Mittwoch, 10. Februar 2010

Notizentechnik

Hallo beim Blog einer Dolmetscherin und Übersetzerin! Hier können Sie mehr über unsere Arbeit erfahren. Heute geht es um die Frage: "Wenn Sie im Kino ein Pu­bli­kums­ge­spräch dolmetschen, schreiben Sie dann Steno oder wie sehen Ihre Notizen aus?"

Zwischen den Jahren und einigen Einsätzen habe ich mich mal wieder mit meiner eigenen Kurzschrift beschäftigt. Dolmetscher notieren beim zeitversetzten (kon­se­kutiven) Dolmetschen die wesentlichen Punkte - und zwar nicht in Steno, wie Sie, lieber anonymer Leser meines Blogs, vermuten (damit sind Sie übrigens in bester Gesellschaft, die Frage höre ich oft!)

An den Hochschulen wird Notizentechnik unterrichtet, es gibt Standardwerke da­zu, am Ende entwickelt jede/jeder von uns sein eigenes System. Da ich in Frank­reich studiert habe, bin ich sehr von der französischen Art des Aufschreibens beeinflusst, dazu kommen deutsche, englische und ein paar spanische Kürzel. Vieles stammt aus der Mathematik, die berühmten +, -, =, <, >, ->, =>, das dürfte bei allen von uns gleich sein. Aus dem Griechischen kommen Buchstaben wie Φ für Philosophie, θ für Theologie oder Theater, ψ für Psychologie usw.

Das einfachste Zeichen, das ich verwende, ist das I, das kürzeste Wort einer Welt­spra­che. Und dann lässt sich mit den An­fangs­buch­staben meiner Sprachen viel anstellen. Logisch, dass D und F meine beiden Arbeitsländer sind, dazu gehören die Adjektive dt und fz und nicht etwa d und f, weil das kleine da­hin­ge­schlän­gel­te Schreib­schrift-F ohne Unterstrich bei mir Film bedeutet ... (Wobei, auf Französisch notiert, heißt f-a durchaus deutsch-französisch, franco-allemand, das ist also kontextabhängig.)

Nehmen wir das E, das scheint einfacher gelagert. Hier habe ich viele Varianten, nur ein "richtiges" E hab ich nicht in Verwendung, weil England GB ist. Auch der Sinn eine auf dem Bauch liegenden Es entschließt sich mir noch nicht. Wer eine gute Idee hat - mit Begründung - bitte her damit! Es geht los mit dem kleinen e von e-Mail oder e-gouvernment: Das macht also sieben Mal "E", denn oben ab­ge­bildete das Zeichen für "europäisch" ist ja nur ein dekliniertes Kürzel.

Smileys "schreiben" viele Kolleginnen und Kollegen sehr detailliert auf, ich nutze sie in ihrer allereinfachsten Art, ohne Augen, das Smiley-Köpfchen grinst oder mault, und wenn etwas ungefähres über seinem Kopf schwebt, eine Tilde, dann denkt das Smiley nach. In der Praxis entstehen viele in­di­vi­du­elle Formen. Das, was notiert wird, ist am Ende oft sprach­un­ge­bun­den, aber nicht nur. Wenn es um wörtliche Wiedergabe geht, notiere ich mit " eingeführte Zitate. Dabei schreibe ich je nach Ent­spannt­heits­grad mehr in dieser oder in jener Sprache auf ...

Im Alltag beobachte ich, dass ich aus­führ­li­cher mitschreibe, je müder ich bin und/oder je länger das Festival dauert. Daher war es eine gute Idee, in den ruhigeren Momenten des Jahres mal wieder in die Bücher reinzugucken.

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Foto: Hier berichtet eine junge Regisseurin aus Paris über ihre berufliche Integration, aber es ist geschmiert, das q° von question/Frage (1. Zeichen viertletzte Zeile) sieht fast aus wie das Zeichen für Mensch, das ist ein I mit kleinem Kreisköpfchen oben drauf!

Dienstag, 9. Februar 2010

Bitten einer Dolmetscherin an ihren Redner

Lieber Redner (und natürlich auch: liebe Rednerin), also ..., was ich Ihnen schon lange mal in Ruhe sagen wollte: Ihr direkter Draht zum Ohr der Dolmetscherin beginnt beim Mikrofon. Behandeln Sie es bitte sorgsam, ganz so, als säßen wir vor Ihnen und Sie hätten wirklich und leibhaftig ein echtes menschliches Ohr vor sich. Pusten Sie also bitte nicht rein, klopfen Sie nicht dagegen, das würden Sie mit unserem Ohr ja auch nicht tun. Vertrauen Sie darauf, dass wir die Technik vorher überprüft haben, und wenn Sie sie dennoch testen müssen (manchmal gibt es in der Tat Gründe dafür, technische Umbauten zum Beispiel), dann sprechen Sie uns ganz leise einige freundliche Worte zu und prüfen Sie dabei, ob Sie sich selbst über die Lautsprecher hören - dann hören wir Dolmetscherinnen Sie in der Regel auch. (Die männliche Form, der Dolmetscher, sei hier immer mitgedacht; indes, unser Beruf wird so stark von Frauen dominiert, dass ich mir ausnahmsweise mal die weibliche Form als Überbegriff erlaube.)

Wie aktiv sind Sie bei Ihren Vorträgen? Ich will nicht wissen, ob Sie viel mit den Händen rudern (solange Sie uns keinen Schlag aufs Ohr, pardon!, das Mikrofon versetzen), sondern ob Sie zum Beispiel aufstehen, um am Flip Chart oder an der Leinwand, auf die Bilder der PowerPointPräsentation projiziert werden, etwas zu erklären. Dann müssten wir nämlich mit Ihnen mitkommen bzw. "das Ohr" - und das geht zum Beispiel mit einem Ansteck- oder einem mobilen Mikrofon. Sprechen Sie über Ihre Erfordernisse vorher bitte mit dem Veranstalter, denn manches bedarf der Vorbereitung. Und wenn Sie sich dann mitten in Ihrer Rede auf Ihre Dokumente beziehen und z.B. ein mobiles Mikrofon in der Hand halten, denken Sie bitte daran, auch hineinzusprechen. Viele Redner wenden den Kopf in Richtung Präsentationsmaterial und 'nehmen' dabei die Hand, die das Mikrofon hält, nicht mit ...

Sollten Sie noch nicht über viel Rednererfahrung verfügen, können wir Ihnen nur den Tipp geben: üben Sie! Fragen Sie Freunde, Verwandte und Kollegen, ob Sie bei ihnen 'vorsingen' dürfen. Bitten Sie sie, neben dem Inhalt auch auf die Form zu achten, zum Beispiel auf Vortraglänge und auf Ihr Sprechtempo. Wer ein Manuskript abliest oder aufgeregt ist, spricht in der Regel schneller als der- oder diejenige, der/die frei formuliert. Das bringt einen klaren Nachteil für das Publikum mit sich, das Ihnen in Ihrer Sprache zuhört: Das 'Mitdenken' erfordert größere Anstrengungen. Das bringt auch einen Nachteil für Ihr fremdsprachiges Publikum mit sich, denn auch wir Dolmetscher müssen uns eilen, haben aber nicht wie Sie stundenlang über Ihren Absätzen geschwitzt, an Ihren Gedanken gefeilt und Ihre Pirouetten geübt, kurz: Wir müssen zugleich verstehen, was Sie Neues zu sagen haben UND dieses auch noch übertragen. Das ist bei Normalsprechgeschwindigkeit schon eine anstrengende Arbeit, je schneller Sie sprechen, desto mehr Mühen haben wir, Ihnen zu folgen.

Ich hatte eben das Wort "ablesen" verwendet ... Darf ich Sie kurz einmal bitten, sich die schönste Erinnerung an einen Vortrag wachzurufen, die Sie als Zuhörer erlebt haben? Wodurch glänzte Rednerin oder Redner? Durch aktuelle Bezüge - zum Beispiel auch durch Anspielungen auf Dinge, die von anderen Rednern zuvor gesagt worden waren -, durch direkte Ansprache des Publikums, durch Geschliffenheit, Humor, Klarheit der Gedankenführung, oft auch dadurch, dass sie oder er zunächst den Weg vorstellte, den man nunmehr gemeinsam gehen würde und dass dann sie oder er in der Rede in kurzen Momenten des Innehaltens den jeweils letzten Gedanken auf diesem Weg immer wieder 'verortet' hat. Und last but not least, sicher auch durch prägnante Arbeit an Begriffen, Definitionen, Abgrenzungen und konkreten Beispielen ... und wie war das jetzt mit der freien Rede? Wie viel hat - über die Zitate hinaus, der oder die Musterrednerin vom Papier abgelesen?

Die besten Redner sind jene, die frei sprechen, souverän sind, eine Beziehung zu ihrem Publikum aufbauen und sich auf dessen Wissenstand einstellen können. Am wenigsten eingängig haben doch die meisten unter uns jene erlebt, die sich angestrengt an ihrem Manuskript festgehalten haben und dabei so chaotisch durch ihre Gedanken gestolpert sind, dass der Weg im Nachhinein für die geneigte Zuhörerschaft nur noch mit Mühen nachzuvollziehen war.

Nun ist es nicht jedem gegeben, ohne viel Lampenfieber souverän öffentlich zu reden, aber auch hier gilt: Übung macht den Meister. Und jetzt habe ich, Ihre Stimme aus dem Kopfhörer, noch eine kleine Bitte: Die Struktur Ihrer Rede, Ihre Stichworte, Zitate und Ihre digitalen Präsentationen oder Kurzfilme (bzw. dessen Skript) interessieren mich nicht erst dann, wenn Sie anfangen zu sprechen - ich denke mich gerne ein in das, was Sie mitzuteilen haben, und ich nehme mir auch gerne im Vorfeld Zeit dafür. Deshalb würde ich mich sehr freuen, von Ihnen beizeiten (z.B. eine Woche zuvor, spätestens am Vorabend) Informationen über den Inhalt Ihres Vortrags zu erhalten, damit ich mich einarbeiten kann. Dazu müssen Sie mich nicht direkt anmailen, oftmals kennen Sie mich ja gar nicht. Der Veranstalter wird Ihre Mail indes gern an mich weiterleiten.

Dann bis die Tage bei der Konferenz. Wir sind ganz Ohr!__________________
Foto: Wikipedia.fr / common license

Donnerstag, 4. Februar 2010

Der Dolmetscher, der doch einer war

Dolmetscher sind wie Produktionsleiter - ihre Arbeit fällt nur dann auf, wenn sie nicht gut gemacht ist. Was als Einwurf für Filmleute gedacht war, die unsereinen nicht so recht einschätzen können und auf den Gedanken verfallen, die PR-Mitarbeiterin, die vor dem Studium ein Jahr in Paris zugebracht hat, könne für den Chef des Festival du Film de Cannes mal eben so simultan Filme einsprechen (Gruß nach München!), hat erschreckend Aktualität gewonnen.

