Donnerstag, 4. Februar 2010

Der Dolmetscher, der doch einer war

Dolmetscher sind wie Produktionsleiter - ihre Arbeit fällt nur dann auf, wenn sie nicht gut gemacht ist. Was als Einwurf für Filmleute gedacht war, die unsereinen nicht so recht einschätzen können und auf den Gedanken verfallen, die PR-Mitarbeiterin, die vor dem Studium ein Jahr in Paris zugebracht hat, könne für den Chef des Festival du Film de Cannes mal eben so simultan Filme einsprechen (Gruß nach München!), hat erschreckend Aktualität gewonnen.

Seit dem 15. Januar lachen viele YouTube-Nutzer, etliche Blogger kommentierten bereits das Sprachvermögen eines Unbekannten, als die Kabinenkatastrophe einen halben Monat später auch die Süddeutsche Zeitung erreichte: sehr wohl fiel die Leistung eines völlig überforderten Dolmetschers aus Südostdeutschland auf, der die Worte von Michaels Schwester La Toya Jackson bei einer kurzen Rede anlässlich des Semperoperballs verhunzte, statt zu dolmetschen. Zugegeben, Frau Jackson gehört zu den berüchtigten Hochgeschwindigkeitssprechern, aber als ich den Ausschnitt der Sendung sah, die der MDR live übertragen hatte, war ich trotzdem entsetzt, und fragte mich betreten zusammen mit Arbeitskollegen auf internen Foren: "who done it?" Vermutlich eher der Hausmeister, als der Gärtner, denn ob die Semperoper über Gärten verfügt?

So muss echtes Angelsächsisch klingen - so klingt vor allem jemand, der wirklich kein Dolmetscher sein kann. Mein ganzer Ärger galt dem Sender bzw. jenen Einzelverantwortlichen, die wieder einmal den Dolmetscher zuletzt gebucht und möglicherweise im Honorar gedrückt hatten - oder denen entgangen war, dass ihr Dolmetscher eine Grippe ausbrütet, der dann höchst dramatisch im letzten Moment aus den Schuhen kippt, weshalb besagter Hausmeister in die Bütt' musste oder ein anderer älterer Herr von dem man weiß, dass der mal in England gewesen ist.

Kalauer beiseite, was nach elder Statesman klingt, ist zumindest kein junger Mensch mehr, und er arbeitet tatsächlich als Dolmetscher, erfuhr ich heute aus der Leipziger Volkszeitung. Die sächsische Stimme von Frau Jackson, Arndt Spindler aus Freiberg, gibt dort Folgendes als Ursache des Problems an: "Während der Danksagung von La Toya Jackson war neben ihrer Stimme meine eigene zugeschaltet. Ich habe also mich gehört und konnte die Dame nicht mehr richtig verstehen."

Die Antwort befriedigt mich nicht ganz. Wieso sitzt der Mann für Englisch in der Kabine, wo er im Berufsverband doch für Russisch und Polnisch auf der Liste steht? Wieso gab es keinen Technik-Check, da hätte die Fehlschaltung auffallen müssen? Was war zu Beginn der Verdolmetschung los, das klingt wie ein Fehlstart, als hätte man eine andere Kabine gehört (eine Frau) ... wo saß der Techniker - nicht in Sichtweite? Er hätte reinhören und reagieren müssen! Wieviel Medienerfahrung hatte der Mann? Und zu welchem Honorar wurde er mit welchem Vorlauf engagiert?

Es bleiben Fragen angesichts so vieler Ungereimtheiten!

Kommentare:

Lukas Ormer hat gesagt…

Durch die Suche nach Infos zu dem Übersetzer bin ich eher zufällig auf Ihre Seite gestoßen und habe mich gerade durch Ihr Archiv geklickt. Sehr interessantes Thema, das ich so bisher noch nicht kannte. Freue mich auf weitere Beiträge von Ihnen.

caro_berlin hat gesagt…

Ein spätes, nicht minder herzliches Dankeschön!