Montag, 20. Juli 2009

Dolmetschmarathon

Was ich heute schreibe ist grenzwertig. Ich werde mich unbeliebt machen - und finde es im Grunde selbst nicht so gut. Aber ich muss es schreiben, denn es entspricht einer Erfahrung - und bestätigt am Ende doch eine wichtige Regel.

Und hier gleich die Regel: Wir Dolmetscher sprechen auf Konferenzen immer 20 bis 30 Minuten lang und dann übernimmt der Kollege bzw. die Kollegin. Bei vorbereiteten Vorträgen kann das schon mal abweichen, da erleichtert im Normalfall die Vorbereitung die Arbeit. Länger arbeiten wir auch beim Filmdolmetschen, z.B. auf der Berlinale, wo wir fürs fremdsprachige Publikum Wettbewerbsbeiträge simultan übertragen. Die Filme werden auch stets immer nur von einem Kollegen/einer Kollegin bearbeitet, wir bekommen im Vorfeld Untertitellisten, Dialoglisten und/oder Drehbücher. Aber hier stoßen wir mitunter an unsere Grenzen.

Grenzen, die ich bei meinem letzten Job, einem Filmseminar in Marseille, kaum gespürt habe. Kurz: Ich konnte ermüdungsarm bis zu drei Stunden am Stück ohne Ablösung dolmetschen. So, jetzt ist der Hammersatz draußen, der mich selbst erschrickt. Denn da wir Dolmetscher teuer sind, lässt ein solches Statement alle aufhorchen, die weniger Geld ausgeben möchten.

Und jetzt kommt auch gleich die Erklärung dessen, was ich gemacht habe, die letztendlich unsere gute, alte Regel bestätigt. (Für die Kolleginnen und Kollegen: Nicht aufregen, das ist gar nicht nötig!)

Worum ging's in Marseille? Um Dokumentarfilm, um Filmsprache, -ästhetik und -vermittlung. Ich selbst habe elf Semester lang Film und Filmsprache an Hochschulen unterrichtet, zwei Drittel meiner Kurse auf Französisch. Ich habe in der Filmproduktion gearbeitet und auf Festivals - und bin da heute einige Wochen im Jahr immer noch. Das Publikum unseres Filmseminars war mir sehr vertraut: Regisseure, Produzenten, Kinoprogrammmacher, Festivalmitarbeiter, Filmpädagogen, ein angehender Medienanwalt und Studenten/Absolventen - auch meiner "Heimatunis". Ich bin gewissermaßen mit Freunden gereist. Wir haben konzentriert miteinander gearbeitet, fehlende Worte (im Schnitt eins pro Stunde vom Schlage 'historischer Bilderbogen' oder 'Tierpräparator') wurden mir von Teilnehmern souffliert, von denen einige auch sehr gut die Partnersprache beherrschen. Das Ganze fand in entspannter Umgebung statt, es war eine Mischung aus Ferienstimmung - wir saßen im blühenden Hof unter Palmen - und einem schrägen Film - denn der Hof gehört zum katholischen Studentinnenwohnheim, in dem wir die Zelte aufgeschlagen hatten (und zu dem im Seminarmonat Juli auch Männer Zutritt haben). Als Dozentin hatte ich das Programm mit vorbereitet, wusste also, wen wir bzw. was uns erwartet. Alle Gespräche und Vorträge waren mündlich, es wurden keine Paper verlesen.

So sehe ich, wie groß eigentlich die Anteile dessen sind, was sonst stresst:
- fremde Fachtermini
- inhaltliche und räumliche Entfernung zu den Dolmetsch'kunden'
- förmliche, mitunter steife Atmosphäre
- inhaltliche Überraschungen
- geschriebene, hochkomplexe Texte

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Am wichtigsten sind und bleiben aber der erste und der letzte Aspekt. Wenn ich mir vor Konferenzen in wenigen Tagen ein neues Fachvokabular 'überhelfe', gelange ich damit nicht zu einer solchen Selbstverständlichkeit im Umgang, wie wenn ich Begriffe nutze, die mir seit Jahren geläufig, sind, und zwar passiv UND aktiv. Ich arbeite in diesen Fällen gewissermaßen aus dem Arbeitsspeicher, und wenn viele Unterprogramme mitlaufen, läuft ein Rechner bekanntermaßen langsamer und wird am Ende heiß. Anders ist, wenn er von der Festplatte her arbeitet - in diese Analogie zur Technik brachte ich meinen eigenen Kopf und fand das Bild auf Anhieb stimmig.
Außerdem war es ein Seminar der gesprochenen (und nicht der abgelesenen) Sprache - wer seine Gedanken zum Mitdenken vor anderen entwickelt, kann leichter zum Mitdenken in der anderen Sprache verdolmetscht werden.

Anders gesprochen: Bei Treffen mit Familie und Freunden empfinde ich es auch nicht als anstrengend, Fragen der Kindererziehung oder der Getränkewahl zu dolmetschen - Kaffe oder Tee, Orangensaft oder Wasser? Komplexe Themen wie good governance im Zusammenhang mit Entwicklungshilfe für Afrika ist was ganz anderes. Hier brauche ich nach 20 bis 30 Minuten zwingend die Ablösung, denn nicht zuletzt ist ja auch die Verantwortung sehr viel größer.

Und weil das Ganze in Marseille so wunderbar lief, habe ich an einem Tag nach dem Mittagsschläfchen noch knapp zwei weitere Stunden gedolmetscht. Ausnahmsweise. Den Rest der Zeit üben die Teilnehmer weiter ihre Fremdsprachenkenntnisse ...

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Zum Dolmetschmarathon kam es übrigens, weil ich vor und
nach dem Festival Drehbücher übersetz(t)e und vom vielen
Tippen meine Sehnen spür(t)e. So wollte ich beim Filmseminar
zwischen Simultan- und Konsekutivdolmetschen abwechseln
und hab dann einfach keinen Ausstieg gefunden. Voilà !

Samstag, 18. Juli 2009

Ultradiane Rhythmen nach Dolmetscheinsatz

Einmal mehr habe ich Hirnmuskelkater. Während manche Menschen diesen Zustand als Mittelding zwischen Aufgedrehtsein und Übererschöpftheit beschreiben, wo selbst der Nachtschlaf kaum Linderung bringt, kann ich in Phasen großer Anstrengung meist besser schlafen als in ruhigeren Wochen. Und ich schlafe auch zwischendurch: Im Flugzeug, Zug oder auf der Autorückbank, im Bett oder auf dem Sofa fürs Mittagsschläfchen oder sitzend in der Kabine.

Das klappt gut, denn ich höre auf meine innere Uhr. Diese setzt sich nach übergroßen Anstrengungen in der Art und Weise über mögliche Absichten hinweg, dass ich wie ein kleines Kind über den Tag verstreut oft kurz schlafen muss. Das Phänomen Schlaf folgt ultradianen Rhythmen: mehrfach täglich werden wir müde, und weil ich weiß, dass ich meinem Hirn Außergewöhnliches zumute, kämpfe ich mit eventuellen Absichten gar nicht erst gegen die Natur an, sondern organisiere alles so (sofern es klappt), dass ich Siesta halten und auch zwischendurch mal gut abschalten kann. Last but not least ist auch der Kinokurzschlaf erprobt und erfrischend - und keinesfalls als Aussage zur (ggf. mangelnden) Qualität der Streifen zu verstehen, im Gegenteil: "Im Kino schlafen bedeutet, dem Film zu vertrauen", wusste schon Jean-Luc Godard.

Im Kinoseminar, mit dem wir am Festival teilnehmen, bedeutet das konkret: Während alle am Nachmittag und Abend drei bis vier Filme sehen, komme ich im Durchschnitt nur auf 2,5 Filme, weil ich schlafen muss. Denn die Vormittage gehören der Seminargruppe: Phasen mit simultaner Verdolmetschung wechseln da mit Filmausschnitten und Gruppenarbeit ab, wobei wir Seminarleiterinnen diese Pausen oft zu Besprechungen nutzen. Und abends bin ich unter den ersten, die gehen. Während alle noch einen trinken gehen, klinke ich mich aus, höre ein bisschen France Culture und Deutschlandradio Kultur und sorge für ausreichend Schlaf: Sieben Stunden sollten es sein.

Zwei Nächte à neun bis zehn Stunden schlafe ich dann nach meiner Rückkehr. Das Einschlafen fällt schwerer, die Mattigkeit fehlt. Dabei ist mein Kopf tagsüber oft dumpf, die graue Materie fühlt sich besonders grau an. Viele bunte Dinge wirken blass, sprechen mich nicht an, klingen nicht so, dass es in mir ein Echo gibt. Ich ziehe mich zurück; nach acht Tagen Dolmetscheinsatz mit dem Seminar reduziert meine Aufmerksamkeit den Input. Es ist so, als hätte ich starke Schmerzmittel genommen. Und jetzt kann ich mich alle drei bis vier Stunden 20 Minuten lang hinlegen und spüre, wie das Hirn wilde Traumbilder abfeuert aus Worten, Assoziationen, Bildfetzen und Sätzen, die der Kopf simultan übersetzt. Dabei fühle ich meinen Körper oft nicht mehr richtig, der Arm, der seitlich am Rumpf liegt, fühlt sich plötzlich so an, als läge er quer über dem Bauch, die Wahrnehmung des eigenen Körpers verschiebt sich im Raum.

