Montag, 1. Februar 2010

Frage: Wie werde ich Filmübersetzer?

Bon­jour auf den Sei­ten mei­nes Blogs aus der Spra­chen­welt. Wie schon letztes Jahr antworte ich vor und zum Teil auch während der Berlinale auf Leserfragen. Den Anfang macht eine junge Frau, die in Wien studiert.

Sehr geehrte Fr. Elias!



Ich werde dieses Jahr mein Spanisch und Linguistik Studium in Wien beenden und habe schon seit längerer Zeit versucht Informationen über den Beruf des Film Übersetzers und den Möglichkeiten diesen auszuüben herauszufinden. Dabei bin ich jetzt auf Ihren Artikel in Germanopolis gestoßen und wollte Sie fragen, ob Sie mir einen Rat geben könnten, was ich tun muss oder kann, um dieses Ziel zu erreichen. Danke im voraus!



MFG Romana

Liebe Romana,



der Artikel bei Germanopolis ist nur insoweit von mir, als dass es sich um eine Zusammenfassung eines Vortrags handelt, den ich vor Jahren in der Humboldt- Universität zu Berlin gehalten habe. 



Dass Sie sich für unseren Beruf interessieren, finde ich schön. Indes, "Filmübersetzer und -dolmetscher" ist kein Beruf, sondern eine Spezialisierung, die sehr mühsam zu erlangen ist — wie alle Spezialisierungen, denke ich. Der dazugehörige Grundberuf lautet "Übersetzer und Dolmetscher" und wird heute im Studium oft zusätzlich belegt — oder eben in der neuen Form als Master, nach einem Bachelor in Sprachen, wobei eine grundständige akademische Ausbildung (oder das, was die Franzosen cycle long nennen) meiner Meinung nach mit dem neuen BA- und MA-System nicht zu vergleichen ist. (Ich selbst habe zwar nicht sehr lange Dolmetschen studiert, aber lange studiert und dann einen Beruf gelernt und ausgeübt, und das im Land meiner zweiten Sprache.)



Viel Fachliteratur ...Dann ist es wichtig, gut und gerne zu übersetzen und zu dolmetschen und sich auch in der Muttersprache ständig mit viel Liebe zum Wort weiterzubilden.
Paradoxerweise funktioniert das auch über das Selberschreiben. Dazu kann ich Ihnen nur raten, ohne gleich anderweitige Ambitionen zu entwickeln ...


.
Sie ahnen es wohl schon: das alles braucht Jahre, die arbeitsam, anstrengend und entbehrungsreich sein können.



Welche Sprache ist Ihre Muttersprache? Sie sollten sich ernsthaft die Frage stellen, wie viele Drehbücher in ihre Muttersprache übersetzt werden, ob es im Land ein großes Festival gibt usw., um die wirtschaftliche Tragfähigkeit einer solchen Entscheidung zu prüfen. Und dann ist es natürlich Grundvoraussetzung, ein Filmfreak zu sein, viele Festivals zu besuchen, zu sehen, zu lesen und zu lernen ... sich als Praktikant auf dem Set herumzutreiben und zu schauen, bei welchen Kursen an der Filmhochschule auch Gasthörer zugelassen sind.



Soviel zum Filmschwerpunkt — indes, kaum jemand in unserem Bereich hat nur einen Schwerpunkt, es sei denn, er oder sie ist festangestellt. Auch ich habe weitere Fachgebiete, in denen ich arbeite, aber die Medien bilden schon meinen Schwerpunkt.



Bei den meisten Kolleginnen und Kollegen stellt sich übrigens irgendwann auch in der Arbeit ein Schwerpunkt heraus, am Ende übersetzen die einen mehr, die anderen sie verbringen mehr Zeit in der Kabine. Mein Weg aus der Medienpraxis in die Vermittlung — ich unterrichte auch — ist sehr selten. Ebenso ist es selten, dass jemand wie ich gleichermaßen dolmetscht, übersetzt und selbst schreibt. Ich kenne sonst niemanden, der so arbeitet ... 



Entgegen der landläufigen Vorstellung hat der Schwerpunkt Film und Medien übrigens wenig Glamouröses zu bieten. Klar, ich treffe auf Stars, aber in der Arbeit sind es "Menschen wie du und ich", und da werden nur die Ärmel hochgekrempelt.



Auch Filmparties waren gestern. Seit ich Festivals vor allem als Dolmetscherin besuche, bekomme ich keine Einladungen mehr zu Empfängen, oder nur noch ganz selten. Ich sage es mal mit dem bösen Wort, das angeblich auf einen früheren Botschafters aus dem Bouquet der Frankophonie zurückgeht: "On ne demande pas les laquais à sa table" — man bittet seine Lakaien nicht zu Tisch oder frei übersetzt: man lädt Lakaien nicht zu sich zum Essen ein.

Dieser Satz sagt sehr viel darüber aus, wie viel Verachtung uns Dolmetschern auch entgegenschlagen kann, wenn wir für andere "nur" Sprachrohr sind, das ist das Anti-Glamour-Programm. Ich stehe drüber ... nun, meistens, so ehrlich muss ich sein, und kompensiere durch journalistische Arbeit und den einen oder anderen Film, den ich alle zwei Jahre koproduziere. Als ich "nur" Filmmitarbeiterin war, tanzte ich übrigens auf (fast) allen Berlinale-Parties. 



Falls Sie weitere Fragen haben, erreichen Sie mich unter caroline(at)adazylla.de



Gruß,

Caroline

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Foto: C.E. (Nur ein halbes Brett eines
ganzen Filmbücherschranks ...)
Mehr zum Thema hier und hier.

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