Willkommen auf den Seiten des digitalen Logbuchs einer Sprachmittlerin. Meine Arbeitssprachen sind Französisch, Deutsch … und Film. Auf diesen Seiten erzähle ich regelmäßig so, dass man nicht immer die Betreffenden erkennt, dafür aber die Situationen. Heute: Berlinale. Im Schatten des großen Events bin ich gefühlt schon ewig als Dolmetscherin sichtbar oder unsichtbar tätig.
Unsichtbar: Das wird dieses Jahr auf dem Blog so bleiben. Nur kurze Statusmitteilungen, kein Hintergrund, mir fehlt die Zeit, die ich mir vor Jahren noch genommen hatte ... bzw., kleiner Blick ins Nähkästchen: Ich hatte einst Stücke vorproduziert, die wiederkehrenden Momente schon beschrieben, bevor das Festival überhaupt eröffnet war, und diese Teile dann aktualisiert!
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| POV der Dolmetscherin kurz vor Filmstart |
Was steht dieser Tage an? Die Berlinale hat noch unter Kosslick in unsere Branche fies reingemetzgert und dem Film und der Kommunikation damit keinen Gefallen getan. Die meisten Filmgespräche sind inzwischen auf Englisch, sogar in der Jugendsektion. Das hat absurde Folgen, wie zum Beispiel viele Jahre Filmkulturarbeit in einer Neuköllner Brennpunktschule in wenigen Minuten durch „Klassismus“ zerstört worden sind.
Das habe ich hier irgendwo beschrieben ... Moment ... ach, Mist, ich finde den Link nicht. Kurzfassung: Teenager aus Neukölln mit Zweitsprache Deutsch rätseln über englische Untertitel, die Bühnensprache ist auch EN, andere junge Teilnehmer:innen des Jugendfilmwettbewerbs brüskieren sie auf offener Bühne mit perfektem Englisch (Jugendliche von internationalen Schulen in Berlin) und stellen sie in gemeinster Weise bloß. Bäng! Zitat: „Nie wieder dein Scheiß Kulturkino, ab jetzt nur noch Actionfilme!“
Viele Menschen aus Ostdeutschland, aber auch Westberliner und Westdeutsche sind nicht so perfectly fluent in English; bei den Q & As, questions and answers, früher: Publikumsgespräche, sind meist nur die gleichen Personen aktiv, internationale Gäste, EN-Muttersprachler, sehr selten sind die auf Deutsch oder Wackelenglisch gestellten Fragen.
Also arbeite ich im Hintergrund, mit Produzenten und Presseleuten, kurz: dort, wo es für die Verleiher wirklich auf Nuancen ankommt, denn Murks gefährdet Umsätze.
Und ich stelle erschüttert fest, dass ich bei vielen Interviews von einer Kollegin ausgebootet wurde, die ich mal für eine andere Sprachkombination empfohlen habe, die jetzt in die und aus der Fremdsprache für (vermutlich deutlich) weniger als 50 Prozent der Honorare arbeitet, als sie eigentlich üblich sind. Es ist nicht einfach für mich, laut zu werden. Wir Dolmetscher:innen sind ja geprägt vom diplomatischen Parkett.
Mein Verständnis ist höchst gering. „Wir waren jung und brauchten das Geld“ wäre schlimm, ist aber nicht der Fall, wenn es um etablierte Kräfte mit auskömmlichen Rentenansprüchen alleine durch einen gutverdienenden Gatten geht. Manche verdienen sich die Extras für den Urlaub hinzu. Ich arbeite für meinen Lebensunterhalt und meine eigenen Altersrücklagen. Bitter.
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Foto: C.E. (Archiv)

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