Gerne sähe ich mir meine Hirnströme nach einem solchen Einsatz mal an. Ich werde mich mit Wissenschaftlern in Verbindung setzen, die das auch interessieren könnte und die über einen Magnetresonanztomografen (MRT) verfügen.

Nach zwei Tagen mit geistiger Schonkost und viel Schlaf ist alles wieder im Lot. Was mich überrascht: Diese zwei Tage brauche ich gleichermaßen nach einer dreitägigen Konferenz wie nach den acht Tagen Filmseminar. Für mich bedeutet das: Meine Strategien zur Erholung zwischendurch sind gut entwickelt und es ist nicht die Dauer der Anstrengung, die alles entscheidet, sondern die Art der Anstrengung.

Montag, 13. Juli 2009

Im Hinterzimmer

So ein lautes Umfeld hatte ich lange nicht mehr bei der Arbeit: Wir sind in Marseille im Hinterzimmer eines Cafés - und liegen damit auf dem Weg zum Klo. Wir, das sind noch immer das Kinoseminar, ein französischer Regisseur als Gast, dazu Moderatoren, andere Filmemacher, Kritiker und Programmgestalter, Medienpädagogen und Filmmitarbeiter.

Dass es laut werden könnte, wussten wir bei der Vorbereitung des Termins. Aber das Café liegt in der Nähe des internationalen Dokumentarfilmfestivals von Marseille - für den Regisseur kein langer Weg. Draußen ist es jetzt sehr heiß, drinnen stickig. Und damit wir auch weiterhin Luft bekommen, bleibt die Tür offen stehen. Damit kommen auch die Geräusche herein. Erst tritt ein Straßenmusiker vor sein Publikum: Gitarre und Gesang, Bella ciao von der ... sagen wir mal nicht gerade sehr gekonnten Art und Weise. Dann gibt der Ober seine Bestellungen lautstark durch, bis er merkt, was wir tun: "Deux exprès et un croque monsieur!" Schließlich geht alle Naslang jemand aufs Klo: Wer an einem schwülen Sommertag dort den Händetrocknerpustefix anschmeißt, ist selbst Schuld. Aber wer kriegt das überlaute Summen ab? Wir! Und wer muss richtig unter dem Lärm leiden? Ich. Es ist anstrengend, denn ich darf nicht mal zwischendurch abschalten.

Nach der Veranstaltung sagen die Franzosen, dass sie die Deutschsprachigen beneidet hätten, denn diese konnten sich die Kopfhörer der Flüsteranlage nehmen und meiner Simultanverdolmetschung folgen. Rechts von mir saß Christoph aus Berlin; selbst er, der hervorragend Französisch kann, hörte am Ende meine "Fassung", denn der französische Filmemacher im schwarzen T-Shirt saß mit genau drei Leuten seitlichem Abstand zu weit weg für sein anstrengungsfreies, konzentriertes Hören. Doch solange ich noch die Stimme des Gesprächspartners UND meine eigene hören kann, ist alles gut. Den Redenden anzusehen und einen Teil seiner Worte unterstützend von den Lippen abzulesen, würde indes mehr Verlust als Gewinn bedeuten, denn von der Seite höre ich ihn eindeutig besser.

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Nein, ich habe nicht geklagt! Aber das ist kein Verdienst, dafür habe ich da im Hinterzimmer schlicht und ergreifend weder Zeit noch Energie. Ich spitze die Ohren und spreche ... und überhöre. Denn dann werden noch ein leeres Fass durch den Raum gerollt, Kinder angetrieben und ein Glas zerschmissen.
Eins ist klar: In ein Kneipenhinterzimmer gehen wir so schnell nicht wieder mit einer so großen Arbeitsgruppe.

Samstag, 11. Juli 2009

Dolmetschen fürs Kinoseminar

An Tag drei und Tag sechs des Lehrgangs in Marseille sind wir an einem spezifischen Ort für Kinomacher: In einem Kiezkino, das zugleich eine Tonmischung ist. Um uns herum der soziale Wohnungsbau - die Filmemacher, die hier vor vielen Jahren ein leerstehendes Häuschen zu Kino und Produktionsbüros umbauten, sind in einen Problemkiez gegangen.


Wir arbeiten zu Fragen der Filmanalyse, zeigen einander eigene Projekte, diskutieren. Draußen sind es gefühlte 30 Grad, drinnen steht bald die Luft. Hier ist es idyllisch, aber noch lauter als auf dem Hof, auf dem wir sonst arbeiten: Vor dem zweistöckigen Gebäude liegt Baugrund und wartet auf die Bagger, die sich jetzt noch in der Durchfahrt des benachbarten Zwölfgeschossers zu schaffen machen. Es rumpelt und pumpelt, kracht und knallt im Hintergrund: Rohre werden neu verlegt, und dazu muss erstmal der Asphalt weg. Verschärfte Arbeitsbedingungen also.

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Freitag, 10. Juli 2009

Idyllisch, aber laut

So viel Grün ist um uns rum! An Tag zwei der Studienreise sitzen wir im Hof eines katholischen Studentinnenwohnheims. Die wissbegierigen jungen Damen haben in den Semesterferien ihre Sachen gepackt und sind bei den Eltern, so können Festivalgäste hier einziehen. Das Haus ist ein wenig hellhörig und hätte einige Renovierungen nötig, hat aber seinen gewissen Charme und einen wunderbaren Hinterhof. Hier uns steht nicht nur der Oleander in voller Blüte ...

Ich dolmetsche simultan mit einer Flüsteranlage - die Teilnehmer hören den kompakten Teil des Programms, drei Stunden am Tag, per Kopfhörer, so sie mögen. Die Stimmung ist friedlich und entspannt. Fachleute, Studenten und Berufsanfänger beider Länder arbeiten hier zum Thema Filmkulturen und Filmvermittlung miteinander, dann besuchen wir noch regelmäßig das Marseiller Dokumentarfilmfestival.

Noch sprechen alle ein wenig langsamer, verdolmetscht zu werden ist für die meisten ungewohnt. Sie werden dann noch langsamer, hören mir auch zu, wundern sich darüber, wie ich gleichzeitig hören und sprechen kann. Ich bitte um mehr Tempo, denn zu langsam ist auch anstrengend: ich muss ja immer aufs (deutsche) Verb warten, bevor ich (auf Französisch) weitersprechen kann. Alles ist nicht nur ungewohnt, sondern auch noch ein wenig steif. Manch eine(r) spricht zu leise, ist die öffentliche Rede noch nicht gewöhnt.

Um uns herum zwitschert es vielfältig. Die Mauersegler (le martinet) sind hier fast den ganzen Tag aktiv, außer in der Mittagshitze. Aber es gibt viele Gesänge, die kenne ich nur aus dem Süden und kann die Vögel dazu nicht benennen.

In eine kurze Pause hinein hören wir plötzlich sehr klaren, lauten Gesang mit wunderschönen Trillern und zarten Verläufen. Wir lauschen andächtig dem Vogel. Und Am Ende erlaube erlaube ich mir einen Witz: "Pardon, das hab' ich nicht ganz verstanden, könntest Du das bitte nochmal sagen?"

Donnerstag, 9. Juli 2009

Flash back in Marseille

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Die Reise ging rasch weiter nach Marseille, und während in Berlin die Untermieterin die Blumen gießt, entdecken der Rechner und ich einen neuen Arbeitsplatz. Wir sind zu Gast bei Peuple & Culture, einem Bildungsverein, der ein Seminar über Dokumentarfilmkulturen und -pädagogik anbietet. Tag eins: Übersetzung des Programms und der pädagogischen Materialien, während im Nebenzimmer Teilnehmerlisten redigiert, gemeinsame Abendessen gebucht und die letzten Fotos für die Akkreditierungen beim Dokumentarfilmfestival FID ausgedruckt werden. Das Festival ist ein guter Anlass für einen Lehrgang, denn spannende Gäste sind bereits in der Stadt und 'schauen' auch bei uns 'vorbei'. Ergänzend zu den thematischen Arbeiten, zu Gesprächen, Filmanalysen und Erfahrungsaustausch gehen wir natürlich auch viel ins Kino. Da ist es sicher kühler als hier in dem Zimmerchen ... Kopf und Rechner laufen heiß! Pause!Als ich am Ende alles nochmal überfliege, steht meine Kollegin Cathy schon aufgeregt neben mir und will das Ergebnis sofort haben. Da fühle ich mich wie ein Prüfling, und habe den gleichen mulmigen Druck im Magen wie einst im "maison des examens". In Paris gibt es ein extra Prüfungshaus zusammen für alle Unis, wo Studenten in leeren Räumen an Einzeltischen ihre Prüfungen schreiben - nur sieht es dort eher aus wie im Film "The Apartment" von Billy Wilder. Mal sehen, wann ich das nächste Mal vom Abi träume ... Und da wird mir wieder einmal klar: usere Branche ist sicher nichts für Leute mit Prüfungsangst, es sei denn, man lernt damit umzugehen.