Seit dem 15. Januar lachen viele YouTube-Nutzer, etliche Blogger kommentierten bereits das Sprachvermögen eines Unbekannten, als die Kabinenkatastrophe einen halben Monat später auch die Süddeutsche Zeitung erreichte: sehr wohl fiel die Leistung eines völlig überforderten Dolmetschers aus Südostdeutschland auf, der die Worte von Michaels Schwester La Toya Jackson bei einer kurzen Rede anlässlich des Semperoperballs verhunzte, statt zu dolmetschen. Zugegeben, Frau Jackson gehört zu den berüchtigten Hochgeschwindigkeitssprechern, aber als ich den Ausschnitt der Sendung sah, die der MDR live übertragen hatte, war ich trotzdem entsetzt, und fragte mich betreten zusammen mit Arbeitskollegen auf internen Foren: "who done it?" Vermutlich eher der Hausmeister, als der Gärtner, denn ob die Semperoper über Gärten verfügt?

So muss echtes Angelsächsisch klingen - so klingt vor allem jemand, der wirklich kein Dolmetscher sein kann. Mein ganzer Ärger galt dem Sender bzw. jenen Einzelverantwortlichen, die wieder einmal den Dolmetscher zuletzt gebucht und möglicherweise im Honorar gedrückt hatten - oder denen entgangen war, dass ihr Dolmetscher eine Grippe ausbrütet, der dann höchst dramatisch im letzten Moment aus den Schuhen kippt, weshalb besagter Hausmeister in die Bütt' musste oder ein anderer älterer Herr von dem man weiß, dass der mal in England gewesen ist.

Kalauer beiseite, was nach elder Statesman klingt, ist zumindest kein junger Mensch mehr, und er arbeitet tatsächlich als Dolmetscher, erfuhr ich heute aus der Leipziger Volkszeitung. Die sächsische Stimme von Frau Jackson, Arndt Spindler aus Freiberg, gibt dort Folgendes als Ursache des Problems an: "Während der Danksagung von La Toya Jackson war neben ihrer Stimme meine eigene zugeschaltet. Ich habe also mich gehört und konnte die Dame nicht mehr richtig verstehen."

Die Antwort befriedigt mich nicht ganz. Wieso sitzt der Mann für Englisch in der Kabine, wo er im Berufsverband doch für Russisch und Polnisch auf der Liste steht? Wieso gab es keinen Technik-Check, da hätte die Fehlschaltung auffallen müssen? Was war zu Beginn der Verdolmetschung los, das klingt wie ein Fehlstart, als hätte man eine andere Kabine gehört (eine Frau) ... wo saß der Techniker - nicht in Sichtweite? Er hätte reinhören und reagieren müssen! Wieviel Medienerfahrung hatte der Mann? Und zu welchem Honorar wurde er mit welchem Vorlauf engagiert?

Es bleiben Fragen angesichts so vieler Ungereimtheiten!

Dienstag, 2. Februar 2010

Dolmetschmarkt für Russisch?

Heute fragt eine junge Frau aus Russland nach Berufsaussichten als Dolmetscher/Übersetzer:
Sehr geehrte Frau Elias,

als ich Informationen über den Beruf des Dolmetschers/Übersetzers gesucht habe, fand ich Ihren Blog. Ihre Art zu schreiben und Ihre Erfahrung, die Sie weitergeben, haben mir Mut gemacht Ihnen zu schreiben, um nach einem Rat zu fragen.
Ich komme aus St. Petersburg und bin bald mit meinem Studium (Slawistik und Deutsch) in Greifswald fertig. Ich habe einige Praktika als Übersetzer/Dolmetscher in Deutschland gemacht und hatte vor, nach meinem Studium, in St. Petersburg als Übersetzerin/Dolmetscherin zu arbeiten. In St. Petersburg habe ich, bevor ich nach Deutschland gekommen bin, auch ein Studium (Dipl. Englisch und Chemie) absolviert, um auch wissenschaftliche Texte übersetzen zu können.

Vor einem Jahr habe ich geheiratet und muss mich jetzt entscheiden, in welche Richtung ich mich weiterbilde, um in Deutschland erfolgreich arbeiten zu können. Mein Wunsch ist es, als Übersetzerin und Dolmetscherin zu arbeiten. Jedoch finde ich nicht die aktuellen Informationen, ob ich mit meiner Sprach/Fach-Kombination und Russisch als Muttersprache tatsächlich den Bedürfnissen des Marktes entspreche.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie Zeit finden würden, um zu antworten!
Vielen Dank,
Katja

Liebe Katja,

den Russisch-Markt kann ich leider nicht einschätzen. Ich kann nach der Berlinale gern mal ein paar Kolleginnen für Sie dazu befragen (die nicht auf der Berlinale arbeiten, sonst wäre es ein leichtes gewesen, dies' nebenbei zu tun.)

Schon heute möchte ich Ihnen dafür aber auch den Berliner Stammtisch des Bundes der Übersetzer und Dolmetscher (www.BDÜ.de) empfehlen, wo regelmäßig Kolleginnen und Kollegen zusammenkommen und auch sehr freundlich miteinander umgehen. Dort wird es sicher die eine oder andere Kollegin (wahlweise auch Kollegen) geben, der (die) Ihnen da mehr sagen kann. Von Greifswald aus ist Berlin ja gut zu erreichen. Vielleicht können Sie dann auch an der Humboldt-Uni vorbeischauen, der dortige Lehrstuhl für Translationswissenschaft/Dolmetschen für Slawistik scheint auf den ersten Blick nicht so sehr in Mitleidenschaft gezogen wie der für romanische Sprachen (zu meinem großen Unverständnis geht die Berliner Bildungspolitik in den letzten Jahren davon aus, dass wir in Berlin keine vollständige Dolmetscherausbildung mehr brauchen).

Ihre Voraussetzungen lesen sich für mich auf den ersten Blick schon einmal sehr gut - gerade auch, dass Sie neben Sprachen eine naturwissenschaftliche Fachrichtung studiert haben. Es hängt sicher auch von der wirtschaftlichen Entwicklung der kommenden Jahre ab, wie die Nachfrage nach Russisch wächst; Dank Internet können Sie später leicht bei potentiellen Auftraggebern in Russland auf sich aufmerksam machen, die ja oft ihre Endkunden sein dürften, hier denke ich vor allem ans Übersetzen, das sich ja von überall her anbieten lässt. Um ausreichend Dolmetschaufträge zu erhalten, ist in der Regel ein bestimmtes Einzugsgebiet nötig ...

In der Hoffnung, ein klein' wenig zur Antwort beigetragen zu haben, sende ich einen herzlichen Pausengruß nach Greifswald!

Caroline

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Foto: Mein Wasserball für den Französischunterricht. Rumwerfen, blind mit dem Finger auf ein Land zeigen und einen Satz bilden, dann weiterwerfen ...

Montag, 1. Februar 2010

Frage: Wie werde ich Filmübersetzer?

Bon­jour auf den Sei­ten mei­nes Blogs aus der Spra­chen­welt. Wie schon letztes Jahr antworte ich vor und zum Teil auch während der Berlinale auf Leserfragen. Den Anfang macht eine junge Frau, die in Wien studiert.

Sehr geehrte Fr. Elias!



Ich werde dieses Jahr mein Spanisch und Linguistik Studium in Wien beenden und habe schon seit längerer Zeit versucht Informationen über den Beruf des Film Übersetzers und den Möglichkeiten diesen auszuüben herauszufinden. Dabei bin ich jetzt auf Ihren Artikel in Germanopolis gestoßen und wollte Sie fragen, ob Sie mir einen Rat geben könnten, was ich tun muss oder kann, um dieses Ziel zu erreichen. Danke im voraus!



MFG Romana

Liebe Romana,



der Artikel bei Germanopolis ist nur insoweit von mir, als dass es sich um eine Zusammenfassung eines Vortrags handelt, den ich vor Jahren in der Humboldt- Universität zu Berlin gehalten habe. 



Dass Sie sich für unseren Beruf interessieren, finde ich schön. Indes, "Filmübersetzer und -dolmetscher" ist kein Beruf, sondern eine Spezialisierung, die sehr mühsam zu erlangen ist — wie alle Spezialisierungen, denke ich. Der dazugehörige Grundberuf lautet "Übersetzer und Dolmetscher" und wird heute im Studium oft zusätzlich belegt — oder eben in der neuen Form als Master, nach einem Bachelor in Sprachen, wobei eine grundständige akademische Ausbildung (oder das, was die Franzosen cycle long nennen) meiner Meinung nach mit dem neuen BA- und MA-System nicht zu vergleichen ist. (Ich selbst habe zwar nicht sehr lange Dolmetschen studiert, aber lange studiert und dann einen Beruf gelernt und ausgeübt, und das im Land meiner zweiten Sprache.)



Viel Fachliteratur ...Dann ist es wichtig, gut und gerne zu übersetzen und zu dolmetschen und sich auch in der Muttersprache ständig mit viel Liebe zum Wort weiterzubilden.
Paradoxerweise funktioniert das auch über das Selberschreiben. Dazu kann ich Ihnen nur raten, ohne gleich anderweitige Ambitionen zu entwickeln ...


.
Sie ahnen es wohl schon: das alles braucht Jahre, die arbeitsam, anstrengend und entbehrungsreich sein können.



Welche Sprache ist Ihre Muttersprache? Sie sollten sich ernsthaft die Frage stellen, wie viele Drehbücher in ihre Muttersprache übersetzt werden, ob es im Land ein großes Festival gibt usw., um die wirtschaftliche Tragfähigkeit einer solchen Entscheidung zu prüfen. Und dann ist es natürlich Grundvoraussetzung, ein Filmfreak zu sein, viele Festivals zu besuchen, zu sehen, zu lesen und zu lernen ... sich als Praktikant auf dem Set herumzutreiben und zu schauen, bei welchen Kursen an der Filmhochschule auch Gasthörer zugelassen sind.



Soviel zum Filmschwerpunkt — indes, kaum jemand in unserem Bereich hat nur einen Schwerpunkt, es sei denn, er oder sie ist festangestellt. Auch ich habe weitere Fachgebiete, in denen ich arbeite, aber die Medien bilden schon meinen Schwerpunkt.



Bei den meisten Kolleginnen und Kollegen stellt sich übrigens irgendwann auch in der Arbeit ein Schwerpunkt heraus, am Ende übersetzen die einen mehr, die anderen sie verbringen mehr Zeit in der Kabine. Mein Weg aus der Medienpraxis in die Vermittlung — ich unterrichte auch — ist sehr selten. Ebenso ist es selten, dass jemand wie ich gleichermaßen dolmetscht, übersetzt und selbst schreibt. Ich kenne sonst niemanden, der so arbeitet ... 



Entgegen der landläufigen Vorstellung hat der Schwerpunkt Film und Medien übrigens wenig Glamouröses zu bieten. Klar, ich treffe auf Stars, aber in der Arbeit sind es "Menschen wie du und ich", und da werden nur die Ärmel hochgekrempelt.



