ wichtig sind. KI-gestützte Dolmetschung wird derzeit von ihren Anbietern, technikgläubigen Firmen, verkauft, die oft nicht viel von Linguistik und Dolmetschen verstehen. In der Praxis sind die Ergebnisse häufig katastrophal.
Verrat an den Menschen
Das ist Kundenverrat durch Technikgläubigkeit. Den Schaden trägt das Publikum. Ich wiederhole mich und zitiere die fast 300 T€, die ein Landmaschinenhersteller durch computergenerierte „Verdolmetschung“ auf der Grünen Woche allein im 1. Quartal verloren hat. Der Schaden dürfte größer sein. Durch einen Zufall erfuhr er vom Verlust. Hier hat die Künstliche Intelligenz Kundenbeziehungen, Vertrauen und die Freiheit ökonomischen Handelns angegriffen.
The Manifesto
Derselbe Mechanismus, in weit größerem Maßstab, zeigt sich im vor einer Woche veröffentlichten 22-Punkte-Manifest des US-Überwachungssoftwarekonzerns Palantir. Das Dokument, basierend auf dem Buch „The Technological Republic: Hard Power, Soft Belief, and the Future of the West“ von CEO Alex Karp und Kommunikationschef Nicholas Zamiska, fordert KI-gesteuerte militärische Dominanz und universellen Nationaldienst. Darunter versteht Alex Karp die verpflichtende Einbindung aller Bürgerinnen und Bürger in staatliche Aufgaben, militärisch oder zivil. Dies sei die Antwort auf das, was der Palantir-Chef als „Weichheit“ und „Führungsversäumnis“ westlicher Gesellschaften bezeichnet. Außerdem wird im Manifest die Entwicklung von KI-Waffen gefordert. Die US-Regierung ist derzeit der Hauptfinanzier des Unternehmens.
Hard Power durch Technik
Der Palantir-Chef war schon wiederholt mit demokratiefeindlichen Sätzen aufgefallen. In der Gesamtschau ist seine Ideologie gruselig. Grundsätzlich teilt das Buch die Kulturen der Welt in „funktional“ und „dysfunktional und rückschrittlich“ und schädlich ein. Das ist mehr als eine Wertung. Karp und Zamiska drängen den Westen dazu, der „oberflächlichen Versuchung eines leeren und hohlen Pluralismus (zu) widerstehen“, zudem müsse Deutschland die ‚Kastration‘ der letzten Jahrzehnte überwinden, wie unser Umgang mit der Nazivergangenheit genannt wird. Die Forderung, Demokratien durch digitale Technik zu ersetzen, liegt offen auf dem Tisch.
Autoritarismus
Das erinnert nicht nur Historikerinnen und Historiker an autoritäre Manifeste des 20. Jahrhunderts. Der Politikwissenschaftler Cas Mudde bezeichnete den Text als „eines der erschreckendsten Dinge“, die er je gesehen habe. Erklärtes Ziel ist eine Welt, die von einem autoritären US-Staat dominiert und von KI-getriebenen Tech-Überwachungskonzernen verwaltet wird. Politikwissenschaftler Donald Moynihan ergänzt, das Manifest zeige, dass Palantir ein strukturelles Interesse an einer Welt hat, in der Diplomatie scheitert und Waffen boomen: „Eine Welt, in der Soft Power wirkt, ist für Palantir schlicht weniger profitabel als eine, in der vieles in die Luft gejagt wird.“
Der österreichische Hochschullehrer und Philosoph Mark Coeckelbergh, auf Technologie spezialisiert, sieht in dem Manifest „ein perfektes Beispiel für ‚Techno-Faschismus‘“.
Firma mit Machtanspruch
Es ist brisant. Die Ideologie hat längst die Sphären der Sprache verlassen: Palantir liefert Geheimdienst-Analysesoftware an die ICE (US-„Einwanderungs- und Zollbehörde“), das US-Militär und die israelischen Streitkräfte und erhielt zuletzt einen 30-Millionen-Dollar-Auftrag für „ImmigrationOS“, eine KI-Plattform zur Erfassung und Abschiebung von Nicht-US-Bürgern. Die Software ist im Gesundheitssystem Großbritanniens in Verwendung, die Nutzung ist nicht unumstritten. Auch der Ukrainekrieg ist für Palantir ein heißes Übungsfeld; die Dauer des Kriegs erhöht den Wert der Erkenntnisse und der Firma. Dieser Satz ist eine Beschreibung. Er lässt sich auch zynisch lesen.
In Deutschland
In Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen ist Palantir-Software schon im Polizeieinsatz; in einer abgespeckten Variante wird er in Baden-Württemberg geplant. Das hat Dutzende Millionen Euro in die Kasse der Firma gespült. Der Bundesrat beschloss im März 2025, dass Landespolizeien solche Analyseplattformen grundsätzlich benötigen.
Nun träumt die Bundesregierung laut Medienberichten von einem breiteren Roll-out, Palantir bleibt trotz dieser jüngsten Veröffentlichungen im Gespräch. Das wäre nicht nur die fortgesetzte Finanzierung eines Demokratiefeinds, der in Deutschland als verfassungsfeindlich eingestuft werden würde, sondern die Übergabe unserer sensiblen Daten in genau diese Hände. Hier droht der nächste Verrat.
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Quellen:
— Common Dreams (21.4.2026): 'One of The Scariest Things I Have Seen': Alarms Sound Over 'Technofascist Palantir Manifesto'
— heise online (27.4.2026): Technologie als Staatsräson: Was Palantir mit seinem Manifest bezweckt
— ZDFheute (27.4.2026): Trotz Palantir-Manifest: Länder halten an Polizei-Software fest
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Foto: pixlr.com (Zufallsfund)

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