Dienstag, 7. Juli 2009

Wenn eine(r) eine Reise tut ...

... dann kann sie oder er was erzählen. Als Dolmetscherinnen kommen wir viel rum, das ist oft die Arbeitsgrundlage. Sehr selten kommt es vor, dass wir einen Dolmetscherkoffer mitbringen, sogenannte mobile Dolmetschtechnik, weil wir nicht auf einer Konferenz dolmetschen, sondern Kunden auf Journalistenreise, Exkursion oder Betriebsbesichtigung begleiten. Nie reisen wir allein mit mehreren Koffern und schon gar nicht ins Ausland. Ich sage nie und meine nie. Indes, keine Regel ohne Ausnahme.

Ein guter Kunde brauchte nicht nur uns, sondern Material zum Arbeiten ... und irgendwie hatte es sich ergeben, dass wir zugesagt hatten, mit einem Koffer nach Paris zu kommen. Naja, und aufgrund wachsender Nachfrage wurde dann etwas mehr draus. Geplant war, dass ich mit einem der schicken geriffelten Alurollköfferchen auf Reise gehe. Es kam dann anders. Und weil dieses NIE wirklich nur eine allereinzige Ausnahme hat(te), kann ich hier mein neuestes Schreckfoto vorzeigen: Mit vier Dolmetschkoffern am Pariser Flughafen, dazu die Anzugtasche und den Rucksack mit dem Notebook, das Ganze auf einem eigens mitgebrachten, kleinen Rollwägelchen. Sind Sie schon mal mit sowas gereist?

Das Wägelchen fährt Aufzug - wie die andren Gepäckrollwägelchen auch, obwohl auf dem Flughafen Charles de Gaulle offiziell verboten, dann auf die Rolltreppe, das Gewicht, das ich halten muss, liegt etwa bei 30 Kilo, dabei baumelt mir noch die Anzugstasche quer über den Leib. Dann klingelt das Firmenhandy. Rangehen oder nicht, das ist hier die Frage. Ich gehe ran, jongliere das Gepäck - und zwischen Schulter und Ohr hab ich das Mobiltelefon eingeklemmt. Leute bleiben auf der danebenliegenden Fußgängertreppe stehen und ... glotzen. Sie erwarten vermutlich, dass sich die Koffer vom Wägelchen verabschieden, weil sie nur eine dünne Spinne hält. Oder dass ich das Gleichgewicht verliere und mitsamt dem ganzen Gepäck die zum Glück leere Rolltreppe runterrassle. Und ich verfluche meine Kühnheit Blödheit, denn in der Tat ist das Ganze ein verschärfter Balanceakt.

Unten angekommen, erbarmen sich zwei Amis und ein Franzose meiner, Männer im Anzug, und bringen die Technik sicher in den Vorortzug und am Nordbahnhof ins Taxi. Schön, dass es noch Gentlemen gibt!

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Foto: C.E. 

Montag, 6. Juli 2009

Ironieverständnis nach Dolmetscheinsätzen

Was Neurologisches: Nach einem mehrtägigen, stressigen Dolmetscheinsatz fällt mir an mir selbst auf, dass ich weniger gut ironische Bemerkungen verstehe. Ich bin am Telefon mit Familie, mein Bruder will endlich weg vom PC und auf Apple umsteigen, dann werden Arbeitssituationen und Krankenakten besprochen, Frühstücksbrötchen und der Tee kommentiert, den wir mit gehörigem Abstand da gerade "gemeinsam" trinken. Die Familie bekommt auch noch Besuch und stellt das Telefon laut, Worte fliegen hin und her, der Tonfall ist wie oft unter Geschwistern und Leuten, die sich mögen, ein wenig rauh und sehr herzlich.

Irgendwann werde ich kurz veräppelt, verstehe die Ironie erst durch das Lachen der anderen. Dann sagt mein Vater: "Nee, keine Sorge, wir haben dich gar nicht veräppelt!" Darauf der Bruder (kauend): "Aber ich werde gleich veräppelt!"

Zweiter Witz, den der erste eigentlich schon vorbereitet hatte, und noch immer sucht mein Hirn in sich taub anfühlenden Gefilden. Sprache, wörtlich genommen, von einem Idiom oder Sprachniveau und Bereich zum nächsten über Eck gedacht, das ist normalerweise eine Spezialität der Großfamilie, in der ich aufgewachsen bin. Ebenso Kalauer, die sehr gerne sehr schlecht sein dürfen.

Kurz: Mein Gehirn ist im Ruhemodus, nachdem es tagelang auf Tempo ausgehendes Hin- und Her geliefert hat. In einer adrenalindominierten Dolmetschsituation hätte ich derlei wohl verstanden, mit ausgeruhtem Hirne wohl auch, nicht aber in den Stunden oder Tagen, in denen mein Denkapparat untertourig läuft, wie es nach (oder auch vor) dem Dolmetschen der Fall ist.

Donnerstag, 2. Juli 2009

Französische Filmwoche 2009

Auch dieses Jahr bin ich wieder mit von der Partie - als Dolmetscherin auf der Berliner Französischen Filmwoche. War ich 2000 noch die einzige Dolmetscherin, sind wir dieses Jahr zu viert, weil vieles parallel läuft und weil das Internationale Forum des Jungen Films, eine Sektion der früher im Sommer stattfindenden Berlinale, die gleichen Tage ausgewählt hat, um seinen 40. Geburtstag zu begehen.


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Foto: Institut Français de Berlin

Mittwoch, 1. Juli 2009

Erschwerte Bedingungen

Laut Pariser Wetterdienst sind es heute wie gestern nur um die 30 Grad Celsius, die sich bei Luftfeuchtigkeit von 40 Prozent und mit wenig Wind allerdings wie 35 Grad anfühlen. Die engen Straßen, die vielen Autos und Menschen strengen an. In der U-Bahn wird die Luft durch die engen Bahnschächte auch wärmer, selbst unterirdisch kommt man ins Schwitzen.

Als wir am Kongressort eintreffen — wie vieles in Paris in einem historischen Gebäude — staunen wir nicht schlecht. Neben unserem Arbeitsplatz, da, wo die Fenster über Eck gehen, steht ein Mega-Pustefix von etwa einem Meter Höhe, brummt vor sich hin und spuckt Kälte aus. Direkt daneben sitzen wir, lediglich mit Hörverbindung zum Podium.Trotz 30 Grad im Schatten friere ich — aber nur meine linke Körperhälfte, die ich jetzt mit Schals bedecke.

Immer, wenn das Gerät einen Gang höher schaltet, knackt es in der ohnehin schwachen Übertragung. Ich muss den Ton vom Panel auf Maximal einstellen, um zu hören — und darf nicht, wie sonst üblich, den Kopfhörer schräg aufsetzen. Das irritiert maßlos, fehlt mir doch die Selbstkontrolle. Ich höre mir sonst beim Dolmetschen stets selbst zu, prüfe, ob ein Verb dabei war, ich den Punkt mitgesprochen habe und achte auf den Sinn. Hier: Fehlanzeige.

Immer wieder muss ich sogar mein Empfangsgerät schräg halten, weil in natürlicher Lage noch mehr Interferenzen drohen. Hörte ich nur mit einem Ohr hin, ich verstünde gar nichts. Was angesichts diffiziler Materie an und für sich schon eine Herausforderung darstellt. Ein Ritt über den Bodensee, und dazu pustet die ganze Zeit die Windmaschine.

Ab dem zweiten Tag fangen meine Augen an zu jucken, eine Bindehautentzündung verschafft mir dann auch noch schlechte Sicht. Macht fast nichts, denn die Redner, die in Windeseile von ihren Papieren ablesen, sehen wir ja ohnehin nur als ferne Silhouetten.

Dienstag, 30. Juni 2009

Reparaturkosten

Ein Kollege, der Italienisch-Deutsch anbietet, erlebt die gleichen steigenden Zahlen von Anfragen wie ich (siehe meine Zeilen zur Terminplanung). Doch dann wird ihm oft abgesagt, Begründung: er sei zu teuer.

Der Kollege hat sich eine nette Standardantwort einfallen lassen:
Für den Fall, dass Sie Ihren Text einem der zahlreichen, momentan auf den Markt drängenden Billiganbieter anvertrauen und von einer italienischen Hausfrau mit deutschem Ehemann oder einem Schüler übersetzen lassen: Für das Lektorat, Korrektorat des Ergebnisses werden üblicherweise 40 - 60% des normalen Zeilenpreises berechnet. Allerdings ist in den meisten Fällen die Anfertigung einer neuen Übersetzung der bessere Weg.