Auch Filmparties waren gestern. Seit ich Festivals vor allem als Dolmetscherin besuche, bekomme ich keine Einladungen mehr zu Empfängen, oder nur noch ganz selten. Ich sage es mal mit dem bösen Wort, das angeblich auf einen früheren Botschafters aus dem Bouquet der Frankophonie zurückgeht: "On ne demande pas les laquais à sa table" — man bittet seine Lakaien nicht zu Tisch oder frei übersetzt: man lädt Lakaien nicht zu sich zum Essen ein.

Dieser Satz sagt sehr viel darüber aus, wie viel Verachtung uns Dolmetschern auch entgegenschlagen kann, wenn wir für andere "nur" Sprachrohr sind, das ist das Anti-Glamour-Programm. Ich stehe drüber ... nun, meistens, so ehrlich muss ich sein, und kompensiere durch journalistische Arbeit und den einen oder anderen Film, den ich alle zwei Jahre koproduziere. Als ich "nur" Filmmitarbeiterin war, tanzte ich übrigens auf (fast) allen Berlinale-Parties. 



Falls Sie weitere Fragen haben, erreichen Sie mich unter caroline(at)adazylla.de



Gruß,

Caroline

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Foto: C.E. (Nur ein halbes Brett eines
ganzen Filmbücherschranks ...)
Mehr zum Thema hier und hier.

Dienstag, 26. Januar 2010

Räuspertaste

Bonjour, hello und guten Tag! Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin.

Am Dolmetschpult gibt es einen Knopf mit dem schönen Namen "Räuspertaste". Wenn die Anlage eingeschaltet ist können wir damit für die Dauer eines Räusperns oder Hustens akustisch auf Distanz gehen. Das ist sehr sinnvoll, denn laute Geräusche, die einem beim konzentrierten Zuhören plötzlich ins Ohr |ploppen| knallen, sind störend und können schmerzen. Ich erlebe das selbst regelmäßig, wenn ich auf internationalen Festivals der Live-Verdolmetschung zum Beispiel asiatischer Filme oder Theaterstücke lausche. Jeder und jede, die diese auch "Einsprechen" genannte Arbeit gelegentlich leistet, sollte sich regelmäßig anhören, wie es klingt. Das kann sogar lustig werden. Unvergesslich ist die Begleitakustik, die ich einmal bei einem sehr meditativen und entsprechend wortkargen Film aus einer Dolmetschkabine vernommen habe, die im Kabuff des Filmvorführers gleich neben dem Projektor stand: Dolmetscherin und Vorführer parlierten bei offener Kabinentür munter miteinander und flirteten, was das Zeug hielt. Das gab dem Film eine ganz andere, unerwartete Ebene. (Die Kollegin kannte offenbar den Film und hatte hoffentlich nur vergessen, in den stummen Phasen die Anlage auszuschalten.) Seitdem vermeide ich Geräusche, über die ich mir zuvor in der Kabine nie 'nen Kopp' gemacht hatte, auch auf normalen Konferenzen: Gluckern, wenn Wasser nachgeschenkt wird, Trink- und Schluckgeräusche, Naseputzen und derlei. Für all'das gibt es wie gesagt die Räuspertaste.

Den gestrigen Tag werde ich allerdings auch nicht vergessen. Wir dolmetschten eine Sitzung von Menschen, die auf höchster Ebene in einem meiner kulturwirtschaftlichen Fachgebiete tätig sind. Drei ausländische Kollegen waren zur Tagung eingeladen worden, je ein Gast aus zwei französischsprachigen Ländern und ein Vertreter der Verwaltung aus Brüssel. Die Arbeitssprachen waren somit Deutsch und Französisch, obwohl die Muttersprache des Beamten der EU nicht Französisch ist.

Der Vormittag war kein Problem, wir übertrugen alles, was auf Deutsch gesagt wurde, in die Sprache der Gäste. Vor dem Mittagessen kamen unsere zwei Französisch-Muttersprachlerinnen dran, ebenfalls kein Problem. Beim Essen lernten wir kurz unseren letzten "Dolmetschkunden" kennen, was sehr gut war, um sich schon mal auf den Akzent des Euro-Herren einzuhören.

Was dann folgte, war sehr anstrengend. Monsieur hielt seinen Vortrag, mit einer PowerPointPräsentation (PPT) unterstützt, die im Vorfeld von jemandem übersetzt worden war, der kein Fachmann des Themas ist. Meine Kabinenkollegin hörte also die Ausführungen des Redners, wobei sie immer wegblenden musste, was da auf Deutsch parallel zu lesen stand, wunderte sich über fehlende Satzenden, schlecht ausgesprochene, kaum verständliche Vokabeln und über Widersprüche, die sich zu den doch nicht ganz von ihr ausgeblendeten '"Dias" der PPT ergaben. Zum inhaltlichen Kuddelmuddel gesellte sich noch große Hektik und Nervosität des Vortragenden, die zu einer Sprechgeschwindigkeit führten, die mindestens das 1,5-fache des normalen Sprechtempos war.

Dann war die Rede vorbei. Ich übernahm das Mikro für die Diskussion in der Hoffnung, dass die freie Rede des werten Herrn etwas weniger hastig ausfallen möge. Aber weit gefehlt, er holte aus, gestikulierte, knallte mit der Hand ans Mikrophon, dass mir fast das Trommelfell platzte ... und setzte seine chaotische Art des Sprechens fort.

Bei der Übergabe des Mikros nutzten meine Kollegin und ich die kurze Pause, die durch den — zum Teil der Höflichkeit geschuldeten — Applaus entstand, gossen Mineralwasser nach und lästerten ... natürlich unter Betätigung der bereits erwähnten Räuspertaste. Ich lästere höchst ungern, weil ich mich als jemand, die sich die Worte einer oder eines Fremden buchstäblich einverleiben muss, damit selbst gegen ihn oder sie aufbringe. Indes, ab einem gewissen Level ist der kurze, bissige Kommentar zwingend notwendig: Einmal Dampf ablassen und der Kollegin Anteilnahme zeigen, das hilft! Zack und weiter! Jetzt war ich dran, jetzt litt ich, kämpfte und nach getaner Arbeit griff ich wieder nach der Räuspertaste.Was später geschah, fing merkwürdig an. Nach der Konferenz stand ein Empfang mit hohen Kommunalpolitikern auf dem Programm, aber erst saßen wir gemeinsam im Reisebus und besahen uns im Warmen einige touristische Höhepunkte der tiefgefrorenen Stadt. Beim Warten auf die Abfahrt, unterwegs und in der Schlange der Garderobe erhielten wir so viele Bemerkungen wie selten zuvor zu unserer Arbeit, und zwar des Tenors, dass der Beamte aus Brüssel ja wohl fürchterlich gewesen sein müsse und dass wir uns aber wacker geschlagen hätten. Wir waren über so viel Verständnis des Publikums begeistert und haben es leise schmunzelnd zur Kenntnis genommen. Nach den Reden wurde noch getrunken und gegessen. War es der Wein, der noch mehr Vertrauen entstehen ließ? Oder lag es an der Dauer des gemeinsam verbrachten Abends (dadurch befördert, dass jeder Gedanke an die strenge Kälte draußen Aufbruchgedanken lange unkonkret werden ließ) ... kurz, die Bemerkungen zu unserem bürokratischen PowerPoint-Durchstolperer rissen nicht ab, Monsieur sei ja wohl besonders ... wir bejahten dies stets und hielten dann die Klappe. Bis einer unserer Zuhörer anfügte, dass er sich derlei schon gedacht habe, das wäre ja aus dem Gespräch von uns Dolmetscherinnen im Anschluss an den Vortrag messerscharf zu schließen gewesen - eine von uns hätte den Begriff "Höchststrafe" verwendet.

Sie können sich vorstellen, dass wir am liebsten im Boden versunken wären, so peinlich war das. Unser Gegenüber versicherte uns aber, man habe es ganz amüsant gefunden und meinte nur trocken: "Wir Kulturleute haben vollstes Verständnis!"

Soviel zum Thema Räuspertaste, die offenbar auch mal kaputt sein kann. Künftig werden wir schriftlich husten und ausschließlich mimisch kommentieren. Augenrollen, erschrecktes Aufreißen derselben, Vogel zeigen — die Geste überträgt sich unserer geneigten und geschätzten Hörerschaft maximal als das Rascheln eines Jacketts.

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2. Foto: Ein anderes Technikproblem: Beim Umschalten sprang
mir bei einem anderen Einsatz der Knopf für Französisch entgegen.
Solche Pannen müssten eigentlich nicht sein, aber offenbar wird
auch hier "gespart" ...

Montag, 25. Januar 2010

Wochenendarbeit

Undankbar, diese Wochenendarbeit. Nein, keine Klagen über vorhandene Arbeit in Zeiten, wo viele Menschen gar nichts oder wenig zu tun haben. Aber es ist schon ungerecht, am Wochenende arbeiten zu mussdürfen. Ich fühle mit Ärztinnen mit und Kellnern, Taxifahrern und Opernsängerinnen, die tätig sind, während andere ausspannen.

Letzten Freitagvormittag absolvierte ich etwas vom routinemäßigen Programm aller Freitage, um dann weiterzumachen mit dem, was mich seit einer Woche täglich mindestens eine Stunde beschäftigt: Lesen und lernen für die nächste Konferenz. Dann zur Reinigung gehen, der Anzug ist noch nicht fertig, Vokabellisten ausdrucken, der Drucker geht kaputt, weiterlernen mit Karteikarten und eigenhändig annotierten Zeitungclippings. Am späten Nachmittag fürs Wochenende einkaufen, dann früh einen Kinofilm auf DVD sehen, anschließend eine Badewanne mit entspannenden Essenzen, und so lege ich mich schlafen, als mein Nachbar sich gerade anschickt, in eine Bar zu gehen.

Samstagmorgen klingelt der Wecker um 6.45 Uhr. Halb neun möchte ich am Tagungsort sein, acht Stunden später verlasse ich den Ort des Geschehens, die Augen fallen mir fast zu. Berlin ist rekordkalt, das erhöht die Müdigkeit. Auf dass sich mein Tag-/Nachtrhythmus nicht verschiebe, nötige ich mich zum Wachbleiben. Im Halbschlaf kaufe ich den vergessenen Bio-Ingwer für meine derzeitigen Lieblingsteeaufgüsse (Ingwer mit Lemongras, dazu einen Spritzer Zitrone) und esse ein Süppchen im Lieblingsrestaurant, denn zuhause sind alle ausgeflogen. Im Restaurant treffen sich Menschen zum gemeinsamen Abendessen, ich habe heute Abend einen Theaterbesuch abgesagt. Dann, endlich, gehe ich ins Bett.

Über den Sonntag gibt's nichts zu berichten außer einem Ausflug bei großer Kälte und Sonnenschein und dass vor meinem Arbeitzimmerfenster die Menschen auf dem Landwehrkanal schlittschuhliefen. Am Vormittag hätte ich gerne Freunde gesehen, aber die mussten alle ausschlafen: Wochenende!

