Mittwoch, 13. Mai 2026

Sprache sind keine Daten

Herz­lich will­kom­men auf der Sei­te ei­ner Kon­fe­renz­dol­met­sche­rin, auf der ich über Spra­che schrei­be und über das, was zwi­schen den Zei­len steht. Ich bin auch Über­set­zerin, denn Krea­ti­ves wie Dreh­bü­cher passt meist nicht zur Ma­schi­ne. Ich schrei­be auch Tex­te um und adap­tie­re sie an die ver­schie­de­nen Be­dürf­nis­se. Im fol­gen­den Text re­flek­tie­re ich die KI aus der dop­pel­ten Per­spek­ti­ve als Dol­met­scherin und Über­set­ze­rin.

„Was macht die KI mit Ih­rer Bran­che?“, wur­de ich ges­tern von mei­ner Au­gen­ärz­tin et­was kul­tur­sen­si­bler ge­fragt als neul­ich von der Da­me im Zug (Be­richt ges­tern). Danke für die Frage! Wir sind ei­ni­ge, die den KI-Nerds und Hei­ße-Luft-Ver­käu­fern den Kampf an­ge­sagt ha­ben.

Versteckt in der Kabine
Das be­deu­tet: Wir sind nicht kom­plett ge­gen die KI, die vie­les kann, zum Bei­spiel lang­wei­li­ge Lis­ten in Win­de­seile er­stel­len (die trotz­dem zu prü­fen sind), gut rech­nen und Tipp­feh­ler fin­den (was im­mer ei­nen mensch­li­chen Durch­gang be­darf), die Feh­ler in Com­pu­ter­codes fin­det oder selbst Codes su­per er­gän­zen kann. Ja, das ist schon toll.

Aber krea­ti­ve Ar­beit kann sie nur si­mu­lie­ren. Wenn es Ar­beit mit Sinn, Stil und Ab­sicht ist, schei­tert sie oft, bei ge­spro­che­ner Spra­che erst recht: 85 Pro­zent Ge­nau­ig­keit wä­ren da in den nächs­ten Jah­ren mög­lich, sag­te neul­ich ei­ner der Tech­nik­ver­käu­fer (ak­tu­ell sind es laut WHO 43 Pro­zent). Das Ziel sieht groß aus, ist es aber nicht. Wür­den Sie in ein Flug­zeug ein­stei­gen, bei dem die Ab­sturz­quo­te bei ei­nem Vier­tel liegt? Wohl nicht.

Auch im Be­reich Text­ar­beit ist Vor­sicht an­ge­ra­ten. Die Tex­te klin­gen glatt, zu glatt, was kein Wun­der ist: Sie spie­geln den Durch­schnitt des schon Ge­schrie­be­nen. Stil ent­steht durch Form­kennt­nis, durch Kul­tur und Nut­zung oder das Bre­chen der Re­geln. Das ist mein Brot-und-But­ter-Ge­schäft: krea­ti­ve Tex­te für Ki­no und TV und in der Me­dien­pro­duk­tion; Sätze, die sit­zen müs­sen.

Al­les, was zu glatt ist, fällt nicht nur bei Men­schen durch. Es wird in­zwi­schen von den Ma­schi­nen, die im Netz bei­spiels­wei­se Ih­re Sei­te be­wer­ten und ein­stu­fen, schlicht nicht mehr wahr­ge­nom­men. Ih­re Sei­te bie­tet jetzt mehr In­for­ma­tio­nen als frü­her an, bringt aber kei­ne an­de­re Sicht­bar­keit? Da wird bei ih­rer Er­stel­lung wohl zu viel KI im Spiel ge­we­sen sein.