Die Ergebnisse sind konkret: Die Zahl der Zusagen nimmt wieder zu.

Gruß nach Rom! Gut gemacht, Herr Nolte!

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Bild: Großer Kostenvoranschlag, für die Folgeaufträge programmiert ...

Fürs Radio dolmetschen

Welcome, bienvenue, hier bloggt eine Dolmetscherin und Übersetzerin über ihren Berufsalltag. Meine Sprachen sind Französisch (als Ausgangs- und Zielsprache) und Englisch (Ausgangssprache). Ich arbeite in Paris, Berlin, Köln und dort, wo Sie mich brauchen.
 
Wir sind im Admiralspalast, im Berliner Rundfunkstudio des Rundfunk Berlin Bran­den­burg (rbb) und warten auf Agnès Jaoui, die französische Regisseurin und Schau­spie­ler­in. Wir, das sind ein Techniker sowie Knut Elstermann, Moderator von "Zwölf Uhr mittags", dem samstäglichen Kinomagazins von "Radio Eins", und ich.

Die Luft ist stickig, die Schwüle scheint von draußen ins isolierte Räumchen ein­zu­drin­gen, das ebenerdig in Laufnähe zum Bahnhof Friedrichstraße liegt. Am Bahnhof wird ein Neubau vorbereitet. Ich denke mit Döblin: "Rumm rumm haut die Dampf­ram­me (...). Viele Menschen haben Zeit und gucken sich an, wie die Ramme haut." Heute gibt es wieder viele Menschen, die Zeit haben, und durch die Straße fla­nie­ren, das war mir bei der Anfahrt auf dem Rade aufgefallen ...

Während wir also auf den Gast warten, besprechen wir die Filme, die bald starten werden, Knut, der Techniker und ich. Als ausgebildete Journalistin sehe ich die Filme mit den Augen einer Filmkritikerin, wenn ich sie nicht gerade als Dol­met­scher­in be­treue — hier verpflichtet mich die Arbeit zu Neutralität bzw. zur Sub­jek­ti­vi­tät der Filmemacherin, denn ich nehme ja, wenn sie spricht, ihre Position ein.

Wenige Minuten vor dem Rückflug nach Paris soll Agnès Jaoui kurz noch ein Ra­dio­in­ter­view geben. Und da ist sie auch schon und rasch geht's los. Sie spricht schnell und vergisst nach zwei Antworten meine Bitte, Pausen für die Übersetzung zu las­sen. Idealerweise verschränken sich so die deutsche und die französische Stimme ineinander, damit das Publikum nicht das Gefühl hat, auf einer falschen Welle gelandet zu sein. Zum Glück wird aufgezeichnet, da kann der Techniker am Ende noch was rausschneiden. Und ich habe die Chance, mir die letzten Worte jeder Antwort aufzuschreiben. Das ist wichtig und Uschi, Hochschuldozentin in Mons und Dolmetscherin in Brüssel, hatte es uns eingeschärft: "Besser das Publikum warten zu lassen, als die Pointe zu schmeißen".

Die langen Antworten des französischen Regiestars können dazu führen, dass die Technik zusammen mit Knut entscheidet, das Interview doch im Overlay-Modus (oder voice over) zu mischen, dann würde meine Stimme über die von Madame "gelegt". On verra, wir werden sehen.

Drei Köpfe, ein Mikro
Konsekutives Dolmetschen bei der Berlinale

Agnès Jaoui taucht auch hier auf: klick!
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Foto: Eine ähnliche Situation von 2011, Knut Elstermann
im Berlinale-Radio, Pierre-Yves Vandeweerd, die Autorin

Terminplanung

Schon komisch, dieses Krisenjahr. Die Anzahl der Anfragen nimmt explosionsartig zu, die der Angebote und Kostenvoranschläge, die ich schreibe, auch.

Dabei sind je nach Anfrage meine Angebote nur noch 24-48 Stunden gültig. Denn so rasch verändert sich derzeit die Lage. Und es klappt meistens nur, wo eine persönliche Empfehlung dahintersteckt. Viral marketing? Nein, alles unbewusst ...

Daher eine große Bitte: wenn Sie uns für einen Dolmetscheinsatz buchen möchten: Bitte fragen Sie so früh wie möglich an. Gerade habe ich den ersten Vertrag für Dezember unterschrieben ...

Pina Bausch bei Radio France Culture

Jetzt im Radio: Pina Bausch ... von mir selbst übersetzt. Ich hatte den Job längst vergessen. Komisch ist das, aus Interesse zuzuschalten und auf die eigene Stimme zu stoßen. Fast ein bisschen gruselig ... und ich war damals schon erstaunlich professionell! Mit dem Abstand darf ich das wohl sagen! Und souverän! Ich bin selbst ganz baff ... Die Aufnahme stammt vom 13. Juni 1990 aus der Reihe "nuits magnétiques".

Aber das Gefühl verblasst schlagartig, als ich aus der Sendung erfahre, dass Pina Bausch heute gestorben ist. Etliches habe ich im Théâtre de la Ville von ihr ge­se­hen, einmal versuchshalber zusammen mit der späteren Arte-An­sa­ger­in Annette Gerlach, einer Kommilitonin (die aber überhaupt kein Pina-Fan war wie ich und vorzog, das Stück zu verlassen und im Café auf mich zu warten ...)

Sorry, ich schweife ins Komische ab, denn die Nachricht ergreift mich wirklich sehr. Übersprungshandlung ...

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19.15 - 20.00 Uhr: LE RENDEZ-VOUS von Laurent Goumarre,
Radio France Culture, Live-Diskussion (die Zuspieler sind
aus einer anderen Sendung)

Mittwoch, 24. Juni 2009

Unfreiwillig komisch

Das Folgende stammt aus Übersetzungen und ist sprachlich und grammatikalisch richtig, wird aber wegen Wortähnlichkeit dann doch geändert.
In der Spielhölle sitzen verruchte Spieler in verrauchter Luft.
Zwei Gangster - einer bricht in der Nacht aus dem Gefängnis aus, wobei es einen Toten gibt, der andere erwartet ihn an der Gefängnismauer:
ERSTER GANGSTER
Der Lärm hat sicher die Wärter aufgeschreckt. Hauen wir ab!

ZWEITER GANGSTER
(beunruhigt)
Wen hast du auf dem Gewissen?

ERSTER GANGSTER
Den Pförtner!

ZWEITER GANGSTER
Petrus wird ihm schon seine Pforte öffnen. Los, wir müssen!

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Hilfsmittel: Nachschlagewerke aus drei Jahrhunderten

Samstag, 20. Juni 2009

Die Mauer

Will­kom­men auf den Sei­ten des ersten deut­schen Blogs aus dem In­ner­en der Dol­met­scher­kabine. An manchen Tagen arbeite ich al­ler­dings auch unter frei­em Him­mel. 

Wo stand sie denn nun?, werden "wir Berliner" derzeit oft gefragt. Die Mauer ist bis auf wenige Ausnahmen aus dem Berliner Stadtbild ver­schwunden. In der geteilten Stadt hatte ich 1987 für die Dauer eines Sommersemesters studiert und kehrte ein Jahr später als SFB-Praktikantin zurück. Und als die Mauer fiel, war ich auch dabei.

Daher weiß ich viel über Mau­er­ver­lauf und die DDR, in der ich als Schülerin oft in den Ferien war, denn meine Familie stammt väterlicherseits aus Sachsen.

Wir sind mit Kamera in Berlin unterwegs. Während Fernseh­kor­res­pondent Maxence Bilodeau vom öffentlich-rechtlichen Sender Radio-Canada vor allem fran­zö­sisch­spra­chige Menschen vors Mikrophon bekommt, dol­metsche ich für das Umfeld.

Erkläre, was wir machen — und liefere die Hintergrundinfos.

Ich bin Zeitzeugin, die für die kanadischen Gäste Spreu vom Weizen trennt. Meine Infos gehen in die Berichterstattung ein. Diese Art von 'Übersetzungen' werden mich wohl dieses Jahr noch öfter be­schäf­tigen.


Der Link zum TV-Beitrag für einige Monate hier.
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Fotos: C.E. Mit Maxence habe ich schon
2006 wiederholt gedreht .

Donnerstag, 18. Juni 2009

Handwerk ...

... bedeutet manchmal auch viel Fummeln. Und das, obwohl es nicht immer nötig ist.