Und jetzt ist Montagfrüh. Huch, das Wochenende ist ja schon wieder vorbei!

Mal sehen, ob ich kommenden Dienstag meinen Samstag nachhole. Aber dann!

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Foto: C.E.

Samstag, 23. Januar 2010

Labyrinth

Es gibt Sätze, die sind so dicht und verwinkelt, dass es sich anfühlt wie im Labyrinth auf der Suche nach dem Ausgang. Und dann gibt es bauliche Situationen, deren Ziel es nicht ist, für Irritationen zu sorgen, die sich aber als unsichere Labyrinthe erweisen. Und wo sonst Labyrinthe nur für den schönen Schauder und das Gefühl sorgen sollen, es könne sein, dass man sich verlaufen habe, sind sie her real: Sie bedrohen unsere Arbeit.

Neulich dolmetschte Stefanie in einem modernen Hotel. Sie hatte gerade die Verdolmetschung übernommen, als der Kollege kurz mal auf die Toilette ging. Das Hotel war groß, mit vielen Gängen, dicht gewebten Teppichböden, die den Schrittschall auffangen, schnieken Aufzügen, verspiegelten und blumengeschmückten Wartebereichen vor den Aufzügen und einigem Andrang. Dafür gab es in der Nähe der Dolmetscherkabinen keine Toilette. Auf dem Hinweg ging der Dolmetschkollege einen langen Gang hinunter, wartete auf den Aufzug, fuhr ein Stockwerk hoch oder runter und ging wieder in die gleiche Richtung, aus der er gekommen war, in Richtung Örtchen seiner momentanen Sehnsüchte.

Als das erledigt war, wollte er schnell zurück in die Kabine und entdeckte gegenüber der Toilette an der Tür ein kleines Zeichen, das ihm unmissverständlich klarmachte, dass dahinter eine Treppe liegen müsse. Da er ja wusste, sich in großer Nähe zu den Kabinen zu befinden, eben nur ein Stockwerk entfernt, öffnete er diese Tür, sah die reichlich schmucklose Treppe aus Sichtbeton, und wusste: Der Weg stimmt. Der Weg hat auch gestimmt, nur war er nicht geplant, dass ein Hotelgast ihn nehmen würde. Als er im richtigen Stockwerk angelangt war und die Verbindungstür zum Gang öffnen wollte, der direkt zur Dolmetscherkabine führte, merkte er erst: Die Tür ließ sich vom Treppenhaus aus nicht öffnen. Nach einer kurzen Schrecksekunde besann sich unser guter Mann seiner sportlichen Beine und der Tatsache, dass er ja in einem anderen Stockwerk ins Treppenhaus hereingekommen war. Er ging also seinen Weg zurück, doch dort: Enttäuschung! Auch diese Tür ließ sich nur vom Gang aus öffnen, wie übrigens alle anderen Türen auch, die er nacheinander abklapperte im modernen, mehrgeschossigen Hotelneubau.

Dann probierte er es mit Rufen. Aber die Türen waren offenbar nicht nur Türen eines Fluchtwegs, sie waren auch Feuersperren und deshalb sehr, sehr dick. Selbst der Hall, den die nackten Wände und Stufen des Sichtbetontreppenhauses beisteuerten, half nichts.

Darüber verging eine Stunde. Am Ende verfiel ein anderer Kongressteilnehmer auf die Idee mit der Abkürzung und befreite unseren Dolmetscher aus der Falle. Seine Kollegin Stefanie in ihrer Kabine war indes auf hundertachtzig. Dolmetschen ist Schwerstarbeit, und regelmäßiger Wechsel der Sprecher ist eine Grundvoraussetzung, diese merkwürdige Gehirnakrobatik überhaupt leisten zu können ... sie wähnte unseren armen Mann bereits sonstwo und fing an, seine Zuverlässigkeit infrage zu stellen.

Derlei Schnacks erzählen wir uns in der Mittagspause. Wir stehen in einem Foyer am Rande der Internationalen Grünen Woche. Ein langjähriger Kunde einer befreundeten Agentur, der einst nur mehrere Dutzend Teilnehmer zusammenbrachte, bewegt nun mehrere tausend Menschen, daher mietete er den größten Raum an, den das Berliner Kongresszentrum zu bieten hat. Und wir haben unseren ersten Berufskontakt mit diesem unfreundlichen Koloss, der aussieht, als habe ein außerirdischer Riese am Rand der AVUS seinen Bauklotz fallen lassen.

Dieser Betonklotz ist allein schon baulich für uns Dolmetscher eine Herausforderung. Die Kabinen hängen oben unter der Zimmerdecke und wurden zu einer Zeit geplant, als noch niemand an Energieprobleme oder die Möglichkeit der Erfindung von PowerPointPräsentationen dachte, denn die Decke ziert ein Buckelwalhuckel, der sich in der Sichtachse ins Innere wölbt, so dass dort, wo auf dem Bühnenhintergrund die Bilder auftreffen, stets das obere Drittel abgeschnitten ist. So wissen wir in der Dolmetscherkabine stets mit großer Sicherheit, wie groß die Redner sind, deren Konterfei abgefilmt und an die Wand projiziert wird: So, wie das Rednerpult jetzt steht, sehen wir alle bis 1,75 cm inklusive Scheitel, beim 1,85-cm-Mann sehen wir gerade noch das Mundbild, was beim Dolmetschen ja ganz hilfreich ist.

Das Schlimmste am ICC aber sind die labyrinthischen Gänge. Morgens müssen wir eine halbe Stunde vor der üblichen Zeit kommen, damit wir uns nach einem Verantwortlichen durchfragen können, der uns nach oben geleitet. Und der Weg geht ungefähr so: Von der Hauptebene rechts mit der Rolltreppe hoch, dort in den Fahrstuhl an der rechten Seitenwand, dort in den vierten (?) Stock, dann die Tür nehmen, die neben der zum Bühneneingang liegt, durch einen Flur Richtung Fenstergang, dort von vier möglichen Türen jene nehmen, die am langgestreckten Fenster neben dem Mauervorsprung liegt, wieder durch ein Mini-Treppenhaus, da die Tür nehmen, auf der Zettel mit dem Wort "Dolmetscher" hängt, dann eine halbe Umdrehung auf der schmalen Treppe, dann durch eine Feuertür in eine Art Treppenhaus, die um einen Metallkäfig herumführt, dahinter liegen sämtliche Sicherungen des ICC in riesigen Metallschränken (oder was nur so aussieht), dann durch eine Tür am Ende des Ganges, die in einen Flur mündet, an dessen Ende eine kleine Treppe liegt und eine weitere Tür, die dann zum Gang führt, an dem die Dolmetscherkabinen liegen. Und der Weg zu den Toiletten geht so: Aus der Kabine in die andere Richtung bis zum Ende des Ganges, wieder eine Feuertür, dann teilt sich der Weg, links und rechts gehen jeweils zehn Treppenstufen ...

Ach, ich spar' mir den Rest. Der Dolmetscher im Hotelneubau, der auf dem Fluchtweg ausharren musste, musste nur den Gang rauf oder runter. Unser Weg zum Klo ist so, dass wir Scherze machen über Ariadnefäden, die abzurollen wären um sicherzustellen, dass wir wieder zurückfinden. Oder Brosamen ausstreuen. Im ICC gibt es doch keine Vögel, oder?

Ich halte es für höchstwahrscheinlich, dass sich irgendwo in einer Nische eine kleine Vogelpopulation angesiedelt hat, die nur von den Krümeln lebt, die von den Dolmetschern verstreut werden ... Grausiger Gedanke. Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir erst durch den langjährigen Kunden unserer Partneragentur zum ersten Mal hier herkamen, um zu dolmetschen ..._________________________________________
P.S.: Ganz im Ernst: Die Stadt Berlin erwägt, das ICC abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen. Ich plädiere dafür. Ich nehme an, die Energiebilanz ist niederschmetternd, sicher ist aber, dass im Katastrophenfall aus den Kabinen kein Dolmetscher lebend rauskommt. Und bitte, liebe Architektinnen und Architekten, fragt uns beim nächsten Neubau mit Dolmetscherkabinen, wir wissen, welche Pannen noch zu vermeiden sind.

Dienstag, 19. Januar 2010

"Ich bleistifte dich rein!"

Bonjour, hello und hallo! Hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin.

In den Wochen vor der Berlinale herrscht bei uns Hektik: An Pressevorführungen teilnehmen, Pressemappen schreiben oder redigieren, Finanzierungspläne, Pitches und Drehbücher bearbeiten, Hintergründe recherchieren ... und Termine für Dol­metsch­ein­sätze machen.

Vor dem Vertrag liegt die Option. Oft kommen Anfragen mit: "Wir haben da mög­li­cher­wei­se was am Soundsovielten, hättest Du grundsätzlich Zeit? Und es fallen Sätze wie: "Kannst Du den Termin 'mit Bleistift' freihalten? Ich rufe Dich an, sobald ich mehr weiß."
  
Gerne bleistiften wir den Termin rein ...

Termine jonglieren, bei Einladungen zusagen
Als Sprachmittler erlauben wir uns augenzwinkernd so man­chen Jargon, der wörtlich übersetzt aus einer anderen Sprache kommt. "I'll pencil you in" für eine vage Ver­ab­re­dung, eine Ter­min­op­tion, die noch bestätigt wer­den muss, das ist ein schönes Bild, wäh­rend die Tinte, die am Ende die Bleistiftnotiz über­schreibt, aus der Anfrage eine feste Zusage macht ...

Weitere Bedeutungen von I'll pencil you in im Wörterbuch für urbanes Englisch, das täglich einen englischen Alltagsbegriff oder eine alltägliche Redewendung vorstellt und erläutert.

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Foto: C.E. ... bevor's rund geht, gibt's noch etliche
private Termine oder mit früheren Studenten ...

Montag, 18. Januar 2010

Happy End

Will­kom­men auf den Sei­ten ei­nes vir­­tu­­el­­len Ar­beits­­ta­­ge­buchs aus der Welt der Sprachen. Ich bin Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache, außerdem arbeite ich aus dem Englischen. 

historische Wörterbücher
Jeder Beruf hat seinen Jargon, und es gibt Begriffe, die stehen in keinem Wör­ter­buch. Zum Beispiel Vokabular, das mit der Finanzierung von Filmen zu­sam­men­hängt. HUs sind so ein Terminus tech­ni­cus — Handlungsunkosten. Wer noch nie eine Kalkulation gesehen hat, kommt hier schnell im Französischen auf "les frais opérationnels" — die Kosten, die es einem ermöglichen, operativ zu werden.

Fachleute können im Kontext verstehen, was gemeint ist. Aber das Wort, das in jeder Kalkulation ganz unten steht, lautet anders: les frais généraux. So ist es jedenfalls "bei Films", wie ich die Branche gern nenne.

