Notizen aus dem Arbeitsalltag einer Dolmetscherin können Sie hier lesen. Ich bin Simultandolmetscherin für die französische Sprache. Meine Haupteinsatzgebiete sind Konferenzen, Verhandlungen, Messen, Delegationsreisen und öffentliche Veranstaltungen. Meine Muttersprache ist Deutsch. Ich arbeite daneben auch mit der englischen Sprache, was die Zielsprache meiner als Übersetzerin tätigen Bürokollegin ist. Heute ein kurzer Nachtrag zum KI-Mittwoch.
Für die nach Perfektion strebende KI sind wir Menschen zu unperfekt. So kann ich meinen Beitrag von vorgestern zusammenfassen. Unsere Sprache ist nicht immer eindeutig. Und damit kann die KI nicht umgehen. Hören Sie selbst (ab Sekunde 30 wird's absurd):
Bei uns Zweibeinern gibt es zwischen Null (ein Ende) und Eins (das andere Ende) eine große Vielfalt an Nuancen, Feinheiten, Unschärfen, Kulturabhängigem, an Takt und diplomatischer Rücksichtnahme, an Nuancierung aufgrund von Empfindlichkeiten und Vermeidungsstrategien. (Die KI kennt weder Samthandschuhe noch Fettnäpfchen.)
Manchmal sind es einfach nur Entwicklungen, die mit neuen Begriffen einhergehen, die bei der Rednerin oder beim Redner noch nicht komplett sitzen. Kurz: Kommunikation von uns Menschen ist selten so eindeutig und so perfekt, dass das Ausgangsmaterial so gut ist, dass die KI kaum Fehler macht.
Unsere Sprache ist oft mehrdeutig. Genau daran scheitert die KI.
Bei einfachen Begriffen und Wortfolgen macht die KI nur wenig Fehler; es ist die komplexere Sprache, die sich als schwierig erweist, Ausnahmekommunikation, die zu Entscheidungen führt, und vor allem sind es die Situationen, an denen die KI gerne scheitert.
Und wo ich hier schon wieder so viel über die Graubereiche zwischen Schwarz und Weiß schreibe, darf ich auch das wiederholen, was eng damit zusammenhängt: nachdenken! Wir Menschen denken länger nach, anders als die Maschine eben auch sehr oft zwischendurch, und das für ihr anderes Tempo häufig problematisch.
Es gibt eine neue „KI-Übertragungsfunktion“ bei Zoom, einem Interface für Meetings. Sie ist in der BETA-Phase. Abonnent:innen, die mit Hauptweltsprachen wie Englisch, Chinesisch und Spanisch zu tun haben, bekommen zehn Probestunden innerhalb von zwei Monaten gratis. Ernest Niño-Murcia, ein Spanisch<>Englisch-Kollege, hat sie getestet und festgestellt, was wir alle wussten: siehe oben (und siehe auch hier). Sprache ist kontextabhängig und funktioniert zwischen Menschen mit einem sehr hohen Anteil an implizitem Wissen, das in keinem Wörterbuch und in keiner Abhandlung über Wortbildung steht.
Aber Denkpausen irritieren die KI maximal. Sie interpretiert Denkpausen oft als Satzende, und dann rasselt möglicherweise der ganze Satz zusammen, weil die Bezüge nicht mehr stimmen. Oder aber sie macht Pausen, springt in ein anderes Idiom, bricht mittendrin ab.
Hier ist der ganze Test, Thank you, Ernest Niño-Murcia!
Mal sehen, wann die Medien aufwachen. KI, hold my beer!
Film: E. Niño-Murcia / TEA Language Solutions
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