Ich bekomme ein Drehbuch zur Übersetzung und habe zwanzig Tage Zeit. 100.000 Anschläge, das lässt sich bequem machen. Die teuersten, frischesten Stunden gehören nun jeden Morgen der Übersetzung, so der Plan. Dann ist in der ersten Woche nicht viel los im Büro, ich übersetze das Drehbuch einmal komplett noch mit etlichen Auslassungen und bunten Markierungen. Dann säubere ich den ersten Teil und meine Korrektorin bekommt ein großes erstes Drittel, fast 40 %. In der zweiten Woche sind komplexe Recherchen dran. Das Buch ist in einem sozialen Milieu angesiedelt, das mir fremd ist. Zwischendurch "säubere" ich weiter.

Irgendwann schreibt die Produktion von einer Neufassung und listet die Szenen auf, an denen erneut gearbeitet wird. Ein Drehbuch umfasst in der Regel 60 bis 80 Szenen - an zehn von ihnen soll nicht gearbeitet werden. Tags drauf kommen die ersten Änderungen. Der Auftakt des Films ist nach dem Vorspann komplett verändert, ein Dutzend Szenen völlig neu ...

Kurz: Als ich wenig drauf die nun definitiv "letzte Fassung" in Händen halte, zähle ich beim neuen Buch 10.000 Anschläge mehr.

Verändert wurde aber mehr als ein Drittel - und das kostet mich mehr als ein Drittel mehr Zeit. Warum? Weil ich Zeile für Zeile aufmerksam vergleichen und die Änderungen einbauen muss. Dabei ist auf den Kontext zu achten, wenn sich eine Replik ändert: Gibt es jetzt Wiederholungen von Verben, Adjektiven usw.? Passt die Sprachhöhe? Oft ändert sich also auch Drumherum etwas, und das kommt zu den vom Drehbuchautor vorgegebenen Änderungen noch hinzu.

Die meiste Zeit geht jetzt fürs Suchen und Schleifen drauf, einfach runterübersetzen ist verglichen damit oft eine rasch machbare Sache. Und der Bildschirm zeigt ständig drei Dokumente an, grau = erste Übersetzung, gelb = neue Passagen. Da ich ja mehrere Wochen Zeit hatte, ging die Produktionsfirma zunächst übrigens davon aus, dass sich am anvisierten Abgabetermin und der Honorarsumme nichts ändern würde. Theoretisch war ich eine Woche länger beschäftigt, da ich ja auch noch die Stunden für die Kollegin arbeiten musste, mit der ich Korrekturlesen tauschte, auch sie hatte ihre Arbeit ja gemacht. Und praktisch wurden aus der Woche zehn Tage, weil ich am Ende dieser Woche noch drei Tage von einem anderen Kunden gebucht war.

Kurze Moral von der Geschicht': Liebe Produktionsfirmen, sendet uns Eure Bücher wirklich erst dann, wenn Ihr sicher seid, dass es bei dem Text bleibt.

Deutsch stirbt aus

Der Tag ging los, wie er endete: Mit Verständnisproblemen. Und das, obwohl lauter Dolmetscher beteiligt waren, die ihren Job können.

Wir sind in einer deutschen Hochschule. Hier wird heute Abend eine mehrtätige Konferenz eröffnet. Ich begleite für zwei Stunden einen französischen Wissenschaftler. Vor der Auftaktveranstaltung wird schon die nächste geplant: In einer kleinen deutsch-französischen Sitzung. Der Raum ist klein und schmucklos, die Zimmerdäcke niedrig. Die Worte, die hin- und hergehen, hallen ganz fürchterlich. Ich habe Mühen bei der Arbeit, da hilft auch kein Kaffee.
Mit Verspätung kommt der letzte Gesprächsteilnehmer vom Flughafen. Weiter geht's mit den Gesprächen bei einem Mittagessen außerhalb - zu meiner Freude hat dieser Raum die bestmögliche Akustik.
Die Tagung, auf der mein Dolmetschkunde aus Frankreich auch spricht, soll ins Englische gedolmetscht werden. Monsieurs Englisch ist nicht so gut, als dass er in der Sprache würde arbeiten wollen. Das der deutschen Wissenschaftler ist auf den ersten "Blick" auch nicht besser. Beim Mittagessen werden viele inhaltliche Überschneidungen gefunden und Neuigkeiten über gemeinsame Bekannte ausgetauscht. Man mag sich. Man versteht sich bestens.

Abends dann die Auftaktveranstaltung. Ich gehe aus eigenem Interesse hin. Alles ist Französisch-Englisch - auch die deutschen Kollegen sprechen Englisch. Die Dolmetscher schwitzen in der Kabine. Unser französischer Gast sieht leicht irritiert aus.

Das feed back bei einem Glas guten Schaumweins (du vin mousseux, nicht zu verwechseln mit Champagner): Vieles von dem, was mittags besprochen worden war, klang am Abend anders. Monsieur hatte Verständnisprobleme, was nicht an den muttersprachlichen Dolmetschern gelegen haben kann. Ich fand die englischen Vorträge der deutschen Kollegen auch weniger treffend, fast ein wenig schwammig.

Dann fragte mich der Gast aus frankophonen Landen, wie viel Englischsprachige oder des Deutschen Unkundige denn im Saal gewesen sein mochten. Wir zogen die Teilnehmerliste zu Rate. Das Ergebnis war überraschend: Es waren alles Deutschsprachige bis auf zwei Franzosen und jeweils einen Spanier und einen Engländer, die sehr gut Deutsch können. Der französischsprachige Wissenschaftler schüttelte den Kopf und sprach aus, was ich mir auch schon im Stillen gedacht hatte: In Frankreich wäre eine solche Situation unvorstellbar.

P.S.: Dass bei dem, was die Franzosen umgangssprachlich "harte Wissenschaft" nennen (sciences dures), also Naturwissenschaften, Mathematik und Anverwandtes, Englisch oft die Arbeitssprache ist, wissen wir schon länger. Hier ging es um ein kulturwissenschaftliches Thema.

Montag, 15. Juni 2009

Zeitmaschine Sprache

Ein Buch zu übersetzen, das 1830 geschrieben wurde, ist nicht einfach, selbst wenn es sich bereits um eine in ein Drehbuch umgearbeitete Fassung handelt. Im Ergebnis übersetze ich fast jeden Satz zweifach auf meiner Zeitreise durch die Sprache. Beispiele.

Ein junges Mädchen wird beschrieben mit une fille à peine sortie de l'adolescence. Auf Deutsch würde man sagen, sie ist kein "Teenager" mehr, aber das geht im Kontext nicht. Mein Hirn schreitet Epoche für Epoche zurück, die "Jugendliche" ist der neutrale Begriff, doch von wann stammt er?

Handelte es sich um einen jungen Mann, sprächen wir von einem "Halbstarken", da klingt der Film von 1956 nach aus der Feder von Will Tremper. Weiter zurückspulen, ich komme vom "Jüngling" zum weiblichen Pendant, dem "Backfisch", das klingt nach Else Ury und "Nesthäkchen". Ich gehe schlussendlich von der Größe aus: eine "Halbwüchsige" - und werde am Ende wörtlich: "Eine Frau, den Jugendjahren knapp entwachsen, ..." Das ist es!

Denn das Wort "fille" lässt sich im Kontext großbürgerlichen Lebens nicht immer mit "Mädchen" übersetzen: damit ist das Zimmermädchen gemeint, das drei Zeilen später seinen Auftritt hat: Elle sonne la servante - sie klingelt nach dem Mädchen ...

Das Mädchen ist auch die Angesprochene hier: Préparez-moi un bain !, lautet die Aufforderung, die Sprechende wünscht zu baden. Nun kann man 1830 kein "Bad einlaufen lassen", sondern auch hier muss ich wieder wörtlich drangehen: "Bereiten Sie mir ein Bad!" (Den Ausdruck finde ich bei Ignaz Wrobel alias Kurt Tucholsky bestätigt.)

Einige Szenen später liegt die Hauptfigur in der Wanne - im "Badezimmer neben dem Salon". Gab es damals schon Badezimmer in großbürgerlichen Mietwohnungen? Und so nah an den repräsentativen Räumen? Ich suche weiter.
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Badewanne ("Gefäß aus Metall oder Stein, in dem man badet")
Larousse illustré, 1910

Sonntag, 14. Juni 2009

Merci beaucoup VI

"Jemanden zu haben, der sich mit Film auskennt und die Sprache kann, ist echt Gold wert. Du hast mir einen halben Tag Arbeit gespart!"
Julia Teichmann, Filmkritikerin

Das Ereignis, auf das sie sich bezieht, hier: klick!

Muttersprachler-Igel

übersetzungen sind Handarbeit und keine industrielle Ware. Daher würde ich nie von einem "Übersetzungsprodukt" sprechen.

Dieses Wort fand ich eben im Netz. Findige Geschäftemacher versuchen, aus unserem Handwerk ein einträgliches Geschäft zu machen. Zum Glück verraten sie sich selbst. Das nachfolgende Zitat stammt von einer Webseite, die automatische Übersetzungen verkauft:
"Wir bieten Übersetzungen für über 75 Welt Sprachen, unsere Übersetzungen werden ausschließlich mit höchste Übersetzungsqualität automatisch ausgeführt, mit Hilfe unsere Muttersprachlerigel Korrekturlesern werden die Texte nochmalig überprüft, damit garantieren wir unsere Übersetzungs-Produkte."
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Zweiten Textteil zum Vergrößern einfach anklicken.

