Mittwoch, 25. Februar 2026

Die KI kostet Ihr Geld!

Wie sich der Ar­beits­all­tag von Dol­met­sche:rin­nen an­fühlt, wie wir uns vor­be­rei­ten und was Dol­met­schen wirk­lich aus­macht, kön­nen Sie auf die­sen Sei­ten im 20. Jahr le­sen. Mit der Mut­ter­spra­che Deutsch, ar­bei­te ich über­wie­gend mit Fran­zö­sisch und Eng­lisch, die Bü­ro­kol­le­gin über­setzt ins Eng­li­sche. Von Zeit zu Zeit be­ar­bei­ten wir im Team in grö­ße­rem Um­fang Tex­te.

Für Film­leu­te ist die Ber­li­na­le die fünfte Jah­res­zeit, dann folgt der Früh­ling. Schon ges­tern flo­gen in Ber­lin die Grau­gän­se laut schnat­ternd über den Dach­first, heu­te gleich wieder. Der Schnee ist ge­schmol­zen, ich kann end­lich wie­der wei­te We­ge zu Fuß ma­chen, ohne stän­dig Angst ha­ben zu müs­sen, ir­gend­wo ei­ne ver­eis­te Stel­le zu über­se­hen.

Die Au­to­rin die­ser Zei­len
Schon wie­der KI-Mitt­woch!

Ich muss kurz ei­ni­ge Ge­dan­ken sor­tie­ren, die ich zum The­ma KI ha­be, dann wei­ter­ver­wal­ten und an­de­re Arbeit er­le­di­gen, die mit dem Dol­met­schen zu­sam­men­hän­gen, die aber meist un­sicht­bar bleiben, um in den Mo­men­ten, in de­nen ich hör­bar bin, auf den Punkt zu ar­bei­ten.

Ges­tern er­reich­te mich die Nach­richt, dass ein be­kann­ter Dienst­leis­ter für Kon­fe­renz­tech­nik In­sol­venz an­ge­mel­det hat. Das ist trau­rig, denn die Tech­nik­kol­leg:in­nen wa­ren im­mer sehr freund­lich. Wir ha­ben bei ih­nen in der Pan­de­mie oft im Hub ge­ses­sen.

Es ist ein Zei­chen, dass sich et­was am Markt ver­än­dert. Die nicht leis­tungs­star­ken Sprach­mo­del­le (LLM), ver­kürzt als „künst­li­che In­tel­li­genz“ be­zeich­net, kön­nen ein­fach nicht ad­äquat dol­met­schen. Sie si­mu­lie­ren Kom­mu­ni­ka­ti­on. Sie pro­du­zie­ren Feh­ler oh­ne En­de. Ich be­rich­te hier re­gel­mä­ßig dar­über, gerne mittwochs. Hier ha­be ich be­wie­sen, wie we­nig Über­blick die­se Tech­nik hat. Und oh­ne Über­blick kein sinn­vol­les Dol­met­schen.

Trotz­dem fließt Geld in die Kas­sen der Tech­nik­an­bie­ter und der Gi­gan­ten, die hin­ter der Soft­ware ste­hen, sehr viel Geld so­gar.

Seit dem Er­schei­nen von ChatGPT im Jahr 2022 wird al­lent­hal­ben der Ein­druck ver­mit­telt, es han­de­le sich um ei­nen quan­ten­sprung­haf­ten Durch­bruch. Tat­säch­lich ba­sie­ren gro­ße Sprach­mo­del­le auf sta­tis­ti­schen Ver­fah­ren, de­ren Grund­la­gen schon seit den 1980er-Jah­ren be­kannt sind. Neu ist vor al­lem die Re­chen­leis­tung, die schie­re Men­ge an Da­ten und die in­dus­tri­el­le Ska­lie­rung. Das Prin­zip bleibt: Wort folgt auf Wort nach Wahr­schein­lich­keit. Be­deu­tung wird nicht ver­stan­den, son­dern erraten bzw. er­rech­net.

Die­se Sys­te­me wur­den mit Tex­ten trai­niert, die Men­schen ge­dacht, for­mu­liert und ver­öf­fent­licht ha­ben, aus dem In­ter­net, aus Ar­chi­ven, aus Bi­blio­the­ken, und dabei wurde in vielfältiger Weise das Urheberrecht verletzt. Oh­ne die­se men­schen­ge­mach­ten In­hal­te gä­be es kei­ne Ant­wor­ten. Es gä­be nur Lee­re. Was heu­te als „ei­gen­stän­di­ge“ Leis­tung der Ma­schi­ne ver­kauft wird, ist in Wahr­heit die sta­tis­ti­sche Re­kom­bi­na­ti­on frem­der Ge­dan­ken. Und dann ha­ben vie­le Men­schen dar­an ge­ar­bei­tet, aus den 100 Pro­zent Zu­fall­s­murks nur noch 40 oder 20 Pro­zent Zu­fall­s­murks zu ma­chen. Bis heu­te su­chen die Tech-Bu­den hän­de­rin­gend nach Pro­fis, die am Sys­tem wei­ter­schrau­ben. Auch ich be­kom­me fast täg­lich Ar­beits­an­ge­bo­te in die­se Rich­tung.