Vor jedem Dolmetscheinsatz wiederholen wir Fachdolmetscher unsere Vo­ka­bel­listen. Wiederholt wurde ich gefragt, ob ich diese Listen nicht im Internet ver­öf­fentlichen kann ... Leider will ich das nicht, denn ich musste mir die Begriffe einzeln und sehr mühsam beschaffen. Machen wir uns nichts vor, die meisten Men­schen lassen sich ungern in die Karten sehen und senden nichts mit Zahlen drauf an Dolmetscher, die für sie mal einen Tag in der Kabine sitzen. In den Besitz von Zahlen und vor allem der damit verbundenen Fachworte komme ich nur, wenn ich den Rest des Jahres viele filmspezifische Texte und Dokumente übersetze. Meine Stammkunden fragen mich immer wieder an, denn sie wissen, welches Hin­ter­grund­wis­sen ich mir darüber hinaus angeeignet habe, auch durch praktische Er­fah­run­gen in der Filmproduktion, vertieft und ergänzt durch die Lehre an der Uni.

Hier kommt das Wort "Fachdolmetscher" ins Spiel. So, wie es Fachärzte oder Fach­anwälte gibt, gibt es auch unter uns Dolmetschern Kolleginnen und Kollegen mit "Interessensschwerpunkten". Meine Empfehlung an potentielle Kunden lautet da­her: Fragen Sie immer, was der/die Dolmetscherin bereits an einschlägigen Vor­er­fahrungen hat. Denn selbst wenn die Fachbegriffe eines Tages vielleicht irgendwo veröffentlicht werden sollten, so nützen sie nur demjenigen, der darüber hinaus über das Hintergrundwissen verfügt.

Ein anderes Beispiel mag dies verdeutlichen. Ein Dolmetscher, der auch schon mal bei Fernsehsendungen im On zu hören war, dolmetscht einen Kongress von Sach­ver­ständigen in Sachen Filmfinanzierung. Hier sitzen nicht nur Leute aus der Bank, sondern auch Filmförderer, Berater, spezialisierte Steuerberater und Produzenten. Jemand erzählt vom komplizierten Schließen einer Filmfinanzierung, von schwie­ri­gen Verträgen, einem kranken Hauptdarsteller usw. und fasst zusammen: "et là, c'est évident, il n'y a pas de clause de bonne fin!"

Die "clause de bonne fin" ist ein Terminus aus der Versicherung von Verträgen. Da Dreharbeiten sehr teuer sind und weil dabei ordentlich was daneben gehen kann — der Dokumentarfilm "Lost in La Mancha" ist das hübscheste Beiprodukt des Scheiterns von Terry Gilliam, der versucht hatte, Don Quijote neu zu ver­fil­men — springen im Notfall Versicherungen ein, damit der Produzent die Fertigstellung des Films garantieren kann. Also: der alte deutsche Begriff war hier "Fertig­stel­lungs­ga­ran­tie", der neudeutsche lautet "completion bond" und stammt direkt aus dem Versicherungsbereich. Zwei Begriffe, mit denen die "clause de bonne fin" zu über­setzen wäre ... der arme Dolmetscherkollege in der Kabine hat indes die Fallhöhe nicht verstehen können; dass es die ganze Zeit um Versicherungen ging, war den Zuhörern zwingend klar, ihm aber nicht, weil niemand das Wort "Versicherung" ausgesprochen hat, denn es verstand sich ja von selbst ...

Und dann haben wir Dolmetscher immer viel Hektik in der Kabine und keine Zeit zum Nachfragen, kurz, die Aufzählung der Schwierigkeiten und der Begriff "bonne fin", das gute Ende, wandelte der in Sachen Filmfinanzen nicht unbedingt ein­schlä­gig vorbelastete Kollege sehr folgerichtig und höchst kreativ um in den Satz: "Bei allen Schwierigkeiten wissen wir alle: Ein Happy End kann nicht garantiert wer­den!"

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Foto: C.E. (Archiv)

Freitag, 15. Januar 2010

Automatische Übersetzung oder "Machine Translation"

Was Dol­­­met­­­scher und Über­­­setzer ma­­­chen, ist der brei­­­ten Öf­­­fent­­­lich­­­keit oft nicht ge­­nau be­­kannt. Hier denke ich darüber nach, auch über die Zukunft des Berufsfelds.

Letzte Woche fragte mich die halbwüchsige Tochter von Bekannten, die wohl ge­ra­de überlegt, was sie beruflich mal machen könnte, ob nicht eines nicht allzu fer­nen Tages alle Übersetzer und Dolmetscher durch Computer ersetzt werden wür­den. Ich habe dem heftig widersprochen. Ich weiß, dass Computer die Arbeit vor allem der Übersetzer schon heute erleichtern, aber ebenso ist es klar, dass dies nie ohne den intelligenten, studierten Nutzer funktionieren wird.

Als ich heute Morgen in den Wirtschaftsnachrichten rumstöbere, lese ich in der FAZ folgendes:
Fundamental laufen die Geschäfte für Apple derzeit gar nicht so schlecht. Die weltweiten Computerverkäufe sind zwar zum Jahresende erstmals seit fünf Jahren um 0,4 Prozent gefallen, berichtete das amerikanische Marktforschungsinstitut IDC am Mittwoch. Immerhin konnte Apple jedoch 1,2 Millionen Computer verschiffen und den Marktanteil auf 7,2 Prozent steigern.
Offensichtlich handelt es sich um einen Text, der bereits automatisch übersetzt wurde, und bei dem die Redaktion oder das Lektorat nicht ausreichend tätig waren. "Fundamental" ist hier durch "grundsätzlich" zu ersetzen, und das Wort "verschiffen" hat sich über das Englische "to ship" hier eingeschlichen, das glei­cher­ma­ßen verschiffen wie versenden/ausliefern bedeutet.

Der Mensch ist also als Korrektiv vonnöten, wo verschiedene Begriffe für den Com­puter nur Synonyme oder tolerierbare Ausdrücke sind, oder anders: Woher soll der Rechner denn wissen, dass es zwar die Fundamentalkritik am Fundament so mancher Theorie gibt, wir uns aber in Zusammenfassungen fundamental anders äußern. Es geht um die Nuancen, die auch in noch so vielen Pro­gram­mier­stun­den den Rechnern nicht beizubiegen sind. Denn oftmals lenkt unser Schön­heits­em­pfin­den die Wortwahl, selbst bei kleinen, dummen Zei­tungs­mel­dun­gen. Effekte der Lautähnlichkeit bis hin zu Alliterationen oder im Gegenzug die Vermeidung von als unangenehm empfundenem Aufeinanderprall von Ähnlichem, das erfordert Ebenen der Programmierung, die mir in "Mannjahren" gerechnet die Programmiererleben mehrerer Generationen zu fordern scheinen. Währenddessen ändert sich ja unser Sprachempfinden, unsere Kultur täglich ...

Vor einigen Jahren habe ich mich mit Babelfish Translations von Altavista rum­ge­spielt und erlebte beim wiederholten Hin- und Herschieben ein hübsches Wunder der Verschlimmbaselung von idiomatischen Redewendungen, also von For­mu­lie­run­gen, die für die jeweiligen Sprache typisch sind.

Versuch aus dem Sommer 2005 (später hier veröffentlicht)

Du kommst wie gerufen, ich muss ein Regal aufbauen.
Tu viens comme appelé, moi dois une étagère développer.
... zehn Durchgänge später:
Du mich mußt dort ein Regal auf mehr Stadt der Konzepte auspacken.

In die andere Richtung (2005)

Tu tombes à pic, je dois monter une étagère.
Du Steilgräber muß ich ein Regal aufrichten.
... und fünf Durchgänge später:
Du mußt starr von den Gräbern mich ein Regal verbessern.

Und heute? Versuch vom 15.01.2010, also fast fünf Jahre später

Du kommst wie gerufen, ich muss ein Regal aufbauen.
Tu viens comme appelé, moi dois une étagère développer.
Du kommst als gerufen, mich muss ein Regal entwickeln.

Nach dem dritten Durchgang bleiben die Ergebnisse gleich.


In die andere Richtung (ebenfalls heute)

Tu tombes à pic, je dois monter une étagère.
Du Steilgräber muss ich ein Regal aufrichten.
Tu tombes raides dois redresser moi une étagère.
Du müssen steife Gräber mich korrigieren ein Regal.
Tu dois corriger des tombes rigides moi une étagère.
Du musst starre Gräber verbessern mich ein Regal.
Tu dois améliorer rigide des tombes moi une étagère.
Du musst starr von den Gräbern mich ein Regal verbessern.

Ergebnis: Die Übersetzung des Satzes aus dem Französischen entwickelt sich exakt genauso wie vor fünf Jahren. Beim ersten Beispielsatz sind die Veränderungen mi­ni­mal, der Unsinn bleibt bereits nach wenigen Durchläufen gleich. Entweder ha­ben Altavista und Co. ihr Wissen noch nicht auf das Gratisangebot "run­ter­ge­brochen" oder man ist tatsächlich dabei, Abermillionen von stehenden Redewendungen von Hand einzugeben. Eindeutige Verbesserung: Die Recht­schreib­re­form ist bei Ba­bel­fish angekommen, das ist große Klasse. Weiter so!

Unten ein ebenfalls aktuelles Beispiel, bei dem ich Wert auf eine etwas komplexe Satzstruktur gelegt habe.

Hinübersetzung (zum Vergrößern bitte Text anklicken)Und das Ergebnis des ersten Durchlaufs ist Ausgangstext für den zweiten:


P.S. (09/2013): Ich weiß, dass mein Blogeintrag auf Fachkonferenzen zitiert wurde. Daher bin ich nicht verwundert, als beim Test dieses Mal herauskommt, Tusch, Trommelwirbel und ...
Fast richtig! (In jeder Übertragung wird das Duzen zum Siezen.) Umso irritierter bin ich, dass die Beispielsätze nicht vollständig erfasst wurden: 

Freitag, 8. Januar 2010

Termine!

Neulich, wir erkraxelten gerade im Urlaub einen Berg, klingelte das Handy, es wurde schon langsam dunkel. Ob ich morgen früh bei einem Notartermin in Berlin dolmetschen könnte? Konnte ich nicht, aber die Kollegin. Wenig später läutete es wieder: Ob ich 36 Stunden später in Berlin bei einer Autorenlesung dolmetschen könnte? Ich wollte, wir reisten früher aus dem Urlaub zurück als geplant.

Es wurde ein schöner Abend. Geärgert hat mich die Kurzfristigkeit der Buchung: Der Termin stand, wie ich nachher erfuhr, seit mindestens zwei Monaten fest. Dabei hatte mich der Autor den Veranstaltern im Vorfeld sogar persönlich empfohlen.