Wow! Ich werde gelesen! Die Firma "R * * * * Dolmetschen & Übersetzungen" (bei Stuttgart) hat ihre Webseite aus dem Verkehr gezogen und ihre ca. 140 Werbeschaltungen "korrigiert". Danke Ina für den Hinweis. 17.06.2009

Mittwoch, 10. Juni 2009

Pegasus auf Abwegen

Die Werbung mit dem Blubb bediente sich einer fehlerhaften deutschen Sprache, aber ich fürchte, dieser Fehler aus der Berliner U-Bahn ist nicht beabsichtigt:
Dem Texter dieser Webeinschrift ist Pegasus, das ruhhmbringende Pferd und Symbol der Dichter, allerdings untreu geworden.

Dienstag, 9. Juni 2009

Volker, hör' die Signale!

Signale, Zeichen und Gesten stellen Übersetzer und Dolmetscher vor Herausforderungen. Denn nicht alle Gesten sind international verständlich. Kommentiert oder unterstreicht eine Rednerin das Gesagte mit einer landestypischen und nicht leicht verständlichen Geste, haben wir Dolmetscher große Not, das Ungesagte mit zu übertragen. Sie sind manchmal einfach zu komplex für die Knappheit der Zeit.

Dieser Tage sitze ich an einem Lektorat und habe es wieder mit derlei zu tun: Zeichen, die komplex sind, hier allerdings 'nur' in ihrer anderssprachigen Umschreibung: Elle l'approuve d'un signe de tête (Sie bestätigt das mit einem Zeichen ihres Kopfs) für "sie nickt" oder Volker fait non de la tête (Volker sagt mit dem Kopf 'nein') für "Volker schüttelt den Kopf".

Hier, was ich in einer Rohübersetzung las: "Eva bedeutet ihm gestisch, er möge zu ihr treten." Im französischen Original steht Eva lui fait signe de venir jusqu’à elle. Das ergibt einen klaren, schönen, deutschen Satz, denn durch den Kontext weiß ich, dass mit dem geschlechtsneutralen lui ein Mann gemeint war: "Eva winkt ihn zu sich her."

Im Film sind diese Art von Zeichen (meistens) international verständlich. Sagt aber der eine oder andere derlei laut und der Kopf des/der Sprechenden ist im "On", also sichtbar, bekommen die Synchronautoren später Probleme. Es sind die gleichen, die wir in der Kabine haben ...

Montag, 8. Juni 2009

Doppelzüngig gesprochen

Das ist mein liebster Kalauer, wenn mich jemand auf die zwei Sprachen anspricht, die mich bewohnen: Ich bin eben doppelzüngig. Damit beweise ich eigentlich das Gegenteil: ich übersetze wörtlich und ein wenig schräg - denn in
bilingue - zweisprachig
steckt natürlich das französische Wort la langue - die Zunge.

Streng wissenschaftlich betrachtet bin ich nicht zweisprachig - der Begriff bezeichnet Menschen, die von Kindesbeinen an in zwei Sprachen leben. Natürliche Zweisprachigkeit entsteht zum Beispiel in zweisprachigen Familien, die das Prinzip "ein Erwachsener, eine Sprache" befolgen. Im Alltag wirkt es sich dann so aus, dass beispielsweise eine französische Mutter und ein deutscher Vater mit dem Nachwuchs fast ausschließlich in ihrer jeweiligen Muttersprache sprechen. Das Kind verknüpft dann die Sprachen an die Situationen, an Alltag und Orte - und mit dem jeweiligen Elternteil.

Bei mir war Französisch die Sprache einiger Vorfahren, vieler Ferien, von Schulbesuchen und Studium. Aber eben kein Idiom, das mir in die Wiege gelegt wurde. Dennoch empfinde ich oft wie ein natürlich zweisprachiger Mensch - denn ich verbinde viele Bereiche des Lebens mit der Sprache, denn ich lebe mit und in ihr. So fächert sich die Zweisprachigkeit auch bei natürlichen Zweisprachigen oft auf, verschiebt sich geografisch oder inhaltlich, zum Beispiel durch Berufsausbildung und Studium. Dann ist Fachgebiet A in der einen Sprache präsenter, der Lebensbereich B in der anderen Sprache.

In beiden Sprache gleich fit zu sein, ist in einem Zwischenschritt oft mit der Anstrengung des Übersetzens verbunden, wenn zum Beispiel der Mutter (aus Deutschland) Episoden aus dem Studium (in Frankreich) berichtet werden. Erst durch das Sprechen, das Wiedererleben, das Spiegeln eigne ich mir die Geläufigkeit auch in der anderen Sprache an, die einen Muttersprachler ausmacht. Sprache lebt in der Interaktivität und braucht, um aktiviert zu werden, das menschliche Gegenüber (weshalb Sprachlernprogramme per Computer immer nur eine von vielen Ergänzungen sein können). Geschmeidigkeit im Übertragen erlangen viele Studierende in binationalen Studiengängen, wie sie immer häufiger angeboten werden, wenn er oder sie nicht ohnehin gleich Sprachwissenschaft, Übersetzungswissenschaft oder ähnliches studiert.

In der U-Bahn fällt mir auch täglich Sprachmischmasch auf, bei dem der jeweils fremdsprachige Begriff beibehalten und in die andere Sprache exportiert wird. So bekommen selbst des Türkischen, Polnischen oder Russischen Unkundige mit, ob es im Gespräch von Mitreisenden zum Beispiel um Schule, Behörde oder Unterhaltungselektronik geht. Das ist nicht immer nur Faulheit, weil ja auch das, worauf sich der Sprechende bezieht, aus einem anderen Kontext stammt, einfachstes Beispiel, wir bleiben untergründig: "Die Tickets für die Pariser Métro sind billiger als Fahrscheine für die Berliner U-Bahn!"
Und so ähnlich klingt es denn manchmal im Kopf. Zwischenrufe des inneren Monologs, die an die Adresse einer bestimmten Person gerichtet sind, erklingen im inneren Wortwirrwar dann auch in der Sprache dieser Person.

In welcher Sprache ich denn nun meistens dächte, in welcher ich die "echte Caroline" sei, wurde ich schon wiederholt gefragt. Und welche Sprache ich denn am liebsten hätte ... Diese Frage ist mindestens genauso sinnvoll wie die an eine liebende Mehrfachmutter gestellte Frage, welches Kind sie denn nun am liebsten habe: "Jedes!"

Für welche Sprache sich das Gehirn in welcher Situation von allein entscheidet, wenn sonst keine Einflüsse vorhanden sind, kann ich manchmal nicht nachzuvollziehen. Ich denke, der Kopf hat da seinen Zufallsgenerator am Werk. So ähnlich verhält es sich mit Träumen. Es ist mir schon passiert, dass ich vom eigenen Lachen aufgewacht bin, weil ein Mensch im Traum sich der falschen Sprache bedient hat, also nicht die gesprochen hat, die sie oder er im Alltag spricht. Der Widerspruch in mir: "Das kann nicht sein!", ließ mich aufwachen, und der Sprachanalysegenerator im eignen Kopf befand die Szene als lustig. Das ist so schräg wie manch' anderes Doppelzüngige ...

Donnerstag, 4. Juni 2009

Artikel über berühmten Mediendolmetscher

Über einen berühmten Kollegen aus Stuttgart berichtet heute die Stuttgarter Zeitung (leider kann der Artikel schon am 5.6. nicht mehr aufgerufen werden). Jürgen Stähle, dessen Stimme seit Jahrzehnten oft im Fernsehen zu hören ist, beschreibt unsere Arbeit, die mehr ist als nur das Übertragen von Worten. Stähle: "Ich schlüpfe in die Person hinein, ich will so klingen wie sie." Daher nähert er sich in Redetempo und -rhythmus den ausländischen Gästen so stark an, dass am Ende der Originalduktus hinter der Verdolmetschung spürbar ist.

Über die genauen Vorgänge beim Dolmetschen und seine Erfahrungen hat er nun ein Buch veröffentlicht, das an dieser Stelle demnächst besprochen wird. ________________________________
Stähle, Jürgen, "Vom Übersetzen zum Simultandolmetschen. Handwerk und Kunst des zweitältesten Gewerbes der Welt", Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2009

Montag, 1. Juni 2009

Arbeitsbedingungen

Arbeitsbedingungen die erste:

Freitagmorgen um halb neun, der Ansturm auf die BVG durch die Schulkinder ist gerade abgeebbt, betrete ich die U-Bahn, die mich zum Tagungsort bringen soll. Der Wagon ist pickepackevoll - und 80 % der Sitzplätze sind von Rentnern belegt. Müssen die alle gleichzeitig zum Arzt? Gibt es irgendwo etwas umsonst - nur für die Generation 65 plus?