Denn was viel­fach als „au­to­ma­ti­sier­te KI-Lö­sung“ ver­kauft wird, lebt von mensch­li­cher Ar­beit da­hin­ter, und zwar in er­heb­li­chem Um­fang. Trans­pa­renz­be­rich­te zei­gen, dass Mil­lio­nen von In­hal­ten au­to­ma­ti­siert über­prüft wer­den, dass aber auch Mil­lio­nen von ma­nu­el­len Prü­fun­gen durch Men­schen statt­fin­den. Kon­ser­va­ti­ve Schät­zun­gen ge­hen von 100 000 Men­schen aus, die weltweit als „Trai­ner“ von KI-Sys­te­men ar­bei­ten. Beim Chat­bot Ge­mi­ni (Goog­le) wur­den laut The Guar­di­an erst knapp 25 so­ge­nann­te Su­per ra­ters ein­ge­stellt, be­vor die Teams im Zu­ge des KI-Wett­be­werbs auf fast 2000 Men­schen an­wuch­sen (wo­von spä­ter wie­der 500 ent­las­sen wor­den sein sol­len). Das ist nur ein Bei­spiel un­ter vie­len.

Die Mas­se der Men­schen sitzt in Bil­lig­lohn­län­dern wie In­di­en, so­ge­nann­te Klick­wor­ker:in­nen, die oft in pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen nicht nur Ge­walt­dar­stel­lun­gen und Por­no­gra­fie ein­zu­däm­men ver­su­chen, son­dern die auch in­halt­lich ein­grei­fen, KI-Aus­wür­fe be­wer­ten und lö­schen.

Trotz die­ses Auf­wands ist das Er­geb­nis oft ent­täu­schend: so­ge­nann­te „Hal­lu­zi­na­tio­nen“, al­so frei er­fun­de­ne Fak­ten, fal­sche Quel­len, plau­si­bel klin­gen­de, aber sach­lich un­rich­ti­ge Aus­sa­gen spucken die Maschinen aus. For­schen­de wie Dagmar Monett spre­chen in die­sem Zu­sam­men­hang von „de­ge­ne­ra­ti­ver KI“, also von Sys­te­men, die nicht zu Er­kennt­nis­ge­winn füh­ren, son­dern vor­han­de­nes Ma­te­ri­al im­mer wei­ter ver­wäs­sern. Wenn sol­che Mo­del­le zu­künf­tig mit ih­ren ei­ge­nen, syn­the­ti­schen Aus­würfen trai­niert wer­den, droht ein zir­ku­lä­rer Ef­fekt: Qua­li­tät sinkt, Feh­ler ver­viel­fa­chen sich, In­for­ma­ti­on de­ge­ne­riert. Die Schlan­ge beißt sich in den Schwanz, am En­de wächst der Da­ten­müll. Es gibt Men­schen, die des­halb das In­ter­net schon am Ende se­hen. Filmt­ipp: KI: Der Tod des In­ter­nets von Mario Six­tus, ver­füg­bar ab dem 28. Feb­ruar in der Ar­te-Me­dia­thek

Sind die KI-Ela­bo­ra­te ei­ne trag­fä­hi­ge Ar­beits­grund­la­ge für Men­schen, die auf ho­hem Ni­veau den­ken, spre­chen, schrei­ben und dol­met­schen, also in ei­nen Be­ruf, bei dem Nu­an­cen, Kon­text, Im­pli­ka­tio­nen und kul­tu­rel­le Re­fe­ren­zen ent­schei­dend sind? Nein. Und auch nicht für un­se­re End­kund:in­nen in der Sprach­ar­beit, so sehr sich das Leu­te, die der­lei an­bie­ten oder be­auf­tra­gen, sich das auch wün­schen mö­gen.