Das mit den Buchungen von jetzt auf gleich nimmt durch das Internet zu. In vielen Fällen sind wir Kolleginnen und Kollegen ähnlich gut in unserer Leistung, demnach - Achtung, böses Wort -: ersetzbar! Aber wenn es auf Fachthemen ankommt, raten wir unseren Kunden stets, rechtzeitig zu buchen. Denn nicht alle können Medizinthemen (Sebastian) gleich gut wie Autotechnik (Thierry), Filmproduktion (Helen, Caro) oder experimentelle Literatur (Kerstin, Caro) à la OULIPO. Ein Sommerbild für die Terminplanung ... heute habe ich allein zwei Stunden mit Terminen zugebracht, und das ist richtig so. Wir planen gerne, dann haben wir auch ausreichend Zeit für eingehende Vorbereitung.

Meine nächsten Einsätze: Grüne Woche im Januar, Berlinale im Februar, im März dann die Transportmesse in Paris, dazwischen zwei Drehbuchabgaben, eine zu dolmetschende Eheschließung, zwei Termine als Gerichtsdolmetscherin. Kurz: es ist manche Höhe zu erkraxeln, aber wie im Gebirge, so auch in den Ebenen des Alltags - mit festem Schuhwerk und guter Planung geht vieles.
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P.S.: Nein, dieser Blog ist kein Ergebnis einer Wette, ob ich es schaffe, einen Dolmetschweblogeintrag unter wiederholter Verwendung des Verbs "erkraxeln" zu schreiben.

Donnerstag, 7. Januar 2010

Kein Blitzschach, sondern Blitzlernen

Will­kom­men beim ersten Web­log Deutsch­­lands aus dem In­­ne­ren der Dol­­met­sch­er­­ka­­bine. Hier kön­nen Sie (mehrmals wöchentlich) in meist kur­zer Form Epi­so­den aus dem Alltag einer Fran­zö­sisch­dol­metscherin verfolgen. Außerdem übersetze ich, zum Teil auch aus dem Englischen.
 
Dolmetscher brauchen mehr als Allgemeinbildung. Was eine Binse ist, stellt uns im Beruf mitunter vor Blitzlernnotwendigkeiten.

Gestern im Cinéma Paris am Kurfürstendamm: Ich sehe einen Spielfilm, in dem Schach vorkommt, und versuche mir, Bewegungen und Namen der Figuren zu merken. Leider kann ich das Brettspiel noch nicht, also möchte ich alles auf einmal lernen. Ich sehe den Film "Joueuse" von Caroline Bottaro, der diese Woche unter dem Namen "Die Schachspielerin" in die deutschen Kinos kommt. Dabei hatte ich im Vorfeld viel Zeit gehabt, das alles zu lernen, ist der Film doch die Adaption eines Romans, den eine Freundin aus Studententagen vor etlichen Jahren geschrieben hat: Bertina Henrichs erzählt in "La joueuse d'échecs", wie ein nicht mehr ganz junges Zimmermädchen über die Freude am neuentdeckten Schachspiel ihren in eingefahrene Bahnen geratenen Alltag langsam verändert, wie sie aufblüht und sich aus den alten Strukturen emanzipiert — und dennoch nicht, wie in so vielen Fällen weiblicher Emanzipation (im Kino wie im Leben), am Ende ohne Mann dasteht.

Nach der Filmvorführung soll ich das Gespräch zweier Damen mit dem Publikum dolmetschen, denn zusammen mit der Regisseurin ist auch die Hauptdarstellerin Sandrine Bonnaire nach Berlin gekommen. Solche Gespräche gehen zu 90 Prozent über Filmisches, aber wenn derlei dann doch fachlich wird, dann richtig! Also übe ich das Minimum an Schachterminologie und versuche, die Figuren und ihre Sprünge zusammenzubekommen — rein abstrakt. Wie also bekomme ich meine vorher angefertigte Vokabelliste "lebendig"? Bei zu viel Abstraktion und keiner praktischen Erfahrung helfen manchmal nur starke Bilder. Einige Figurenbezeichnungen brauche ich nur zu übersetzen, le roi/König, la dame/Dame, la tour/Turm. Und ich finde in Windeseile starke Bilder für die anderen Figuren. Für den Läufer, der auf Französisch "le fou" heißt, was 'der Narr' oder 'der Verrückte' bedeutet, stelle ich mir einen alemannischen Narren vor, der mit Joggingschuhen das Ufer des Landwehrkanals entlangjoggt. In meiner Kindheit hat mich die alemannische Fasnet stark beeindruckt, und einen solchen Narren hier im hohen Norden als Läufer zu sehen, ist sehr unwahrscheinlich. Also: "Le fou läuft" ist der Satz dazu, oder, umgekehrt, "der Läufer ist ein Narr". (Der Narr trägt eine Kappe mit Schweizerkreuz drauf, dabei ist die Darstellung, historisch bedingt, wohl eher eine Bischofsmütze, aber das scheint auch ein Missverständnis zu sein.)

"Pion" wird in Frankreich der Aufseher in der Schule genannt. Es sind oft Lehramtsstudenten, immer unterbezahlt, gelegentlich von den Lehrern wegen der geringeren sozialen Stellung schlecht behandelt und selten dann selbst böse den Schülern gegenüber, wenn der pion nicht von den Youngsters dauergeärgert wird: Aggressionen werden weitergereicht. "Pion" heißt auch auf Französisch die Schachfigur, die "Bauer" auf Deutsch heißt. Und ich sehe vor meinem inneren Auge einen richtigen Bauern mit Rest vom Kuhfladen an den Stiefeln, schlammgrüner Cordhose, Stroh in der groben Strickjacke überm karierten Holzfällerhemd, kurz: ein Gemüt von einem Kerl, der leider von den Schülern geärgert wird, während er auf dem Hof Aufsicht führt. Also: "Der Bauer steht als pion auf dem Schulhof".

Und dann ist da noch der Springer, die Figur mit den Pferdeohren, auf Französisch "le cavalier" (Reiter). Das ergibt bei mir das Bild: Der "cavalier sieht durch die Pferdeohren hindurch und springt (über ein Hindernis). Das Bild ist das Schwächste, weil am wenigsten abstrakt, dafür ist das Pferdchen bei den meisten Schachspielen nicht zu übersehen.

Dass es so detailliert wird im Publikumsgespräch ist zwar höchst unwahrscheinlich, aber jeder Auftrag ist mir willkommener Anlass zum Erlernen und/oder Wiederholen von Begriffen und Redewendungen. Und so "blitze" ich immer wieder kurz meine Assoziationen in ruhigere Passagen des Films "hinein" (und denke mir dazu auch die Worte). Ich verknüpfe und lerne und gewinne an Sicherheit für das anschließende Gespräch: eine offene Flanke weniger. (Und ich beschließe, dass ich die Sprünge später lernen kann, wenn ich mir von meinem Patensöhnchen das Schachspiel beibringen lasse ...)


Das Publikumsgespräch ist dann auch entspannt, filmisch, die Gäste sehr sympathisch (und Mme Bonnaire schaut mich so aufmerksam an, als würde sie gerade für eine nächste Rolle die Wirkung einer Dolmetscherin studieren). Dann wird das Gespräch doch noch "schachlich" — ganz am Ende. Nathalie von Bernstorff, die Medienbeauftragte der Botschaft, hat die Veranstaltung schon abzumoderieren versucht, da stellt ein Mann von der Empore noch eine ellenlange Frage, lobt hier ein gefilmtes Spiel, vergleicht dort einen Blick mit einem Gesichtsausdruck des russischen Gegners von Bobby Fischer bei den Schachweltmeisterschaften 1972 in Reykjavík und was der Details mehr sind. Meine Finger hetzen übers Papier, Namen, Orte, Daten, um am Ende einigermaßen hinterherzukommen, denn der Redner, der nach langen Kommentaren zwei kurze Fragen stellt, es ist der Toussaint-Übersetzer John Lambert, mag seine Frage dann leider doch nicht auch noch auf Deutsch stellen. So bekommt das Ganze so kurz vor dem Abpfiff den Anstrich einer anstrengenden Veranstaltung, und dank der üblichen Dolmetschernotizentricks, Routine und Gelassenheit bekomme ich am Ende sogar noch Szenenapplaus. Die ganze Aufregung im Vorfeld war indes nicht nötig; das Mundwerk, das ein besonderes Handwerk ist, war wieder einmal 'verlässlich', ich habe mit einer visuellen Blitzlernmethode einige starke Vokabelbilder zum Thema Schach gewonnen und einen sehr schönen Gesprächsabend erlebt.


Merci beaucoup, Bertina Henrichs, Caroline Bottaro et Sandrine Bonnaire !

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Schöne Feiertage!

Ruhige und entspannte Tage wünsche ich - und einen guten Start in ein friedliches, gutes neues Jahr!

Freitag, 20. November 2009

Filmdolmetschen - ein Interview

Dieses Wochenende findet in Berlin die große Ausstellung zum Erlernen von Fremdsprachen statt, die Expolingua, deren Sonderthema "Dolmetschen und Übersetzen" ist. Die Veranstalter haben einige Kollegen interviewet, darunter auch mich. Da ich im letzten Vierteljahr als Dozentin und Journalistin gearbeitet habe und dieses Blog hier ein wenig ruhen musste, nutze ich die Gelegenheit, das Interview hier vorab zu veröffentlichten.

Wie kamen Sie auf den Arbeitsschwerpunkt Medien und Theater und was bedeutet das konkret?
Von Hause aus Journalistin, die Kino und Theater schon immer faszinierten, bin ich da reingeschliddert. Ich arbeite wie andere Profis der Informationsvermittlung, kurz: lesen, bewerten, lernen - und Filme sehen. Da ich an Berichterstattung, Filmherstellung oder Gastspiel mitwirke, muss ich die Sprache der Medien und ihre Darstellungsformen aus dem Effeff beherrschen, denn je nach Verwendung fasse ich mal mehr zusammen, wenn ich beim Reportagedreh im Arbeitsprozess für den Redakteur konsekutiv dolmetsche, oder bin wörtlicher, wenn ich für Journalisten ein Interview übertrage - und wieder ein andermal sitzt mir der deutschsprachige Radiohörer im Kopf, für den muss ich auf den Punkt texten. Last but not least brauche ich Ausdauer, wenn ich einen ganzen abendfüllenden Spielfilm oder ein Theaterstück alleine "bestreite". Zur Vorbereitung erhalte ich Texte und oft auch DVDs, dennoch: hier ist Routine das wichtigste Gepäck.

Welche Herausforderungen erwarten Dolmetscher am Filmset?
Am Set muss ich wie die Schauspieler geduldig sein, gemäß dem Bonmot: "We're paid for waiting, performance is for free!" Von einem Moment zum anderen geht's dann los und voller Einsatz ist gefragt, weil ein Team von bis zu 60 Leuten auf die Verdolmetschung wartet. Am besten wartet aber niemand: Weil ich die Abläufe kenne, habe ich längst en passant alles für meinen Schauspieler Wesentliche gedolmetscht und flüstere ihm simultan rasch die Ergänzungen zu. Denn verstünde er, was am Set gesprochen wird, er hätte immer mal wieder das Ohr gespitzt, um über den Fortgang der Dinge auf dem Laufenden sein. Das sind zum Beispiel das Wetter, das möglicherweise den Drehplan ändert, oder aber die Umsetzung des Buchs in Bilder ("Auflösung") wird überarbeitet, wodurch ein Requisit oder eine Geste entfällt, die vielleicht beim Textlernen als "Anker" von Bedeutung gewesen sind. Ich muss nicht nur Abläufe kennen, sondern auch Arbeitsweisen und Fachjargon.