Neben mir stehen auf dem Gang: Ein Anwalt, der versucht, eine Akte durchzublättern, die so dick ist, dass sie nicht auch noch in den edlen Lederkoffer passt; eine Lehrerin, die Notizen durchsieht, zwischen ihren Füßen sind zwei Umwelttaschen mit Schülerheften in bunten Schutzhüllen eingeklemmt; ein Büromensch, der mit dem Kalender in der einen Hand und dem Handy in der anderen Termine macht und bei den Brems- und Beschleunigungsvorgängen sich mit der Schulter an die Haltestange stützt und ich, 80 Seiten Ausdrucke von Redetyposkripten und Power-Point-Präsentationen in der Hand, die ich gerne noch einmal überfliegen würde. An einem Halt steigen Leute aus und ein - und ganz selbstverständlich schiebt sich eine ältere Dame in Richtung des einzigen in unserer Nähe freiwerdenden Platzes, knallt mir dabei ihre Getränkeflaschen ans Schienbein, setzt sich hin.

Nach einigen Stationen, der Anwalt ist längst ausgestiegen, finden die Lehrerin und ich doch noch unsere Sitzplätze. Ich hole meinen Laptop aus der Tasche und lese weiter.

Die alte Dame mit der Getränkeflaschenkeule: "Also früher, da war das anders. Zu meiner Zeit haben wir im Büro gearbeitet oder uns zu Hause vorbereitet!"

Die Lehrerin und ich schauen uns entgeistert an. Da mein Schienbein noch immer juckt (ja, es wird ein blauer Fleck), kann ich mich nicht beherrschen: "Ja, zu Ihrer Zeit, gnädige Frau, da gab es auch noch kein Internet. Die Rede hier, mit dem der Gastgeber in der nächsten Stunde eine Tagung eröffnet, wurde mir gestern Abend um 23:00 Uhr elektronisch zugeschickt!"

Arbeitsbedingungen die zweite:

Wir kommen am Tagungsort an, es ist ein großer Hörsaal einer Hochschule, und erfahren, dass wir keine Dolmetscherkabine haben, sondern eine Flüsteranlage, mit der man normalerweise Werks- und Stadtbesichtigungen begleitet. Und das für eine ganztägige Konferenz ...

Wir richten uns in der hintersten Sitzreihe ein. Uns fehlt Platz zum risikofreien Ausbreiten von Technik und Texten, uns fehlt die Abgeschiedenheit. Bei den ersten Vorträgen müssen wir parallel zum Sprechen immer heftig abwinken, wenn sich Zuspätkommende direkt in die Reihe vor uns setzen wollen. Parallel dazu halten wir den absturzgefährdeten Laptop zu zweit, mit meiner freien Hand "blättere" ich, so ich nicht "abwinke", elektronisch die Seiten weiter.

Arbeitsbedingungen die dritte:

Nach den Vorträgen die Debatte. Die Damen und Herren wenden sich ans Podium, das ist logisch. Aber sie warten selten aufs Mikrofon und sprechen uns abgewandt - und das, was sie sagen, ist oft nicht oder nur kaum verständlich. Währenddessen balanciert das Wasserglas auf dem Tabletttisch - mein Technikberater würde kopfstehen, denn Technik und Speisen und Getränke haben auf ein- und demselben Tisch nichts zu suchen. Aber heute, ja heute ist alles anders als früher und früher war alles besser. Basta!

Montag, 25. Mai 2009

Drehbuchübersetzung, die (gefühlte) elfte!

Ein Werk der französischen Frühaufklärung dient als Vorlage für ein Drehbuch. Ich bekomme die typische 'vorletzte' Fassung vor dem "Shooting script" zugeschickt mit sehr ausführlichen Szenenbeschreibungen und Fußnoten für den historischen Hintergrund, die im nächsten Schritt sicher stark gekürzt werden. Auch die Dialoge sind noch nicht immer reif. Dann die übliche Frage: Was kostet die Übersetzung?

Der Text aus dem 18. Jahrhundert stellt die absolutistische Monarchie ebenso infrage wie die Allmacht der Kirche - und die Hauptfiguren reiten recht forsch durchs Bild, im ursprünglichen und im übertragenen Wortsinn: Sie bewegen sich gleichermaßen sicher auf dem Parkett des Hofs wie in den Salons des Adels und in Räumen des an Bedeutung zunehmenden Bürgertums.

Also übersetze ich langsam, zur Probe, um zu ermessen, wie viel Zeit mich die Arbeit kosten wird. Dabei bin ich umgeben von meinen Büchern. Die sind zwar nicht alle so alt, aber auch hier gibt es historische Referenzen, die es mir erleichtern, den Ton dieser dekadenten Welt und des Epochenbruchs zu treffen.

Das Übersetzen geht mindestens ein Drittel langsamer als bei zeitgenössischen Texten. Logische Folge: Mein Kostenvoranschlag liegt ein Drittel über dem, was die Produktionsfirma kalkuliert hatte.

Den Spaß, den mir dieses Projekt macht, trüben die finanziellen Aussichten und der Stress, denn auch der Zeitplan behagt mir nicht.

Und dann fällt mir ein schlüssiges Argument ein, mit dem ich meine Situation plausibel machen kann: Liebe Produktionsfirma, vergleicht doch bitte mal den Preis für Bühne und Ausstattung eines historischen Films mit dem, was ihr für ein zeitgenössisches Projekt veranschlagt: Hier teure Fundi, Studiobauten vielleicht sogar, historische Beratung, dort die Set-Designer, die aus dem eigenen Bestand schöpfen, das eine oder andere rasch im Laden nebenan kaufen (anstatt es anfertigen zu lassen). Das gleiche gilt fürs Kostüm.

Nicht nur die Roben, sondern auch die Worte, in die sich die Hauptfiguren kleiden, sollten wohl ausgesucht sein. Sie sind seltener, zum Teil maßgeschneidert, kurz: alles ist ein größerer Aufwand.

P.S. (28.05.): Das Argument verfing.

Samstag, 23. Mai 2009

Dolmetschen im Theater

Hallo! Sie lesen in einem Blog aus der Welt der Sprachen. Ich bin Dol­met­scher­in und Über­setze­rin für die fran­zö­si­sche Sprache, arbeite auch mit Englisch als Ausgangssprache, und habe mich auf Medien, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft spezialisiert. Ich arbeite auf Konferenz und Festival, in Büro und Parlament ... und auch im Theater.  

Zwischen Proben, Einzelinterviews und Aufführung drehen wir in einem Berliner Theater.

Ein Team aus Frankreich portraitiert die Macher und beschreibt den Ort der Inszenierung von "Mutter Courage", mit Carmen Maja Antoni in der Titelrolle. Von drei Uhr nachmittags bis in den Abend sind wir im Berliner Ensemble. Die Proben verzögern sich, weil am zwei Mal im Monat aufgeführten Stück gefeilt wird.

Damit verschiebt sich auch unser Interviewablauf. Zwischen Zuschauerraum bei den Proben, Foyer, Gängen, Brechts Arbeitszimmer, Logen, Maske und Garten bewegen wir uns in diesen Stunden und fangen Bilder ein.

Um mich zwischendurch auf etwas Nichtsprachliches zu konzentrieren, schieße ich meine Schnappschüsse - und habe sogar Zeit für fotografische Experimente. Am Ende bin ich nach einem halben Arbeitstag im Theater müder als nach einem ganzen Tag Konferenzdolmetschen. Der Grund ist rasch erklärt: Ich bin die ganze Zeit stand by, stehe unter Strom, lausche in alle Richtungen. So dass ich das Team immer wieder mit meinem Informationsvorsprung überrasche ...

Als kurz vor Aufführung noch die Bühne nachgepinselt wird, das Schwarz ist stellenweise schadhaft, sehen wir das vom Monitor der Maske aus.
Alle meinen, die Bretter, die die Welt bedeuten, würden noch einmal rasch gefegt, ich aber hatte am Rande mit­be­kom­men, dass es Ärger gab wegen einiger schadhafter Stellen (und das nicht verdolmetscht).

Dass da wirklich Farbe im Spiel war — und zwar bis fünf Minuten vor der Aufführung — haben wir dann vor Ort selbst gesehen. Denn als wir über eine Seitentür wieder in den Foyer- und Garderobenbereich gelangen, es ist dreizehn Minuten vor Aufführungsbeginn, staut sich hier schon das Publikum. Der Abenddienst wird angehalten, die Zuschauer erst auf den letzten Moment "ins Haus" einzulassen, und wir haben noch acht Minuten für ein Interview mit Claus Peymann, die Bühnenarbeiter mit ihren Malerpinseln im Nacken. Der Meister selbst ist besorgt, dass wir keine Farbe an die Jacken kriegen.

Dann strömt das Publikum herein ...


Manchmal dolmetsche ich auch bei Theaterproben oder -aufführungen, siehe: hier!
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Fotos: C.E.