In der Schu­le sind wir stän­dig vor der Wie­der­ho­lung von Be­grif­fen ge­warnt wor­den. „Du musst Sy­no­ny­me ein­set­zen“, war da­mals das Man­tra. In der wis­sen­schaft­li­chen Ar­beit ist das falsch, bei vielen Webseiten auch. Für die Sicht­bar­keit im Netz sind Sy­no­ny­me oft Gift, vor al­lem dann, wenn es kei­ne ech­ten sind. Ich ha­be ge­ra­de die Sei­te ei­nes Un­ter­neh­mens le­kto­riert, da wa­ren von acht Sy­no­ny­men sechs falsch und ha­ben den Text ver­wäs­sert und un­sicht­bar wer­den las­sen.

Kei­ne Zi­ta­te, Kun­den­schutz, aber die Be­grif­fe „Dol­met­scher“ und „Über­set­zer“ sind ja auch kei­ne Sy­no­ny­me. Wie er­bit­tert strei­ten man­che Pres­se­leu­te mit uns, dass dem doch so sei, ob­wohl wir als Pro­fis de­nen nach­wei­sen kön­nen, dass sie falsch lie­gen. (Recht­ha­ben ist be­quem ge­wor­den in Zei­ten, in de­nen noch die ku­rio­ses­te In­for­ma­ti­on als „Mei­nung“ un­wi­der­spro­chen im Raum ste­hen blei­ben darf.)

Wenn Ih­nen ag­gres­siv ver­kauft wird, dass heu­te die Ma­schi­nen die bes­se­ren Dol­met­scher:in­nen und Über­set­zer:in­nen sei­en, dann soll­ten Sie dies wis­sen:

KI-Sys­te­me nei­gen da­zu, Wi­der­sprüch­li­ches oder Un­voll­stän­di­ges zu „glät­ten“. Wo wir Men­schen nach­fra­gen, er­fin­det KI häu­fig schein­bar plau­si­ble Ant­wor­ten. Das ist oft ge­fähr­lich: Was pas­siert, wenn ei­ne Über­set­zung zu 85 Pro­zent rich­tig ist, in den üb­ri­gen Stel­len aber gra­vie­ren­de Feh­ler, Haf­tungs­ri­si­ken oder Si­cher­heits­pro­ble­me ent­ste­hen? Ge­ra­de im ju­ris­ti­schen Be­reich sind Ge­set­ze und Rechts­la­gen zwi­schen Län­dern nicht de­ckungs­gleich. Sprach­pro­fis wis­sen das und klä­ren Zwei­fels­fäl­le mit An­wält:in­nen oder No­tar:in­nen ab.

Vie­le KI-Fir­men ste­hen mas­siv un­ter Druck. Die Mil­li­ar­den-In­ves­ti­tio­nen ha­ben nicht zu wirt­schaft­li­chen Er­fol­gen ge­führt. Ven­ture-Ca­pi­tal­ge­ber wer­den un­ru­hig. Zu­gleich wird der Ein­druck ver­mit­telt, KI kön­ne mensch­li­che Sprach­pro­fis schon jetzt oder in Kür­ze voll­stän­dig er­set­zen. Der öko­no­mi­sche Druck ver­zerrt hier die Kom­mu­ni­ka­ti­on, um es di­plo­ma­tisch zu sa­gen.

Auch ge­samt­wirt­schaft­lich macht der Roll­out der­zeit Pro­ble­me. Stu­di­en zei­gen, dass Un­ter­neh­men, die für KI Stel­len ab­ge­baut ha­ben, da­durch nicht au­to­ma­tisch bes­se­re Er­geb­nis­se er­zielt ha­ben. Vie­le Fir­men wür­den der­zeit wie­der Mit­ar­bei­ten­de ein­stel­len, heißt es. Er­folg­rei­cher sind meist je­ne Un­ter­neh­men, die KI als Werk­zeug zur Un­ter­stüt­zung ih­rer Teams nut­zen (und nicht, um Men­schen zu er­set­zen).