Braucht man für die Arbeit als Dolmetscher und Übersetzer im Medienbereich eine zusätzliche Ausbildung?
Ich wüsste nicht, welche Schule das unterrichtet. (Sie lacht.) Im Ernst, der Markt ist überschaubar, da würde nicht mal ein Viertel eines einzigen Abschlussjahrgangs unterkommen. Wer bei uns landet, hat definitiv mit beidem zu tun - entweder lag der Ausbildungsschwerpunkt auf Dolmetschen, oder aber auf Medien. Dann kommt Berufserfahrung im eigenen, aber auch im jeweils anderen Feld hinzu, ich denke, das ist das schwierigste. Oder aber jemand hat großes Interesse, sich alles selbst angelernt, viel übersetzerische Erfahrung im Feld, eine geschulte Stimme. Mit den Jahren kommt dann die Routine. Das ist wie mit Wein, der muss auch reifen. Selbst die Routiniertesten von uns lernen stets weiter. Es gibt Dinge, die mir heute noch ihren gehörigen Respekt einfordern, bei denen ich noch zurückschrecke ...

... das wäre?
Ich habe erst wenige TV-Livesendungen gedolmetscht.

Warum haben Sie sich auf die Medienwelt spezialisiert? Was ist besonders spannend in diesem Bereich?
Die Spezialisierung war nach zehn Jahren im Beruf einfach da, derlei kann man nicht planen, sondern das Talent entdecken, so es einem beschieden ist, neben schwierigen Klienten in Momenten öffentlicher Rede zu überzeugen. Das klingt jetzt unbescheiden, war aber so. Anfangs habe ich gelitten, weniger wegen der Stars, sondern wegen des Publikums, aber Lampenfieber lässt nach. Ich sehe inzwischen nur noch mein Gegenüber, den Menschen hinter Maske oder klingendem Namen, und das scheint sich auch zu vermitteln. Nicht selten essen wir vorab gemeinsam oder ich spiele die Stadtführerin; manchen haben wir schon zu Hause bekocht. Mitunter muss ich dann bei Publikumsgesprächen aufpassen, dass es nicht zu vertraut wird, zum Beispiel bei Nachwuchsstars, da hab ich schon Antworten sacht abgebrochen um jemanden vor sich selbst zu schützen. Hier kommen mir mein Beruf als Journalistin zugute: Interviewroutine und ein Bewusstsein für das, was Öffentlichkeit bedeutet.

Gibt es ein besonderes Erlebnis bei Ihrer Arbeit, das Ihnen immer in Erinnerung bleiben wird?
Et oui, mon ami Claude ! Chabrol dolmetsche ich seit zehn Jahren, und es ist immer ein Spaß, weil Monsieur vom ersten Moment an Regie führt und die ganze Situation nicht richtig ernst nimmt. Einmal hab ich offenbar bedröppelt ausgesehen, da hatte ich Liebeskummer, und Monsieur hat in den Pausen versucht, mich wieder aufzubauen. Im Lauf des Tages fing er an, von seinem Sohn zu schwärmen, der oft in seinen Filmen mitspielt, so auch hier, und er habe auch grad Herzeleid. Und in der Pause lungerte der plötzlich im Flur bei den Getränken rum und fragte mich: "War es sehr peinlich, als mein Vater mich angepriesen hat?" Wir haben herzlich darüber gelacht ... Einen Berlinale-Film später kam von einem Journalisten die Frage, warum Chabrol fast jährlich einen Film mache. Um zu vergessen, dass er eigentlich mit dem Sterben dran sei, sagte er darauf. Und weil er immer auflebe, nein, wirklich lebe, wenn er Filme mache, umgebe er sich immer mit seiner Familie. Etliche Gewerke seien daher von Familienmitgliedern besetzt, so auch hier, die Dolmetscherin gehöre auch dazu.

Und was haben Sie da gesagt?
Ich? Als Dolmetscherin bin ich Sprachrohr und muss übertragen, was der Interviewte sagt, und darf es nicht durch Grinsen oder Richtigstellung kommentieren. Der Journalist kannte den Chabrol-Modus, Monsieur ist berühmt dafür ...

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Umschalten

Wir sitzen in den Vorzimmern der Macht. Eben noch geht es um Fragen der aktuellen Politik, da wird, als die Getränke hereingebracht werden, die Runde ein wenig privater. Der Gastgeber erzählt, dass seine Lebensgefährtin seit einigen Wochen lebensbedrohlich erkrankt ist, es fallen Worte wie Hinterhauptsloch, drohende Querschnittslähmung, Intensivstation. Alle schweigen, sind in sich gekehrt. Ich muss sprechen. Für mich als Dolmetscherin ist der Wechsel des Themenfelds von Koalitionsthemen und Verfassungsrechtlichem hin zu medizinischem Fachvokabular hart. Mein Hauptproblem: eines dieser Worte, eben jenes Hinterhauptsloch (le trou occipital), kenne ich nur vom Lesen; ich zögere wegen Unsicherheiten in der Aussprache.

Auch den anderen fällt es offensichtlich schwer, umzuschalten, die vertraulichen Informationen bewegen alle Beteiligten. Zumal, wie sich später herausstellt, jeder der Anwesenden an einen Menschen in seinem Umfeld denkt.

Im Gespräch konzentriere ich mich auf die richtigen Worte aus einem ungewohnten Bereich. Erst beim Verlassen des Raumes erfasse ich die Bedeutung richtig, die Gefühle zum Gesagten überfallen mich wie eine kalte Dusche. Geschützt im dunklen Dienstwagen, auf der Fahrt in ein anderes Ministerium, weine ich leise.

Freitag, 25. September 2009

Wahlkampfreden

Schön, dass Sie hier gelandet sind, beim 1. deutschen Weblog aus der Kabine einer Dolmetscherin. Mitunter dolmetsche, übersetze und texte ich aber nicht auf den klaustrophobisch engen zwei Quadratmetern einer solchen Kabine, denn gerade der Schwerpunkt Medien bringt mich immer wieder an besondere Orte. 

So wenig Platz war selten — vor dem Brandenburger Tor drängen sich die Menschen. Der Wahlkampf geht in die Zielgerade, und bevor wir morgen weiterfahren zur Kanzlerin, stehen wir auf der Pressetribüne auf dem Pariser Platz und hören dem Vizekanzler zu. Auch hier ist es eng: Wenig Podeste wurden rasch zusammengeschoben, darauf zwei Reihen Kameras, dahinter die Journalisten. Neben uns macht die Dame von Phoenix ihren Aufsager, einen halben Ellenbogen weiter steht Spanien, dann Kanada, also wir, direkt hinter dem ZDF. Ich bin für die Zeit des Wahlkampfes in meinen alten Beruf zurückgekehrt und dolmetsche auch dabei.

Während ich rede, merke ich, dass der spanische Redakteur immer näherkommt. Schön, jetzt hören zwei mit. Wenig später tritt noch ein ausländischer Journalist hinzu, der offenbar kein Deutsch versteht ... Die unerwarteten Dolmetschkunden stören mich nicht, ganz anders die Spaßfraktion im Publikum, die alle paar Minuten ihre Jubelsalven gröhlt, daneben winkt sie mit Pappplakaten à la "MEHR ARMUT, MEHR STASI, MEHR DEMO, MEHR KRATIE". Beim ersten Mal finde ich es zumindest originell, beim zehnten Mal stört es massiv, ab dann muss ich versuchen, mich nicht aufzuregen. Die Gruppe, ein knappes Dutzend Leute, überbrüllt immer wieder kurz die Rede — und ich kann nicht richtig hören, was gesagt wird, muss die Gedankensprünge Steinmeiers mitmachen, was ohne Dolmetschtechnik (hier wäre das vor allem: Knopf im Ohr für die Rede) schon recht anstrengend ist, erahne aber seine Wortspiele, bei denen er stellenweise alte politische Schlachtrufe als Strickmuster für halbwegs ironische Kommentare von heute verwendet.

Diese Anstrengung steigert den 'Durchlaufeffekt' im Kopf, so dass ich wenige Minuten später nicht mehr weiß, wie er diese Wortspielerei betrieb, nur, dass vermutlich aufholen, ohne zu überholen (richtig rum?) der alte DDR-Slogan dazu war. Hoffentlich entwickelt sich am Schneidetisch morgen nicht der Wunsch, dass wir genau dieses Zitat nehmen, denn ich kenne nichts, das als Folie für die Kanadier funktionieren könnte.

Immer wieder mal drückt sich zwischendurch ein weggehender Kollege durch die Menge. Wir müssen aufpassen, weder einem Kameramann ins Gehege zu kommen, noch mit dem Fuß in die Spalte zwischen den Tribünenbausteinen zu geraten oder den Kollegen am Geländer über dasselbe zu schubsen.

In eine Pause hinein kommentiert Maxence, der kanadische Redakteur, meine Verdolmetschung. Was mir nicht bewusst war: Ich scheine auch meine "Sprünge" zu machen, analog zu den Gedankensprügen, und zwar immer wenn ich komplizierte Worte gefunden habe oder eine nachdrückliche Bewegung mache, um ein Satzende nonverbal zu unterstreichen.

Es geht natürlich nicht an, wenn in Spanien oder Kanada wegen der Dolmetscherin das Kamerabild bebt ...

Im zweiten Teil der Rede konzentriere ich mich also darauf, meine expressive Körpersprache flachzuhalten, die Brüller zu überhören, das Gedränge zu akzeptieren und natürlich die Müdigkeitsanfälle zu überwinden. Nach gefühlten vierzig Minuten ist die Sache zu Ende. Und ich mische mich mit dem Kameramann unters Volk und gebe wieder die Pressefrau: micro-trott' oder vox pop. Morgen geht's zur nächsten Veranstaltung, und die Nacht auf Montag wird kurz: durch die Zeitverschiebung arbeiten wir bis spät in die Nacht, um auch Kanada wissen zu lassen, von wem in den kommenden vier Jahren Deutschland regiert wird.

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Foto: Das sah mir dann doch zu sehr wie mit der Quadriga
gekrönt aus ;-) ... also verwerfen oder weiter an der
Schraube drehen. Letzteres tat ich mit be funky.

Freitag, 18. September 2009

Autorenlesung für Schüler

Als meine Generation Kind war, lange vor der Internet-Ära, gab es nur wenige Fernsehsendungen für unsereinen. Die Programmschiene hieß demnach auch "die Kinderstunde" und ist heute ebenso wie das Testbild aus Fernsehalltag und Sprachgebrauch verschwunden. Also wurde oft gelesen.