Ein Sprach­mo­dell kann be­kann­te Wort­fol­gen mit ho­her Wahr­schein­lic­hkeit re­pro­du­zieren. Es schei­tert aber zu­ver­läs­sig am Neu­en, und vom Neu­en le­ben Kon­fe­ren­zen, Mes­sen und Pres­se­kon­fe­ren­zen. Es wird auch kei­ne Ver­ant­wor­tung über­neh­men. Es „weiß“ nichts von der je­wei­li­gen Si­tua­ti­on, der Dy­na­mik im Raum, der po­li­ti­schen Bri­sanz. Es „weiß“ nicht, wann ein Satz ex­plo­siv ist und wann er ver­söhn­lich wir­ken muss. Es „kennt“ kei­ne Stra­te­gie, kei­ne Di­plo­ma­tie, kei­ne in­ter­kul­tu­rel­le Fein­füh­lig­keit.

Und doch wer­den sol­che Sys­te­me als „Stand-alone-Lö­sung“ für Kon­fe­renz­dol­met­schen an­ge­bo­ten. Tech-Bu­den prei­sen „KI-Dol­met­schen“ als kos­ten­güns­ti­ge Al­ter­na­ti­ve an. Wenn es schei­tert, und es schei­tert re­gel­mä­ßig, wird das als „Lern­kur­ve“ ver­kauft. Man ha­be im­mer­hin „ge­spart“. Man sei „pio­nie­r­haft“ un­ter­wegs. Schul­ter­klop­fen, meis­tens un­ter Män­nern: Das neue tech­ni­sche Spiel­zeug be­ein­druckt.

Das ist öko­no­misch bri­sant. Oft kos­tet es mehr als das ver­meint­lich ein­ge­spar­te Geld, um hinterher Schä­den an Image oder In­halt zu kor­ri­gie­ren. Bei­spiel: Auf ei­ner Mes­se hat neu­lich ein An­bie­ter land­wirt­schaft­li­cher Ge­rä­te KI-„Über­set­zun­gen“ an­ge­bo­ten und die Ma­schi­ne hat Mist ge­baut. Po­ten­ziel­le Kund­schaft war so nicht zu über­zeu­gen. Im Ver­trag des Dienst­leis­ters war ei­ne Ge­währ­leis­tung im Klein­ge­druck­ten aus­ge­schlos­sen.

Das ist auch de­mo­kra­tie­po­li­tisch bri­sant. In den aso­zia­len Netz­wer­ken ver­stär­ken au­to­ma­ti­sier­te Sys­te­me Mei­nun­gen, imi­tie­ren Zu­stim­mung, er­zeu­gen mas­sen­haf­te Kom­men­ta­re. Die Gren­ze zwi­schen ech­ter Re­so­nanz und syn­the­ti­scher Ver­stär­kung ver­schwimmt. Men­schen füh­len sich be­stärkt durch ver­meint­li­che Mehr­hei­ten. Dis­kur­se ver­ro­hen. Ra­di­ka­le Po­si­tio­nen ge­win­nen Sicht­bar­keit. Was als tech­ni­sche In­no­va­ti­on be­gon­nen hat, wird zum Macht­fak­tor: Stim­men, Mehr­hei­ten und letzt­lich Geld­strö­me ver­schie­ben sich.

Des­halb schrei­be ich hier dar­über, nicht, weil ich Tech­nik grund­sätz­lich ab­leh­nen wür­de, son­dern als besorgte Bürgerin und weil Prä­zi­si­on mein Beruf ist, Kom­mu­ni­ka­tion, Ver­ant­wor­tung und Hand­werk.

Was der­zeit als „KI“ ver­kauft wird, ist kei­ne den­ken­de In­tel­li­genz. Es ist sta­tis­ti­sche Text­ver­dich­tung mit gi­gan­ti­scher Re­chen­leis­tung, gi­gan­ti­schem Strom­ver­brauch und gi­gan­ti­schem Küh­lungs­be­darf. Die KI hält nicht, was ih­re Ver­käu­fer ver­spre­chen. Sie wirkt aber trotz­dem, durch Mar­ke­ting, durch In­ves­ti­ti­ons­druck, durch die Sehn­sucht nach schnel­len Lö­sun­gen.

Der Markt ver­än­dert sich. Kon­fe­renz­tech­nik-Fir­men ge­ra­ten un­ter Druck, wir Dol­met­sche:rin­nen eben­so. Sprach­be­ru­fe wer­den in­fra­ge ge­stellt, künf­ti­gen Ge­ne­ra­tio­nen das Stu­dium aus­ge­re­det. Aber Spra­che ist kein Da­ten­strom, sie ist Kon­text, Hin­ter­grund, Be­zie­hung, be­steht aus Nu­an­cen und Ver­ant­wor­tung.

Und wer ein­mal in ei­nem Raum ge­sessen hat, in dem ein ein­zi­ges falsch über­tra­ge­nes Wort ei­ne Ver­hand­lung kip­pen kann, der weiß: Si­mu­la­ti­on ist kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on.

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Foto: Fo­to­jour­na­list Mar­co Ur­ban

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