Ge­ra­de bei sen­si­blen Tex­ten, bei Web­sei­ten, Ver­trä­gen oder Ver­hand­lun­gen kann KI-"Über­set­zung" schwer­wie­gen­de Feh­ler ein­bau­en. Ju­ris­ti­sche Be­grif­fe, kul­tu­rel­le Nu­an­cen oder sprach­li­che Fein­hei­ten las­sen sich nicht im­mer ein­deu­tig au­to­ma­ti­sie­ren. Feh­ler kön­nen zu Um­satz­ver­lus­ten auf­grund von Miss­ver­ständ­nis­sen, Rechts­strei­tig­kei­ten und Ver­trau­ens­ver­lust füh­ren. Ich ha­be ei­ni­ge Rück­mel­dun­gen die­ser Art von zu­rück­ge­kehr­ten Kun­den.

Auch in der „Echt­zeit-Kom­mu­ni­ka­ti­on“ (von Dol­met­schen wür­de ich nicht spre­chen) ver­tut sich die KI oft in der Ton­la­ge und lässt viel weg oder ver­dreht In­hal­te. Bei Emo­tio­nen, iro­ni­schen Wen­dun­gen und fei­nen Zwi­schen­tö­nen ist sie über­for­dert. In di­plo­ma­ti­schen, me­di­zi­ni­schen oder wirt­schaft­li­chen Ge­sprä­chen ha­ben klei­ne Feh­ler oft gro­ße Fol­gen. Hin­zu kommt ein ge­fähr­li­cher Ef­fekt: Weil die KI-Aus­wür­fe oft sou­ve­rän wir­ken, wird ih­re Ge­nau­ig­keit häu­fig über­schätzt.

Wir aus der Sprach­bran­che se­hen die Zu­kunft des­halb nicht in der Er­set­zung mensch­li­cher Dol­met­scher:in­nen, son­dern in ei­ner ver­ant­wor­tungs­vol­len Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Mensch und KI. Die KI kann uns in der Vor­be­rei­tung un­ter­stüt­zen, kann Red­ner:in­nen mit Leucht­sig­nal­zei­chen zei­gen, wenn sie zu schnell spre­chen: die „Pult-Am­pel“! Bei Über­set­zun­gen ist sie mal hilf­reich, mal nicht. Ech­te krea­ti­ve Tex­te eig­nen sich oft zu null Pro­zent für au­to­ma­ti­sche Be­ar­bei­tung. (Die Prob­le­me se­hen oft nur Pro­fis.)

Kurz: Ur­teils­ver­mö­gen, kul­tu­rel­les Ver­ständ­nis, Ethik und Ver­ant­wor­tung sind mensch­li­che Auf­ga­ben.

Gleich­zei­tig wächst die Kri­tik an der Macht gro­ßer Tech-Kon­zer­ne, die di­gi­ta­le In­fra­struk­tur, Da­ten und KI-Sys­te­me zu­neh­mend kon­trol­lie­ren. Im­mer mehr Stim­men war­nen da­vor, dass hin­ter Schlag­wor­ten wie „Ef­fi­zi­enz“, „Fort­schritt“ oder „In­no­va­ti­on“ oft auch hand­fes­te wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen, neue Ab­hän­gig­kei­ten und ei­ne wach­sen­de Kon­trol­le über öf­fent­li­che und ge­sell­schaft­li­che Struk­tu­ren ste­hen.

Rasch noch ei­nen Satz für mei­ne Freun­de in Süd­frank­reich: Heu­te star­tet das Film­fes­ti­val in Can­nes! Ich wün­sche gu­tes Wet­ter und schö­ne Fil­me! Und wenn was mit Fran­zö­sisch-Über­set­zungs- und Dol­met­sch­be­darf da­bei ist, wo es um Nu­an­cen geht, denn am We­sent­li­chen schei­tert die KI so oft, dann ger­ne mich in­for­mie­ren. Bin die­ses Jahr in der An­ge­hö­ri­gen­pfle­ge ... viel­leicht nächs­tes Jahr wie­der in ... naja, Can­nes sein! Have fun! Gruß an die Croi­sette!

(Heu­te kei­ne Links, denn kei­ne Zeit!)
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Fo­to: Mar­co Ur­ban — Fo­to­jour­na­list

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