Lesende Kinder sind heute nicht mehr selbstverständlich. Daher hat sich das Internationale Literaturfestival Berlin (ILB) verdienstvollerweise auch der jungen Leser angenommen. Vor- und Nachmittags gibt es im Haus der Festspiele in der Schaperstraße, aber auch in einigen Schulen, Begegnungen mit echten Autoren. Der Ablauf der Veranstaltungen ist wie sonst auch: Einleitende Worte, Lesung von Ausschnitten aus dem Buch, Diskussion mit dem Publikum. Viele Autoren kommen aus dem Ausland, also sind auch Dolmetscher mit von der Partie.

Von allen Lesungen des ILB sind mir die Kinderlesungen am liebsten. Bei diesen Veranstaltungen ist auch noch eine "Gastgeberin" mit von der Partie, die moderiert und den Überblick über die vielen Kinderfragen behält. Shelly Kupferberg heißt die meistbeschäftigte Kollegin, die mit bewährt guter Laune auch jene zum Fragestellen anstiftet, die sonst eher in der Ecke sitzen. Die Themen der Lesungen sind breit gefächert und spiegeln die Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen wider. In "Was ist bloß mit Opa los?" thematisiert Wally de Doncker die Alzheimererkrankung eines Großvaters. Nach den Lesungen findet im Foyer eine Autogrammstunde statt. Zwischen den Lesungen steht das Team dort manchmal rum und plaudert ... und mein Auge fällt auf ein liegengebliebenes Stück Papier ... ganz offensichtlich hatten wir heute wieder Leseanfänger zu Gast. Wie schön!

Donnerstag, 17. September 2009

Perspektive und Details

Noch ein P.S. zu improvisierten Dolmetschern.

Auch hier bin ich Zuschauerin und beobachte: Der Mann, der da vorne übersetzt, sagt die ganze Zeit "sie meint", "sie findet", "sie beabsichtigt", wenn es an die Übertragung des Gesagten geht. Wir befinden uns auf einer Autorenlesung - oder ist es eine Filmpremiere? Auf jeden Fall steht neben der Künstlerin jemand, der kein gelernter Dolmetscher ist.

Hier arbeitet einer, der sich nicht traut, das "je" des ausländischen Gasts mit "ich" zu übersetzen. Damit bleibt er auf Distanz, wie seine Perspektive - und er macht die zu dolmetschende Person zum Objekt, dabei ist sie doch das Subjekt des Gesagten.

Ein Dolmetscher ist ein Sprachrohr, ein Medium. Dolmetscher sollen eins zu eins übertragen, damit derjenige, der die fremde Sprache eigentlich nicht versteht, sie eben doch versteht. Außerdem sind Nuancen wichtig, denn sie geben den Aussagen ihren ganz individuellen Charakter. Damit das klappen kann, haben wir Dolmetscher unsere eigenen Techniken, angefangen bei der richtigen Perspektive bis hin zur Kunst, die richtigen Notizen zu machen (und sie danach richtig zu interpretieren) ...

Dann fasst der Mann, der da vorne übersetzt, zusammen, lässt Details weg, belanglos wirkende Nebensätze, die schmucklos und bescheiden daherkommen, zarte Worte in der Schwebe, die auch jemand, der die Sprache des weiblichen Gasts versteht, möglicherweise zunächst überhört. Aber am Ende haben wir Sprachkundigen diese so vielsagenden Wortchen eben doch wahrgenommen, sie geben dem Gesagten sein Parfum, das Lokalkolorit, den künstlerischen Eindruck - und vermitteln Stil.

Dem improvisierten Übersetzer sind sie möglicherweise nicht entgangen, er hat sie aber vielleicht im Stress für nicht übersetzenswert erachtet. Jenen, die auf die Übertragung in eine andere Sprache angewiesen sind, wird dabei zu viel vorenthalten, finde ich. Schade.

Und am Ende doch noch ein Beispiel: Eine Dame erzählt von ihrem Mann, der nach einer langen Krankheit verstarb. Sie sagt: "Für mich war der Strauch im Garten immer wie ein Symbol für ihn. Er wuchs und wuchs, selbst, wenn wir ihn radikal zurückschnitten, was wir manchmal mussten: Er kam immer wieder. Er war so stark."
Der Mann, der da vorne übersetzt: "Immer, wenn sie den Strauch im Garten sieht, muss sie an ihn denken, den haben sie immer zusammen beschnitten."

Mittwoch, 16. September 2009

Schuster, bleib bei deinen ...

Dieser Tage bin ich viel beim ILB, dem internationalen Literaturfestival Berlin. Dort sind mal mehr, mal weniger Zuschauer zugegen, die Bücher der Autoren wurden gerade oder schon vor längerem veröffentlicht, je nach Thema des Abends, und Fachleute moderieren, Schauspieler sprechen, Dolmetscher dolmetschen. Das Publikum schwankt von 30 Menschen im Clubraum des Institut Français mit Marie Darrieussecq bis zu gefühlten 400 950 (!) in der fast vollen früheren Freien Volksbühne bei einer Schülerlesung mit Azouz Begag. Und vor Beginn und manchmal auch zwischendurch gibt es musikalische Akzente, die Berufsmusiker setzen.

Dann verirrte ich mich gestern Abend in einen Buchladen, weil man am Eingang mit einer französischen Autorenlesung zu einer Neuerscheinung lockte. Nun, Buchladen nennt sich das Geschäft nicht, eher etwas mit Kaufhaus, aber der Besitzer macht im Leben noch was anderes, und zwar das, was mal auf Österreichisch (früher?) eine "Aufräumerin" nannte, das ist eine Dame, die vor allem putzt - das betreibt jener Ladenbesitzer hauptberuflich im großen Stil.

Die Veranstaltung steuerte schon aufs Ende zu. Drei Menschen saßen auf der Bühne: Autor, Moderator, Schauspieler. Der Schauspieler sprach und machte seine Sache hervorragend, er ist ja ein Profi. Dann sprach der Autor, auch er kann seinen Job, und mehr noch, er spricht auch sehr gut. Dann war der Moderator dran. Er fasste die Worte des Autors zusammen, stellte auf Deutsch eine neue Frage und resumierte dann auf erweitertem Schulfranzösisch (Frankreichurlaub?) seine Frage.

Das Gespräch schien abgesprochen zu sein, Stichworte genügten dem Autor und lösten neuen Redefluss aus. Der Moderator schrieb sich dazu nur ein, zwei Worte auf, was mich ein wenig verwunderte. Woher denn seine Nähe zu Märchen käme, war eine der letzten knappen Fragen. Die Antwort indes fiel höchst differenziert aus. Er habe, so der Autor, als Student der Psychologie im Studium, sich an langatmiger Fachliteratur überfressen, zum Beispiel an Werken von Lacan. Da hätte er die Märchen von Montesquieu und Voltaire immer als Erholung empfunden, nicht zu vergessen das Buch "Der kleine Prinz", das ja hier sicher auch alle kennen würden.

Und der Moderator "übersetzte" etwas wie: "Er hat viele Bücher gelesen von einem gewissen Lacan, wenn ich den Namen richtig verstanden habe, und von Montesquieu und Voltaire und 'Der kleine Prinz' kennen Sie ja alle auch ..."

Monsieur Lacan kommt also in Berlin als Märchenerzähler zu unverhofften Ehren. Der Raum war übervoll, die Leute standen zum Teil oder hockten auf der Treppe. Niemand protestierte. Dann bildete sich eine Schlange für die Autogrammstunde.

Donnerstag, 10. September 2009

Autorenlesung vs. Signierstunde

In deutschen Kultureinrichtungen und in vielen Buchläden werden regelmäßig Autorenlesungen veranstaltet. In Frankreich ist derlei fast unbekannt, dafür ist die Signierstunde dort sehr beliebt. Beim ILB, dem Berliner Internationalen Literaturfestival, erlebe ich die Verbindung aus beidem.

Wir sind im Berliner Kino Babylon am Rosenthaler Platz, einem wunderbaren Haus aus den späten 1920er Jahren, von Hans Poelzig im Stil der Neuen Sachlichkeit erbaut und um die letzte Jahrhundertwende mit viel Liebe zum Detail restauriert. Hier ist heute Philippe Djian angekündigt, der einst wilde und vom literarischen Estabishment wenig anerkannte Schriftsteller, auf den die Buchvorlage für den legendären Film "Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen" von Jean-Jacques Beineix zurückgeht.

Wir Beteiligten sind gehalten, spätestens zwanzig Minuten vor der Lesung am Ort des Geschehens einzutreffen. Doch diesmal warten wir vergebens - wer nicht erscheint, ist Djian. Wir warten zehn Minuten über die Zeit, dann hilft es nichts: Wir müssen anfangen! Erst wird live etwas Musik gespielt, dann folgen einleitende Worte, an dritter Position wäre unser Gast dran. Die Chose mutiert kurzzeitig zum Gespräch im Hause Poelzig über den abwesenden Herrn Djian, da tut sich die Tür auf und mit großem Aplomb erscheint der Erwartete auf der Bühne ... Effekt garantiert. Lesung und Gespräch geraten erwartungsgemäß friedlich und unspektakulär, wenn ich davon einmal absehe, dass ich meine liebe Mühe mit dem Dolmetschen hatte, weil etliches des Gesagten mir nicht immer logisch erschien.

Wie bekannt und beliebt der Autor ist, merke ich spätestens bei der anschließenden Signierstunde. Für jede Form sprachlicher Unterstützung sitze ich neben dem Literaturstar und assistiere. Eine Schlange aus über 100 Menschen bildet sich, am Ende stehen etwas über sechzig Minuten Lesung neunzig Minuten Signier"stunde" gegenüber. Und was die Leute nicht alles dabeihaben! Einer lässt sich sogar sein Lesezeichen signieren, ein anderer den abgelaufenen Reisepass. Etliche halten fast sämtliche auf Deutsch erschienene Ausgaben des Autors unterm Arm sowie Exemplare, die Freunden oder Bekannten gehören, die "heute leider nicht kommen konnten" ... und für alle Fälle hat ein Buchladen auch noch einen Büchertisch aufgebaut, an dem die Wartenden vorbeimüssen.

Am Ende war die anderthalbfache Signierstunde deutlich anstrengender als das Stündchen Lesung plus Gespräch! Die Einladung einiger Fans, ihm das nächtliche Berlin zu zeigen, hat Djian denn auch ausgeschlagen. Auch einstige Wilde brauchen ihre Erholungsphasen!

Sonntag, 6. September 2009

Pause

Aufgrund zahlreicher, intensiver Einsätze und der Schuleingewöhnungsphase meines Patenkindes, die ich auch begleite, pausiert dieses Blog einige Tage länger als ursprünglich vorgesehen! Auf bald ...
Caroline

Montag, 3. August 2009

Urlaub

Vom 01.-28.08. sind wir im Urlaub. Sie erreichen uns weiterhin mobil für Anfragen außerhalb dieses Zeitraums.