Freitag, 15. Mai 2009

Statusmeldung

Willkommen beim Blog einer Übersetzerin und Dolmetscherin. Hier schreibe ich fast täglich über die Besonderheiten unseres Berufsalltags — oder aber ich bin auf Reisen.

Vom 15.-22.05.2009 bin ich in Cannes — à Cannes du 15 au 22 mai !
Das Büro ist besetzt — les bureaux sont occupés.

Dieses Jahr war "minus dreißig Prozent" das Schlagwort: weniger Filme, weniger Gäste, weniger Publikum. Zum Glück sagt Quantität nichts über Qualität aus.



Letztes Jahr war Cannes so: hier klicken.
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Foto: C.E.

Sonntag, 10. Mai 2009

Arbeitsmaterial

Eine Crux vieler Aufträge ist, dass wir zu spät Material zur Vorbereitung erhalten - oder gar nicht. Dabei ist es von größter Wichtigkeit, lesen wir uns doch in das ein, was für den Kunden selbstverständlich ist: Fachvokabular und stehende Redewendungen, Hintergründe und individuelle Sprechstile. Wir lesen, lernen und denken uns ein - damit wir diese adäquat wiedergeben können, in der Zielsprache soll es eben so klingen wie in der Ausgangssprache.

Regelmäßig kommt es daher vor, dass wir auf alte Materialien zurückgreifen, um uns vorzubereiten. Zum ersten Mal hatte ich jetzt das Erlebnis, dass ich nach zwanzig Jahren auf Dokumente aus meinem Archiv zurückgreifen konnte, die authentisch sind. Denn wir drehen in Babelsberg fürs französische Fernsehen ...
Das frühere Filmorchester der DEFA heißt heute Deutsches Filmorchester Babelsberg, es ist das einzige professionelle Orchester für Filmmusik in Deutschland. Was uns interessierte: es ist vor kurzem an seine neue alte Adresse im Herzen des Filmstudios in Potsdam-Babelsberg zurückgekehrt, und zwar in ein Gebäude, das zu Beginn der Tonfilmära für den Klangkörper gebaut wurde. Die Gespräche über die Entwicklung des Orchesters waren faszinierend. Die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre lässt sich auch an der Technik ablesen.

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(C) Ada & Zylla Film / Génération Vidéo

Samstag, 9. Mai 2009

Sonntägliches Küchenkorrektorat

... Worte gibt's, die kennt nicht mal Google. Jetzt aber ...

Mittwoch, 6. Mai 2009

Raumgreifend

Wir sind in den ersten Minuten der Veranstaltung, der Direktor hat Redner und Moderatorin vorgestellt, da macht es das erste Mal "rumms!" Kurz darauf wieder: "rumms!", von da an alle paar Minuten, bei einem Redner sogar im Fünf-Sekunden-Abstand.

Der Schlag geht uns direkt ins Ohr. Im Saal ist er auch hörbar, als "plopp!" auf den Lautsprechern. Da wir direkt auf die Lauscher kriegen, was auf dem Podium geschieht, und das ist ja auch gut so, haben wir sie nicht nur simultan, sondern verstärkt: Die Gesten eines der Redner. Er spricht über große Themen und macht große Gesten, die Arme führt er vor dem Körper entlang, zum Teil in kreisförmigen Bewegungen, zum Teil als auf und ab: es sieht aus, als wolle er mal schwimmen, mal pumpen. In Zusammenhang mit Wasser mögen diese Gesten angebracht sein, hier unterstützen sie wirkungsvoll die Rede - und sorgen in der Kabine für Ohrenfolter! Autsch! Und dennoch müssen wir genau hinhören, denn nach jedem intensiveren Kontakt mit dem Ansteckmikrofon (le micro cravate) sackt die Dynamik runter, wird das Gesagte für Sekunden schwerer verständlich. Und da reicht manchmal das Geschubbere, das durch die Bewegungen entsteht, der Wind, gar nicht zu sprechen von den 'touchés'.

Was tun? Hinhören, sich konzentrieren, hoffen, dass einer der Veranstalter was sagt. Da die "plopps!" im Saale mitunter auch das Nachfolgende fürs Publikum ins akustische Loch fallen lässt, sollte es nur eine Frage von Minuten sein ... oder doch rauslaufen? Intervenieren? Den Ablauf stören?

Dolmetschernöte ...

Dienstag, 5. Mai 2009

Dolmetscher für die EU

Das ZDF-Morgenmagazin hat heute einen Beitrag über Dolmetscher der EU veröffentlicht, hier der Link:
"europa konkret": Parlez You Europäisch?

Freitag, 1. Mai 2009

Das liebe Geld ...

Viele potentielle Kunden erkundigen sich oft zu Beginn des Gesprächs nach der Preisliste. Eine solche haben viele Dolmetscher und Übersetzer nicht. Die Preise schwanken - je nach Thema, Aufwand und Technik. Aber auch der Finanzierungsstatus des Auftraggebers kann den Preis beeinflussen.

Beispiel: Einen Dolmetscheinsatz zu mir vertrauten Filmthemen (Geschichte, Produktion, Marketing) oder Urbanismus, Innenarchitektur, Bildungsplanung, Stadt- und Kunstgeschichte oder ähnliches kann ich sehr viel günstiger anbieten, als wenn ich Inhalte übertragen soll, in die ich mich erst einlesen muss. Das gilt aber nur für unterfinanzierte Projekte. Dabei zähle ich auf die Ehrlichkeit meiner Kunden - und bin damit bislang gut gefahren. Im besten Falle wachse ich mit meinen Kunden - so kam ich jedenfalls zu meinen Spezialgebieten.

Als Faustregel mag gelten: Die einzelne Arbeitsstunde eines geisteswissenschaftlichen Akademikers ist 60 Euro und mehr wert. Im Durchschnitt brauche ich für jede netto geleistete Arbeitsstunde eine Stunde Vor- und Nachbereitung. Hier hinkt wieder mal die Praxis der Theorie hinterher: Ein Durchschnitt bildet eben nicht den Einzelfall ab, in dem ich mich auf den einstündigen Einsatz in der Politik auch schon mal drei ganze Tage lang vorbereite. Aber mit um die 120 Euro die Stunde und der Grundinfo im Hinterkopf, dass in der Regel keine Einzelstunden buchbar sind, weil sie selten der Vorbereitung entsprechen, können Sie vielleicht weiterrechnen.

So schwanken die Preise enorm, denn keine Regel ohne Ausnahme: Zwischen einer Flasche Rotwein fürs Dolmetschen beim Standesamt für zwei Filmleute aus dem erweiterten Bekanntenkreis - obwohl hier alles, alles, alles mit Filmfachjargon durchsetzt war - bis zu 1100 Euro für eine Verhandlung im Ministerium ist in der Tat viel Spielraum. In beiden Fällen betrug die Nettoarbeitszeit jeweils eine Stunde. So viel zu Durchschnitten.

Angesichts der Krise möchte ich Sie noch eins bitten: Fragen Sie beim Buchen von Dolmetschern und Übersetzern immer nach der Vorerfahrung. Es ist kein Wunder, dass derzeit jedes zweite Drehbuch, das bei uns zum Bearbeiten ankommt, eine bereits übersetzte, nicht verwendbare Fassung ist. Was als Problemsituation nicht unterschätzt werden darf, denn in vielen Fällen ist die Überarbeitung genauso aufwändig wie eine komplette Neuübersetzung. Und so teuer ...

Tag der Arbeit

Ein erster Mai mit Sonnenschein, da zieht es auch mich nach draußen. Indes: Ich hab Stubenarrest. Vor den Filmfestspielen in Cannes schlagen bei uns die Drehbücher, Treatments und Flyer kiloweise auf. Akkordarbeit ist angesagt, auch so kann der Tag der Arbeit begangen werden.

Ärgerlich ist das schon mit dem ungünstig verteilten "workload". Da hatte ich etliche Wochen Zeit für Recherchen zur Doktorarbeit, die ich in arbeitsfreien Wochen vorantreibe, leistete mir die Mitarbeit an einem Dokumentarfilm, den ich koproduziere, denn er ist unterfinanziert: Mein Produktionsanteil ist der Wert der unbezahlten Arbeit. Und dann eben kommen diese Anfragen in Serie herein und für rasche Bearbeitung, zum Glück Einzelwerke und fürs Kino.

Was nicht so glücklich ist: Die Qualität manchen Opus'. Mit den Jahren ging sehr viel durch meine Hände, und die Finger sperren sich jetzt manchmal, wenn ich Sätze und Dialoge übersetzen soll, die schlicht und einfach nicht gut sind. Demnächst werde ich bei weniger guten Drehbücher den doppelten Preis verlangen — als Schmerzensgeld.

Zwischendurch geht's raus ans Wasser ...
... und fürs Abendessen lege ich den Laptop mal kurz beiseite. Bon appétit !